Mittwoch, 05. Oktober 2022

Kulturgeschichte der Wiederverwertung
Entsorgen, reparieren oder recyceln?

Der Griff zum Bohrhammer, Schraubenzieher oder Farbpinsel kann ganz unterschiedliche Motive haben: Menschen reparieren aus Umweltgründen, aus Spaß am Basteln oder bei Versorgungsengpässen. Aber die preiswerte, globale Massenproduktion lockt mit der bequemeren Alternative: Wegschmeißen und Neukaufen.

Von Cornelius Wüllenkemper | 22.09.2022

Zwei Männer sitzen vor einem ausgebauten Lautsprecher
Warum nicht einen Reparaturversuch unternehmen, auch wenn die Lautsprecherbox schon uralt ist? Wegwerfen und Neukaufen bleibt schließlich immer noch eine letzte Option. (imago/Ute Grabowsky/photothek)
Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts kursierte in Deutschland ein Haushaltsratgeber, der gezielt Frauen anwies, wie die Innenräume ihres Eigenheims zu tapezieren seien. Die Diskussion um das Reparieren, Bewegungen, die durchs Selbermachen Ressourcen sparen, den Konsum einschränken oder einfach sich selbst ermächtigen wollen, sind so alt wie die Warenwelt selbst, meint Stefan Krebs, Technikhistoriker an der Universität Luxemburg:
„Wir können das schon sehen in der Zwischenkriegszeit, wo es eine ganz starke Do-it-yourself-Kultur im Bereich des Reparierens, des technischen Reparierens gab, da wurden Automobile repariert, da wurden Radios repariert. Es gibt dann in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Diskussion, einerseits angestoßen von der aufkommenden Umweltbewegung, aber auch wieder von den konservativen Kräften, die dazu aufrufen, dass wir uns nicht zum Konsum und zum Wegwerfen hinreißen lassen sollen, sondern dass wir uns mehr um die eigenen Dinge kümmern müssen, sowohl individuell aber auch als Gesellschaft. Und diese Dinge kommen jetzt alle wieder, so dass man eigentlich von einer Konjunktur, immer in Wellen, dieser Diskussionen ausgehen muss.“

Milliardengeschäft mit Baumärkten

Das Reparieren war die Basis für die Ausbreitung der Konsumtechnik und hat zugleich neue Branchen geschaffen. Fließendes Wasser in Privatwohnungen hätte sich ohne Klempner, die das lecke Rohr flicken, niemals verbreiten können. Gleiches gilt für die ersten Fernseher oder elektrische Haushaltgeräte, die bei ihrer Markteinführung oft äußerst reparaturanfällig waren.
Heike Weber ist Historikerin an der Technischen Universität Berlin und eine der Organisatorinnen einer Tagung der TU Berlin, des Vereins Deutscher Ingenieure und des Deutschen Technikmuseums Berlin mit dem Titel: „Reparieren, improvisieren, rearrangieren – eine Technikgeschichte des Unfertigen“: „Das heißt, wir haben bis in die Siebzigerjahre ein ganzes Feld von neuen Reparaturberufen, die entstehen. Das heißt, die Geschichte ist also nicht ganz so einseitig. Sie wird in dem Moment einseitig, wo das Reparieren eben durch steigende Lohnkosten enorm teuer wird und umgekehrt die globale Massenproduktion Neuanschaffungen wesentlich verbilligt hat.“
Während das Reparieren von technischen Konsumgütern sich immer weniger lohnte, entstand zugleich ein neues Marktsegment des Selbermachens: 1968 eröffnete im Pfälzischen Bornheim der erste kombinierte Bau- und Gartenmarkt Europas. Eine Branche, die sich bald zu einem milliardenschweren Geschäft entwickelte. Heike Weber:
„Die Do-it-yourself-Bewegung fängt ja schon in den Fünfzigerjahren an. Und man darf nicht unterschätzen, dass sie immer schon eine sehr vom Konsum geprägte Kultur war. Jetzt kommt der Werkzeugkoffer in die bürgerlichen Haushalte, und auch der bürgerliche Mann legt Hand an, fängt an zu tapezieren, zu reparieren, das Auto zu reparieren und ähnliches, zu bohren, zu sägen, usw. Und dafür braucht er natürlich viele Utensilien, und die kauft er in den entstehenden Baumärkten.“

Hose flicken und Schuhe neu besohlen ist out

Heute vermarkten Baumärkte Werkzeuge längst auch gezielt an die weibliche Kundschaft, so Heike Weber. Die Technikgeschichte des Reparierens und Selbermachens ist immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen: Die Historikerin Reinhild Kreis beschäftigt sich mit Reparier-Kulturen in Ost- und Westdeutschland. Zwar habe das Selbermachen in der DDR eine größere Rolle gespielt, während in der Bundesrepublik das Warenangebot und die Bedeutung von Modewellen größer gewesen seien. Dennoch, betont Kreis, sei Mangelwirtschaft bei weitem nicht der einzige Grund, wieso Menschen Dinge reparieren:
„Einer ist, dass es Spaß macht, dass es einfach Freude bereitet, Hobby ist. Aber zum anderen auch, was gesellschaftliche Erwartungshaltungen angeht, also das, was auch erwartet wird von einer „guten Hausfrau“ oder einem „echten Mann“ oder von jemandem aus gebildeteren Schichten oder von jemandem aus einem Handarbeiter-Zusammenhang. Da gibt es durchaus unterschiedliche gesellschaftliche Erwartungshaltungen, die durchaus auch Druck ausüben. Also, die Interpretation DDR gleich Mangelgesellschaft ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht die ganze Geschichte.“
Reinhild Kreis hat Erfinder-Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ im Westen und „Messe der Meister“ im Osten untersucht. In beiden Fällen ging es darum, das kreative Potential von Jugendlichen zu fördern und so die eigene Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt zu steigern. Die so genannte „Bricolage“, das Basteln als Schnittstelle zwischen Reparieren und Neuerfinden wurde also sowohl im Westen als auch im Osten gefördert.
Außerhalb technischer Wettbewerbe hat die Bedeutung des Reparierens im Alltag seither dagegen abgenommen, davon ist Reinhild Kreis überzeugt: „Wir haben es nach wie vor im Kleidungsbereich mit „fast fashion“ zu tun. Ich kenne keine Teenager, die ihre Schuhe zum Schuster bringen würden, um die zu reparieren. Es ist nach wie vor nicht besonders schick mit einer geflickten Hose oder mit gestopften Strümpfen irgendwo hinzugehen. Ich weiß überhaupt nicht, wer noch Stopfgarn oder Stopfnadeln zuhause hat. Dinge, die wertvoll sind, die lässt man, glaube ich, nach wie vor reparieren, aber für viele ist das Preis-Leistungsverhältnis glaube ich schwierig, die Kenntnisse sind nicht da, und ich glaub für viele ist es dann auch der Sieg der Bequemlichkeit zu sagen, eigentlich wäre es gut, wenn man etwas reparieren würde oder es reparieren könnte. Aber bequemer ist es dann auch manchmal, es einfach irgendwo neu zu kaufen.“

"Recht auf Reparatur" und Nachhaltigkeits-Debatte

Trotz der Nachhaltigkeitsdebatte oder krisenbedingter Lieferengpässe diagnostiziert die Wissenschaft gegenwärtig keinen deutlichen Trend zum Reparieren. Ausgenommen davon sind unter anderem High-Tech oder besonders wertvolle Produkte. Die preiswerte, globale Massenproduktion aber auch die zunehmend komplizierter zu reparierenden Technologien stehen einer Ressourcen-schonenden Do-it-yourself-Kultur entgegen. Deswegen wird im Koalitionsvertrag der Bundesregierung und auch auf EU-Ebene ein „Recht auf Reparatur“ gefordert. Die Gehäuse von Geräten müssen sich demnach öffnen lassen und die Hersteller Konstruktionspläne und Ersatzteile ihrer Produkte zur Verfügung stellen.
Aber ist das Reparieren überhaupt immer der nachhaltigste Umgang mit Konsumgütern? Darüber wurde auf der Tagung intensiv debattiert. Die Verfechterinnen der ökologischen Kreislaufwirtschaft betonen, dass schädliche Produkte auch schädlich bleiben, wenn man sie lange benutzt, ob Smartphones oder umweltbelastend hergestellte Kleidungsstücke. Anstelle des energie-aufwendigen Recycelns fordern sie eine möglichst vollständige biologische Kreislauffähigkeit aller Produkte. Die Vertreter der Reparatur-Bewegung halten dagegen, dass jeder Konsumverzicht Ressourcen und damit auch Entsorgung einspart.
Und nicht zuletzt zeige die Reparatur eine Wertschätzung gegenüber dem Gegenstand: Erst wenn man ein Produkt repariert, so die Überzeugung, gehöre es einem ganz.