Donnerstag, 19. Mai 2022

Appell russischer Forscher
"Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Nirgendwo"

Das Regime in Moskau verfolge das Ziel, Russland komplett von der westlichen Welt zu isolieren, sagte der aus Russland stammende Forscher Mikhail Katsnelson im Dlf. Russische Wissenschaftler bräuchten internationale Unterstützung, um Teil der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft bleiben zu können.

Mikhail Katsnelson im Gespräch mit Ralf Krauter | 01.03.2022

Satellitenbild eines russischen Panzer- und Artilleriekonvois die Richtung der ukrainischen Region Sergiyevka am 24. Februar 2022
"Sofern die russischen Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, diese absolut furchtbare und verrückte Militär-Operation nicht ausdrücklich unterstützen, werde ich auch weiterhin mit ihnen diskutieren, kooperieren und gemeinsame Fachartikel veröffentlichen", sagt Mikhail Katsnelson (AFP / Satellite image ©2022 Maxar Technologies )
Der Krieg gegen die Ukraine, den Staatspräsident Wladimir Putin vom Zaun gebrochen hat, stößt in Russland mitnichten überall auf Zustimmung. Eine Menge kluger Köpfe im Land durchschauen die Propagandamärchen des Kremls und machen sich Sorgen, wohin das alles führen könnte. Hunderte Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten haben das inzwischen auch öffentlich kundgetan. In einem offenen Brief formulieren sie harsche Kritik an Putins Feldzug in der Ukraine. Ihr gemeinsamer Appell wurde am 24.02.2022 im Internet veröffentlicht.
Russland habe sich durch die Entfesselung des Kriegs "selbst zur internationalen Isolation, zur Position eines Pariastaates verurteilt", heißt es darin. Zudem verweisen die Wissenschaftler darauf, dass wissenschaftliche Forschung nicht ohne die "umfassende Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern" denkbar sei. "Die Isolierung Russlands von der Welt bedeutet eine weitere kulturelle und technologische Degradierung unseres Landes, die keine positiven Perspektiven bietet. Ein Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Nirgendwo."
Professor Mikhail Katsnelson wurde in Russland geboren, im Magnitogorsk im Ural, und hat viele Jahre dort gelebt und geforscht. 2004 kam er als Professor für theoretische Physik an die Radboud-Universität in Nijmwegen, hat aber immer noch viele Kontakte zu Forschern aus Russland und in Russland.

Das Interview im Wortlaut:

Ralf Krauter: Wie mutig muss man dieser Tage sein, um in Russland seine Stimme zu erheben und Putins Politik zu kritisieren?
Mikhail Katsnelson: Ich weiß es nicht. Ich habe diesen Brief auch unterzeichnet. Aber ich lebe in den Niederlanden. Ganz sicher kann sich derzeit niemand fühlen, denn falls es tatsächlich zu einem Atomkrieg kommen sollte, gäbe es keine sicheren Orte mehr. Aber in den Niederlanden fühle ich mich definitiv viel sicherer als meine Kollegen in Russland. Mein Eindruck ist: Die sind mutig, diesen Brief zu unterzeichnen. Ich habe großen Respekt vor allen, die auf diese Weise ihre ablehnende Haltung zu diesem Krieg zum Ausdruck bringen. Einem Krieg, der – wie wir alle wissen – in Russland ja nicht mal Krieg genannt werden darf, weil dieser Begriff verboten wurde. Ich glaube deshalb, wenn man in Russland lebt und arbeitet, braucht man wirklich Mut, um diesen Appell zu unterstützen.
Die die Internationale Raumstation (ISS)
Russland hat nach dem Angriff auf die Ukraine seinen Willen zur weiteren Zusammenarbeit mit den USA im Weltraum betont (Nasa)
Ralf Krauter: Wie wird der Konflikt in der Ukraine Forschungskooperationen zwischen Russland und dem Rest Europas verändern?
Mikhail Katsnelson: Alles wird davon abhängen, was als nächstes passiert. Einen langen und heftigen Krieg kann ich mir persönlich kaum vorstellen. Entweder er wird kurz und heftig. Dann werden wir alle ums Überleben kämpfen, anstatt uns Gedanken über wissenschaftliche Kooperationen zu machen. Oder es gelingt uns, das Schlimmste zu verhindern. Dann wird es auf viele Details ankommen: Wie lange dauert der Krieg? Wie viele Menschen sterben? Wie viele müssen ihre Heimat verlassen? Wie viele Wissenschaftler in Russland sprechen sich für oder gegen den Krieg aus? Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, kann die Situation ganz unterschiedlich sein. Ich denke, derzeit können wir noch nichts Genaues sagen, sondern nur abwarten, was als nächstes geschieht.

"Absolut furchtbare und verrückte Militär-Operation"

Ralf Krauter: Um ihre Solidarität mit der Ukraine zu bekunden, hat die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen am Freitag empfohlen, Forschungskooperationen mit staatlichen Institutionen und Unternehmen in Russland auf Eis zu legen. Was wären die Folgen für Wissenschaftler in Russland?
Mikhail Katsnelson: Ich persönlich halte nichts vom Konzept kollektiver Schuld. Ich schaue mir die persönlichen Positionen der Menschen an. Sofern die russischen Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, diese absolut furchtbare und verrückte Militär-Operation nicht ausdrücklich unterstützen, werde ich auch weiterhin mit ihnen diskutieren, kooperieren und gemeinsame Fachartikel veröffentlichen. Auf der persönlichen Ebene hängt mein Verhalten also vom Verhalten der anderen ab.
Bei Forschungseinrichtungen ist es komplizierter. Denn während Einzelne ihren Protest artikulieren können und das auch zu Hunderten tun, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendeine offizielle Organisation, etwa eine Universität oder Akademie der Wissenschaften, im heutigen Russland dazu in der Lage wäre. Ich glaube, dass ist derzeit unmöglich. Sollten diese Einrichtungen deshalb bestraft werden? Ich weiß es nicht. Ich denke aber, aktuell können nur Individuen Widerstand leisten, staatliche Organisationen nicht. Die Strukturen sind so organisiert, dass das unmöglich ist.

Zwischen der Position des Regimes und der russischer Wissenschaftler unterscheiden

Ralf Krauter: Wissenschaft war immer schon international. Selbst während des Kalten Kriegs gab es Forschungskooperationen zwischen Ost und West. Was wäre nötig, damit Forscher auch künftig dazu beitragen könnten, Brücken zwischen Russland und dem Rest Europas zu bauen?
Einweihungsfeier für das Neutrino-Teleskop, Baikalsee, Russland: Bald 33 Jahre lang währt die deutsch-russische Zusammenarbeit bereits
Einweihungsfeier für das Neutrino-Teleskop, Baikalsee, Russland: Bald 33 Jahre lang währt die deutsch-russische Zusammenarbeit bereits (imago / ITAR-TASS / Svetlana Latynina)
Mikhail Katsnelson: Alles wird von der künftigen Entwicklung abhängen. Wenn viele Wissenschaftler in Russland den Kurs der Regierung unterstützen, wird die internationale Zusammenarbeit auch dann sehr schwer bleiben, wenn sich die politische und militärische Lage wieder mehr oder weniger normalisiert haben sollte. Wenn die internationale Öffentlichkeit hingegen guten Grund hat, zwischen der Position des Regimes und russischer Wissenschaftler zu unterscheiden, dann – so hoffe ich – könnte die länderübergreifende Kooperation relativ leicht wieder fortgeführt werden.

Russischen Forschern internationale Optionen offenhalten

Ralf Krauter: Was sollten die europäischen Partner russischer Wissenschaftler jetzt tun? Sollten die jetzt vor allem versuchen, Kommunikationskanäle offenzuhalten?
Mikhail Katsnelson: Das gegenwärtige Regime in Moskau verfolgt das Ziel, Russland komplett von der westlichen Welt zu isolieren – vielleicht sogar vom gesamten Rest der Menschheit. Das ist die Vision, die diese Leute verwirklichen wollen. Und ich glaube nicht, dass wir ihnen dabei helfen sollten. Wir sollten russischen Forschern deshalb Optionen offen halten, um mit der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Selbst während des kalten Krieges war das ja teils möglich. Jene Forscher, die die russische Aggression gut finden, werden sich aus solchen internationalen Projekten vermutlich von selbst zurückziehen. Es sollte deshalb keine pauschalen Regeln geben, im Sinne von: ‚Du bist ein russischer Wissenschaftler, wir dürfen nicht mit dir zusammenarbeiten.‘ Das fände ich falsch. Und es würde dem Regime in die Hände spielen, das Verbindungen kappen und Russland isolieren will.
Ralf Krauter: Nehmen wir mal an, Westeuropa würde die Finanzierung gemeinsamer Forschungsprojekte stoppen. Wie hart würde das Wissenschaftler in Russland treffen? Zu welchem Grad sind sie abhängig von Kooperationen mit dem Ausland?
Mikhail Katsnelson: Ich kann das nicht pauschal beantworten. Von den Wissenschaftlern in Russland, mit denen ich kooperiere, weiß ich aber, dass da keiner abhängig von Strukturen im Ausland ist. Die bekommen ihre Fördermittel und Stipendien aus Russland. Wenn die schwierige Situation lange andauert, könnten sie aber irgendwann in die unangenehme Lage kommen, sich entscheiden zu müssen: Entweder sie unterstützen die offizielle Politik oder sie bekommen kein Geld mehr. Falls es einmal so weit kommen sollte, wären internationale Projektkooperationen ihre einzige Möglichkeit, weiter Wissenschaft zu betreiben.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.