Montag, 05. Dezember 2022

Generation Corona
Ehemaliger Schülervertreter schreibt über „Die Vernachlässigten“

#KinderZuletzt heißt einer der Hashtags bei Twitter, wenn es um die Zustände an Schulen in der Pandemie geht. Wie Schülerinnen und Schüler diese Zeit erleben, darüber hat der ehemalige Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, ein Buch geschrieben: „Die Vernachlässigten“.

Von Michael G. Meyer | 07.02.2022

Dario Schramm, Deutschlands ehemaliger oberster Schülersprecher hat eine Streitschrift über die Missstände der Schulpolitik verfasst: "Die Vernachlässigten. Generation Corona: Wie uns Schule und Politik im Stich lassen“. Im Hintergrund: Schulen hängen weiße Fahnen aus dem Fenster, um gegen die Corona-Politik zu protestieren.
Dario Schramm, Deutschlands ehemaliger oberster Schülersprecher, hat eine Streitschrift über die Missstände der Schulpolitik verfasst. (Buchcover: Droemer Verlag, Hintergrundfoto: imago images/Michael Gstettenbauer)
„Wie konnte es passieren, dass sich Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen von Schüler*innen in Deutschland völlig alleingelassen fühlen? Wie konnte es dazu kommen, dass wir sehenden Auges Kinder über Wochen unbeobachtet nach Hause schickten – obwohl wir wussten, was sie dort erwartet? Wie konnten Konzerne Milliardenhilfen erhalten, eine Schule muss aber nach 16 Monaten Pandemie noch immer fehlendes Internet beklagen? (…) Corona hat uns schonungslos offenbart, dass die Gesellschaft der Verantwortung für junge Menschen nicht gewachsen ist. Viel schlimmer noch: Sie beschützt sie nicht einmal.“
So beginnt Dario Schramms Buch „Die Vernachlässigten“. Und dieser Tonfall setzt sich fort: Schramm geht mit dem deutschen Bildungssystem hart ins Gericht. Es geht um all die kleineren und größeren Absurditäten, Widersprüche und Versäumnisse des deutschen Bildungssystems. Und, vor allem, wie er selbst die ersten 18 Monate der Pandemie in seiner Schullaufbahn erlebte.
Eines vorweg:  Das Buch kann und soll wohl keine fundierte Analyse des deutschen Bildungssystems sein.  Das wäre wohl auch zu viel verlangt von einem ehemaligen Schüler, 21 Jahre alt, der gerade angefangen hat, zu studieren. Das Buch ist daher sehr subjektiv – und schildert, wie es einem ganz normalen Schüler, der aber zum Teil durchaus privilegiert ist, während der Corona-Zeit erging. Folgende Szene beschreibt Schramm als Beispiel der ganzen Problematik:

Frustrierender Alltag

„Völlig verschlafen versuche ich mich bei der neuartigen Plattform für Videokonferenzen anzumelden. Was ich nach dem Login zu sehen bekomme, überrascht mich nicht: Ich entdecke in den kleinen Videofenstern acht genauso verschlafene Mitschüler*innen, denen mehr Fragen als Antworten ins Gesicht geschrieben stehen. Natürlich kommt die Lehrkraft zu spät. Der Akku ihres Computers war leer, und mein Eindruck ist, dass sie die Technik überfordert. Mittlerweile ist es zehn nach acht, und ich frage mich, wann der Unterricht endlich losgeht. Gerade als es zum ersten Mal inhaltlich wird, also tatsächlich so etwas wie eine Lehrsituation entsteht, friert das Bild ein, und der Ton ist weg. Der Grund ist simpel: Ein Zimmer weiter hat mein Bruder ebenfalls Online-Unterricht.“
Doch Schramm belässt es nicht bei solchen Alltagsszenen. Er kritisiert auch die Konfusion und die Planlosigkeit der Politik, die sich in manchen Entscheidungen widerspiegelt. Nach einer Ministerpräsidentenrunde, die er mitverfolgte, wundert er sich beispielsweise darüber, dass der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, weitgehend andere Beschlüsse referierte, als jene, die in der großen Runde verkündet wurden. Sieht so kohärente Bildungspolitik aus, fragt Schramm? Wohl eher nicht.

Der Faktor Ungleichheit

Dario Schramm widmet sich in einem eigenen Kapitel auch der Benachteiligung von Schülern und Schülerinnen, die aus wirtschaftlich schwachen Familien stammen.
„Das ist mir sehr, sehr aufgefallen in meinem? eigenen schulischen Umfeld, weil ich auf einer Gesamtschule war in Bergisch-Gladbach, Nordrhein-Westfalen, wo wir sämtliche wirtschaftlichen Schichten hatten, von welchen, die sich im Lockdown alles ermöglichen konnten, Ipads kaufen konnten, sich ausstatten konnten, bis hin zu Kindern, die nach einem halben Jahr ganz wehmütig zur Lehrerin gesagt haben, dass sie nicht einmal ein Laptop haben, und dann hat die Schule ihnen eben ein Endgerät besorgt.“
Dario Schramm fragt in seinem Buch aber auch strukturell danach, warum nicht mehr auf die Bedürfnisse der Schüler eingegangen wird. Warum werden sie, wenn überhaupt, nur als Allerletzte mitgedacht? Warum werden Fächer wie Sport, Musik oder Kunst, in denen Schüler naturgemäß unterschiedlich stark sind, ganz normal mit Zensuren bewertet und sind dann relevant für den Notenschnitt? Und warum gibt es nicht mehr Sport- und Kulturangebote, die an amerikanischen Highschools durchaus üblich sind?

Schule – ein träges System

So zeichnet Schramm das Bild eines recht starren deutschen Bildungssystems, das aus seinen Strukturen kaum herauskommt oder nicht herauskommen will. Schramm erzählt, dass es aufseiten von Lehrern oder Bildungsexperten durchaus innovative Vorschläge gibt – aber die werden kaum umgesetzt. Notwendig sei, so Schramm, ein regelmäßiger Bildungsgipfel, an dem dann alle teilnehmen: Schüler, Eltern, Bildungsexperten und Politiker aus dem Bund, den Ländern und Kreisen. Doch ob das hilft? Er wolle sich jedenfalls nicht zum Bildungsexperten stilisieren, erzählt Schramm, sondern wolle Anstöße geben, wie man das System weiterentwickeln und verbessern kann. In seinem Nachwort schreibt er:
„Wir brauchen eine ordentliche Portion Mut, die notwendigen Gelder und eine gemeinsame Vision, um dieses völlig veraltete System in ein zukunftsfähiges zu transformieren. Wenn wir nicht endlich handeln, wird das weitreichende Auswirkungen haben. Eine immer weiter aufgehende Bildungsschere ist dabei vermutlich das kleinste Problem. Wenn wir politische Bildung nicht ernst nehmen, wird das erhebliche Auswirkungen auf Wahlentscheidungen und damit auf unsere Demokratie haben.“
Dario Schramm: „Die Vernachlässigten. Generation Corona: Wie uns Schule und Politik im Stich lassen. Die Streitschrift eines Corona-Abiturienten“, Droemer Verlag, 140 Seiten, 14 Euro.