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StartseiteInterviewLehrerverband sieht noch große Baustellen für normalen Schulbetrieb01.07.2021

Schule nach den SommerferienLehrerverband sieht noch große Baustellen für normalen Schulbetrieb

Beim Gesundheitsschutz und bei der Digitalisierung sieht der Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, noch großen Handlungsbedarf mit Blick auf das kommende Schuljahr. Im Dlf sprach er sich zudem für ein intelligent gestaltetes Zusatzjahr für einen Teil der Schüler aus.

Heinz-Peter Meidinger im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Schüler einer gemischten Klasse der Stufen 4-6 gehen nach dem auf dem Schulhof erfolgten Schnelltest wieder ins Klassenzimmer der Fritz-Karsen-Schule im Berliner Ortsteil Britz. (Bewegungsunschärfe durch lange Belichtungszeit) Für die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien gibt es in der Hauptstadt noch einmal Präsenzunterricht mit allen Schülerinnen und Schülern. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)
Können Schüler nach dem Ferien wieder ganz normal in die Schule gehen? Das sei kein "Selbstläufer", sagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)
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Die Politik hat angekündigt, dass die Situation an den Schulen ab Herbst wieder besser werden soll und das mit einem klaren Bekenntnis zum Präsenzunterricht versehen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht da noch großen Handlungsbedarf. Die Hoffnung auf mehr Normalität sei da, aber das sei kein "Selbstläufer". Das Virus sei unberechenbar. Es sei jetzt höchste Zeit beim Gesundheitsschutz und bei der Ausstattung der Schulen etwas zu unternehmen. 

Konzentrierte Arbeitsstimmung in der Oberstufe. Jugendliche sitzen nebeneinander und habe je ein Buch in Händen. Symbolbild (EyeEm / นายธีรวัฒน์ รัตน์รอดกิจ) (EyeEm / นายธีรวัฒน์ รัตน์รอดกิจ)Wie sich coronabedingte Lernlücken auffangen lassen 
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Bei der Digitalisierung habe es einen Schub gegeben, aber es seien noch große Baustellen da. "Fast die Hälfte der Schulen hat kein schnelles Internet." Es sei auch ein großes Manko, dass es bisher keine richtig funktionierenden Lernplattformen habe, so Meidinger.  

Intelligent gestaltetes Zusatzjahr für einen Teil der Schüler

Die wichtigsten Maßnahmen für den Gesundheitsschutz seien neben Masken, Schnelltestungen auch Raumluftfilter-Anlagen. Dennoch hätten nur wenige Bundesländer Förderprogramme eingerichtet. Die Mittel würden zudem teils nicht abgerufen. Er sei deshalb pessimistisch, was den Einbau von Filtern bis zum Herbst angehe.

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Meidinger sieht zudem die Notwendigkeit flächendeckender, vergleichbarer Lernstandserhebungen. Andernfalls wisse man nicht, wo es Lücken bei den Schülerinnen und Schülern gebe – und in der Folge könnte dann das Aufholprogramm von Bund und Ländern nicht bedarfsgerecht starten.

Man habe Schüler, die gut mit dem Distanzlernen zurechtgekommen sind. Es gebe aber auch Schüler "die wir komplett verloren haben". Deshalb müsse man nun auch unterschiedlich vorgehen. Für einen Teil der Schüler reichten Zusatzangebote am Nachmittag, am Wochenende oder in den Ferien. Aber für einen anderer Teil wäre ein "intelligent gestaltetes Zusatzjahr" wahrscheinlich die beste Lösung.


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Das Interview in ganzer Länge

Jörg Münchenberg: Herr Meidinger, wird also aus Ihrer Sicht im Herbst alles besser oder ganz konkret gefragt, wird es flächendeckenden Präsenzunterricht geben können?

Heinz-Peter Meidinger: Die Hoffnung haben wir natürlich alle, dass im nächsten Schuljahr mehr Normalität möglich ist, aber das ist natürlich kein Selbstläufer. Erstens ist natürlich das Virus unberechenbar, wir sehen ja, dass immer neue Varianten auftauchen, und dann muss man auch was dafür tun. Wenn ich will, dass Schulen offen bleiben und offen sind im Herbst, dann ist jetzt höchste Zeit, für Gesundheitsschutz, für Ausstattung der Schulen mehr zu tun.

Das Foto zeigt Heinz-Peter Meidinger, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes. (dpa-Bildfunk / Armin Weigel)Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger (dpa-Bildfunk / Armin Weigel)

"Noch keine richtig funktionierenden Lernplattformen"

Münchenberg: Aber wie ist da der Stand der Dinge? Der Staat hat ja sehr, sehr viel Geld trotzdem in die Hand genommen, auch was die Digitalisierung der Schulen angeht, zum Beispiel von den Bildungsgewerkschaften heißt es allerdings noch immer, habe die Hälfte der Schüler kein WLAN und auch die Hälfte der Lehrer noch immer kein Dienst-Laptop. Wie ist da Ihr Eindruck, wie gut sind die Schulen da inzwischen ausgestattet worden?

Meidinger: Ja, also Digitalisierung, da hat es natürlich einen Schub gegeben. Wir waren ja am Anfang der Pandemie wahrscheinlich einer der Schlusslichter bei der Digitalisierung der Schulen in Europa, das hat sich sicher etwas verbessert, aber es sind immer noch große Baustellen da, beispielsweise eben schnelles Internet. 

Fast die Hälfte der deutschen Schulen hat kein schnelles Internet, dann funktionieren natürlich auch Videokonferenzsysteme nicht. Wir haben zwar jetzt mittlerweile Leih-Laptops für Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine tastaturfähigen Computer haben, aber auch da ist noch nachzubessern. Und es ist ein ganz großes Manko, dass wir halt auch noch immer keine richtig funktionierenden Lernplattformen haben. Da warten wir immer noch auf Lösungen, die wirklich verlässlich sind und dann auch von den Kapazitäten her ein Distanzlernen dann auch rundum ermöglichen.

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Münchenberg: Ein großes anderes Thema ist ja auch die Anschaffung von Luftfiltern, die sind nun auch in der Anschaffung natürlich ziemlich teuer, außerdem gibt es viel Streit darüber, was die nun wirklich bringen und was sie nicht bringen. Wie gut sind die Schulen inzwischen mit solchen Luftfiltern ausgestattet?

Meidinger: Ja, das wäre halt eine der ganz wichtigen Maßnahmen für mehr Gesundheitsschutz. Es gibt ja nicht viel, was man machen kann für mehr Gesundheitsschutz an Schulen. Das eine sind – also das ist überschaubar –, das sind die Masken natürlich, die Maskenpflicht, das andere sind die Schnelltestungen, und das Dritte sind eben die Raumluft-Filteranlagen, und da ist auch leider viel Zeit liegen geblieben.

Wir wissen mittlerweile durchaus, dass Raumluft-Filteranlagen einen Effekt haben, nicht nur übrigens in Räumen, die nicht belüftbar sind, sondern generell, aber es gibt halt nur wenige Bundesländer, die hier Förderprogramme aufgelegt haben, also von 16 Bundesländern nur fünf, wo dann teilweise die Mittel gar nicht abgerufen worden sind, weil sich da die Kommunen, die Schulträger beteiligen müssen und das nicht tun. 

Jetzt gibt es ein Programm des Bundes für stationäre Raumluft-Filteranlagen, aber eben nur für Kinder und Jugendliche unter zwölf, das heißt, alle weiterführenden Schulen können davon nicht profitieren. Kurzum, ich bin pessimistisch, ob tatsächlich bei der Ausstattung der Unterrichtsräume mit Raumluft-Filteranlagen uns da der große Durchbruch gelingt.

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"Lernstandserhebungen flächendeckend und vergleichbar durchführen"

Münchenberg: Nun gibt es aber auch Kritik an den Lehrerverbänden, zum Beispiel Stichwort Lernstandserhebung, da heißt es vielerorts, sie sind eben noch gar nicht gemacht worden. Also nutzen vielleicht auch die Lehrer jetzt nicht die Zeit, weil es ja zentral ist, erst mal zu wissen, wo stehen überhaupt die Schülerinnen und Schüler?

Meidinger: Ich sehe da, muss ich sagen, in erster Linie jetzt mal die Ministerien, also die Bildungsverwaltung in der Pflicht. Solche Lernstandserhebungen müssen ja flächendeckend vergleichbar durchgeführt werden. Es gibt ja auch Bundesländer, die jetzt die Schulen anhalten, so was zu machen, zumindest in den Kernfächern, aber in manchen Bundesländern ist eben gar nichts passiert. Und in der Tat, ohne Lernstandserhebungen wissen wir gar nicht genau, wie groß sind die Lücken, wie groß ist der Förderbedarf. Dann kann natürlich auch dieses Aufholprogramm der Bundesregierung und der Länder nicht richtig starten, weil es eben nicht bedarfsgerecht dann organisiert werden kann.

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Viele Unterrichtsstunden sind in den vergangenen Wochen und Monaten ausgefallen. Bund und Länder verhandeln noch über ein Nachhilfeprogramm von einer Milliarde Euro. Viele Bundesländer bereiten zusätzliche Lernangebote für Jugendliche vor - zum Beispiel Hamburg.

Münchenberg: Aber wie stark sind denn die Lehrer auch bereit, jetzt zum Beispiel in den Nachhilfeunterricht zu gehen, weil Sie haben auch es gerade erwähnt, es gibt ja viel Geld davon auch vom Bund.

Meidinger: Wir haben einen massiven Lehrermangel, das heißt, wir haben zurzeit sogar Probleme, den normalen Unterricht abzudecken. Es gibt ja auch vielfach Unterrichtsausfall. Das heißt, dieses Aufholförderprogramm, da muss man eben ganz stark jetzt drauf setzen, dass wir zusätzliches Personal gewinnen, und da gibt es ja auch gute Vorstellungen…

Münchenberg: Aber woher soll das herkommen, das Personal?

Meidinger: Ja, also beispielsweise durch Lehramtsstudierende, Referendare, pensionierte Lehrkräfte, Personal von Volkshochschulen, aber eben auch sozusagen Programme, um Mentoren zu gewinnen. Finanzierung ist ja da, aber das muss halt jetzt starten. Es reicht nicht, wenn ich im Herbst dann anfange, hier entsprechende Personen zu suchen.

"Teil der Schüler komplett verloren"

Münchenberg: Herr Meidinger, es gibt ja auch Vorschläge, stehen im Raum, wie Versetzen auf Probe oder sogar ein Jahr extra jetzt für die Schüler, um das Versäumte nachzuholen. Was halten Sie von solchen Vorschlägen?

Meidinger: Ja, ich glaube, die Situation ist sehr differenziert. Wir haben Schülerinnen und Schüler, die gut mit dem Distanzlernen zurechtgekommen sind, wir haben auch welche, die wir komplett verloren haben, die wir nicht erreicht haben, weder im ersten Lockdown noch im zweiten Lockdown. Dementsprechend glaube ich, müssen wir auch hier unterschiedlich vorgehen.

Ich glaube, für sehr viele reicht eine begleitende Zusatzförderung im nächsten Schuljahr, etwa durch Angebote am Nachmittag oder am Wochenende oder in den Ferien, aber ein Teil der Schüler, die wir halt über drei Jahre jetzt nicht besonders erreicht haben, wäre wahrscheinlich ein Zusatzjahr – und da sage ich ein intelligent gestaltetes Zusatzjahr, nicht ein bloßes Wiederholen, sondern ein Wiederholen mit spezieller Förderung – wahrscheinlich die beste Lösung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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