Diskriminierung im Bildungssystem
Wie Schulen mit Rassismus umgehen (können)

Viele Kinder erleben in der Schule rassistische Diskriminierung. Das hat auch mit dem Rechtsruck zu tun. Was Schüler und Lehrer erleben – und welche Maßnahmen gegen Rassismus helfen.

    Bunte Schulranzen stehen und liegen in einer Grundschule vor einem Klassenzimmer auf dem Flur.
    Schon in der Grundschule wird jedes dritte Kind mit Zuwanderungsgeschichte gefragt, wo es wirklich herkomme, so eine Studie. (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)
    Mehr als 40 Prozent der Schüler in Deutschland haben eine Migrationsgeschichte. Eigentlich sollte das beim Umgang mit ihnen keine Rolle spielen, denn das deutsche Schulsystem soll allen Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen auf Bildung ermöglichen.
    Doch im Schulalltag erlebt ein Teil dieser Schülerinnen und Schüler rassistische Diskriminierung. Wie diese genau aussieht und wie gut Schulen dagegen gerüstet sind.  

    Inhalt

    Wie groß das Ausmaß von Rassismus an Schulen ist 

    Wie häufig Rassismus an Schulen bundesweit vorkommt, ist mangels repräsentativer Langzeitstudien schwer zu beziffern. Einzelne Zahlen geben jedoch Hinweise. 2024 registrierte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes mehr als 550 Beschwerden aus dem Bildungsbereich – bei vermutlich hoher Dunkelziffer.
    Ein genaueres Bild zeigt Berlin. Aus dortigen Schulen wurden zwischen 2021 und 2024 in zwei maßgeblichen Beratungsstellen 649 Fälle von Rassismus gemeldet. Laut Monitoringbericht machten diese Fälle 71 Prozent aller gemeldeten Diskriminierungen an Schulen aus. Die Meldungen stiegen um 55 Prozent. Ähnliche Entwicklungen sehen dem Bericht zufolge auch andere Antidiskriminierungsstellen bundesweit.  
    Eine Untersuchung von 2021 zeigt: Fast sieben von zehn Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erleben Formen von Alltagsrassismus. Schon im Grundschulalter werde jedes dritte Kind mit Zuwanderungsgeschichte gefragt, wo es „wirklich“ herkomme.

    Wie Kinder rassistische Diskriminierung erleben 

    Rassistische Diskriminierung kann von Mitschülern, aber auch von Lehrkräften ausgehen und viele Formen annehmen.  
    Experten warnen, dass rechtsextreme Einstellungen auch unter Jugendlichen zunehmen – und damit auch eine Verbreitung rassistischer Positionen. Mitschüler und Lehrer würden bedroht und eingeschüchtert.  
    Nicht immer ist Gewalt im Spiel. Kinder berichten von Vorurteilen über ihr Herkunftsland und von Beleidigungen. Aber auch von vermeintlichen Komplimenten wie „Du sprichst aber gut Deutsch“, die sie als „anders“ markieren. Wenn Schulpersonal rassistische Vorfälle nicht ahndet, sie herunterspielt oder relativiert, verstärkt das das Problem. 
    Eine Studie förderte eine ungleiche Bewertung von Diktaten durch Lehramtsstudierende zutage: Sie vergaben eine bessere oder schlechtere Note – je nach angenommenem Herkunftshintergrund, bei gleicher Fehlerzahl. Dagegen zeigte eine andere Studie, dass Lehrkräfte Schüler mit Migrationshintergrund eher besser benoten, wohl um deren soziale Nachteile auszugleichen.

    Strukturen begünstigen Bildungsnachteile 

    Mit diskriminierenden Benotungen seien Benachteiligungen von Kindern mit Migrationsgeschichte im Bildungssystem aber nicht zu erklären, betont die Lernforscherin Aileen Edele. Dafür seien vor allem strukturelle Faktoren verantwortlich: der im Mittel niedrigere soziale und wirtschaftliche Status von Kindern aus eingewanderten Familien oder auch die häufig geringere Kenntnis der deutschen Sprache.
    Grundsätzlich sei das deutsche Schulsystem weiter auf eine Norm ausgerichtet, die der Realität einer Einwanderungsgesellschaft nicht entspreche. Edele fordert neben einer langfristigen Sprachförderung eine andere Sicht auf Einwanderungsgeschichte: nicht als Defizit, sondern als eine Ressource.  
    Außerdem müssten Lehrkräfte für die Diskriminierungserfahrungen ihrer Schüler sensibilisiert werden. Nur so sei ein konstruktiver Umgang damit möglich.

    Lehrkräfte kritisieren mangelnde Unterstützung  

    Lehrkräfte, die sich offen gegen Rassismus stellen, erleben Angriffe – und beklagen eine mangelnde Unterstützung von Behörden, aber auch von Schulleitungen. Darauf weist die Bildungsgewerkschaft GEW hin. Referentin Elina Stock betont: „Lehrkräfte sind dazu verpflichtet – sie haben einen Bildungsauftrag –, für Menschenrechte, für demokratische Werte einzustehen, sie zu vermitteln und diese auch zu schützen.“ 
    In einem Brandbrief machten die Lehrerin Laura Nickel und ihr Kollege Max Teske 2023 öffentlich, was sie an ihrer damaligen Schule in Brandenburg erlebten: Hitlergrüße und Parolen „rassistischer, rechtsextremer, homophober, sexistischer Natur“. Nickel und Teske wurden bedroht und berichteten von zu wenig Rückhalt vonseiten Schulleitung und Ämtern.
    Nickel verweist darauf, dass das Brandenburger Schulgesetz zwar mittlerweile verschärft wurde. Doch sie sieht weiter große Defizite. So fehle es nach wie vor an Personal wie etwa Schulsozialarbeitern. Sie fordert deutschlandweit Veränderungen – unter anderem eine bundesländer-übergreifende Koordinierungsstelle und mehr Möglichkeiten der Kultusministerkonferenz (KMK), Bildung zu gestalten. Der Föderalismus stehe dem „ein bisschen“ im Weg, so Nickel. 

    Bundesländer regeln Diskriminierungsschutz an Schulen unterschiedlich 

    Bildungspolitik ist Ländersache. Neben den für alle geltenden Vorgaben des Grundgesetzes, das jede Benachteiligung etwa aufgrund von Herkunft verbietet, gibt es in allen Bundesländern Schulgesetze. In ihnen sind die Vorgaben gegen Diskriminierung an öffentlichen Schulen unterschiedlich geregelt.
    Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK empfiehlt den Ländern, die Fächer Politik und Geschichte zu stärken, um der „Demokratiebildung als Auftrag der Schule“ besser gerecht zu werden. Sie betont zugleich, dass Schulen für den Umgang mit akuten Krisen und Konflikten auf externe Expertise angewiesen seien.
    Die Kommission rät den Ländern unter anderem, Fortbildungen für das Schulpersonal zu etablieren. Ein zweiter „zentraler Bestandteil“ seien außerschulische Beratungsstellen, die etwa auf Radikalisierungsprozesse spezialisiert sind und „in akuten Situationen“ unterstützen können. 
    Weitreichenden Handlungsbedarf sieht die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Reem Alabali-Radovan. Rassismus an Schulen brauche „institutionelle Antworten: systematisch und strukturell, im ganzen Land, an jeder Schule“.

    Wie Schulen aktiv gegen Rassismus vorgehen können 

    Wenn Schulen etwas gegen Rassismus unternehmen wollen, sind sie oft auf die Initiative Einzelner angewiesen. Sie müssen selbst aktiv werden und sich an Portale, Initiativen und Projekte wenden, die sie dabei unterstützen können: das Deutsche Schulportal etwa, das Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage oder auch Bildungslücke Rassismus.
    In einer Broschüre empfiehlt das Modellprojekt viele Bausteine für Schulen hinsichtlich Prävention und Intervention. Sie betreffen die Schulkultur, die Personal- und Unterrichtsentwicklung sowie ein Beschwerdemanagement. Und sie reichen von Projekttagen zur Sensibilisierung bis zur Benennung von Ansprechpersonen im Falle von Diskriminierung.  
    Es gebe "wunderbare Projekte", Coachings und Teambuilding-Maßnahmen, sagt die Lehrerin Laura Nickel. Das Problem sei aber, dass Lehrkräfte grundsätzlich sehr belastet seien.
    Erfolge sind allerdings messbar – zum Beispiel an einer Realschule in Rheinland-Pfalz, an der es früher Gewaltprobleme gab. Der ehemalige Schüler Saiwan erzählt, dass sich die Situation erheblich verbessert habe, nachdem dort Deutsch-Intensivkurse angeboten wurden, in denen neu angekommene Schüler in kleinen Gruppen gezielt die Sprache lernten. Erst dann wechselten sie in Regelklassen.
    Dadurch stiegen auch ihre Leistungen in anderen Fächern. Zusätzlich halfen Argumentationstrainings, Konflikte ohne Gewalt auszutragen. Mit Unterstützung des Netzwerks "Schule ohne Rassismus" gelang es der Schule, das Klima spürbar zu verbessern und das Leistungsniveau zu steigern.

    Onlinetext: Beate Thomsen