Dienstag, 06. Dezember 2022

Tierschutz
Tötung von Versuchstieren - Forscher unter Druck

Viele Versuchstiere, die zu Forschungswecken getötet werden, wurden nie für Experimente eingesetzt. Sie werden bereits kurz nach der Geburt umgebracht, weil sie nicht die gewünschten Eigenschaften haben. Nach Klagen von Tierschützern prüft die Staatsanwaltschaft, ob diese Praxis rechtens ist.

Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup | 16.05.2022

Eine Frau mit Gummihandschuhen und Mundschutz blickt in die Augen eines hochgehobenen Meerschweinchens.
Tierversuch mit Meerschweinchen (dpa picture alliance / Hans Wiedl)
Viele gezüchtete Versuchstiere haben nicht die passenden Gene, die für einen bestimmten Versuch gebraucht werden. Aufgrund der Vererbungsregeln hat immer nur ein Teil der Nachkommen das passende Genom. Die anderen werden deshalb in der Regel getötet, weil Forscher keine Verwendung für sie haben und erhebliche Ressourcen nötig wären, um sie am Leben zu erhalten - beispielsweise für zusätzliche Tierställe und Futter.
Besonders häufig wurden bislang insbesondere weibliche Versuchstiere getötet, um auszuschließen, dass die monatlichen Hormonschwankungen die Ergebnisse von Experimenten nicht verändern. Diese Selektion nach dem Geschlecht ist inzwischen allerdings weitgehend überholt.

Wie lautet der Vorwurf der Tierschützer?

Zwei Tierschutzvereine haben Strafanzeigen gestellt, weil die Tiere ihrer Ansicht nach ohne vernünftigen Grund getötet werden. Die Vereine sagen, dass die Tiere ja bis zu ihrem natürlichen Tod weiterleben könnten. Sie beziehen sich dabei auch die Rechtssprechung zum Töten männlicher Küken bei der Zucht von Legehennen.
Hier wurde geurteilt, dass rein ökonomische Gründe keinen „vernünftigen Grund“ darstellen, wie er laut Tierschutzgesetz erforderlich ist. Wer Wirbeltiere trotzdem tötet, kann in Deutschland mit Geldstrafen oder sogar bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Bereits seit Juni 2021 prüfen mehrere Staatsanwaltschaften in Hessen die Vorwürfe, die sich gegen Universitäten in Frankfurt und Marburg sowie gegen Max-Planck-Institute, das Paul-Ehrlich-Institut und verschiedene Unternehmen richten.
Die Anzeigen wurden in Hessen gestellt, weil dort detaillierte Informationen zu den getöteten Tieren verfügbar waren. Die Ermittlungsverfahren laufen noch. Nur eine Untersuchung bei einem Forschungsunternehmen, das wegen der Tötung von 222 kleinen Fischen in der Kritik stand, wurde mittlerweile eingestellt.

Wie reagieren die Forscher auf die Vorwürfe?

Mehrere Wissenschaftler berichten, dass es eine starke Unruhe in der Community gebe. Viele prüfen derzeit ihre Routinen, sie sichern sich auch rechtlich neu ab. Wenn die Tiere nicht getötet werden dürfen, "würde die biomedizinische Forschung in Deutschland quasi über Nacht zum Erliegen kommen", sagt Bettina Kränzlin von der Universität Heidelberg – sie ist auch Präsidentin der Gesellschaft für Versuchstierkunde. Die Kapazitäten von Tierställen müssten verdoppelt oder verdreifacht werden. Doch die Mittel dafür stehen laut Kränzlin „nicht ansatzweise zur Verfügung“.

Was machen die Unis und Forschungsinstitute nun?

Ein Forscher der Uni Ulm berichtet, dass man die Tötungen zunächst eingestellt habe. Dort will man die Tierställe jetzt erstmal „volllaufen“ lassen. Wenn dann mangels Platz keine weiteren Tiere mehr artgerecht gehalten werden können, kann das gemäß Tierschutzgesetz als „vernünftiger Grund“ für die Tötungen gesehen werden, argumentieren die Forscher.
Außerdem hätten sie Software geändert, damit nicht mehr mit einem Mausklick Tiere zur Tötung freigegeben werden können – sondern zuerst alternative Verwendungsmöglichkeiten für die Tiere gesucht werden müssen. Sie könnten zum Beispiel in anderen Laboren, für die Lehre oder andere Zwecke eingesetzt werden. Einen Großteil der Tiere, für die man keine Verwendung hat, einfach in Zoos zu verfüttern geht auch nicht, weil viele gentechnisch verändert sind.

Um wieviele Tiere geht es insgesamt?

Das ist nicht klar – es gibt bislang keine verlässlichen Zahlen. Die praktisch einzigen stammen aus dem Jahr 2017: Damals wurden laut einer Schätzung der Bundesregierung 3,9 Millionen Tiere nicht für Versuche eingesetzt und getötet. Mehr als 80 Prozent davon waren Mäuse, der überwiegende Rest kleine Fische – aber auch einige Schweine, Kaninchen oder Ratten waren darunter.

Auf welchen Anteil der Tötungen könnte leicht verzichtet werden?

Die Uni Frankfurt sagt, sie hätte die Zahl der getöteten Tiere in den letzten Jahren schon um rund 30 Prozent reduziert. Ein Vertreter der Max-Planck-Gesellschaft hofft, dass die Zahl der getöteten Tiere vielleicht sogar halbiert werden könnte. Das ist zwar einerseits gut – andererseits zeigt es aber auch, dass bislang offenbar nicht alles gemacht wurde, um solche Tötungen zu vermeiden. Womöglich ist das wiederum für die Staatsanwaltschaften von Interesse.

Wie geht's nun weiter?

Obwohl sich die Verfahren schon seit knapp einem Jahr hinziehen, ist noch nicht abzusehen, wann sie beendet werden – und ob sie eingestellt werden oder es zu Anklagen gegen Vertreter der Universitäten und Forschungseinrichtungen kommt. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt koordiniert die Verfahren, weil es ja nicht sinnvoll ist, dass diese prinzipiellen Fragen an mehreren Orten gleichzeitig geklärt werden.
Tatsache ist, dass diese Tötung "überzähliger" Versuchstiere jahrzehntealte Praxis ist – und Behörden zumindest allgemein wussten, dass die Tiere getötet werden. Aber es ist unklar, ob die Forscher sich einfach darauf zurückziehen können, dass es ja schon immer so gemacht wurde. Dass man in den Laboren, wo mit Versuchstieren gearbeitet wird, derzeit viel versucht, um auf möglichst viele Tötungen zu verzichten, zeigt ja, dass man dort zukünftig anders mit den Tieren umgehen will.