Eintauchen!
Vom Schwimmen und Schreiben

Kopfüber hineinspringen in eine der rot-weiß markierten, schnurgeraden Bahnen: Einen kräftigen Zug nach dem anderen, wenden und weitergleiten, fast so, als würde die Bahn nie enden. Für manche Menschen ist Schwimmen eine Lebensform.

Von Andrea Gerk |
Eine Schwimmerin beim Kraulen im Schwimmbecken, vorn vorne aufgenommen, man sieht im split screen sowohl sie unter Wasser als auch den Hintergrund darüber
Im Rhythmus des Wassers – Schwimmen ist für manche nicht nur ein Sport, sondern ein Zustand des Seins (Getty Images / Edwin Tan)
Wie gleichmäßige Bewegungsabläufe den Kopf frei machen können für frische Gedanken, Einfälle und Gelüste, lässt sich bei kaum etwas so gut erfahren wie beim Bahnen ziehen, über das die ehemalige Olympiaschwimmerin und Künstlerin Leanne Shapton in ihrem Buch schreibt: „Beim Schwimmen lasse ich die Gedanken schweifen. Ich rede mit mir selbst.“
Derartige Selbstgespräche (im einzigen Element, das uns schweben lässt), pflegen auffallend viele Dichter und Denker: Im Coming-of-Age-Roman ist das Freibad ein beliebter Schauplatz, vielleicht, weil jeder sofort die spezielle Mischung aus Chlor, Pommes und Sonnenmilch – und damit den Duft der eigenen Jugend – in der Nase hat. Das verbindet, wie überhaupt das Schwimmbad ein Ort gesellschaftlicher Utopie sein kann und das gilt nicht nur für das von Max Frisch in den 1960er Jahren entworfene Zürcher Letzibad.
Wenn Verlegerlegende Siegfried Unseld jeden Morgen (neben seinem Kollegen KD Wolf) seine Bahnen im Frankfurter Freibad Hausen zog, unterschied er sich in nichts vom Hausmeister des Suhrkamp Verlags, der vielleicht ein paar Meter weiter in den Tag kraulte. Denn – in Badeanzug oder -hose sind wir alle gleich.
Andrea Gerk hat angewandte Theaterwissenschaften studiert und ist Moderatorin und Autorin fürs Radio. 2015 veröffentlicht sie ihr Buch Lesen als Medizin, in ihrem zweiten Buch Lob der schlechten Laune (2017) stellt sie die Hypothese auf, dass schlechte Stimmung produktiv macht. Seither sind gemeinsam mit der Illustratorin Moni Port Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen (2019), Ich bin da mal raus (2021) und Pause! (2023) entstanden. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

An manchen Sommertagen glitzert das Becken türkisblau in der Sonne, bunte Bademützen hüpfen über die Wasseroberfläche. Die fröhlichen Kinderstimmen von der Wiese und die Angstlustschreie vom Sprungturm sind nur mehr von ferne zu hören, sobald man kopfüber eintaucht in eine der rot-weiß markierten Bahnen. 50 Meter, einen kräftigen Zug nach dem anderen, wenden und weitergleiten, als würde die Bahn nie enden.
Wie gleichmäßige, beinahe monotone Bewegungsabläufe den Kopf frei machen für frische Gedanken, Einfälle und Gelüste, kann man bei kaum etwas so gut erfahren wie beim Bahnen ziehen. So lautet auch der Titel eines autobiographischen Buchs der ehemaligen Olympia-Schwimmerin und Künstlerin Leanne Shapton, das unter anderem wunderbar verschwommene Aquarelle, ein fotografisches Archiv mit Shaptons Badeanzügen und viele andere inspirierende Einfälle und Erinnerungen enthält: „Beim Schwimmen lasse ich die Gedanken schweifen,“ schreibt die Autorin darin. „Ich rede mit mir selbst. Was ich durch die Schwimmbrille sehe, ist langweilig und verschwommen, bei jeder Bahn der gleiche Blick. Banale zusammenhanglose Erinnerungen blitzen lebhaft und willkürlich in meinem Kopf auf, eine Diashow bunt gemischter Gedanken. Sie leuchten auf und verblassen, wie die Gedanken, die vor dem Einschlafen an einem vorbeiziehen.“
Besser lässt sich kaum beschreiben, was sich beim Schwimmen so alles unter der Bademütze abspielt!
Unterwasserkopftheater. Ungeordnet und unkontrollierbar und doch bringt es wie von selbst Ordnung und Ruhe ins Gemüt.
Also: Auf die Plätze, fertig, los!

Bahn 1

Das Hineinspringen ist das Schönste am Schwimmen, sagt meine große Tochter. Oder nein, verbessert sie sich, es ist die Ruhe, die sich einstellt, wenn der Kopf unter Wasser taucht, alle Geräusche nur mehr gedämpft zu einem durchdringen, man isoliert, nur für sich zu sein scheint, auch wenn um einen herum noch so viele andere ihre Bahnen ziehen. Oder ist es doch eher das Dahingleiten, das sich an den besten Tagen wie fliegen anfühlt?
Sobald die Bewegungen beim Schwimmen erst einmal einigermaßen flüssig, beinahe automatisch ablaufen, können die Gedanken frei umherwandern. Dann ist der „Flow“ da, jener beglückende Zustand, den der ungarische Psychologe Mihály Czíkszentmihályi als erster in den 1980ern beschrieben hat. Er kann sich beim Schachspielen, Musizieren, aber auch beim Schreiben, Lesen oder eben beim Schwimmen einstellen. Der Flow entsteht, wenn man einen Zustand erreicht, „bei dem man in eine Tätigkeit so vertieft ist, dass nichts anderes eine Rolle zu spielen scheint.“ Hat man dieses berauschende Gefühl, das (außer seinem Suchtpotential) keine bedenklichen Nebenwirkungen hat, einmal erreicht, will man es immer wieder erleben. Zieht uns also die Aussicht auf den Flow so magisch ins Meer, in Seen oder Pools, die auch in der grauen Realität so betörend blau glitzern können wie auf den Gemälden David Hockneys?
Warum bewegen wir uns überhaupt so gern im Wasser? Liegt es auch daran, dass wir Menschen vor Millionen von Jahren mit Fischen gemeinsame Vorfahren hatten? Unsere Arme sind nach dem Prinzip von Flossen gebaut, schreibt der amerikanische Paläontologe und Evolutionsbiologe Neil Shubin in seinem Buch Der Fisch in uns. Manches, wofür die Evolution Millionen von Jahren brauchte, lässt sich im Zeitraffer an jedem menschlichen Embryo verfolgen, der in den ersten Wochen noch Kiemenbögen hat. Monatelang dümpeln wir in der Fruchtblase unserer Mütter herum, bis Geburtstag ist und wir unwiderruflich auf dem Trockenen landen. Tragen wir sie von da an in uns, die Sehnsucht, wieder im Wasser zu schweben und allem Beschwerlichen auf Erden davon zu schwimmen?
Der menschliche Körper besteht gut zur Hälfte aus Wasser: Bei Babys liegt der Wasseranteil im Körper sogar bei rund zwei Dritteln, aber schon im ersten Lebensjahr sinkt er auf 65 Prozent und wird im Laufe des Lebens immer weniger. Falten, schlabbrige Oberarme und mattes Haar dokumentieren diesen schleichenden Austrocknungsprozess. Glücklich, wer dem gelassen entgegenschwimmt, wie all die Seniorinnen und Senioren, die in meinem Freibad gemütlich durchs Becken paddeln oder auf den Bänken sitzen und miteinander plaudern, unberührt davon, wie sie in Badeanzug, Bikini oder Badehose aussehen. Und ich finde - sie sehen toll aus!
Die Sensation im Freibad meines Heimatortes in Süddeutschland war ein Hundertjähriger, der täglich - von seiner deutlich jüngeren, wahrscheinlich etwa 80‑jährigen Gattin betreut - seine Bahnen zog. Jeder kannte ihn und er kannte jeden. Womöglich war er schon als Kind Dauergast im Freibad gewesen, hatte seine Jugendliebe vom Sprungturm aus angeschmachtet und ist an Generationen von Bademeistern immer souveräner vorbeigekrault. Ein ganzes Leben im Freibad! So wie es die „Kabanen“ im österreichischen Thermalbad Vöslau Sommer für Sommer führen. Der Begriff „Kabane“ kommt aus dem Französischen und bedeutet „Hütte“, was aber den Kabinen der Vöslauer überhaupt nicht gerecht wird. Denn manche Kabanesen bringen auf den Balkonen ihrer minimalistischen, knapp zehn Quadratmeter umfassenden Wohnkabinen sogar Waschmaschinen, Backöfen, Sofas und Bücherregale unter. Die gesamte Saison verbringen die Kabanen im Freibad, manche sind seit mehr als 40 Jahren jeden Sommer hier. Wer eines dieser paradiesischen Häuschen ergattern will, muss meist jahrelang warten und das wollen so viele, dass die Warteliste inzwischen gesperrt ist. 102 von vielen beneidete „Kabanen“ dürfen auch dann noch baden, wenn die Tagesgäste längst das Bad verlassen haben, wenn sie wollen auch nachts um drei. Eingeschworene Kartenspielrunden treffen sich abends, langjährige Freundschaften haben sich entwickelt und dazwischen ziehen die üblichen Einzelgänger beziehungsweise -schwimmer unbehelligt ihre Runden. Wenn das kein Stoff für einen Roman ist …

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Zwischen Schwimmen und Schreiben besteht ohnehin eine überraschende Verbindung. Im Wasser tauchen die Gedanken wie von selbst auf, Ideen fließen vorbei und manche Einfälle haben noch in der Umkleidekabine Bestand und landen später auf dem Schreibtisch. Oder sie werden direkt noch mit nassen Fingern notiert:
Charles Sprawson, der seine großartige Kulturgeschichte des Schwimmens in der glühenden Trockenheit Arabiens, wo er Dozent für „klassische Kultur“ war, wie einen Sehnsuchtsgesang nach dem Wasser schrieb, lernte in Indien schwimmen. Schon als Junge, in früher Kindheit hat er sich „den Schwimmer als einen Menschen vorgestellt, der seine Bahnen fern und losgelöst vom täglichen Leben zieht. Er widmet sich einem Sport, bei dem der größte Teil seines Körpers unter Wasser und mit sich selbst beschäftigt ist. Das“, schreibt Sprawson“, „so schien mir, musste die Introvertierten und Exzentriker anziehen, all jene Individualisten, die in ihrer eigenen Welt lebten.“
Sprawsons hinreißendes Buch, das voller unglaublicher Anekdoten und Fundstücke aus der Wasserwelt steckt, und all die anderen Bücher über das Schwimmen werden womöglich später an Seeufern, auf Liegewiesen am Beckenrand oder am Strand gelesen. Wobei das Schreiben (und damit wahrscheinlich auch das Lesen über das Schwimmen) „nicht aus dem Moment des Einsseins mit dem Wasser“ kommt, sondern eher „aus dem Durst.“ Es ist ein Heranholen von etwas, das fehlt, sagt John von Düffel, der als leidenschaftlich schwimmender Schriftsteller in einer beeindruckenden Ahnenreihe steht: Allen voran Lord Byron, der 1810 den Hellespont durchschwamm, die überaus herausfordernde, rund sechs Kilometer breite Wasserstraße zwischen der Ägäis und dem Marmarameer, die auch der verliebte Leander in der griechischen Mythologie schon jede Nacht durchschwamm, um bei seiner Geliebten Hero liegen zu können. Damit er den Weg fand, entzündete die Priesterin der Aphrodite ein Leuchtfeuer, das jedoch eines Nachts durch einen Sturm erlosch, so dass Leander sich verirrte und ertrank. Nachdem Hero seinen Leichnam am nächsten Morgen am Ufer entdeckte, stürzte sie sich von einem Turm in den Tod.

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Für Byron, der noch am Anfang seines Dichterlebens stand, als er sich in die tückische Meerenge wagte, war die Hellespont-Durchquerung ein Sprungbrett in ein erfolgreiches Schriftsteller-Dasein: Das Schwimmen vertrieb seine Melancholie und inspirierte ihn. Und - er löste mit seiner Heldentat eine regelrechte Welle aus, denn bis heute träumen zahllose Schwimmer davon, es ihm nachzutun und einige schaffen das auch.
Das Schwimmen war für Byron - der im Übrigen überzeugt war, in seinem früheren Leben ein Wassermann gewesen zu sein - eine reale Erleichterung: Sein Klumpfuß, der ihn beim Gehen stark beeinträchtigte, löste sich im Wasser gleichsam auf und dieses Gefühl der Leichtigkeit schien seinem Intellekt Flügel zu verleihen: „Ich genieße das Meer und ich komme immer mit einem Schwung des Geistes aus dem Wasser, wie ich ihn sonst nie erlebe,“ schwärmte er. Wo immer er sich aufhielt, schwamm er: In der Themse, im Tejo, im Canale Grande. So wie sein Kollege Alexander Puschkin, der Byron überaus bewunderte und sogar im tiefsten russischen Winter früh morgens den vereisten Fluss mit der Faust aufbrach, um darin zu baden.
Inzwischen ist das Eisbaden ein Lifestyle-Trend, der weltweit Unerschrockene bei Minusgraden ins Wasser zieht. Der Kälteschock treibt das Adrenalin in die Höhe, stärkt angeblich das Immunsystem und macht gute Laune. Wie gesund das Eisbaden tatsächlich ist, wird noch erforscht. Die positiven Effekte des Schwimmens (bei moderaten Temperaturen) auf Blutdruck und Kreislauf, Gelenke und Muskulatur sind dagegen längst bekannt. Auch das Gehirn wird beim Ausdauersport Schwimmen besonders gut durchblutet, es fördert Gedächtnis und Konzentration. Genau das Richtige also für Kreative und Kopfarbeiter aller Arten.
Sämtliche Krisen und Probleme, die einen auf Erden beschweren, scheinen sich im Wasser wie von selbst aufzulösen. Gelenkschmerzen verschwinden, Verspannungen lockern sich, schwere Schwangerenbäuche werden leicht und sogar Schlaflosigkeit kann schwimmend kuriert werden, wie die britische Schriftstellerin Samantha Harvey, die 2024 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, in ihrem Buch Das Jahr ohne Schlaf erzählt: „Spüren Sie im See die erdige Sanftheit des Wassers und im Pool die chlorige Frische. Sehen Sie im See, wie ihre Hände als Geisterhände unter Wasser auftauchen, nur um zu verschwinden, wenn Ihre Arme nach hinten durchziehen, während im Pool Ihre Hände weiße Blitze sind, die Diamanten aus sonnendurchströmten Blasen hinter sich herziehen. Dem Verstand, der seinen Anker auswirft, wo kein Anker Halt findet, in der Gegenwart, sagen Sie Folgendes: Nichts bleibt wie es ist. Ihre Hände sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr dieselben. So heilt man Schlaflosigkeit. Nichts bleibt, wie es ist.“
Als ich Samantha Harvey für ein Interview treffe, sprechen wir auch über das Ende ihres schlaflosen Jahres und sie erzählt, dass sie besonders im kalten Wasser Linderung fand. Den Kopf unter richtig kaltes Wasser zu tauchen, sagt sie, hat diese kreisförmigen Gedanken gestoppt, die sie nachts wachhielten. „Ich bin dann plötzlich keine Person mehr, die unter Schlaflosigkeit leidet, die lauter Probleme hat, sondern jemand, der das Wasser erlebt,“ sagt Harvey.
Wir tauchen in ein anderes Element ein und verwandeln uns.

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„Bevor ich untergehe, will ich wenigstens versuchen zu schwimmen, obwohl ich mir von ganzem Herzen wünsche, dass es der Hellespont wäre und nicht diese Frau oder dass ich sie so leicht überwinden könnte wie ihn“, schrieb Byron, während ihn eine Liebesbeziehung quälte. Das Schwimmen beziehungsweise wie wir uns im Wasser bewegen, damit sind zahlreiche Sprachbilder, Redewendungen, Metaphern verbunden. Wenn einer Pech hat, schwimmen ihm die Felle davon, wer verschwinden will, taucht unter, gegen den Strom zu schwimmen, erfordert Mut, anders als im Fahrwasser anderer, im Geld oder auf einer Erfolgswelle zu schwimmen. Etwas verschwimmt, einer geht unter, eine andere taucht überraschend auf. Jemand hält den Kopf über Wasser und schwimmt sich frei.

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In gewisser Weise hat sich auch Goethe freigeschwommen. Als junger Mann reiste er 1775 in die Schweiz und wurde dabei von zwei unkonventionellen Burschen begleitet - den Gebrüdern Stolberg, die schon in Darmstadt nackt in einen Teich gesprungen und überzeugt waren, in der Schweiz am richtigen Ort zu sein, um ihre „Naturfreiheit“ auszuleben. Doch die „guten harmlosen Jünglinge“ erregten mit ihrer Nacktbaderei einigen Anstoß bei den Schweizer Bürgern, die noch, wie Goethe feststellt, an Sitten aus dem Mittelalter festhielten. Das Gegenbild zu diesen rückständigen „Schicklichkeiten der mittelalterlichen Moral“ sah Goethe bei den alten Griechen, die, wie er glaubte, „mehr als andere Völker im Einklang mit der Natur gelebt hatten, frei von den gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen seiner Zeit.“
Tatsächlich beginnt die Geschichte des Schwimmens im antiken Griechenland, wo das Wasser nicht nur ein mythologischer Raum voller Nymphen und Najaden war und Liebende wie Leander und Hero den Hellespont durchschwammen, um einander nah sein zu können. Das Wasser war auch ein realer Ort, an dem Körper und Geist gepflegt und ertüchtigt wurden.
Die Römer entwickelten die Aquakultur der Griechen weiter und schufen Wasserkreisläufe, Brunnen- und Bäderlandschaften, die bis heute beeindrucken. Wer kultiviert war, ging regelmäßig in die Therme. Kostbare Kunst - statt wie die heute üblichen Plastikpalmen in den Hallen- und Thermalbädern - schmückten die kaiserlichen Badetempel, in denen tausende Menschen badeten, ausdrücklich auch die sogenannte einfache Bevölkerung.
Mit dem Römischen Reich ging die Freude am Wasser erst einmal für lange Zeit unter. Im Mittelalter und mit dem Siegeszug des Christentums galten Nixen und Nymphen als Teufelswerk. Man verhüllte sich (und roch lieber streng) als sich freizuschwimmen. Der Wunsch danach kam erst wieder im 18. und 19. Jahrhundert auf, als Stürmer und Dränger und die Romantiker die Antike wiederentdeckten und das Schwimmen quasi neu erlernt wurde.

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Heutzutage müsste doch jeder schwimmen können, sollte man meinen. Aber laut DLRG kann die Hälfte aller Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht oder nicht richtig schwimmen. Folglich ist Ertrinken eine der häufigsten Unfalltodesursachen bei Kindern. Und Schwimmkurse scheitern immer öfter daran, dass nicht genug Schwimmbäder in Betrieb sind. 800 der rund 6.500 Schwimmbäder in Deutschland sind wegen klammer Haushaltslage von der Schließung bedroht. Im letzten Sommer hat zum Beispiel der Berliner Senat, um Geld zu sparen, nicht alle Becken in den Freibädern geheizt und damit viele Senioren, die beim Baden nicht nur etwas für ihre Gesundheit tun, sondern auch für ihre Geselligkeit, also fürs Gemüt, aber auch Jugendliche (bei denen es letztlich um dasselbe geht) abgeschreckt.
In Seltmans im Allgäu sammeln über 500 Menschen Spenden und engagieren sich, um ihr Freibad zu erhalten, in dem Generationen von Allgäuern schwimmen gelernt haben; im niederbayerischen Einweging - ein Weiler mit nur 40 Einwohnern - hat die Dorfgemeinschaft vor 15 Jahren einen Förderverein gegründet und gemeinsam das kleinste Schwimmbad Deutschlands gebaut. Und im 14.000 Einwohner-Städtchen Uhingen hat ein ehemaliger Leistungsschwimmer mitten in einem Wohngebiet ein Schwimmbecken gebaut, weil er seine Leidenschaft mit den Mitbürgern teilen möchte und vor allem Kindern ermöglichen will, das überlebenswichtige Schwimmen zu lernen.
Ich hatte Glück und habe das Schwimmen, wie manch andere Sportart, schon im Vorschulalter von meinem Lieblingsonkel Hans beigebracht bekommen. An seiner Hand ging ich zur Schwimmhalle, voller Bewunderung dafür, dass er sein Badezeug - eingerollt ins Handtuch - einfach unter die Achsel geklemmt trug, was ich wirklich cool fand. Genau wie seinen lässigen Kraulstil und seinen einzigartigen und einmalig gebliebenen Sprung vom Zehn-Meter-Turm im Essener Gruga-Bad, den ein zufälliger Zeuge dokumentiert hat. Das quadratische, weiß umrahmte 60er Jahre Foto steht auf meinem Schreibtisch und erinnert mich täglich daran, worauf es ankommt im Leben: Jeder braucht hin und wieder richtig viel Mut und jeder sollte einen so geduldigen und liebevollen Lehrmeister im Leben haben wie meinen Onkel, der tage-, wenn nicht wochenlang vom Wasser aus auf mich einredete und mir etwas beibrachte, was ich bis heute mit Begeisterung praktiziere: kopfüber ins Wasser zu springen.

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Der Kopfsprung, meist natürlich von einer der höheren Etagen des Sprungturms, ist auch ein beliebtes Motiv in vielen Freibad-Romanen. In Ewald Arenz‘ Bestseller Der große Sommer trifft der 17-jährige Frieder seine erste große Liebe auf dem Sprungturm: „Ich drehte mich um. Ich hatte sie nicht mal kommen gehört. Sie war ungefähr so alt wie ich. Flaschengrüner Badeanzug. Dunkle Haare. Und hübsch. Extrem hübsch.“
In Coming-of-Age-Romanen wie Der große Sommer ist das Freibad ein beliebter Schauplatz, was sicher auch an seinen Kammerspiel-Qualitäten liegt und dass sich hier die Einheit von Raum, Zeit und Ort quasi von selbst ergibt. Vor allem aber verbindet jeder sofort etwas damit, hat diese spezielle Duftmischung aus Chlor, Pommes und Sonnenmilch in der Nase und fühlt sich davon in die eigene Jugend zurückgebeamt.
Das Freibad (als Erfahrungsraum) verbindet - manchmal fürs ganze Leben. Gemeinschaftsgefühle entstehen hier wie von selbst, was auch daran liegen könnte, dass in Badeanzug oder -hose alle mehr oder weniger gleich sind. Sichtbare Distinktionsmerkmale bleiben in der Umkleide zurück. Wenn Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld - neben seinem Kollegen KD Wolff – jeden Morgen seine Bahnen im Frankfurter Freibad Hausen zog, unterschied er sich in nichts vom Hausmeister seines Verlags, der womöglich einige Meter weiter in den Tag kraulte.

Kurze Pause, Schwimmbrille putzen

Literatur und Schwimmen bilden ohnehin eine produktive Allianz. Da muss man gar nicht Architekt sein, wie Max Frisch, der eines der schönsten Freibäder, die ich jemals besucht habe, entworfen hat - das Zürcher Letzibad. 1949 wurde es eröffnet und Frisch notierte in seinem Tagebuch: „Sonniges Wetter und viel Volk, sie schwimmen, springen von den Türmen - es ist etwas wie ein wirkliches Fest.“
Die Anlage, die heute unter Denkmalschutz steht, hat der Schriftsteller und Dramatiker wie ein Bühnenbild inszeniert. Überall entsteht ein vielschichtiges Wechselspiel zwischen Innen und Außen, selbst in den Umkleidekabinen gibt es freie Blickachsen auf Becken und Wiesen. Ein Schwimmbad als gesellschaftliche Utopie, schwärmen Architekturkritiker.
Freibad bedeutet auch Freiraum, schreibt John von Düffel. Und das kann auch bedeuten: frei von Vorurteilen und Belastungen.
Tilda, die Erzählerin aus Caroline Wahls (inzwischen auch verfilmtem Bestseller) 22 Bahnen, findet beim Schwimmen eine andere Perspektive auf ihr anstrengendes Leben: „Ich atme den Chlorgeruch tief ein, (…) ziehe das Kleid über meinen Kopf, springe kopfüber ins Wasser, tauche in den tiefen Bereich bis zum Grund, setze mich auf den Boden und schaue mir das Geschehen im Becken von unten an.“
Das Freibad ist Tildas Fluchtpunkt vor ihrer alkoholkranken Mutter und der erdrückenden Verantwortung für ihre jüngere Schwester Ida, die nur mitkommt, wenn es regnet (was tatsächlich besonders schön sein kann, wenn das Wasser auch von oben kommt und Regentropfen die Oberfläche zum Tanzen bringen).

Bahn 19

Wir erzählen uns sagenhafte Rettergeschichten wie die der beiden syrischen Olympiaschwimmerinnen Yusra und Sarah Mardini, die aus einem überfüllten Schlauchboot ins kalte Mittelmeer sprangen und schwammen, damit die anderen Flüchtenden nicht untergingen. Und dann die Überlebensschwimmer, wie der damals 22-jährigen isländische Steuermann Guðlaugur Friðþórsson, der 1984 nach einem Schiffsunglück vor Island sechs Stunden lang mehr als fünf Kilometer im eiskalten Wasser schwamm, bevor er Land erreichte. Überlebt hat er nur, weil seine Physis, wie Ärzte anschließend feststellten, der einer Robbe gleicht.
Es braucht aber auch Geschichten beziehungsweise Narrative, um überhaupt richtig loszuschwimmen. So wie sich Olympiaschwimmer aufs Gewinnen fokussieren, habe ich ganz sicher nur wegen einer lustigen kleinen Story, die mir meine Freundin, die Schriftstellerin Simone Buchholz, unter die Bademütze ins Ohr flüsterte, doch noch kraulen gelernt.
Und das kam so:
Im vergangenen Sommer verbrachten wir beide zufällig zur gleichen Zeit ein paar Tage in der kleinen, an einem ruhigen Fluss gelegenen Stadt, in der wir aufgewachsen sind und verabredeten uns zum Schwimmtraining. Denn wer außer ihr, der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin mit ihrem schier unendlichen Geschichtenfundus, würde es schaffen, mir endlich das Kraulen beizubringen? Schließlich war sie schon als Jugendliche Rettungsschwimmerin gewesen, zog bis heute täglich ihre Bahnen und gönnte sich zur Erholung einmal im Jahr kilometerlange Touren im offenen Meer - im Rudel mit unerschütterlichen englischen Kanalschwimmerinnen.
An den Vormittagen dieser herrlichen Augusttage stromerte ich mit einem Freund durch die nahgelegenen Wälder, um die ersten Sommersteinpilze aufzuspüren und sie anschließend auf gerösteten Schwarzbrotscheiben zu verzehren. Gestärkt von diesem delikaten Mahl, schnappte ich mir meine Badesachen, marschierte den Hang hinunter zum Stadtbad und passierte das metallene Drehkreuz. Simones neuer türkisfarbener Badeanzug leuchtete mir schon vom Rand des 50-Meter-Beckens entgegen. Ich zog mich rasch um und wir legten los. Nach all meinen vergeblichen Versuchen, endlich diesen Königsstil des Schwimmens zu erlernen, brauchte diese Schwimmgöttin aus dem Norden (wohin sie vor vielen Jahren wegen des Wetters gezogen war) nur ein paar Sätze, um Ruhe und eine Ahnung von Eleganz in mein bis dahin unwürdiges Geschaufel und Gepruste zu bringen. Ich konnte es kaum fassen, durchpflügte begeistert eine Bahn nach der anderen und grinste dabei glücklich ins sprudelnde Wasser. Auch meine Lehrmeisterin war in Anbetracht ihres Erfolgs zufrieden, wir gönnten uns ein klassisches Freibad-Gedeck, einmal Radler plus Pommes rot-weiß.

Bahn 30 und raus aus dem Wasser

Der Erfolg kam natürlich auch daher, dass hier jemand wusste, wie es geht. Ich bin aber auch überzeugt, dass mir Simones magische Unterweisung nur deshalb den Durchbruch brachte, weil sie nicht nur technische Details und Tricks enthielt, sondern, weil sie eine Geschichte erzählte, ein Narrativ, das von seiner Erfinderin auch noch mit einer einprägsamen Melodie unterlegt worden war, die mich seitdem schnurgerade durchs Becken zieht.
Kaum etwas kann derartig Auf- und Antrieb verleihen wie eine stimmige Geschichte, (und das ganz sicher nicht nur beim Schwimmen). Wobei tatsächlich auffallend viele ambitionierte Schwimmer auch herausragende Geschichtenerzähler sind. Oder ist es eher umgekehrt?! Die Liste schwimmbegeisterter Dichter und Dichterinnen ist jedenfalls ziemlich lang, sie reicht vom bereits erwähnten Lord Byron mit seiner legendären Hellespont-Durchquerung über Goethe, der nach seinem Schweizer Ausflug in Weimar nachts in der Ilm zu baden pflegte und im Übrigen einen Schwimmreifen aus Kork erfunden hat, bis zu Tennessee Williams, F. Scott Fitzgerald und seiner Frau Zelda, die berühmt war für ihre waghalsigen Sprünge aus höchster Höhe. Und dann die zeitgenössischen Autorinnen und Autoren wie John von Düffel, Kristine Bilkau, Deborah Levy und natürlich meine Freundin Simone Buchholz. Die schickte mir, als wir beide schon wieder in Richtung Großstadt unterwegs waren, noch eine Nachbetrachtung zu unseren herrlichen Augusttagen im Freibad. Darin schreibt sie:
„So wie der Wald die Stadt der Tiere ist, ist das Freibad die Stadt der Kinder - wir Erwachsenen glauben zwar, dass wir es kontrollieren, als Bademeisterin, als Eisverkäufer, als Eltern, aber in Wahrheit sind wir hier komplett unwichtig. Das Freibad gehört der Jugend. Und deshalb ist es die einfachste und vielleicht schönste Möglichkeit, um sich von einem Ort, von seinen Geräuschen und Gerüchen und Farben, daran erinnern zu lassen, wie es sich angefühlt hat, jung und göttlich zu sein.“
Jung und göttlich - das trifft das Lebensgefühl zwischen Umkleidekabine und Sprungturm, auch wenn man es damals nur tagträumend, also dann, wenn man kurz auf dem Badetuch weggedöst war, so empfunden hat. Ansonsten war da auch viel Unsicherheit und Scham, die offenbar unvermeidlichen Nebenwirkungen des Heranwachsens.

Umkleide: anziehen, ausruhen

Einmal traf ich die britische Schriftstellerin Deborah Levy, durch deren Werk das Wasser wie ein Unterstrom zieht. Als ich sie auf dieses starke Motiv in ihren Texten ansprach und fragte, ob wir etwa eine Leidenschaft teilen, lupfte sie ihren Pullover und erklärte, sie trage sogar jetzt, während unseres Gesprächs, einen Badeanzug unter ihrer Kleidung. „Denn man weiß ja nie. Wenn ich verreise“, sagt Levy, „könnte es passieren, dass irgendwo ein Schwimmbad, ein Pool ist und ich das ausnutzen kann. Da möchte ich bereit sein. Ich schwimme tatsächlich, wenn es geht, täglich. Ich finde, das ist eine so wohltuende Betätigung. Es streckt den ganzen Körper, es macht den Kopf frei, es bedeutet auch mal eine Pause vom Druck des Alltags. Und manchmal löse ich alltägliche Probleme beim Schwimmen und oft auch Schreibprobleme. Für mich ist das Wasser ein Ort der Heilung.“