
Vielen gilt der literarische Kanon als überholt, als Manual der kulturellen Deutungshoheit der Gebildeten, als Instrument gesellschaftlicher Exklusion. Doch seine Abschaffung würde das Denken über Literatur um ein zentrales Reflexionsfeld bringen. Denn Kanones entstehen nicht nur durch ästhetische Urteile, sondern durch soziale Praktiken, Institutionen und historische Konstellationen – und sie bleiben darum veränderlich.
Gerade diese Wandelbarkeit macht sie produktiv: Sie zeigen, wie Werte, Normen und Geschmacksurteile entstehen, wie sie sich verfestigen und wieder auflösen. In aktuellen Debatten – ob um Diversität, Schulcurricula oder neurechte Lesepolitiken – erweist sich der Kanon als Brennglas kulturpolitischer Konflikte.
Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, die seine Mechanismen untersucht, anstatt ihn abzuschaffen, kann kritisches Urteilsvermögen schärfen und historische Sensibilität fördern. Das „Kanonproblem“ ist damit keine Schwäche, sondern auch Voraussetzung lebendiger Literaturwissenschaft.
Peter Pohl ist Literaturwissenschaftler und arbeitet als Senior Scientist an der Universität Innsbruck. Nach dem Studium der Germanistik und Kulturwissenschaft wurde er mit einer Arbeit zu Robert Musil an der Universität Bremen promoviert. Seine Habilitationsschrift Kreativitäts-Szenen. Der Bildungsroman und die Geschichte freier Zeiten ist 2025 bei Brill erschienen und bei Open Access erhältlich. Die Studie entfaltet das Potenzial kanonisierter Bildungsromane des 18. und 19. Jahrhunderts zur kritischen Reflexion der gegenwärtigen Kreativökonomie.
Kaum etwas ist in der Kultur so umstritten wie ein Kanon. Sobald etwas kanonisiert, also als verbindliches Bildungswissen definiert worden ist, wird es angezweifelt, weil die falschen, oder grundsätzlich zu wenige Werke darin aufgeführt seien, oder zu viele. Weil der Kanon nicht repräsentativ genug sei oder es allen recht machen wolle, weil er zu veraltet oder zu modern sei. Weil er ein Machtinstrument sei oder nicht streng genug, zu politisch oder zu unpolitisch. Kurz, wer sich mit dem Kanon beschäftigt, muss einigermaßen bekloppt sein. Oder Literaturwissenschaftler. Wer wissen will, was der Kanon der deutschen Literatur ist, wird aber selbst durch den Blick ins Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft nicht recht klug. In der Minimaldefinition des betreffenden Eintrags heißt es, beim Kanon handle es sich um eine „Zusammenstellung als exemplarisch ausgezeichneter und daher für besonders erinnerungswürdig gehaltener Texte“. Das zweite Definitionsmerkmal besagt, dass der Kanon „ein auf einem bestimmten Gebiet als verbindlich geltendes Textcorpus“ darstelle. Die schlichte Definition, die Faktoren der Selektion und des Umfelds erwähnt, wirft mehr Fragen auf als sie Antworten gibt. Wodurch wird ein Text exemplarisch? Wer hält ihn für erinnerungswürdig? Überdies kann ein Gebiet ein Fachgebiet, ein Sprachraum, ein Land, eine dialektale Zone sein. Und es bleibt unklar, wer dem Kanon Geltung verleiht, indem er ihn verbindlich durchsetzt beziehungsweise durchzusetzen versucht.
Diffus ist also nicht nur der Kanon selbst, sondern auch seine Rolle innerhalb der Disziplin, die für ihn zuständig ist.
Aspekte des vertrackten Verhältnisses will der Lexikoneintrag durch Systematisierung erhellen. Hierfür konzentriert sich der Autor Rainer Rosenberg auf literarische Kanontypen und nennt ihrer drei: zunächst den ‚Bildungskanon‘, der Texte enthalte, deren Kenntnis innerhalb einer Nation oder „Kulturkreis[es]“ als Ausweis literarischer Bildung gelte; sodann den ‚Schulkanon‘, der dem Wissenserwerb gewidmet sei; schließlich den ‚Kanon‘ der Literaturwissenschaft. Der umfasse zwar weniger Texte als der Bildungskanon, aber mehr als der Schulkanon; ersteres, weil die nationalphilologisch orientierte Literaturwissenschaft ein engeres Korpus habe, letzteres vermutlich, weil im Schulfach Deutsch Literatur nur einen Teilbereich darstellt.
Der enge literarische Kanon habe sich nach einer Hochphase um die Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert zunehmend auf die Expertenkultur eingeschränkt. Rosenberg nennt ferner drei Kriterien der Kanonisierung: ästhetische, weltanschaulich-philosophische und ethisch-didaktische. Und er weist darauf hin, dass Literaturhistoriker nur in Ausnahmefällen Wertungen festschrieben. Sie übernähmen Wertungen zumeist von „Bildungseliten“ und „dominierenden Geschmacksträgern“ und diese wiederum aus der „zeitgenössischen Literatur- und Theaterpraxis“.
Das Lexikon unterscheidet folglich eine Pluralität literarischer Kanones und diverse Kriterien, die sie orientieren. Die Schwierigkeiten der Literaturwissenschaft nehmen durch diese Unterscheidungen jedoch eher zu. Rosenberg nennt nämlich jenes Kriterium als erstes, dessen Verwendung am kompetentesten von der Literaturwissenschaft analysiert werden könnte: den ästhetischen Wert des Textes. In der Gewichtung positioniert er den Kanon der Literaturwissenschaft dann aber an letzter Stelle. Eine Position, die ihr auch im Durchsetzungsprozess des Kanons zufällt. Die Literaturwissenschaft gerät so in eine Art double-bind zum literarischen Kanon. Zwar könnte sie gängige Wertungsmuster vergleichen und ästhetische Kriterien für den Kanon reflektieren und diskutieren. Gleichwohl greift sie selbst erst spät und wenig bedeutsam in die Prozesse der Kanonisierung ein.
Der Analyse dieses facettenreichen Geschehens widmet sich die neuere literaturwissenschaftliche Kanonforschung. So informiert das 2013 von Gabriele Rippl und Simone Winko herausgegebene Handbuch Kanon und Wertung über die Diversität von Wertungsmodellen und -theorien und stellt das Spektrum der bei der Kanonisierung mitwirkenden Instanzen und Akteure differenziert dar. An der Kanonisierung sind Verlage, Buchhandel, Zeitungen und Fernsehsendungen, Schulen und Universitäten, Lektoren, Grossisten und insbesondere Kritiker beteiligt. Im Handbuch erfolgt auch der Hinweis auf den theologischen Ursprung des Begriffs. Im religiösen Kontext bezeichnet man mit Kanon seit ca. 350 nach Christus jene Selektion religiöser Schriften, der eine überzeitliche und normative Gültigkeit zugesprochen wird. Beispiele hierfür sind Tora und Bibel.
Der deutschsprachige Literaturkanon wurde dagegen erst in der aufkommenden nationalen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts entwickelt. Im Gegensatz zum unveränderlichen religiösen Kanon durchlief er Phasen der „Privilegierung bzw. Distanzierung bestimmter Autoren, Strömungen oder Perioden“. Veränderte politische Rahmenbedingungen etwa führten zu Revisionen. Aber auch die literaturspezifischen ästhetischen Wertungen veränderten und verändern sich, zumal sie nicht vollends vom sozialen Umfeld entkoppelt sind. Die literaturwissenschaftliche Kanonkritik hat seit den 1970er Jahre auf die Verbindung von herrschender Ideologie und ästhetischer Wertung hingewiesen. Und Forschungsströmungen wie Sozialgeschichte, Kritische Theorie, Poststrukturalismus oder Feminismus haben die stabilisierende Funktion ästhetischer Kanonkriterien für die jeweiligen Machtverhältnisse untersucht.
Dass die Durchsetzung exemplarischer Texte mit vielschichtigen Diskriminierungen einhergeht, zeigten Renate von Heydebrand und Simone Winko bereits vor 30 Jahren. In ihrem Aufsatz Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon fokussieren sie auf die unterschiedlichen Rezeptionsverläufe zweier im Jahr 1895 erschienener Romane: Effie Briest von Theodor Fontane und Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens von Gabriele Reuter. Beide Romane waren von der zeitgenössischen Kritik gelobte Bestseller. „Warum“, fragen die Autorinnen zurecht, „ist Fontane heute ein Klassiker, die Reuter aber so gut wie vergessen?“ Die Forscherinnen führen den Nachweis, dass die „Kanonisierung von Literatur als Resultat von Lese-, Deutungs- und Wertungsprozessen“ aufzufassen ist, in denen die Geschlechterdifferenz auf allen Ebenen involviert ist. Beispielsweise verstand man Reuters präzise Schilderung peinigender weiblicher sexueller Erfahrungen nicht als formale Innovation auf der Darstellungsebene, sondern als Anklage an die Gesellschaft. Am Text unterstrich man weniger dessen ästhetischen Gehalt, sondern seine gesellschaftskritische Tendenz. Schon damit schien er für den überzeitlichen Kanon disqualifiziert.
Nicht anders als die moderne Gesellschaft, in der er etabliert ist, ist der Literaturbetrieb männlich dominiert gewesen. In der Goethe-Zeit etwa war die Diskriminierung von Frauen sogar wissenschaftlich legitimiert. In der polaren Geschlechteranthropologie der Sattelzeit galten Männer von Natur aus als kulturell schöpferisch. Dagegen handelten Frauen, die sich Bildung aneignen und als Literatinnen wirken wollten, ihrem vermeintlichen Geschlechtscharakter zuwider. Dem empfindsamen und passiven Geschlecht verbaute die historische Epistemologie den Zugang zum Parnass. Auch in der Nachkriegsliteratur wurden Frauen systematisch marginalisiert, was Nicole Seiferts von Kiwi verlegte Monographie „Einige Herren sagten etwas dazu…“ an den Autorinnen der Gruppe 47 eindrücklich belegt. Noch 2018 stellte die Wochenzeitung Die Zeit einen Kanon vor, dessen Texte zu 91 Prozent von Männern stammten. Allerdings erfolgte der Einspruch damals so vehement wie rasch.
Von Heydebrandt und Winko haben in ihrer Pionierstudie überdies diverse Optionen zur Kanonrevision präsentiert. Eine dieser Optionen spendet den Namen für einen Zusammenschluss von Literaturwissenschaftlern, Autoren, Journalisten und anderen literarisch Interessierten. Das Netzwerk #breiterkanon, zu dem auch der Autor dieses Essays gehört, weist auf die eklatante Unterrepräsentation primär von Autorinnen in Leselisten an Universitäten oder Anthologien hin. Es hat in Veranstaltungen und Publikationen seiner Mitglieder Kanonkritik betrieben und Anregungen für die Kanonrevision bereitgestellt. In einem vom Netzwerk zusammengestellten Vademecum zum breiten Kanon in der Lehre heißt es, die Handreichung sei an Literaturwissenschaftler und Lektoren, „an Institutsdirektorien bzw. Lehrplanende“ gerichtet, die als Multiplikatoren wirkten. Sie solle „Anregung, Hilfestellung und Diskussionsgrundlage“ sein. Man liest dort: „Historische Diskriminierung könne in der Produktion von Literatur in der Literaturwissenschaft nicht nachträglich verändert, wohl aber reflektiert werden“. Dies müsse man machen, „um historisch adäquat zu sein. Was dafür korrigiert werden kann, sind diskriminierende Wertungsprozesse, die die Kanonbildung entscheidend beeinflussen. Das Ziel ist deshalb ein doppeltes: Eine Sensibilität für Kanonprozesse zu schaffen und aktiv eine Kanonverbreiterung zu betreiben.“
Man solle – so der Leitfaden – etwa bei der Themenwahl für Seminare auf Themen achten, die marginalisierte Personen nicht ausschlössen, Diversitätskriterien wären zu berücksichtigen, man solle Machtstrukturen in kanonischen Texten sichtbar machen, Texte sollten intersektional gelesen werden.
Die Handreichung verfolgt damit ähnliche Ziele wie inklusiv und intersektional denkende Didaktiker, Bildungs-, Kultur-, Sozialpolitiker und Aktivisten, die marginalisierte und diskriminierte Gruppen stärker repräsentiert sehen möchten. Wie die Selektionsprozesse im kulturellen Feld, etwa bei Juryzusammenstellungen oder Literaturpreisen, so soll auch die Textauswahl für Seminare der Annahme folgen, dass eine stärkere Repräsentation von Frauen, queeren Schreibenden und Autoren mit Migrationshintergrund Diskriminierung vorbeuge.
Mit Kanonrevisionen wie dieser gehen aber auch Schwierigkeiten einher. Zunächst setzt eine solche Strategie voraus, dass der gegenwärtige Kanon weiterhin ein strukturell männlich-bürgerlicher Kanon ist, der etwa in Romanen männliche Perspektiven privilegiert und einer männlich-bürgerlichen Lebenswelt so die Weihen der Universalität verleiht. Dann stellt sich jedoch die Frage, welche Texte zum Beispiel von Frauen für die Kanonerweiterung auszuzuwählen wären. Sollen es Texte sein, die sich an die Wertungsschemata des gängigen Kanons anpassen? Dann müssten sie, so von Heydebrandt und Winko, einem „sex-gender-System“ entsprechen, dass Frauen diskriminiert. Oder wäre ein eigener, zum Beispiel queerer Kanon, der queeres Protestpotential nach (queer-)feminstischen Erwartungen entfaltet, die richtige Option? Dann gäbe es bald so viele Kanones wie Akteursgruppen, die nach Repräsentation verlangen. Oder müsste man die aufgrund der historischen Macht- und Bildungsstrukturen nahezu ausschließlich männlichen kanonisierten Autoren auf ihre subversive Kraft hin lesen? Joyce, aber auch Kleist, Keller, Mann oder Musil haben geschlechtersubversive Schreibweisen entwickelt. Dann wäre jedoch die Gleichsetzung von biologischem Geschlecht und sozialem Gender aufzugeben, die ja für die statistische Feststellung der Ungleichheit unabdinglich ist.
Den Wirkungsraum solch avancierter Lektüren sehen von Heydebrand und Winko ohnedies auf die Universität beschränkt. Ihre Befürchtung, dekonstruktivistische Interpretationen ließen normale Leser außen vor, war bereits 1994 berechtigt. Nur trifft die Überforderungsbefürchtung mittlerweile nicht nur auf normale Leserinnen und Leser zu, sondern auch auf Studierende der Literaturwissenschaft. Sie verfügen oft weder in punkto Literaturgeschichte noch -theorie über ausreichende Kenntnisse. Und die Tendenz geht in eine andere Richtung. Das Lesepensum wird verringert, die Curricula werden gekürzt, ästhetische Theorien nur in Auszügen oder durch Kompendien gelehrt. Und dennoch müssten Studierende den Kanon, um ihn zu subvertieren, erst einmal kennen, müssten die traditionellen ästhetischen Argumente, um sie zu dekonstruieren, verstehen.
Dass anstelle avancierter kanonkritischer Lektüreoptionen die in den Kultur- und Bildungsinstitutionen etablierte Sensibilität für diskriminierte Perspektiven der universitären Textauswahl häufiger vorgeschaltet wird, ist nachvollziehbar. Genuin ästhetische Kriterien für die Aufnahme würden sich ohnehin kaum als konsensfähig erweisen und dürften von Seiten potenziell sich diskriminiert Fühlender angegriffen werden.
Allerdings ist die Literaturwissenschaft noch keine Soziologie, auch wenn man bei Stellenausschreibungen und -besetzungen den Eindruck erhalten kann, dass das Fach durch die Stärkung seiner sozialwissenschaftlichen Dimension dem eigenen Tun Legitimität zu geben hofft. Ob im Fall der Selektion tradierungswürdiger Texte die Flucht vor der ästhetischen Wertung in die geschlechtliche, ethnische oder soziale Zuordnung von Autoren und Figuren den krisengebeutelten und -erfahrenen Philologien hilft, darf aber getrost bezweifelt werden. Es braucht vielleicht einen Literaturwissenschaftler, um einen Text genau zu lesen, aber gewiss nicht, um zu sehen, ob er von einem Mann oder einer Frau geschrieben worden ist.
Allerdings ist die Fokussierung auf diskriminierte Personengruppen, sei es als Produzenten, sei es als literarische Figuren, in der universitären Lehre höchst erfolgreich. Die Schablonen der Diversität und die persönliche Betroffenheit von Diskriminierten erleichtern es vielen Studierenden, sich Literatur identifikatorisch anzunähern und über sie zu sprechen oder zu schreiben. Gleiches scheint für die literarische Öffentlichkeit im Ganzen zuzutreffen, zumindest wenn sie jünger ist, handelt es sich doch um jene Denk- und Äußerungsmodi, die Lesende in Schule und Gesellschaft kennengelernt und verinnerlicht haben.
Die neueren Curricula des Lehramts etwa wiederholen die bildungspolitisch eingeforderte Sensibilität für Diskriminierungen als zentrale Kompetenz refrainartig. Damit, dass Individuen derart über physische und kontingente Merkmale, also essenzialistisch, erfasst werden, hat man scheinbar kein Problem.
Dass Literatur gerade durch ihre ästhetische Eigenheit oder Verfahren der Verfremdung es erlaubt, Urteilsfähigkeit zu schulen, indem sie routinisierte Wertungsmuster in Frage stellt, indem sie irritiert und verunsichert, erscheint aktuell eher als hinderlicher Gedanke: problematisch für Lesende, die davor zurückscheuen, wohlfeile moralische Bedenken der genauen Beobachtung hintan zu stellen; schwierig für Studierende, Lehrende und Forscher, die als progressive Herangehensweise zu kommunizieren gelernt haben, Literatur nach sozialen und moralischen Kriterien, inhaltlichen Aspekten und identifikatorischen Optionen auszuwählen.
Ästhetische Wertungsmodelle sind gleichwohl nicht verschwunden. Der Autor jenes Lexikoneintrags Rainer Rosenberg nennt zwei Gründe für ihr Überleben: Zum einen stehe der Nivellierung von Werten bzw. dem Verzicht auf den Kanon ein „Kulturbewußtsein“ gegenüber, das die „oberflächlichste, diffuseste und zugleich beharrlichste Existenzform eines Kanons“ darstellt. Man stützt den Kanon, obwohl oder gerade weil man ihn nicht kennt. Letzteres lässt sich an der AfD beobachten. Ihr Vorsitzender Tino Chrupalla etwa will dem kulturvergessenen Menschen deutsche Gedichte verabreichen, wie er in einem Interview forderte, weiß aber auf Nachfrage nach seinem Lieblingsgedicht keines zu nennen oder aufzusagen. Dass hier die Literatur noch ungelesen wirkt, hängt freilich weniger mit ihren Texten, Inhalten und Verfahren, sondern mit der im 19. Jahrhundert entstandenen Idee einer durch den identifikationsstiftenden Kanon homogenisierten Sprach- und Kulturnation zusammen. Wenig erstaunlich, dass diese reaktionärste, quasireligiöse Funktion des Kanons der AfD zusagt.
Der zweite Grund, am Kanon festzuhalten, ist hingegen profan: die unüberschaubare Menge vorhandener Literatur. Sie legt es nahe, Verfahren der Auswahl tradierungswürdiger Texte zu erarbeiten und einzusetzen. Und wer, wenn nicht die Wissenschaft von der Literatur, wäre in der Lage, literarische Selektionskriterien zu benennen, zu unterrichten und Menschen zu formen, die in der Lage sind, diese Kriterien argumentativ und nachvollziehbar einzusetzen, Kritikerinnen, Lehrer, Leserinnen.
Aber um die ästhetische Wertung geht es selbst denen kaum, die auf den Kanon setzen und ihn als Mittel im Kulturkampf gegen die sogenannte Wokeness und die Identitätspolitik marginalisierter Gruppen einsetzen.
Wie Sandra Tausel, eine in Kanada forschenden österreichische Amerikanistin berichtet, haben Book Bans an Schulen in den USA bereits ein beachtliches und erschreckendes Ausmaß angenommen. Rechte Thinktanks betreiben die Verbannung missliebiger Themen und Autoren aus den Schulbibliotheken als konzertierte Aktionen. Durch Leitfäden, durch Listen zu verbannender Bücher und Worte, durch personelle Einmischung in School Boards. Im Schuljahr 2023-24 waren 4.231 Titel in über 10.046 Fällen von Bücherverboten betroffen. Der Staat Florida allein hat 4500 Bücherverbote ausgesprochen. Ebenso wie in Iowa wurden Gesetze erlassen, die Book Bans erleichtern. Gründe für den Einspruch waren, so Tausel, „sexual conduct“, „age inapproriateness“, die Darstellung von „sex acts“ oder LGBTQIA+ Inhalten. Verbote betreffen insbesondere Bücher, die von People of color oder LGBTQIA+ Menschen stammen oder solche Figuren zeigen.
Wie so oft wäre die Übertragung amerikanischer auf europäische Verhältnisse irreführend, zumal die kulturelle Speerspitze der Neuen Rechten um Götz Kubitschek und seinem ehemaligen Institut für Staatspolitik der Literatur äußerst zugetan ist. Man hat sich in Schnellroda in diversen medialen Formaten dem literarischen Kanon angenähert, auch Texten, die in den USA wohl verbannt würden. Kafka und Kracht gehören zu den von Kubitschek und Ellen Kositza besprochenen Autoren. Die Germanistik hat diesen neurechten Lektüren zuletzt große Aufmerksamkeit geschenkt. Unstrittig sind sich die Forschenden, dass durch „die bewusste Neu‑Kontextualisierung etablierter Klassiker und die Integration eigener Werke […] ein alternativer Literaturkanon konstruiert [werden soll], der primär ideologische, nicht ausschließlich ästhetische, Kriterien verfolgt.“
Von allen Seiten also dient der literarische Kanon als überaus machtvolles Mittel, um gewünschte Inhalte, Werte und Überzeugungen durchzusetzen und Freund-Feind-Schemata zu konstruieren.
Was kann man in dieser Lage tun? Für die Beantwortung dieser Frage lohnt ein Blick auf historisch Abseitiges, etwa schulische Lesebücher aus Österreich und der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert. Zunächst die Ausgangslage: Den deutschsprachigen Kanon hat es nie gegeben. Zudem war zweitens der national, teils regional spezifizierte literarische Kanon im 19. Jahrhundert an höchster Stelle der Schulsysteme positioniert, in Gymnasien und Lyzeen. Und drittens entstammen nicht nur die Verfahren der Selektion und Anordnung von schulischen Lesebüchern dem nationalphilologischen Werkzeugkasten. Vielmehr hat auch die Universitätsdisziplin Literaturwissenschaft Akteure formiert, die schulische Kanones erstellten. Philologen, die sich damals als Lesebuchmacher verdingten – Alois Egger, Wilhelm Wackernagel oder Theodor Vernaleken – mögen andere Ziele verfolgt und in anderen Bedingungsrahmen gewirkt haben. Sie konnten als Deutsche sowohl in der Schweiz als auch in der Donaumonarchie Lesebücher erstellen.
Die universitäre Literaturwissenschaft war also offenkundig ein zentraler Akteur auch in Kanonisierungsprozessen anderer Bereiche. Sie bildete nämlich Multiplikatoren des literarischen Kanons aus.
Was die Lesebücher allerdings auch verdeutlichen, sind politische Einflussnahmen auf die Textauswahl, sind soziale Bedenken der Lesebuchmacher, die sich etwa in den Paratexten, also in Einleitungen, Rubrizierungen, Anmerkungen, Titel und so weiter niederschlagen. Die Lesebücher bieten national, regional, historisch sowie nach Schulform abweichende Kanones an, wobei komplexe Prozesse der Auswahl und Modifikation darüber entscheiden, ob und wie Texte ins Buch gelangen. Das kann bei der Ausschreibung der Herausgabe in Lehrerzeitungen beginnen und sich bis in Überarbeitungen in Neuauflagen fortsetzen. Über historische Lesebücher entstanden feurige Debatten. Im Jahr 1876 agitierte beispielsweise die katholische Kirche des Kantons St. Gallen mit Flugblättern gegen das neu erschienene Lesebuch der Ergänzungsschulen. Die Kritik der Reaktion entzündete sich an Sentenzen wie: „Sonntags thun auch Hunde fromm.“ Und Versen wie „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang / Der bleibt ein Narr sein Leben lang“. Werteverfall und Frivolität wurden angeprangert. Insbesondere Adelbert von Chamissos Ballade Die alte Waschfrau diente als Beleg der Sittenverderbnis; denn die brave Alte, die ihr Leben lang fürs eigene Totenhemd spart, war eine Sünderin. Hatte sie nicht „in ihren jungen Jahren / geliebt, gehofft und sich vermählt“ und also vorehelichen Geschlechtsverkehr? St. Gallen ist kein Einzelfall; schulische Lesebücher haben häufig Skandale provoziert. Und sowohl inhaltlich wie auch strukturell ähneln sich die historischen und die aktuellen Skandale. Gerade angesichts der aktuellen Kanondebatten könnte die literaturwissenschaftliche Kanonforschung an diesen historischen Beispielen wichtig werden.
In den schulischen Kanones konnten Autoren aus dem Bildungs- und Literaturkanon nicht ohne Weiteres aufgenommen werden. Wo es unumgänglich war, etwa bei erfolgreichen und literarisch innovativen Dichtern wie Anastasius Grün oder Heinrich Heine, reagierten die Lesebuchmacher, indem sie sehr selektiv vorgingen, Texte umschrieben, kürzten, neu betitelten. Man passte Autoren und Texte den politischen Rahmenbedingungen an, schrieb biographische Skizzen und, bei Goethe etwa, Triggerwarnungen.
Historische Lesebuchmacher agierten demnach nicht anders als vorsichtige Akteure in den Bildungssystemen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz oder der USA heute. Die Sensibilität für historische Kanonisierungsdynamiken im Studium zu vermitteln, um Menschen für den Umgang mit und das Wirken in Selektionsprozessen vorzubereiten, die sie als Kritiker, Lektoren oder Lehrer vornehmen, erscheint als eine aus dieser Forschung resultierende Aufgabe literaturwissenschaftlicher Lehre. Sie versetzt beispielsweise Lehramtsabsolventen in die Lage, die sozialen und durch Textauswahl sanktionierten Werte zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Dafür ist eine Kenntnis der literarischen Werke des alten Kanons aber unabdingbar, vor deren Hintergrund jede Erweiterung oder Transformation begründet werden muss.
Die Literaturwissenschaft darf dabei nicht zum Handlanger kulturpolitischer Prämissen werden, sondern muss sich fragen, wie die Universität ein Ort bleiben kann, an dem solche Einflussnahmen oder aber die Übernahme von Kanonisierungskompetenzen durch soziale Akteure studiert und reflektiert werden können.
Dies liefe allerdings nicht nur auf die Analyse von kontextuellen Faktoren hinaus. Wie Thomas Anz hervorhebt, bleibt Kanonforschung ohne normative Anteile „funktions- und folgenlos“. Die Literaturwissenschaft müsste sich als ein Ort behaupten, an dem Strategien auch zur Begründung ästhetischer Qualität gelernt und erprobt werden. Klingt selbstverständlich, oder? Ist es aber längst nicht mehr. Literaturwissenschaft sollte der Ort sein oder wieder werden, an dem aufbauend auf literaturgeschichtlichen und -theoretischen Kenntnissen anhand von Motivik, narrativen und rhetorischen Analysen sowie Vergleichen gewertet wird und an dem über Wertungen gestritten werden darf und soll. Nicht die Herstellung einer gewünschten sozialen Realität durch Literaturauswahl und -intepretation sollte ihr Ziel sein, sondern die Kenntnis und Analyse der hierbei historisch wie gegenwärtig eingesetzten Strategien.
Ein Beispiel mag die Querele um Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras als Pflichtlektüre für das baden-württembergische Abitur 2023 sein. Der Roman, der zweifelsohne rassismuskritisch ist, reproduziert rassistische Ausdrücke, die vom Rassismus betroffene Personen getriggert haben. Zugleich ist es ein polyphoner Roman, der mehrere, bis dato literarisch nicht erfasste Perspektiven versammelt. Seine formale Gestaltung läuft also auf die Diversifizierung von Sichtweisen hinaus, die dabei helfen, die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg auch aus marginalisierter Perspektive zu erfassen. Baden-Württemberg hat sich damit beholfen, Lehrer entscheiden zu lassen, ob sie diesen Text oder aber Transit von Anna Seghers nutzen. Aber Lehrer, deren Textauswahl nach potenziellen Diskriminierungen in Diversitätskategorien erfolgt, dürften um Koeppen einen Bogen machen. Universitäre Seminare sind wohl der Ort, an dem durch Textlektüre und die Reflexion der durch die Textauswahl ausgelösten Diskussionen über die Kanonizität des Textes im Rekurs auf diverse Wertungsmodelle gesprochen werden kann. Das geht auch und vielleicht umso besser, je problematischer der Text ist. Die Literaturwissenschaft darf ihr Kanonproblem also nicht loswerden wollen, sondern muss gerade darin einen Anreiz erkennen, Debatten über ästhetische Gegenstände zu führen. Je schwieriger diese sind, desto besser.










