
Wenn Susi, Emil und Fifi – Kinder und Hund einer heilen Kleinfamilie, auf Seite eins neben den Sätzen „Das ist ein Haus. Das ist eine Tür. Das ist ein Garten“ auftreten, wenn Vater und Emil Autos haben und Mutter und Susi Wäsche aufhängen, sind wir in der Schulfibel-Idylle der 60er-Jahre angekommen.
Zehn Jahre zuvor war das untergründig vermittelte Weltbild dieser Werke noch geschlossener: Frohsinn, Tugenden und Gebete formten den Rahmen eines konfliktfreien Jahreslaufs, während Kuchen gebacken, Heu gerecht und Kaninchen gefüttert wurden. Das „Büblein“ steht vor dem Sessel, in dem die Mutter sitzt und sagt: „Ich habe ein Herz, das denkt und spricht: Ich habe dich lieb! Mehr weiß ich nicht.“
Märchenhafte, teils verlogene Schemen lehrten die sogenannte Boomer-Generation als Kohorten-Erfahrung nicht nur Lesen, sondern transportierten natürlich auch ein Gesellschaftsmodell.
Erst seit den 70er-Jahren bricht dieses späte Biedermeier auf – heute finden sich in konzeptuell offenen Lehrmitteln berufstätige, alleinerziehende Mütter, Rollstuhlfahrer und Mitbürger mit ausländischen Wurzeln, und Engel und Gebete sind ersetzt durch das Schaubild unseres Sonnensystems.
In jeder Epoche ist es spannend, welche Ausschnitte aus dem großen Ganzen den Kindern in der Grundschule präsentiert werden.
Patricia Görg, geboren 1960, lebt als Schriftstellerin und Autorin fürs Radio in Berlin und ist mit Büchern wie u.a. Glücksspagat (2000), Handbuch der Erfolglosen (2012) oder Glas. Eine Kunst (2013) sowie Hörspielen wie Die Gesänge der Raumfahrer. Ein Fernlehrgang (2019, Dlf Kultur) bekannt geworden. 2019 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis.
1966 wurde ich in Frankfurt am Main eingeschult. Die nötige Reife ermittelte man damals, indem man überprüfte, ob ein Kind mit dem rechten Arm über seinen Scheitel hinweg an sein linkes Ohrläppchen fassen kann – dieses als „Philippinermaß“ bezeichnete Verfahren ist mittlerweile schon lange ausgemustert. In meinem Ranzen befanden sich eine kleine Schiefertafel samt Griffel, Schwamm und Tuch zum Schreiben –, sowie ein Abakus mit bunten Holzkugeln zum Rechnen‑Lernen.
Auf dem Schulweg in der Straßenbahn kassierte der Schaffner den Fahrpreis, indem er Wechselgeld aus dem metallenen, vor seinem Bauch hängenden Münzwechsler drückte – dann zog er zweimal am horizontal unterhalb des Wagendachs verlaufenden Lederseil, schlug dadurch eine Glocke an: Signal für den Fahrer, dass es weiterging. Tempi passati!
Was bleibt, ist das Foto meines ersten Schultags. Mit kurz geschnittenem Pony und verrutschten Kniestrümpfen sitze ich am Pult, lege den ausgestreckten Zeigefinger in ein aufgeschlagenes Buch. Es ist die Fibel Kinderland, die mich auf gewisse Weise bis heute begleitet.
„Das ist Susi. Das ist Emil. Das ist Fifi.“ heißt es dort in Schreibschrift, um ein Federball spielendes Geschwisterpaar und ihren Hund einzuführen, ergänzt um „Das ist ein Haus. Das ist eine Tür. Das ist ein Garten.“ Schon steht die Elementargrammatik der mittelständischen Kleinfamilie während des westdeutschen Wirtschaftswunders. Was noch fehlt, ist das Auto des Vaters, das zwei Seiten später vorgestellt wird und seine Entsprechung findet in Emils geliebtem Spielzeugauto, außerdem die Sorgsamkeit Susis, die mit wehendem Kleid herbeieilt, um Fifi vom Zerbeißen eines Balls abzuhalten, danach der Mutter beim Wäsche-Aufhängen hilft, während Emil und der Hund umhertollen und Unsinn machen. Eine mannshohe Mauer, gekrönt von roten Schindeln, umschließt Einfamilienhaus, Garage, Blumen, Rasen, Gartenmöbel und Auffahrt. Es gibt genügend Platz für Freude, beleuchtet durch die gewaltige, strahlengezackte Sonne mit zufrieden lächelndem Gesicht.
Was bei dem 1961 erschienenen Buch sofort auffällt, ist seine ambitionierte ästhetische Gestaltung. Verantwortlich für die Bilder zeichnet der Künstler Hans Stock, der in den 50er Jahren Form- und Farblehre bei Johannes Itten in Kassel studierte. Itten, am Bauhaus einst legendär für seine die individuelle Kreativität fördernden Vorkurse, hat sicherlich beeinflusst, wie unbefangen und ungewöhnlich Hans Stock den Bildraum organisiert, der sich jeweils über eine ganze Doppelseite erstreckt. Er setzt Figuren und Elemente collagenhaft in die Szenerien, und oftmals wechselt er innerhalb eines Motivs mehrfach die Perspektive, integriert plötzliche Aufsichten, vermeidet jegliche Fluchtlinien. Auf raffinierte Weise ähnelt das Ergebnis manchmal Kinderbildern, vor allem, wenn er Tischflächen bildparallel in die Höhe klappt, damit sie gut sichtbar zeigen, was sich auf ihnen befindet.
Als die Familie im roten Auto aufs Land fährt, um Oma und Opa zu besuchen, als erstmals eine dörfliche Umgebung auftaucht, ragt der Wegweiser in einem aberwitzigen Winkel über den Rand der Straße, und in einem zeitlichen, räumlichen und psychologischen Vorgriff sehen wir Oma und Opa wie in einer mittelalterlichen Bedeutungsperspektive dargestellt, nämlich viel zu groß in Relation zu allem anderen, weil sie so wichtig sind, am Fenster ihres Hauses wartend. Über ihnen hat im Baum ein Vogel sein Nest – natürlich hochgeklappt, damit man die Eier darin sieht.
Susis Traumlogik, nachts in die Sonne zu fahren, ist als zart abgetöntes, expressionistisches Tableau entworfen, an dessen Rand sich ein dunkler Märchenbaum wie in einer Vase windet, die riesige untergehende Sonne stummfilmhafte Schatten wirft und die Betten der schlafenden Kinder im Nichts neben den schlafenden Häusern treiben.
All dieser bildnerische Mehrwert kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Familie, innerhalb deren Horizont sich der Jahreslauf des Lernens abspielt, eine Traditionsbühne entwirft. Symptomatisch dafür ist der Feierabend, den die fünf auf packpapierfarbenem Grund um einen hochkant präsentierten, runden gelben Tisch verbringen. Auf ihm steht noch das Ringwurfspiel, das Vater und Emil wohl bis eben gespielt haben. Susi, im roten, weiß gepunkteten Kleid, mit roten Schleifen im Haar, schaukelt mit dem Rücken zum Betrachter den Puppenwagen, in dem Fifi unter Bettzeug liegt. Vater und Emil, gestikulierend einander zugewandt, lösen Rätsel. Abgerückt vom Tisch, lächelnd und stumm, sitzt die Mutter in einem Sessel und strickt. Sie ist die Einzige, die wir bis dahin haben arbeiten sehen: Sie hängte die Wäsche auf, fütterte bei Oma und Opa die Hühner.
Wirken die Rollenbilder im Buch Kinderland von heute aus antiquiert, so wandeln sie sich zu souveränen Angeboten, vergleicht man sie mit denen in einem zeitgleich verwendeten, anderen Erstlesebuch: Die Ährenfibel, 1951 vom Kultusministerium Nordrhein-Westfalen für den Gebrauch in Schulen zugelassen, eröffnet in ihrer 7. Auflage von 1963 den Lebens- und Lesereigen, indem der Vater im Anzug mit Krawatte und die zwei Kinder Otto und Adele dem ergriffen auf einen Stuhl gesunkenen Hausmütterchen Blumen bringen und die Worte „lieb“ und „fleißig“ besonders intensiv geübt werden. Illustriert ist das Buch durch konventionelle, kolorierte Zeichnungen, inselhaft auf weißem Grund. Schon hängt die Mutter wieder Wäsche auf, assistiert von ihrer Tochter. Eine insgesamt ländliche Szenerie zeigt den Bauern beim Sensen, den Müller beim Mahlen und den Bäcker beim Backen. Onkel Josef ist Jäger, Onkel Jakob ist Schäfer, Kartoffelfeuer und Erntekranz treten auf, und am Rand des Getreidefelds stehen die Kinder vor einem großen Steinkreuz und beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Geht der Tag zu Ende, erscheint ein weiß gekleidetes, geflügeltes Wesen im Zimmer mit dem Holzkreuz an der Wand, berührt unmerklich den kleinen Jungen im Bett, der die Worte „brav“ und „frech“ lesen gelernt hat und aufsagt: „Lieber Engel, Gute Nacht, halt an meinem Bettchen Wacht! Deck mich mit den Flügeln zu, dass ich warm und sicher ruh.“
Der Zyklus der Jahreszeiten und Feste, unbeschwert, gereimt und von Schreibschrift zu Druckschrift übergehend, entrollt sich entlang von Tugenden und Sinnsprüchen. Kasperle und der Zirkus treten auf, Tiere reden und tanzen, die Mutter bäckt einen Kuchen, sitzt abends auch hier strickend am Rand, während das kleine Mädchen seine Puppe aus dem Puppenwagen genommen hat und der kleine Junge seinem Vater beim Suchen des Radiosenders hilft.
Diese geschlossene, behütete Welt, in der Schüler lesenlernend auf den richtigen Weg der Fügsamkeit, Elternliebe und Gottesfurcht geführt werden, hat allerdings völlig unvermutet einen einzigen Riss. Im Rahmen der Verkehrserziehung liest man: „Wir spielen nicht auf der Straße. Wir spielen nicht in den Trümmern.“ Plötzlich ist ein Moment deutscher Lebenswirklichkeit der 50er und 60er Jahre zu sehen, der nicht aus dem Poesiealbum stammt: eine Kriegsruine, von der nur noch Teile der Vorderwand und der Schornstein stehen. Jener bemerkenswerte Einbruch der Realität wirkt jedoch wie geträumt inmitten all der scheinbar zeitlosen Episoden im Kinderland.
Auch das Lesebuch Meine liebe Fibel, während der 50er Jahre in Nordrhein‑Westfalen, Niedersachen und Rheinland-Pfalz zum Schulgebrauch zugelassen, verbreitet eine puppenstubenhafte Idylle, wovon schon die Überschriften der einzelnen Abschnitte zeugen. Sie lauten „Des frohen Kindes Frühlingstag“, „Zur schönen Sommerzeit“, „Der bunte Herbst und seine Gaben“, „Winterfreud und Winterleid“, „Das Kind betet“, „Auf der Straße“ und „Nun kommt die schöne Osterzeit“. Der Hintergrund ist wieder durchgehend ländlich, beginnt mit morgendlichem Hähnekrähen, findet seine Fortsetzung im gemeinsamen Frühstück von vier Kindern mit ihren Eltern, und wenn die Kinderschar auf dem Schulweg entlang des Flusses und später unterwegs zum Spielen eine Zeche in ihrem Rücken hat, so bleibt dies ein folkloristisches Detail des in Bochum erschienenen Werks. Der schwarze Rußfilm, der sich damals unweigerlich auf jegliche draußen zum Trocknen aufgehängte Wäsche legte, wird nicht gezeigt.
Damit endgültig klar wird, wie die gesellschaftliche Aufgabenteilung aussieht, lesen die Kinder vor: „Was die Mutter kann: schälen kochen braten backen / spülen fegen wischen waschen / nähen flicken stopfen stricken. / Was der Vater kann: graben hacken säen pflanzen / bohren sägen hobeln hämmern / schnitzen kleben rauchen schnarchen. / Was das Kind schon kann: rechnen lesen schreiben / malen kaufen zahlen / laufen hüpfen / springen lachen singen.“
Zum neuen Jahr steht das „Büblein“ vor dem Sessel der Mutter (neben ihr im Korb ihr Strickzeug) und sagt: „Ich habe ein Herz, das denkt und spricht: Ich habe dich lieb! Mehr weiß ich nicht.“
Kindliche Bewusstlosigkeit als Ausgangsmaterial für die Überformung durch ein Wertesystem – das erinnert wie ein ferner Nachhall an die Epoche, in der Lesen- und Schreibenlernen in unserer Weltregion erstmals für breitere Bevölkerungsschichten möglich gemacht werden sollte. Es war Martin Luther, der getreu seiner Devise „Sola scriptura“ (nur durch die Lektüre der Heiligen Schrift sei Gottes Willen zu erfassen) dafür warb, dass allgemeine christliche Schulen eingerichtet wurden. Bis dahin war die Alphabetisierung eine exklusive, auf Latein- und Klosterschulen sowie den Hausunterricht begüterter Stände beschränkte Angelegenheit gewesen. Es ist auch das 16. Jahrhundert, in dem die ersten dünnen Lesefibeln entstehen. Ihr Schicksal ist wechselhaft. Durch die Wirren der Zeit, nicht zuletzt durch den Dreißigjährigen Krieg, wurden viele Ansätze wieder zunichte gemacht. Selbst im 18. Jahrhundert, in dem es zum Beispiel in Preußen bereits eine Unterrichts-, aber noch keine allgemeine Schulpflicht gab, waren die Kinder der Landbevölkerung, also die Majorität, meist als Arbeitskräfte unverzichtbar, tauchten in den Dorfschulen gar nicht erst auf. Quereinsteiger ohne professionellen Hintergrund unterrichteten dort alle Jahrgänge gemeinsam.
Standard des Lesenlernens war die Buchstabiermethode, bei der zunächst die Namen der Buchstaben auswendig gelernt, sie dann zu Silben und später zu Wörtern zusammengesetzt werden. Schon im 16. Jahrhundert kritisierte Valentin Ickelsamer diesen Vorgang vehement und ersetzte ihn in seiner 1527 erschienenen Fibel Die rechte Weis auffs kürzist lesen zu lernen durch die Lautiermethode, bei der die Laute aus der gesprochenen Sprache heraus gewonnen werden. Für den Namen „Hans“ klingt dies in seiner Teutschen Grammatica so: „Wie viel veränderte Teile nun das Wort, Stimmen oder Laute hat, so viele Buchstaben hat es. Im Wort Hans sind vier Veränderungen, das sind vier Buchstaben. Zum ersten hört und vernimmt man einen starken Atem, wie man in die Hände haucht. Das ist das /h/, das haucht man auf den Laut /a/, nach dem Laut /a/ einen Klang durch die Nase und zuletzt hört man eine Taube oder Schlange zischen.“
In den 1960er Jahren brach in Westdeutschland erneut ein heftiger Methodenstreit um das Lesenlernen aus, und man könnte Valentin Ickelsamer einen der Ur‑Gewährsleute dafür nennen. Durchsetzen konnte er sich weder zu Lebzeiten, noch danach. Im Wesentlichen blieb die Buchstabiermethode bis weit ins 19. Jahrhundert hinein dominant.
Ebenfalls einen frühen reformatorischen Ansatz verfolgte Johann Amos Comenius. Sein Werk Orbis sensualium pictus, also Bilder der sichtbaren Welt von 1658 ist wohl das berühmteste schulische Kompendium, war annähernd 300 Jahre lang hochgeschätzt im Gebrauch. Vorangestellt ist ihm ein figürliches Alphabet, in dem die Buchstaben mittels Bild und Schrift als Naturlaute gelernt werden, beispielsweise „Die Krähe krächzt: a / Das Schaf blöket: b / Der Mund hauchet: h.“ Danach folgt, systematisch durch Holzschnitte illustriert und episodisch ausgeschmückt, eine Art Enzyklopädie, in der sich von Gott über die Elemente, über Spiel und Krieg, bis hin zu fliegendem und kriechendem Ungeziefer scheinbar die gesamte sichtbare Welt entfaltet. Der Orbis pictus, wie er kurz genannt wird, ist zweisprachig, lateinisch und deutsch, und stand vor allem in wohlhabenden Haushalten im Bücherschrank. Auch Goethe erwähnt ihn so begeistert wie wehmütig in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit.
Zum Auftakt zeigt ein Holzschnitt eine Szene draußen vor der Stadt, unter Sonne und Wolken. Neben dem gutgekleideten Lehrherrn steht sein Schüler: „Komm her / Knab lerne klug sein. / Was ist das? Klug sein / Alles / was nötig ist / recht verstehen / recht tun / recht ausreden. / Wer wird mich das lehren? / Ich / mit Gott.“
Im Kapitel „Deformes et monstrósi“ („Ungestalte und Missgeburten“) lernt der Knabe: „Mißgeburten und Ungestalte sind die mit dem Leib abweichen von gemeiner Gestalt, als da sind: Der ungeheure Rieß / der winzige Zwerg / der Zweybeleibte / und dergleichen Unforme. / Zu diesen werden gezählet: / der Großkopf / der Großnase / der Wurstmaul / der Paußback / der Schieler / der Krummhals / der Kropfichte / der Höckerichte / der Dollfuß / der Spitzkopf / der Kahlkopf.“
Das Kompendium behandelt Wunderliches jedoch nur am Rand. Hauptsächlich geht es darum, die hierarchische gesellschaftliche Struktur auszubuchstabieren und auszudifferenzieren, bis hin zum Aufbau eines Feldlagers oder den Funktionsträgern des königlichen Hofstaats, überwölbt von Tugenden und Planetenbahnen. Sogar die Strafen für Übeltäter werden in einem Schaubild dargestellt und erläutert, sei es Foltern, Rädern oder Vierteilen der Delinquenten – in scharfem Kontrast zu modernen Fibeln mit ihren sorglosen Schauplätzen voller Haustieren, Hampelmännern und immer wieder runderneuerten Märchen.
Während des 19. Jahrhunderts professionalisierte sich die Lehrerausbildung und damit auch die Qualität des Unterrichts, der allerdings weiterhin geprägt war durch Drill, große Klassen sowie moralisierende Inhalte, die jedem seinen rechten Platz im Normengefüge zuwiesen. Erst mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1919 während der Weimarer Republik und dem Aufkommen der sogenannten Reformpädagogik, also dem Ziel, individueller auf die Lebenswirklichkeit von Kindern einzugehen, begann eine neue Epoche: Schulfibeln enthielten nun anschauliche Alltagsgeschichten, betteten das Lesenlernen situativ ein, waren zunehmend farbig illustriert, begaben sich zum ersten Mal auf Augenhöhe mit denen, die sie adressierten. Zwar schilderten sie nach wie vor eine harmonische bürgerliche Welt, ignorierten komplett die sozialen Verwerfungen und die Armutserfahrungen eines großen Teils der zu unterrichtenden Schüler, brachten aber trotzdem frischen Wind in die Kasernenhofsituation der Schulen.
Pünktlich zum Machtantritt der Nationalsozialisten mussten diese sogenannten Reformfibeln politisch überarbeitet werden, was man im Fall der bis dahin weit verbreiteten Hansa-Fibel schon an ihrem neuen Titel sieht: Hand in Hand fürs Vaterland. Vorgeschrieben war für Schulbücher reichseinheitlich die deutsche Schrift; dies wurde später während des Krieges, als die Lehrmaterialien auch in besetzten Gebieten nutzbar sein sollten, wieder rückabgewickelt zur Verbindlichkeit der lateinischen Buchstaben. Hand in Hand fürs Vaterland zeigt auf dem Cover, vor zwei Hakenkreuzfahnen, einen Jungen und ein Mädchen mit Schulranzen, die sich an den Händen halten. Um den Hauchlaut „h“ zu lernen, dient eine Straßenszene rund um das Wort „heil“: Abgebildet ist ein Aufmarsch der SA mit großen Hakenkreuzfahnen, aus ebenso geschmückten Fenstern allseits mit dem Hitlergruß begleitet. Jungvolk und Hitlerjugend werden attraktiv dargestellt, jeweils mit dem Résumé: „Jeder Junge ins Jungvolk“ und „Wir sind die Hitlerjugend“, und schließlich gipfelt die Indoktrination im Treueschwur an den Führer: „Ich kenne dich wohl und habe dich lieb wie Vater und Mutter. / Ich will dir immer gehorsam sein wie Vater und Mutter. / Und bin ich erst groß, dann helfe ich dir wie Vater und Mutter, / und freuen sollst du dich an mir wie Vater und Mutter.“
Nicht die gesamte Fibel ist von diesen Motiven durchdrungen, aber sie sind markant platziert und erlangen quasi-religiöse Wucht, wenn es heißt: „Denn über allem ist Adolf Hitler, unser Führer. In ihm ist Deutschland heute und morgen und für alle Zeit.“
Als das tausendjährige Reich zusammengebrochen war, herrschte unter den Besatzungsmächten zwar der Wille, nationalsozialistische Propaganda auszumustern und so schnell wie möglich wieder Schulunterricht zu ermöglichen, dafür musste aber zunächst auf notdürftig eingesetzte Vorkriegsfibeln zurückgegriffen werden, bis in den drei westlichen Zonen dann neue Verlage und neue Fibeln, für jedes Bundesland andere, wie Pilze aus dem Boden schossen.
Die DDR hingegen erklärte nach mehreren Anläufen mit Übergangswerken ab 1968 eine Einheitsfibel als verbindlich für das ganze Land. Das Lehrwerk Unsere Fibel verfolgte den sozialistischen Erziehungsauftrag, planmäßig eine neue Gesellschaft aufzubauen. Wertschätzung der Werktätigen, Kollektivierung der Landwirtschaft, wirtschaftliche Planerfüllung und die Preisung des Pionierwesens waren dabei die Eckpfeiler. Unter brav zwischen zwei blauen Fahnen in einer Reihe aufgestellten Kindern in ihrer Kluft der Jungpioniere steht: „Dieter und Heidi rufen auf. Ute, Udo, Doris, Uli und Rita sollen alle in eine Reihe. Sie sehen auf die Fahne. Wir wollen lernen. Wir wollen helfen. Nun erhalten alle ihr Tuch, dann reicht der Lehrer allen die Hand.“ Es folgt eine Zeichnung des blauen dreieckigen Halstuchs der Jungpioniere, nur rufen sie nicht, wie noch in früheren Ausgaben, „Allzeit bereit!“ Dennoch gilt das, was Verena Stürmer in einer Untersuchung von Kindheitskonzepten in DDR-Fibeln formulierte: „Das Kind dient als Hoffnungsträger und ist ein personalisiertes Zukunftsmodell.“
Letztlich liegt jedoch den während der 60er Jahre in Westdeutschland benutzten Fibeln – wenn vielleicht auch weniger offensichtlich – ebenfalls allerlei ideologisches Rüstzeug zugrunde, und sei es nur die durchgehend beschworene, spielzeughaft heile Welt, in der durch Fleiß der Wohlstand wächst und noch letzte Reste von Engeln umherflattern.
Abgesehen davon wogte in der Bundesrepublik ein Methodenstreit des Lesenlernens. Erbittert bekämpften sich die Fraktionen der Synthetiker und Analytiker, was heißt, diejenigen, welche von Silben und Lauten ausgehend erst allmählich, „synthetisch“, ganze Wörter bilden lassen wollten – und diejenigen, welche mit der Ganzwortmethode begannen und diese Gebilde nachträglich, „analytisch“, in ihre Einzelteile, die Laute beziehungsweise Buchstaben zerlegten. Die DDR hatte einen dritten Weg eingeschlagen, entwickelte sogenannte „Lautkästen“, in die Wörter Buchstabe für Buchstabe eingetragen wurden.
Erst Anfang der 70er Jahre beruhigte sich die Lage, wurden von da an in der BRD Mischformen aus synthetischen und Ganzheitsansätzen angewandt. Auch das ewige Biedermeier der Diminutive, der frohen Kleinfamilie, der Puppenmütterchen und rollerfahrenden Jungen, das gesamte Arsenal der geschlechtsnotorischen Rollenzuschreibungen wird nun aufgeweicht.
Das 1994 im Westermann Verlag erschienene Lehrbuch Die Fibel stellt inhaltlich zwar immer noch einen erzählerischen Zusammenhang her, nicht aber über Episoden, die im Rahmen von Mutter, Vater und ihren Kindern spielen, sondern über die Peergroup in einem Klassenzimmer, die man auf Seite zwei bunt zusammengewürfelt ihre Namensschilder hochhalten und auf Seite drei in lebendigem Tohuwabohu an Gruppenarbeitstischen malen, basteln, spielen und schreiben sieht. Die Lehrerin, integriert ins muntere Treiben, fällt kaum auf. Fine, eine der Protagonistinnen, trägt Latzhosen und eine Brille, und Toni, ihr Freund, trägt eine Puppe im Arm, die ihm sein Vater geschenkt hat. Kolorierte Zeichnungen und Fotos illustrieren gleichwertig die Szenen. Ein farbiger Junge zählt ab, Fatima sitzt vor Fine, Tina sitzt im Rollstuhl und Kemal wird von seiner Mutter, die neben der kopftuchtragenden Oma in einer Küche mit Samowar arbeitet, einkaufen geschickt.
Dem Hype nach Steven Spielbergs Film Jurassic Park folgend, trampeln Dinosaurier durchs Bild. Verkehrserziehung, Kasperle-Theater, Zauberkunststücke, Märchen, Feiertage und Jahreszeiten sind hingegen Bestands-Sujets, die einem pädagogischen Musterbuch entnommen zu sein scheinen. Auf beinahe jeder Seite werden Tiere abgebildet, doch auch „Robi“, ein kastenförmiger, sprechender Roboter, der grün gestreiftes Computerpapier ausspuckt, begegnet Toni. Insgesamt treten erstaunlich wenige Erwachsene auf, was einen autonomen kindlichen Erlebnisraum schafft.
Wie immer fein dosiert, werden die jungen Seelen nur mit einer einzigen abgründigen Szene konfrontiert: Tim beobachtet durchs Fenster, wie ein Bagger und eine Raupe den alten Garten nebenan, in dem er sich eine Hütte gebaut hat, völlig zerstören: „Tim ist stumm vor Schreck. Er läuft weinend aus dem Zimmer.“
Noch weiter sind die alten Schemen aufgebrochen im „Lesebilderbuch“ Konfetti, 1998 im Diesterweg Verlag erschienen und bis heute in schulischem Einsatz. Jetzt erscheinen Patchwork-Lebenskonstellationen selbstverständlich, eine alleinerziehende Mutter arbeitet zuhause am Computer, die Fußballmannschaft besteht aus Jungen und Mädchen, ebenso trainieren sie gleichberechtigt miteinander Judo, und Engel haben endgültig ausgedient. Stattdessen wird unser Planetensystem vorgestellt.
Konfetti ist keine Fibel mehr. Das Buch zeigt streiflichtartig viele unterschiedliche familiäre Hintergründe, hält soziale Situationen offen, orientiert sich weder an Tages- noch an Jahresstrukturen, sondern bietet Themenrubriken wie „Bücher, Filme und Computer“, „Autos“, „Weltall“, „Hexen und Gespenster“. Auch die Konzeption des Lesenlernens ist pluralistisch, will Schüler unterschiedlicher Fähigkeitsstufen gleichzeitig erreichen, basiert auf zusätzlichen Materialheften, die parallel zum Schrifterwerb eingesetzt werden – und in den aktuellsten Varianten des Lese- und Schreibunterrichts zu den einzigen vorgegebenen Lehrmitteln werden.
Da Konfetti relativ unverbundene Wirklichkeitsausschnitte darstellt, sie auch in der Gestaltung durch Fotos, Comics oder Zeichnungen im wechselnden Stil je eigenständig präsentiert, wäre es interessant, ob die Kinder sich später an dieses Buch als Identifikationsobjekt erinnern. Es funktioniert im Sinn der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie, erzeugt nicht den heimelig überwölbenden Gestus, von dem ich in der Ganzheitsfibel Kinderland an die Hand genommen wurde, und der mich bis heute zugleich ärgert und bezaubert.
Susi und Emil, stets in der gleichen Kleidung, nahmen mich mit in ihre charmant und anspruchsvoll bebilderte, aber immer vorhersehbar umgrenzte Welt, und wenn man sich als Angehöriger der sogenannten Boomer-Generation diffus nach der eigenen Kindheit sehnt, könnte es auch mit der Erfahrung zusammenhängen, die solch eine Fibel vermittelte.
Auf der lyrischsten Doppelseite schwimmt eine dunkle Insel samt angedeuteter Bucht, Behausung und Booten am Bildrand, während der gelbgesichtige Mond über zwei ineinander verschlungenen, kahlen Bäumen hängt: „Nun ist die Nacht da. Susi und Emil schlafen fest. Alle Kinder schlafen. Vor dem Hause singt der Wind: Leise, Susi, leise. Der Mond geht auf die Reise. Er schaut in jedes kleine Nest. Und schlafen alle Kinder fest, so geht er wieder leise auf seine große Reise.“










