Mittwoch, 01. Februar 2023

De-Globalisierung
Wie sich weltweite Handelsströme verändern könnten

Protektionismus und Blockbildung scheinen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie und des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zu sein. Ökonomen aber halten De-Globalisierung, ein Ende wirtschaftlicher Verflechtung, für unwahrscheinlich.

Von Mischa Ehrhardt | 24.01.2023

Das Containerschiff "Ever Given", das im März 2021 Suezkanal steckengeblieben war, vom Ufer aus betrachtet
Das Containerschiff "Ever Given", das im März 2021 Suezkanal steckengeblieben war, ist zum Symbol für die Fragilität globaler Lieferketten geworden. (Aufnahme vom 29.3.2021) (AFP / AHMAD HASSAN)
Leere Regale und Lieferengpässe: Das war man im wohlhabenden Deutschland lange Zeit nicht gewöhnt. Doch ob Wanderschuhe oder Fahrräder, Baumaterial oder Autoteile, Schiffscontainer, Gesundheitsartikel oder auch Medikamente: Nicht jede Nachfrage konnte bis zuletzt bedient werden. Die Corona-Pandemie ließ die Versorgung mit Rohstoffen und Waren aus aller Welt stocken. Das machte sich nicht nur bei Wanderschuhen aus Vietnam bemerkbar, sondern noch viel dramatischer etwa beim Mangel an elektronischen Steuerungschips, also Halbleitern. Sie werden in der Automobilindustrie gebraucht, aber auch für die Fertigung von Waschmaschinen, Kühlschränken und anderen technischen Geräten.

Just-in-time-Produktion anfällig für Störungen

Wegen Materialengpässen gingen der deutschen Industrie zuletzt fast 40 Milliarden Euro verloren. Das hat Thomas Theobald errechnet, er ist Ökonom am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung:
„Die deutsche Wirtschaft, im Speziellen die deutsche Industrie, und dabei insbesondere die deutsche Automobilindustrie, hat sich als sehr abhängig erwiesen. In unserer Studie haben wir untersucht, dass im verarbeitenden Gewerbe 2021 39 Milliarden Euro Wertschöpfungsverluste durch die Lieferengpässe zustande gekommen sind. Das entspricht gut 1,2 Prozent des deutschen BIP“.
Dass die Lieferketten so leicht durcheinandergerieten, liegt auch an einer über Jahre stark beschleunigten Verdichtung der Produktion, der Lieferung und des Konsums von Waren und Dienstleistungen. Die sogenannte Just-In-Time-Produktion half Unternehmen dabei, ihre Lager zu verkleinern, Prozesse zu rationalisieren und Kosten zu senken. Möglich wurde das durch Lieferketten, die möglichst flexibel an die jeweilige Nachfrage angepasst wurden. Doch ist diese Art des Wirtschaftens anfälliger für Störungen – und diese Risiken sind mit der Pandemie rund um den Globus zu Tage getreten. Deutschland treffen solche Entwicklungen besonders stark.
Ein Containerschiff wird am Hafenterminal Burchardkai in Hamburg mit Containern beladen
Die deutsche Exportwirtschaft hat von stark beschleunigten Lieferketten profitiert (picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild / Soeren Stache)
„Wir haben Wertschöpfungsketten so organisiert, dass wir da sehr stark auch auf Inputs von anderen Ländern angewiesen sind. Auf der anderen Seite exportieren Deutschland und deutsche Unternehmen sehr viel. Also: Wir sind stark in die Globalisierung verflechtet und auch einer der großen Gewinner der Globalisierung, das muss man auch mal sagen“, meint Holger Görg, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Er leitet auch das Globalisierungs-Forschungsinstitut Kiel Centre for Globalization.

IWF-Chefvolkswirt: Diversifizierung der Lieferketten erwünscht

Als Antwort auf die Störungen im internationalen Handel kursieren Schlagworte wie Re-Shoring oder Near-Shoring; also das Umlenken von Lieferketten in näher gelegene Staaten – oder gar zurück zu Unternehmen im eigenen Land. Der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, IWF, Pierre Olivier Gourinchas, sieht diese Diskussionen zum Teil kritisch: „Stehen wir wegen der aufkommenden geoökonomischen Fragmentierung kurz vor einer Neuordnung der Lieferketten? Das wäre beunruhigend und das würden wir sicherlich nicht gerne sehen. Wir wünschen uns eine Diversifizierung der Lieferketten, damit Volkswirtschaften widerstandsfähiger werden, aber sicherlich nicht das Entstehen von Handelsblöcken“.
Denn zu den Aufgaben des IWF zählt, die Stabilität des internationalen Währungssystems zu sichern, damit die Nationen der Welt möglichst störungsfrei untereinander handeln können. Das ist auch eines der Anliegen des Weltwirtschaftsforums in Davos, wo sich in der vergangenen Woche politische und Wirtschaftseliten zum jährlichen Austausch trafen. „Kooperation in einer fragmentierten Welt“ lautete das diesjährige Motto. Dabei ist spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine offensichtlich, dass es um mehr geht als nur um gestörte Lieferketten.
„Die globale Welt, die man mal glaubte, gehabt zu haben – und die sich ja auch mit dem Gründungsgedanken von Davos verbindet – die zerfällt immer stärker in Einzelinteressen und in Machtinteressen“, stellte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen zu Beginn des Davoser Treffens im Deutschlandfunk fest.
„Wir sehen es bei einigen Ländern, dass sie die Isolation oder die Machtkonfrontation gewählt haben. Natürlich am eklatantesten in Europa, Russland. Aber auch China beispielsweise hat eine sehr aggressive Politik die letzten Jahre gefahren.“
Aggressive Politik und Veränderungen im internationalen globalen Handel allerdings gab es bereits vor der Pandemie – und erst recht vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine; nämlich in Folge der weltweiten Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008. Bisher bleibt das Wachstum des globalen Handels und internationaler Investitionen unter dem Vorkrisenniveau.
IfW-Präsident und Globalisierungsexperte Holger Görg: „Seit 2008 ging es immer mal wieder hoch und mal wieder runter, also seit der Finanzkrise. Aber wir bleiben in einer sehr stark oder wir sind in einer sehr stark globalisierten Welt und das wird auch so bleiben“.

China - ein teilweise konkurrenzfähiges Hochtechnologieland

Nicht zufällig aber nimmt die Debatte über eine mögliche De-Globalisierung jetzt richtig Fahrt auf - es geht also um die Frage, ob es langfristig weniger internationalen Handel, weniger Investitionen im Ausland geben wird. Auslöser für diese Debatte sind die Schwierigkeiten beim Nachschub von Rohstoffen und Vorprodukten für Unternehmen und Nationen im industrialisierten Norden. Doch es geht auch um geopolitische Strategien und Machtkämpfe. So hat insbesondere China in der Hochphase der Globalisierung profitiert.
Das Land ist längst keine billige globale Werkbank mehr, sondern eine entwickelte Wirtschaft und ein teilweise konkurrenzfähiges Hochtechnologieland, das zunehmend seine eigene Agenda verfolgt. Vor allem die US-Regierung unter Donald Trump hat das spätestens ab 2017 als geoökonomisches Problem eingestuft. Ziel sei es daher, Allianzen im eurasischen Raum zu verhindern; insbesondere Allianzen mit oder zwischen China und Russland, so steht es in einem geostrategischen Papier des US-Kongresses zum globalen Machtkampf der Großmächte USA, China und Russland.

Protektionismus der US-Handelspolitik auch unter Präsident Biden

Ein Mittel, die ökonomische Macht anderer einzugrenzen und Abhängigkeiten zu verringern ist das Schützen oder Abschirmen der eigenen Wirtschaft – also Protektionismus. Insbesondere die USA folgen seit der US-Präsidentschaft von Donald Trump verstärkt dieser Strategie.
Holger Görg: „Gerade was die Handelspolitik angeht, unterscheidet sich Präsident Biden nicht wirklich besonders von Präsident Trump; was den Ton angeht schon, aber was die Substanz angeht nicht. Die USA ist sehr protektionistisch. Es ist vielleicht nicht besonders überraschend, denn historisch gesehen sind die Demokraten eigentlich die protektionistischere Partei. Und da war Trump eigentlich der Ausreißer, der sehr viel protektionistischer agiert hat, als es die Republikaner eigentlich in der Vergangenheit getan haben.“
So hatte Joe Biden 2021 angeordnet, die Lieferketten seines Landes zu überprüfen. Genauer unter die Lupe nahmen die USA vier Bereiche: große Batterien etwa für Elektromobilität, sensible Mineralien und Materialien wie seltene Erden oder Metalle, medizinische Wirkstoffe sowie Halbleiter. Das sind Bereiche, die für Zukunftstechnologien elementar sind. Und es sind Bereiche, in denen China in den vergangenen Jahren gezielt seine ökonomische Führungsrolle ausgebaut hat.
Im Kern empfehlen die Berater der US-Regierung, die heimische Produktion und Innovationen zu fördern, besonders bei strategisch wichtigen Gütern wie Computerchips. Die US-Regierung solle durch Industriepolitik auf dieses Ziel hinwirken. Niedergeschlagen haben sich diese Ideen etwa im „Inflation Reduction Act“, den Präsident Joe Biden im vergangen Jahr unterzeichnet hat. Mit groß angelegten Subventionen will die US-Regierung die Inflation bekämpfen, die eigene Industrie fördern und in Richtung Klimaneutralität steuern.
„Die Vereinigten Staaten entwickeln sich zu einem sehr, sehr protektionistischen Land; was bemerkenswert ist, weil sie die Weltwirtschaftsordnung, so wie sie bis vor zehn Jahren existiert hat, nämlich als so liberal wie niemals in der Geschichte eigentlich, weil sie diese Ordnung aufgebaut haben“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank. Besonders ausgeprägt zeigte sich der Protektionismus unter Donald Trump. Der zettelte zunächst mit China einen Handelskrieg an, belegte dann aber auch Waren aus anderen Ländern und Regionen mit Strafzöllen – auch Waren aus Europa. Auf diese Weise sollte etwa die amerikanische Stahlproduktion wieder gestärkt werden.
Joe Biden verbindet seine protektionistischen Maßnahmen mit sogenannten Friend-Shoring-Elementen: Den Handel mit befreundeten Staaten, die die gleichen Werte wie die USA vertreten, will die Biden-Regierung fördern. So hat sich die US-Administration mit der EU im Oktober 2021 darauf geeinigt, die unter Donald Trump verhängten Strafzölle praktisch wieder aufzuheben, indem Kontingente von EU-Stahl und Aluminium von den Zöllen ausgenommen sind.

China als Hauptkonkurrent der USA

Im Visier der amerikanischen Außenhandelspolitik steht vor allem der Konkurrent China. Peking hat das Ziel ausgerufen, in zehn Bereichen der Hochtechnologie bis 2025 global mit den führenden Nationen auf Augenhöhe zu sein. Um dorthin zu kommen, fördert und lenkt China die eigene Industrie ebenfalls und schirmt sie gegen ausländische Konkurrenten ab. So ist in einem Bericht der US-Regierung kritisch vermerkt, dass China bei großen Batterien mit 75 Prozent der globalen Produktion mit Abstand Marktführer ist. Bei der weltweiten Halbleiterproduktion ist der Anteil der US-Produktion von 37 Prozent im Jahr 1990 auf heute 12 Prozent gesunken. Sie werde weiter sinken, wenn die US-Regierung der eigenen Industrie wirtschaftspolitisch nicht unter die Arme greife, warnt der Bericht.
Doch auch Europa bleibt nicht untätig. Denn Halbleiter, von denen die meisten zurzeit aus Taiwan kommen, sind entscheidend für viele Branchen. Sie stecken in Autos, Smartphones, Waschmaschinen und Kühlschränken. Kein modernes elektrisches Gerät kommt ohne sie aus.
Deswegen hat die EU-Kommission den „European Chips Act“ auf den Weg gebracht: Mit rund 45 Milliarden Euro soll eine eigene europäische Chip-Produktion auf- und ausgebaut werden. Darüber hinaus hat der französische Präsident Emanuel Macron als Antwort auf den amerikanischen Protektionismus einen „Buy European Act“ in die Diskussion eingebracht.
Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft
Der "Buy European Act“ könnte die Kosten für europäische Firmen zu stark nach oben treiben, fürchtet, Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Gabriel Felbermayr hält von solchen Vorschlägen wenig. Der Ökonom ist Direktor des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung: „So ein Buy European Act würde ja nicht nur gegenüber den Amerikanern gelten, sondern auch gegenüber Korea, Japan und allen anderen Ländern. Dazu kommt, dass Buy European ja bedeuten würde, das europäische Konsumenten, Verbraucher, auch der Staat, nicht mehr ganz frei ist in der Wahl der Bezugsquellen von Gütern und Dienstleistungen; im Zweifel dann eben europäisch einkaufen muss, was die Kosten nach oben treibt. Und auch das ist für die Wettbewerbsfähigkeit Europas am Ende nicht gut“.

Ökonom: „Exportweltmeister“ Deutschland brauche Strukturwandel

Vor allem nicht für Deutschland. Die hiesige Wirtschaft fußt zu einem großen Teil auf vergleichsweise billigen Importen von Energie, Rohstoffen und Vorprodukten. Aus denen haben Industrieunternehmen erfolgreich hochwertige Produkte „Made in Germany“ gemacht – und sie als „Exportweltmeister“ in die ganze Welt verkauft. Eine mögliche Deglobalisierung und verstärkter Protektionismus stellen dieses Wirtschaftsmodell in Frage.
Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater: „Das ist natürlich eine schlechte Nachricht für all diejenigen, die sich in dieser Weltwirtschaft eingerichtet haben, ihre Geschäftsmodelle darauf ausgerichtet haben. Das sind Unternehmen, aber auch ganze Länder, wie eben gerade Deutschland, deren Industrie ja eben sehr stark auf diese freie Welthandel- und Produktionsmöglichkeiten und Konsummöglichkeiten gebaut ist. Das heißt also, es steht ein Strukturwandel bevor – gerade in Deutschland“.
Dieser Strukturwandel wird vieles in Bewegung setzen. So wird die Organisation einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung entscheidend sein, ebenso der Zugang zu Rohstoffen wie seltenen Erden, die für Zukunftstechnologien nötig sind. Auch werden Digitalisierung und der Ausbau der Infrastruktur in Deutschland schneller voranschreiten müssen als das bislang der Fall war.
Mit den nötigen Veränderungen aber könne das Wirtschaftsmodell Deutschland auch in Zukunft funktionieren, meint Ralph Solveen, stellvertretender Chefvolkswirt der Commerzbank: „Natürlich ist es mit den steigenden Energiepreisen schwieriger geworden und vielleicht auch sonst müssen wir wieder mehr Hausaufgaben machen, wie die Sachen rund um Genehmigungsprozesse und all die Dinge, die Deutschland vielleicht im Augenblick als Investitionsstandort weniger attraktiv machen. Aber schaffen kann man das auf jeden Fall, wenn man eben da die richtigen Schritte in Angriff nimmt“.

Deutsche Autobauer blicken mit Sorge auf De-Globalisierung

Die richtigen Schritte: Das fordert auch die Autoindustrie. Wirtschafts- und Geopolitik müssten künftig stärker zusammengedacht werden, hieß es dieser Tage beim Verband der deutschen Automobilhersteller (VDA) bei der Jahrespressekonferenz. Im internationalen Wettbewerb müsse Europa zielgerichtete Standort- und Wirtschaftspolitik betreiben, um in Zukunft global bestehen zu können. Wegen der engen internationalen Verflechtung der deutschen Wirtschaft und der deutschen Unternehmen blickt die Lobby-Organisation zudem mit Sorgen auf Tendenzen von Deglobalisierung. Als Antwort darauf müsse Europa sich für Re-Globalisierung einsetzen.
Hildegard Müller, Präsidentin Verband der Automobilindustrie (VDA)
Hildegard Müller, Präsidentin Verband der Automobilindustrie (VDA) (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
„Leitmotiv: So autonom wie notwendig und so offen, global und marktorientiert wie möglich“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Europa müsse durch Partnerschaften seine Rohstoffversorgung sicherstellen; und die Bundesregierung dafür sorgen, Energie bezahlbar zu halten. Wegen der bisher starken Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen dürfte auch in Zukunft die Versorgung mit strategisch wichtigen Gütern stärker politisch kontrolliert werden, zu starke Abhängigkeiten will man verhindern.

Re- oder Nearshoring sehen Ökonomen als unrealistisch an

Dieses Modell einer Diversifizierung von Lieferketten hält der Ökonom Thomas Theobald von der Hans-Böckler-Stiftung für sinnvoll - nicht nur bei Gas und Energie: „Also man sollte zum einen immer im zweiten, dritten Lieferanten zur Hand haben; auch wenn das im Zweifelsfall nicht der günstigste Anbieter ist, hat man damit Spielräume, um eben in so einem Umfeld, wo der Hauptlieferant gestört ist oder zumindest nicht die volle Bestellung abarbeiten kann, einfach zusätzliche Spielräume.“
Das vollständige Zurückorganisieren der Produktion nach Europa sehen die meisten Ökonomen als unrealistisch an und mit mindestens einem großen Nachteil behaftet: Diese Art des sogenannten Re- oder Nearshoring hätte erhebliche Preissteigerungen zur Folge. Nicht umsonst haben sich große Unternehmen für ihre Vorprodukte Hersteller in fernen Ländern gesucht. Die Produktion in aller Welt bot Kostenvorteile und steigerte so die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte.
„Deswegen lässt sich und wird sich das Rad nicht zurückdrehen. Denn wer würde es zurückdrehen? Das müssten natürlich Unternehmen sein. Es sind Unternehmen, die den Großteil der Globalisierung ausmachen, sie handeln, sie investieren. Und aus Unternehmenssicht ist es natürlich nicht sinnvoll, sich aus Märkten zurück zu ziehen. Ich denke, was wir sehen ist, dass wir eine Veränderung der Globalisierungsmuster haben. Das wir uns vielleicht weniger auf Länder wie China und die USA spezialisieren und dafür mehr diversifizieren, auch gerade raus aus China und in andere südostasiatische Länder“, so IfW-Präsident Holger Görg.

Diversifizierung der Lieferketten – zum Vorteil neuer Player

Die Folgen der neu entstehenden Strukturen im globalen Handel und das Umstellen einiger Lieferketten sind bereits jetzt spürbar – in Form steigender Preise für viele Güter und Dienstleistungen. Christine Lagarde muss solche Tendenzen im Blick behalten. Die Chefin der Europäischen Zentralbank sagte im Dezember in Frankfurt, die Notenbank zögere nicht und sei darauf eingestellt, einen langen Kampf gegen die Inflation zu führen.
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Dieses Motto dürfte auch für die Veränderungen im internationalen Handel durch das allmähliche Umstellen von Lieferketten gelten. Von den Veränderungen jedenfalls dürften in Zukunft auch einige Regionen in der Welt profitieren - einige Länder Afrikas beispielsweise.
„Wir spüren schon hier im DIHK, dass die Nachfrage der Unternehmen nach Geschäftsmöglichkeiten auch auf dem afrikanischen Kontinent anzieht“, sagt Heiko Schwiderowski, Leiter des Referates Subsahara-Afrika beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, DIHK.
„Das ist noch alles recht zögerlich, aber Indikatoren wie zum Beispiel die Teilnahme von Unternehmerinnen und Unternehmern auf Veranstaltungen, auf Reisen, Anfragen für Instrumente der Außenwirtschaftsförderung – da sehen wir schon ein Plus. Und da kann man also schon davon sprechen, dass hier das Interesse – vielleicht auch aufgrund dieser geopolitischen Entwicklung – anzieht“.
Weltweite Handelsströme werden sich wohl verändern. Aber eine De-Globalisierung, also ein Ende der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung, ist unwahrscheinlich.