Montag, 06. Februar 2023

Mikromobilität in Städten
Wie E-Scooter wirklich Emissionen senken könnten

Sie blockieren Gehwege, landen in Flüssen oder werden von rücksichtslosen Fahrern gelenkt: E-Tretroller sind oft ein Ärgernis. Dabei haben sie das Potenzial, den Verkehr in Städten zu verbessern. Doch das klappt nicht von alleine. 

Von Piotr Heller | 30.11.2022

E-Scooter stehen und liegen am Naschmarkt in Wien.
Oft noch eher Ärgernis als Nutzen: E-Scooter (Hans Klaus Tesch/APA/picture alliance )
Uta Bauer weiß, was in Städten vor sich geht. Die Geografin forscht am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. Von den E-Tretrollern hielt sie bislang nicht viel. Das hat sich nach ihrer jüngsten Studie zu dem Thema geändert: „Zu Beginn der Studie hatte ich die Meinung, dass man darauf verzichten kann. Warum soll ich den Fußweg ersetzen, wo die Leute immer ungesünder leben? Wir haben so viele Energiefresser. Das war meine Meinung und ich habe die ein wenig revidiert.“
Für die Studie haben das Urbanistik-Institut und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt knapp 4.000 Menschen online befragt, darunter über 1.000 E-Tretroller-Nutzer - und sie haben mehrere Stadtverwaltungen interviewt. Das Ergebnis zeigt: Ja, E-Tretroller dienen mitunter für Spaßfahrten. Ja, die meisten Nutzer wären ohne Roller gelaufen oder mit dem ÖPNV gefahren. Wahr ist aber auch:
„Ein Viertel der Befragten haben ihren Weg mit dem ÖPNV kombiniert. Die S-Bahn-Haltestellen sind ja nicht überall verfügbar. Aber, dass man mit so einem E-Tretroller relativ einfach und schnell auch zu solchen Haltestellen fahren kann und dann in die S-Bahn auch umsteigen kann. Also das ist ein Gewinn für die Stadt.“

E-Scooter als Ersatz fürs Auto

Außerdem zeigte die Befragung: Immerhin elf Prozent der Tretroller-Fahrten ersetzten die Fahrt mit dem Auto. Aber was heißt das wirklich? Verbessern die Roller damit zum Beispiel die Klima-Bilanz des Verkehrs? Oder schaden sie? Das hat Claus Doll vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung jüngst mit einer Lebenszyklusanalyse ausgerechnet.
„Das Erstellen von Lebenszyklusanalysen ist natürlich tatsächlich eine große Erbsenzähler-Übung. Wir müssen ja viele Dinge zusammenrechnen.“ Nämlich alle Treibhausgas-Emissionen der Verkehrsmittel: Von der Rohstoffbeschaffung, über die Produktion, den Betrieb bis hin zur Verschrottung. Das haben Claus Doll und seine Kollegen für sechs Städte getan und mit einer Umfrage unter E-Tretroller-Nutzern kombiniert. Ergebnis: In den meisten Städten senken die E-Tretroller alles in allem den Treibhausgasausstoß im Verkehr.

Bisher nur geringer Klimabeitrag

Die Zahlen dazu: „Also wir bewegen uns tatsächlich im Bereich von Drei- bis Viertausend Tonnen jetzt für Berlin. Das ist nicht wenig. Es ist aber im Vergleich zu dem, was der Verkehr ansonsten ausstößt, vergleichsweise gering.“ Im Monat. Es ist etwa ein Hundertstel der gesamten Emissionen des Berliner Verkehrs. Diese Ergebnisse muss man auf zwei Arten einordnen:
Erstens sind sie mit Vorsicht zu genießen: Beide Umfragen waren nicht repräsentativ, die Berechnungen von Claus Doll gelten nur für den Frühling – eine rollerfreundliche Jahreszeit. Außerdem war daran ein großer E-Tretroller-Anbieter beteiligt. Doll erklärt, dass der wissenschaftliche Standard dennoch hoch sei und er die Arbeit zur Veröffentlichung in einem Fachmagazin eingereicht habe.
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Paris hat vorbildliche Lösungen für den Umgang mit E-Scootern gefunden. (dpa/Christan Böhmer)

Vorbild E-Scooter-Konzept in Paris

Zweitens gilt auch: Den Nutzen der Roller kann man nicht nur in Treibhausgasen messen. Wenn sie den ÖPNV attraktiver machen oder das Verkehrsaufkommen senken, haben sie einen zusätzlichen Wert. Doch dafür müssen die Städte Voraussetzungen schaffen. Das habe vor allem Paris hinbekommen, berichtet Uta Bauer:
„Sie haben diese festen Abstellzonen eingerichtet. Alle 150 Meter ungefähr gibt es da eine Parkfläche, wo diese Geräte abgestellt werden können. Und auch nur dort angemietet werden können. Dann haben sie die Zahl der Fahrzeuge beschränkt.“ Manche deutsche Städte, aber bei weitem nicht alle, haben oder arbeiten an ähnlichen Lösungen. Nur so, glaubt Uta Bauer, werden die Roller nicht zum Ärgernis und können ihr Potenzial entfalten.