Mittwoch, 17. August 2022

München 1972
Zwei Bücher über den Anschlag auf die Olympischen Sommerspiele

Die Olympischen Sommerspiele 1972 sollten ein Neuanfang für die deutsche Außendarstellung sein. Über das Konzept und den Terroranschlag während der Spiele sind neue Bücher erschienen. Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen schreiben vor allem über die Spiele, Sven Felix Kellerhoff über das Attentat.

Von Otto Langels | 01.08.2022

Zwei Bücher zu Olympia und München 1972 - Sven Felix Kellerhoff: "Anschlag auf Olympia. Was 1972 in München wirklich geschah" und Markus Brauckmann, Gregor Schöllgen: "München 72. Ein deutscher Sommer"
Zwei Bücher zu den Ereignissen in München 1972 - Markus Brauckmann, Gregor Schöllgen: "München 72. Ein deutscher Sommer" und Sven Felix Kellerhoff: "Anschlag auf Olympia. Was 1972 in München wirklich geschah" (Buchcover links: DVA, Buchcover rechts: wbg Theiss, Hintergrund: imago images/ZUMA Wire)
„Ich erkläre die Olympischen Spiele München 1972 zur Feier der XX. Olympiade der Neuzeit für eröffnet.“
Mit dem schlichten, vom Internationalen Olympischen Komitee vorgegebenen Satz eröffnete Bundespräsident Gustav Heinemann am 26. August das weltweit größte Sportfest. Es sollten leichte, dynamische und unpolitische Spiele werden, schreiben der Autor Markus Brauckmann und der Historiker Gregor Schöllgen in ihrem Olympia-Buch, eine populäre, locker geschriebene Darstellung. Markus Brauckmann:
„Die Olympischen Sommerspiele in München 1972 waren für die Deutschen das, was die Mondlandung für die Amerikaner war. Die Welt war zu Gast in Deutschland. Die Sicherheitsbelange wurden ein Stück weit zurückgestellt für das öffentlich-fröhliche Image dieser Spiele.“

Alles, nur nicht 1936

München 1972 war geplant als Gegenentwurf zu den Spielen von 1936 unter dem Hakenkreuz. Die leichte, scheinbar schwerelose Architektur des Münchner Olympiageländes, das moderne Design auf Plakaten, Schildern und Fahnen ohne Pathos und nationale Symbole sollten keine Erinnerungen an die NS-Vergangenheit aufkommen lassen. Berlin 1936 war von vornherein das Feindbild von München 1972, so Brauckmann und Schöllgen. Der Journalist und Historiker Sven Felix Kellerhoff kommt zu einem ähnlichen Befund.
„Die bunten, die farbigen, die fröhlichen Spiele von München, das genaue Gegenbild zum Olympiastadion in Berlin. Und wenn man damit vergleicht das Münchner Olympiastadion, dann ist das doch ein enormer Kontrast im positiven Sinne. Dazu dann das Konzept der fröhlichen Spiele, der Abwesenheit von Uniformen, all das war ein wunderbarer Fortschritt für die Selbstdarstellung Deutschlands und hat dann auch auf das Selbstempfinden Deutschlands zurückgewirkt.“
Während Kellerhoff das „Konzept der fröhlichen Spiele“ nur am Rande erwähnt, schildern Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen ausführlich das sportliche Geschehen. Sie widmen den Hostessen, „modernen, aufgeklärten Frauen“ ebenso ihre Aufmerksamkeit wie den Freizeit-Aktivitäten der Sportler „zwischen Lederhosen und moderner Architektur“. München avancierte zum Mittelpunkt der Welt, schreiben die Autoren.
„München 72 macht Olympia endgültig zu einem globalen Ereignis. Die Jugend der Welt trägt jetzt lange Haare, fordert die Autorität der Alten heraus und hat es nicht so mit dem Leistungsprinzip. Nach München kommen sie in Scharen, es ist das größte weltweite Treffen ihrer Generation in diesem jungen Jahrzehnt.“

Westdeutsches Sittengemälde

„München 72“ ist ein kleines Sittengemälde, eine unterhaltsame Lektüre. Die Autoren nehmen das gesellschaftliche und politische Umfeld in den Blick und vermitteln einen Eindruck vom damaligen Lebensgefühl und der Aufbruchsstimmung vieler Westdeutscher. Die Moral- und Wertvorstellungen waren freilich nicht frei von Sexismus und Rassismus.
„‘Wollen Sie wissen, wo die Sekretärinnen ihre Mittagspause verbringen?‘ fragt der offizielle Olympiaführer der Spiele allen Ernstes. Zum Geldwechsel liest man: ‚Wenn Sie nicht gerade Münzen aus dem hintersten afrikanischen Busch benötigen, wird Ihnen jede Bankfiliale helfen.‘“
Die Olympischen Spiele von München waren, darauf verweisen Brauckmann und Schöllgen wie auch Kellerhoff, ein beispielloses mediales Spektakel. Nicht nur die Wettkämpfe, auch Teile des Geiseldramas wurden live übertragen.

TV-Übertragung des Terrorakts

„Es sind gefesselte Israelis, die wir jetzt sehen, und die Gefesselten gehen jetzt langsam auf den Hubschrauber zu, werden hineingehoben, gestoßen. Jetzt setzt sich das Rotorblatt in Bewegung, wird immer schneller.“
„Der Anschlag am 5. September 1972 auf das Olympische Dorf war der erste Terroranschlag, der vor den Augen der Weltöffentlichkeit, soll heißen, vor den Augen von TV-Kameras stattfand, vor einem Milliardenpublikum. Und das ist tatsächlich ein Punkt, der erst mit dem 11. September 2001 in ähnlicher Form wieder erreicht worden ist.“
Sven Felix Kellerhoff konzentriert sich in seiner Darstellung auf den Anschlag vom 5. September und schildert minutiös den Ablauf des Geiseldramas. Wie in einem Thriller versieht er das Geschehen mit minutengenauen Zeitangaben vom Sonnenaufgang über die verstreichenden Ultimaten bis zum letzten Schusswechsel. Der Autor konnte dabei auf die staatsanwaltlichen Ermittlungsakten zurückgreifen, ohne wirklich neue Erkenntnisse beizusteuern. Der leicht reißerische Untertitel „Was 1972 in München wirklich geschah“ führt in die Irre.
Die Befreiungsaktion endete mit einem Desaster: Alle Geiseln waren umgekommen, fünf Terroristen getötet, ein deutscher Polizist erschossen. Eine verheerende Bilanz für die Einsatzkräfte und politisch Verantwortlichen.

Einsatzfehler und mangelnde Aufarbeitung

„Der 5. September 1972 hätte verhindert werden können, die Verantwortlichen haben nicht angemessen reagiert; sie haben vielmehr durch Fehler und Vertuschungsversuche die Tragödie noch schlimmer gemacht. Dabei waren sich die zuständigen Behörden durchaus im Klaren, dass es Gefahren durch Terroristen gab.“
Doch niemand zog persönliche Konsequenzen und trat zurück. Währenddessen verfasste die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Gefängniszelle ein Pamphlet und propagierte, wie Kellerhoff schreibt, das Münchner Massaker als beispielhafte Aktion des antiimperialistischen Kampfes.

Die heiteren und die weiteren Spiele

„The games must go on“, verkündete IOC-Präsident Avery Brundage am Morgen des 6. September bei der Trauerfeier für die ermordeten israelischen Sportler im Olympiastadion. Am Nachmittag wurden die Wettkämpfe fortgesetzt. Markus Brauckmann:
„Die Olympischen Spiele 72 in München, das Attentat teilt die eigentlich in zwei Teile: Es gab die heiteren Spiele, und es gab die weiteren Spiele. Diese ganz besondere Magie, die war eigentlich verschwunden.“
Die heiteren und die weiteren Spiele: Beide Bücher vermitteln auf sehr unterschiedliche Weise unmittelbare Eindrücke von München 1972.
Zum 50. Jahrestag des Olympia-Attentats soll am 5. September der Opfer gedacht werden. Doch noch immer kämpfen Angehörige der ermordeten Sportler um eine angemessene Entschädigung. Die geleisteten Zahlungen der Bundesregierung halten sie für zu gering, zumal damit keine deutsche Verantwortung oder ein Schuldeingeständnis für einen dilettantisch ausgeführten Befreiungsversuch verbunden gewesen sei. 
Markus Brauckmann, Gregor Schöllgen: „München 72. Ein deutscher Sommer“, DVA, 365 Seiten, 25 Euro.
Sven Felix Kellerhoff: „Anschlag auf Olympia. Was 1972 in München wirklich geschah“, wbg Theiss, 238 Seiten, 25 Euro.