Samstag, 21. Mai 2022

Schmerzmittel und andere Medikamente
Arzneimittelrückstände belasten arktische Gewässer

In den Küstengewässern vor Spitzbergen haben Forschende überraschend hohe Mengen an Ibuprofen und anderen Arzneimitteln gefunden. Verantwortlich für den Eintrag sind die in der Arktis weitgehend fehlenden Kläranlagen. Durch den zunehmenden Tourismus könnte sich das Problem noch verschlimmern.

Von Monika Seynsche | 09.05.2022

Spitzbergen , Koenigsfjord
In den Gewässern um Spitzbergen haben Forschende Rückstände von Schmerzmitteln, Antidepressiva und Antibiotika nachgewiesen. (picture alliance / photothek)
Der Kongsfjord sticht von der Ostküste Spitzbergens ein kurzes Stück ins Landesinnere. Ein abgeschiedener Fjord, umgeben von schnee- und gletscherbedeckten Berghängen, im direkten Austausch mit den gewaltigen Wassermassen des Nordpolarmeers. Am Südufer des Fjords liegt Ny-Ålesund: eine kleine Forschungssiedlung, die im Sommer von etwas mehr als 100 Menschen bewohnt wird; im Winter sind es gerade einmal 30. Und trotzdem hat Ida Beathe Øverjordet in den Tieren des Kongsfjords Ibuprofen und andere Schmerzmittel entdeckt, und zwar in überraschend hohen Konzentrationen, sagt die Ökotoxikologin des Forschungsinstituts SINTEF in Trondheim.
Sie habe auch andere Gruppen von Arzneimitteln gefunden, wie Antidepressiva und Antibiotika. Und das sowohl in Krebstieren als auch im Abwasser der Siedlung. Dort seien die Konzentrationen sogar noch höher als in den Küstengewässern direkt vor Oslo. Das beunruhigt die Forscherin.

"Arzneimittel könnten auch bei Tieren wirken"

„Diese Arzneimittel wurden ja entwickelt, um eine bestimmte Wirkung im Körper auszulösen und viele biologische Systeme sind bei Tieren und Menschen dieselben. Also könnten die Arzneimittel auch bei Tieren wirken, vielleicht auf die gleiche Art, vielleicht aber auch auf eine ganz andere. Es macht uns auf jeden Fall Sorgen, dass die Krebstiere diesen Stoffen ausgesetzt sind, die möglicherweise ihr Verhalten oder bestimmte Prozesse in ihrem Körper verändern.“
Die jetzt untersuchten Proben stammen aus dem Sommer 2018. Damals gab es in Ny-Ålesund noch keine Kläranlage und auch heute arbeitet dort nur eine sehr einfache. Wieviele Arzneimittel sie ins Meer entlässt, wollen die Forschenden in einem nächsten Schritt untersuchen. In Longyearbyen, dem größten Ort Spitzbergens, mit mehr als 2000 Einwohnern, gibt es immer noch keine Kläranlage. Alle Abwässer strömen ungeklärt ins Meer. Das sei ein arktisweites Problem, sagt Ida Beathe Øverjordet.

Fehlende Kläranlagen als arktisweites Problem

Die meisten der abgeschiedenen Siedlungen im Norden Grönlands, Norwegens, Russlands, Alaskas und Kanadas verfügten weder über genügend Strom für den Betrieb noch über ausreichende finanzielle oder logistische Mittel für den aufwändigen Bau einer Kläranlage im Permafrost. Außerdem fehlen oft gesetzliche Vorgaben. Spitzbergen etwa gehört zwar zu Norwegen, untersteht aber einer anderen Umweltgesetzgebung, die – anders als auf dem Festland – keine Kläranlagen vorschreibt.
Und dann gibt es noch die Kreuzfahrtschiffe, die jeden Sommer in großen Zahlen Touristen auf die Inseln bringen oder von dort mitnehmen. Schon zwölf Meilen von der Küste entfernt, dürfen diese Schiffe ihr Abwasser ungeklärt ins Meer ablassen. Das sei in der gesamten Arktis erlaubt, sagt Ida Beathe Øverjordet. Und wenn es den Schiffen erlaubt sei, dann täten sie es auch. Dabei sind Arzneimittelrückstände im kalten Wasser der Arktis ein wesentlich größeres Problem als in wärmeren Breiten.

Arzneimittel werden bei Kälte und Dunkelheit langsamer abgebaut

„Die niedrigen Temperaturen und die lange Dunkelheit führen dazu, dass die Arzneimittel langsamer abgebaut werden als im Süden. Denn in erster Linie ist es das Sonnenlicht, das diese Stoffe zersetzt und zwar umso schneller, je wärmer es ist. Wenn die Arzneimittel hier oben ins Wasser gelangen, erwarten wir, dass sie wesentlich länger in der Umwelt erhalten bleiben, als im Süden.“
Gleichzeitig steuern immer mehr Kreuzfahrtschiffe nah Norden, und je mehr Menschen die Arktis besuchen, desto größer wird das Problem. Es braucht also eine schnelle Lösung.