Samstag, 03. Dezember 2022

Steigende Extremtemperaturen
Außergewöhnliche Hitzewellen - der Klimawandel macht sie heißer

Die 27. Weltklimakonferenz steht unter dem Eindruck zunehmender Extremereignisse: So hatte sich voriges Jahr an der kanadischen Pazifikküste eine Hitzekuppel über das Land gelegt – mit Temperaturen von fast 50 Grad. Wäre das auch bei uns möglich?

Von Volker Mrasek | 15.11.2022

Ein Thermometer
Könnte auch in Deutschland das Thermometer auf rund 50 Grad Celsius klettern? (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann )
29. Juni 2021. In British Columbia an der kanadischen Pazifikküste tritt ein Hochdruckgebiet tagelang auf der Stelle. Im kleinen Ort Lytton klettert das Thermometer auf 49,6 Grad Celsius. Eine noch nie dagewesene Hitze!
„Diese Hitzewelle, die hat damals den Rekord vielerorts um fünf Grad nach oben verschoben.“ - Ein Temperatursprung, der auch den Klimaphysiker Helge Gößling verblüffte. Lytton liegt auf 50 Grad nördlicher Breite, genauso hoch wie Mainz zum Beispiel. Müssen wir also befürchten, dass es auch bei uns so extrem heiß werden könnte? Der Experte vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven hält das für unwahrscheinlich: „In British Columbia, da sind die vorherigen Rekorde ungefähr fünf Grad kühler gewesen. Aber auch das sind ja schon so was wie 44 Grad Celsius, die da schon vor vielen Jahrzehnten mal gemessen worden sind. Und bei uns, diese Rekorde, die irgendwie über 40 hinausgehen, die haben sich jetzt erst eingestellt.“ 
Konkret liegt der deutsche Hitzerekord seit Juli 2019 bei 41,2 Grad Celsius: "Also, wenn wir das jetzt auf Deutschland übertragen: Statt 41 Grad könnte man dann in ganz krassen Situationen auf 46 Grad vielleicht kommen. Aber das ist jetzt ein bisschen über den Daumen.“

Drastische Steigerungen in der Zukunft

Langfristig drohen uns allerdings solche unmenschlichen Temperaturen, wenn der Kampf gegen den Klimawandel von Staaten und Regierungen nicht ernster genommen wird. Das zeigen Computersimulationen von Helge Gößlings Arbeitsgruppe. In einem Klimaszenario versetzte sie den 25. Juli 2019 einfach in die Zukunft, in eine vier Grad wärmere Welt, verglichen mit vorindustrieller Zeit.
An diesem Sommertag vor drei Jahren wurde der neue deutsche Temperaturrekord aufgestellt. In Duisburg und in Tönisvorst bei Krefeld: „Und da haben wir jetzt festgestellt: Wenn es in der heutigen Welt 40 Grad waren, die an vielen Stellen gemessen wurden, dann wäre das ohne Klimawandel laut unserer Simulation circa 37 Grad gewesen. Also auch sehr heiß, aber eben nicht dieser Rekord. Und in der global vier Grad wärmeren Welt wären das sogar 47 Grad gewesen. Und da wird man dann hellhörig, weil das eben zehn Grad mehr sind als ohne Klimawandel.“
Zwei Dinge kommen dabei zusammen: Ein Hoch klemmt über Deutschland fest, und die Böden sind ausgetrocknet. Aus ihnen kann dann kein Wasser mehr verdunsten und die Luft kühlen: „Und was in unseren Simulationen passiert, ist, dass eben die Bodenfeuchte abnimmt. Und so kommen wir eben dann sogar auf diese sage und schreibe zehn Grad in dieser speziellen Wetterlage hier bei uns.“

Durchschnitt ist nicht gleich Spitze

Die 4-Grad-Welt ist zwar ein Szenario für den worst case. So schlimm muss und wird es hoffentlich nicht kommen. Doch schon heute legen die Spitzentemperaturen in gemäßigten Breiten stärker zu als die Mittelwerte. Das haben Professor William Boos und die gebürtige Chinesin Yi Zhang herausgefunden, Klimaphysiker an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Das Paar analysierte die sommerlichen Hitzewellen der letzten 40 Jahre.
William Boos: “Wir sehen in den Beobachtungen unterschiedliche Erwärmungsraten: Steigt die Durchschnittstemperatur um ein Grad Celsius, dann werden die stärksten Hitzewellen in mittleren Breiten um 1,9 Grad heißer.“
Yi Zhang: “Das mag nicht für jeden Ort in den gemäßigten Breiten gelten. Aber im Durchschnitt steigen die Extremtemperaturen dort doppelt so stark wie die mittleren Temperaturen. Man könnte das besorgniserregend nennen.“
Tatsächlich ist man vielerorts nicht ausreichend vorbereitet auf Hitze, die immer extremer zu werden droht. Auch nicht in Deutschland, wie der Wetterdienst wiederholt monierte: Nur in wenigen Städte gebe es bis heute geeignete Hitzeschutzpläne.