Montag, 04. Juli 2022

Zwischenkriegszeit
Christian Bommarius zeichnet ein Porträt des Jahres 1923

Hyperinflation, Hunger, Hitlerputsch, aber auch der Beginn der Goldenen Zwanziger: Das Jahr 1923 markiert eine politische, ökonomische und kulturelle Wende in Deutschland. „Im Rausch des Aufruhrs“ heißt das Buch von Christian Bommarius über diese Zeit.

Von Annette Wilmes | 11.04.2022

Ein Portrait des Autors Christian Bommarius und das Cover von "Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923"
Christian Bommarius bringt die Krisen und Chancen des Jahres 1923 nahe. (Cover dtv / Autorenportrait (c) Jens Oellermann)
Im Januar 1923 besetzten fünf französische und eine belgische Division das Ruhrgebiet mit der Begründung, die Lieferung ausstehender und zukünftiger Reparationen sichern zu wollen. Die deutsche Regierung rief zum "passiven Widerstand" auf. Arbeitslosigkeit und Inflation stiegen rapide an. 1923 war das Jahr der Hyperinflation. Christian Bommarius:
"Das war praktisch eine Art General-Enteignung, was in der Hyperinflation stattfand. Die Sparguthaben auf den Banken waren wirklich verdampft.“
Das Buch hat zwölf Kapitel, eins für jeden Monat des Jahres 1923. Sie beginnen jeweils mit zwei Fotoseiten aus diversen Archiven, mit einer Zusammenfassung der Ereignisse und dem Brotpreis, der von Monat zu Monat in unermessliche Höhen stieg. Im Januar kostete 1 Kilo Roggenbrot 250 Mark, im Dezember waren es 399 Milliarden Mark.

Die Altersvorsorge reicht noch für eine Tram-Fahrkarte

In Deutschland herrschte Hunger. Christian Bommarius beschreibt die Hungerkrawalle, aber auch traurige Einzelschicksale, zum Beispiel des Schriftstellers Maximilian Bern, der als Altersvorsorge 100.000 Mark zusammengespart hatte. 1923 war er 74 Jahre alt.
„Im Sommer 1923 sind die 100.000 Mark noch so viel wert, dass er sich eine Tram-Fahrkarte kaufen kann. Das macht er auch, fährt nach Hause und stirbt, verhungert.“
Ein anderes Beispiel für das Hungerelend ist die Geschichte des Familienvaters, der Pilze sammelt, weil er andere Lebensmittel nicht mehr bezahlen kann. Zwei seiner neun Kinder weigern sich, von dem Gericht zu essen, alle anderen können nicht widerstehen und sterben, wie die Eltern, an Pilzvergiftung. Andere nehmen sich das Leben mit Gas aus dem Küchenofen, weil sie Angst vor dem Hungertod haben. Im Zusammenhang mit diesen zahlreichen Suiziden schreibt Bommarius über den Schriftsteller und Philosophen Fritz Mauthner.
„Die zweite Auflage seines ‚Wörterbuchs der Philosophie‘ erscheint mit dem Plädoyer, den Begriff Selbstmord durch Freitod zu ersetzen. Er sei geneigt, schreibt er, den neuen, nicht ganz einwandfrei gebildeten Ausdruck Freitod dem alten und an die Sprache des Strafrechts erinnernden Wort Selbstmord vorzuziehen. Freitod erinnert ihn, wie Freitreppe, Freistatt, an etwas, das ins Freie führt, das Freiheit gewährt. Die Frage, worin die Freiheit liegt, wenn an die Stelle des Hungertods das Vergasen im Ofen tritt, diskutiert Mauthner nicht.“

Gesellschaft und Kultur

Bommarius weitet den Blick auf das Jahr: Thomas Mann schrieb 1923 seinen zweiten großen Roman „Der Zauberberg“, der 1924 erschien. Das Mappenwerk „Ecce homo“ von George Grosz wurde beschlagnahmt, Franz Kafka – besonders anrührend beschrieben – erlebte seine letzte Liebe vor seinem frühen Tod. Viele waren wie Kafka damals an Tuberkulose erkrankt. Auch der Dichter Klabund, dem die berühmte Schauspielerin Elisabeth Bergner zumindest für ein paar Jahre das Leben rettete. Sie saß mit ihrem Schauspielerkollegen Alexander Granach im Restaurant des Deutschen Theaters, als sie Klabund entdeckten, den Elisabeth Bergner bis dahin nur durch seine Gedichte kannte, und luden ihn an ihren Tisch ein.
"Und dann schlägt sie ihm vor, er möge doch den Kreidekreis bearbeiten für die Bühne, und er nimmt an. Und das Geld, das er dafür bekommt, ermöglicht es ihm, sich einer Operation zu unterziehen.“
Das Stück wird ein überwältigender Bühnenerfolg und inspiriert Bertolt Brecht zu seinem "Kaukasischen Kreidekreis". Klabund stirbt 1928 im Alter von 38 Jahren.
Christian Bommarius schreibt die Episoden in schnellem Wechsel, fast atemlos. Trotzdem gehen seine Erzählungen in die Tiefe. Eine besondere Rolle spielt Adolf Stein, alias „Rumpelstilzchen“, ein Major a.D., im Dienst des Medienunternehmers Alfred Hugenberg.
"Unter den 500 Festangestellten des Konzerns und 90 Redakteuren ragt Major a. D. Adolf Stein heraus. Als Hauptschriftleiter und damit Chef des konzerneigenen Deutschen Pressedienstes steuert er die von Hugenberg gewünschten Verleumdungskampagnen gegen die Republik und deren Präsidenten Friedrich Ebert. Adolf Stein liefert Rufmord.“

Die ganze Ambivalenz der Zwischenkriegszeit

Das Thema Liebe wird durch ein ungleiches Paar verkörpert, den deutschen Chansonschreiber Marcellus Schiffer und die junge französische Diseuse Margo Lion, die 1923 ihren ersten großen Erfolg auf Trude Hesterbergs Kabarett-Bühne feiert, mit einem Liedtext von Schiffer, der eine magere Frau beschreibt und mit der Frage endet: „man weiß nicht, ist es der Hungertod oder die neueste Linie der Mode?“ – vorgetragen mit französischem Akzent.
„Dass man überhaupt französische Akzente ausgehalten hat. Damals gab es einen Hass auf Frankreich, auf allen Ebenen in Deutschland. Die Franzosen waren unten durch in Deutschland.“
Bommarius schreibt über das Hungerelend, über den Antisemitismus, über den erstarkenden Nationalsozialismus, über den Hitlerputsch und über Gustav Stresemann, unter dessen Regierung es schließlich mit der Einführung der Rentenmark gelang, die Währung zu stabilisieren. Er schreibt über Fakten, gesammelt aus Zeitungen, Autobiographien und aus Tagebüchern, die er in verschiedenen Archiven gefunden hat. Es gibt keine fiktiven Elemente, auch wenn man das mitunter vermuten könnte, so gut sind die Episoden erzählt. Das Jahr 1923 markierte das Ende der Nachkriegszeit und den Beginn der Goldenen Zwanzigerjahre, in seiner ganzen Ambivalenz „im Rausch des Aufruhrs“ glänzend beschrieben.
Christian Bommarius: "Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923“, dtv, 344 Seiten, 24 Euro.