Samstag, 20. August 2022

Unerwünschter Nährstoffeintrag
Wenn Hundekot ein Problem für die Natur darstellt

In der Stadt müssen Hundehalter die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner beseitigen. Beim Gassi-Gehen in freier Natur bleiben Hundehaufen aber meist liegen. Eine Studie aus Belgien zeigt: Dadurch landet eine Extraportion Stickstoff und Phosphor im Boden - was sich in Naturschutzgebieten schädlich auswirkt.

Von Volker Mrasek | 07.02.2022

Ein Hund verrichtet sein Geschäft auf einer Wiese
Ein Hund verrichtet sein Geschäft auf einer Wiese (dpa / picture alliance / Flurian Schuh)
Wenn Bauern auf ihren Feldern Stickstoff-Dünger im Übermaß ausbringen, kann das am Ende die Umwelt belasten. Vielen natürlichen Ökosystemen bekommen die zusätzlichen Nährstoff-Einträge nicht, ihre Artenzusammensetzung verändert sich dadurch. In der Fachzeitschrift "Ecological Solutions and Evidence" berichten belgische Biologen von einer bisher vernachlässigten Quelle von Stickstoff und auch von Phosphor in der Natur: Hundekot. Um Überdüngung zu reduzieren, sollten Hundehalter auch in Naturschutzgebieten den Kot ihrer Tiere aufsammeln.
Nicht Schafe, sondern Hunde zählen – das war rund anderthalb Jahre lang der Job von Forschern aus dem Wald- und Naturlabor der Universität Gent. Alle paar Tage suchten sie vier Naturschutzgebiete rund um die belgische Stadt auf, getrieben von einer delikaten Frage. Studienleiter Pieter De Frenne wollte wissen: Was häuft sich an Exkrementen an, wenn die Tiere in der Natur spazieren geführt werden?
“Insgesamt haben wir mehr als 1.600 Hunde gezählt – im Durchschnitt drei bis vier Tiere pro Tag und Hektar Naturfläche. Wir gehen davon aus, dass jeder Hund beim Ausführen 100 Gramm Kot abgegeben hat und ein Viertel seiner täglichen Urinmenge. Diese Zahlen leiten wir aus früheren Studien anderer Forscher ab.“

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Hundehaufen enhalten Stickstoff- und Phosporverbindungen

Die Ausscheidungen der Hunde sind reich an Stickstoff. Auch diese Menge ist bekannt. Die Arbeitsgruppe des Botanikprofessors rechnete sie hoch – und kommt zu einem erstaunlichen Resultat: “Unsere Hochrechnungen für Belgien beziehungsweise für Flandern ergeben, dass Hunde ziemlich viel Stickstoff in Naturschutzgebieten deponieren. Und zwar halb so viel wie Landwirtschaft, Verkehr und Industrie zusammen. In Belgien tragen diese Quellen schätzungsweise 22 Kilogramm Stickstoff pro Jahr und Hektar in Ökosysteme ein. Durch Hunde kommen nach unseren Ergebnissen weitere elf Kilogramm hinzu, was bisher übersehen wurde. Das ist eine beträchtliche Extraportion Stickstoff.“

Durch Überdüngung werden wertvolle Arten verdrängt

Stickstoff ist ein wichtiger Nährstoff für Pflanzen. Im Übermaß aber wirkt er sich schädlich aus und verändert Ökosysteme. Denn er begünstigt Stickstoff-liebende Arten wie die Brennessel. Andere Pflanzen aber verschwinden, darunter auch schützenswerte, so der Ingenieur für Biowissenschaften: “Wir haben nicht untersucht, welche Pflanzen es genau sind, die durch die Hunde-Exkremente zurückgehen. Aber wenn mehr Stickstoff in Naturschutzgebieten vorhanden ist, dann verdrängen Arten wie die Brennnessel andere wertvolle Pflanzen. Darunter sind zum Beispiel Orchideen. Ihre Bestände nehmen ab, wenn der Boden zu viel Stickstoff und Phosphor enthält.“
Phosphor ist ein weiterer Nährstoff, der Ökosysteme in zu großen Mengen verändert und den Hunde mitausscheiden: “Selbst wenn man unterstellt, dass alle Hunde an der Leine geführt werden und ihr Geschäft nur am Wegrand verrichten, ist das ein Problem. Denn häufig sind auch die Wegsäume in Naturschutzgebieten aus botanischer Sicht sehr wertvoll.“

Hundehaufen einsammeln - auch in Naturschutzgebieten

De Frenne hält es für ratsam, Hundehalterinnen und -halter über das Problem aufzuklären. Wie in der Stadt sollten sie den Kot ihrer Tiere auch dann aufsammeln, wenn sie in Naturschutzgebieten der Umgebung unterwegs sind. So ließe sich die Überdüngung der wertvollen Ökosysteme deutlich reduzieren. Denn in den festen Ausscheidungen stecken im Verhältnis mehr Nährstoffe als im Urin: “Die Ausscheidungen von Stickstoff stammen jeweils zur Hälfte aus dem Kot und aus dem Urin der Hunde. Aber im Fall von Phosphor ist der Kot fast die alleinige Quelle, mit einem Anteil von 97 Prozent.“
In besonders sensiblen Bereichen von Naturschutzgebieten sollte Hunden zur Not der Zutritt verwehrt werden, sagt der belgische Botaniker. Ersatzweise könne man ja Ausführzonen an weniger problematischer Stelle ausweisen, schlägt De Frenne vor.

In Deutschland dürfte die Situation ähnlich sein

Christoph Leuschner findet die Analysen seines belgischen Kollegen interessant. Der Professor für Pflanzenökologie an der Universität Göttingen sagt, ihm sei bislang keine vergleichbare Studie zu den ökologischen Nebenwirkungen von Hundekot in der Natur bekannt: "Das ist ja eine punktuelle Quelle von Stickstoff und Phosphor, die man zwar vielleicht im Kopf hatte, aber nie so richtig auch in Bilanzen drin hatte.”                                                                             
In Deutschland käme man sicher zu vergleichbaren Zahlen, schätzt Christoph Leuschner: “Ich vermute mal, dass die Hundedichten da ähnlich sind. Ich habe eine Zahl im Kopf, dass in ganz Deutschland so knapp elf Millionen Hunde gehalten werden - was wohl auch in Zeiten der Corona-Pandemie nochmal stark zugenommen hat. Das sind ja schon enorme Zahlen!”
Und sicher auch enorme Nährstoffmengen, die beim Gassi-Gehen und Geschäft-Verrichten in der Natur hinterlassen werden.