Freitag, 19. August 2022

Afghanistan unter den Taliban
Kambiz Ghawami: "Bildung spielt für sie keinerlei Rolle mehr"

Wie unter der ersten Taliban-Herrschaft würden aktuell wieder alle Mädchen und Frauen in Afghanistan von Bildung abgeschnitten und Forschung eingeschränkt, beklagte Kambiz Ghawami vom World University Service im Dlf. Mit Onlineseminaren solle verhindert werden, dass eine verlorene Generation heranwachse.

23.12.2021

Afghanische Frauem demonstrieren in Kabul im Oktober 2021 für ihr Recht auf Bildung und Arbeit
Afghanische Frauem demonstrieren in Kabul im Oktober 2021 für ihr Recht auf Bildung und Arbeit (picture alliance / AA | Bilal Guler)
Seit der Machtübernahme der Taliban Mitte August droht Afghanistan eine akademische Rückentwicklung. Die selbsternannten Gotteskrieger wollen Staat und Gesellschaft radikal verändern, haben Schulen und Universitäten geschlossen. Vor allem Mädchen und junge Frauen sind von jeglicher Bildung ausgeschlossen.

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"Verhöhnung des Islam"

Kambiz Ghawami ist Vorsitzender des deutschen Komitees des World University Service, einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation aus weltweit insgesamt 50 Komitees. Diese setzt sich global für das Recht auf Bildung ein. Ghawami entwickelt mit Kolleginnen und Kollegen den Aufbau einer afghanischen Exil-Onlineuniversität. Er wirft den Taliban vor, ihre „Steinzeitideologie“ aus dem Islam abzuleiten: „Das ist letztendlich eine Verhöhnung einer Religion, weil diese Vorstellungen finden Sie an keiner Stelle des Korans“, so Ghawami. „Wenn Sie sehen, welche Bedeutung Bildung im Koran hat, im Islam hat, dann ist das ein absoluter Widerspruch.“

Mit Onlineseminaren Zugang zu Bildung ermöglichen

Onlineuniversitäten sollen nun dabei helfen, vielen Afghaninnen und Afghhanen - Flüchtlingen im Exil und den verbliebenen Menschen im Land - dennoch ein Studium zu ermöglichen. Man wolle Alternativen bieten, "damit hier keine verlorene Generation heranwachsen muss, sondern eine Generation, die weiß, was akademische Freiheit bedeutet, die weiß, was der Zugang zu modernen Gedanken letztendlich bedeutet, und die dann auch in der Lage sein wird, hoffentlich eines Tages ein selbstbestimmtes und freies Afghanistan mit aufzubauen", so Ghawami.

Das Interview im Wortlaut
Stefan Heinlein: Sie haben engen Austausch mit vielen Afghaninnen und Afghanen, zuletzt Mitte Dezember auf einer von Ihnen organisierten Konferenz mit Exilvertretern des afghanischen Bildungswesens. Herr Ghawami, wie lässt sich aktuell die Situation an den Schulen und Hochschulen in Afghanistan beschreiben?
Kambiz Ghawami: Die Situation an den Schulen ist desolat. Mädchen ab zwölf Jahren dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Lehrerinnen sind quasi arbeitslos geworden und es wird wieder eine verlorene Generation geben, genauso wie es schon mal zwischen 1997 und dem Jahre 2001 war, wo die Taliban ja schon mal geherrscht haben. Auch damals haben sie alle Mädchen ab zwölf quasi von der Bildung abgeschnitten. Ob der Schulbesuch oder auch später ein Universitätsbesuch oder eine Berufsausbildung – all das ist den Mädchen verwehrt worden, und dasselbe praktizieren sie jetzt wieder.
Schulen sind wie gesagt nicht mehr für die Mädchen erreichbar und die Universitäten sind auch nicht mehr offen für Studentinnen, auch nicht für Wissenschaftlerinnen oder Frauen, die an den Universitäten gearbeitet haben. Die Taliban haben wieder ein Déjà-Vu erzeugt und man weiß, wie das weitergeht. Das bedeutet, dass Bildung im Grunde für sie keinerlei Rolle mehr spielt. Unmittelbar nach der Machtergreifung in Kabul hat der damals neuinstallierte Hochschulminister in einer Pressekonferenz gesagt: Was wollt ihr eigentlich mit der Bildung, wir Taliban haben auch teilweise nicht die Schulen besucht, haben keine Universitäten besucht, und trotzdem sind wir jetzt die Sieger dieses Kampfes geworden.

Mit Online-Universitäten "ein Zeichen der Hoffnung setzen"

Heinlein: Herr Ghawami, wenn Sie mit den jungen Afghaninnen reden auf Ihrer Konferenz, wie ist die Gefühlslage bei den jungen Mädchen und Frauen vor Ort? Wie muss man sich das vorstellen? Ist das eine Mischung aus Resignation, Wut, Verzweiflung oder vielleicht sogar Angst?
Ghawami: Es ist Angst vorhanden wegen den nach wie vor in Afghanistan lebenden Verwandten, Freunden, Bekannten. Deswegen traut man sich auch nicht so ganz an die Öffentlichkeit. Aber auf der anderen Seite ist es bemerkenswert, dass sie ihre Wut, ihre Angst umgewandelt haben in eine große Hoffnung, eine Hoffnung mit einer Exil-Online-Universität doch ein wenig Bildung, ein wenig Studienmöglichkeiten wieder zu ermöglichen. Das heißt, durch Nutzung der modernen Technik eines Internets, einer Online-Plattform gibt es die Hoffnung, hier für diejenigen, die noch in Afghanistan sind, aber insbesondere auch für die Millionen, die in den Flüchtlingslagern leben, ein Zeichen der Hoffnung zu setzen.
Deswegen haben wir diese Konferenz organisiert. Deswegen gibt es jetzt mittlerweile eine Konzeption, wie man für mindestens 5.000 Studienplätze in zehn unterschiedlichen Studiengängen, insbesondere Studiengängen der Geistes- und Sozialwissenschaften, also den Studiengängen, die die Taliban schon verboten haben, Alternativen zu bieten, damit hier keine verlorene Generation heranwachsen muss, sondern eine Generation, die weiß, was akademische Freiheit bedeutet, die weiß, was der Zugang zu modernen Gedanken letztendlich bedeutet, und die dann auch in der Lage sein wird, hoffentlich eines Tages ein selbstbestimmtes und freies Afghanistan mit aufzubauen.

"Die Taliban haben sich zum Schlechteren verändert"

Heinlein: Herr Ghawami, über Ihre Online-Universität können wir gleich noch sprechen. Können Sie uns vielleicht davor aus Sicht der Afghaninnen und Afghanen erläutern, welche Ziele die Taliban mit dieser Schließung der Universitäten im Blick haben. Warum sind diese Bildungseinrichtungen offenbar eine Bedrohung für diese radikalen Islamisten?
Ghawami: Weil sie ihr gesamtes Weltbild, ihr gesamtes Bild einer Gesellschaft des Menschen gefährden würden. Sie leben in einer Steinzeitideologie, die jeglicher Art von Selbstbestimmung, jeglicher Art von freien Gedanken widerspricht, und diese Ideologie leiten sie angeblich aus dem Islam ab, und das ist letztendlich eine Verhöhnung einer Religion, weil diese Vorstellungen finden Sie an keiner Stelle des Korans. Das ist eine Missinterpretation und dient letztendlich nur einer Ideologie, die jegliche Legitimation weder im Koran, noch an anderen Stellen ableiten lässt. Deswegen ist das eine schier unglaubliche Vorstellung. Wenn Sie sehen, welche Bedeutung Bildung im Koran hat, im Islam hat, dann ist das ein absoluter Widerspruch.
Heinlein: Die Hoffnung, die man immer wieder hört, Herr Ghawami, dass die Taliban sich geläutert hätten in den letzten Jahren, ist inzwischen geplatzt, wenn ich Sie so höre. Afghanistan geht mit den Taliban intellektuell zurück ins Mittelalter. Kann man das so sagen?
Ghawami: Absolut! Auf der Konferenz war zum Beispiel der bisherige Präsident der Universität Kabul. Der hat gesagt, die Taliban haben sich verändert, aber sie haben sich zum Schlechteren verändert, weil sie die Lehren aus ihrer vierjährigen Regierungszeit und deren abruptes Ende gezogen haben, und er hat schlichtweg festgestellt, ja, sie haben sich verändert, aber zum Schlechteren. Statt dass sie gelernt haben und sich im positiven Sinne weiterentwickelt haben, haben sie sich laut Einschätzung vieler noch stärker radikalisiert, und das sieht man ja auch, was sie in den letzten Wochen und Monaten nach ihrer Machtergreifung in Kabul letztendlich auch praktizieren.

"Ein sehr großes Zeichen der Solidarität"

Heinlein: Viele Wissenschaftler, Lehrerinnen und Dozentinnen sind ins Exil geflohen, waren bei Ihnen auf der Konferenz. Herr Ghawami, wie verändert ein solcher Brain Drain, dieser Fortgang der akademischen Elite ein Land? Welche Folgen hat eine akademische Dürre, wie wir sie jetzt in Afghanistan erleben?
Ghawami: Ja, es verhindert schlichtweg die weiteren Möglichkeiten, im Lande selbst einen akademischen Diskurs zu führen. Es verhindert die Fortentwicklung des Landes auf allen Ebenen, wenn letztendlich Studienmöglichkeiten, Forschungsmöglichkeiten abrupt abgeschnitten wurden, und die Menschen haben letztendlich nur versucht, ihr Leben zu retten. Aber neben dem eigenen individuellen Bedürfnis nach Sicherheit sind sie jetzt zusammengekommen, um Alternativen zu entwickeln, um auch eine Möglichkeit zu geben, trotz der Herrschaft der Taliban hier Studienmöglichkeiten zu eröffnen, weil sie sehr stark orientiert sind an der nächsten Generation. Man darf diese junge Generation nicht den Taliban alleine überlassen.
Das ist das Hauptmotiv vieler afghanischer Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen, die jetzt im Exil leben, nicht nur hier in Deutschland, sondern in vielen Staaten der Welt. Es hat zum Beispiel auch ein Kollege aus Kanada teilgenommen und wir haben seit dieser Konferenz am 10., 11. Dezember sehr, sehr viele Anfragen von Afghanen und Afghaninnen aus unterschiedlichen Ländern bis hin nach Australien bekommen, die bereit sind, aktiv mitzuarbeiten. Das ist ein sehr großes Zeichen der Solidarität derjenigen, die es ins Exil geschafft haben, aber dort nicht nur quasi sich um ihre eigene Sicherheit kümmern, sondern auch etwas leisten wollen für diejenigen, die das nicht geschafft haben, und auch insbesondere für diejenigen, die in den Flüchtlingslagern rund um Afghanistan leben müssen. Die haben ja keine Chance, nach Europa oder Nordamerika oder sonst wohin auszuwandern, sondern sie leben teilweise schon seit Jahren in diesen Flüchtlingscamps.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.