Freitag, 20. Mai 2022

Coronavirus
Langzeitstudie konnte keine klaren Treiber für Infektionsgeschehen feststellen

Forschende der Universität Lübeck haben zu Beginn der Pandemie rund 3.000 Menschen über ein Jahr auf Corona-Infektionen untersucht. Dabei habe man keine klaren Treiber der Pandemie erkennen können, sagte die Projektsprecherin Christine Klein im Dlf. Der Tourismus sei zum Beispiel 2020 sicher gewesen.

Christine Klein im Gespräch mit Ralf Krauter | 22.04.2022

Schild mit der Aufschrift Maskenpflicht, Hinweis für die Pflicht zum Tragen einer medizinischen Schutzmaske.
Corona-Maßnahmen wie die Maskenpflicht oder das Abstandhalten waren wirksam, zeigt eine Langzeit-Kohorten-Studien vom Institut für Neurogenetik der Uni Lübeck. (picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer)
Wie, wo und wann infizieren sich Menschen in Deutschland mit Corona? Auch im dritten Jahr der Pandemie lässt sich das nicht klar beantworten, um das Infektionsgeschehen effizient zu steuern. Deshalb fordern Fachleute schon länger Langzeit-Kohorten-Studien, bei denen der Infektionsstatus einer repräsentativen Anzahl von Menschen regelmäßig erfasst wird.
In Norddeutschland wurde im April 2020 die Langzeit-Kohorten-Studie ELISA gestartet. Dafür wurden ein Jahr lang rund 3.000 Menschen im Raum Lübeck auf das Auftreten einer Corona-Infektion untersucht. Die Auswertung von rund 20.000 PCR- und Antikörper-Tests, die bis März 2021 gemacht wurden, und von 90.000 App-basierte Fragebögen ist inzwischen erfolgt. Was bei der Langzeit-Kohorten-Studie ELISA herauskam, beschreiben die Forscher um Professorin Christine Klein vom Institut für Neurogenetik der Universtiät Lübeck im Fachmagazin "Science Advances".

Ralf Krauter: Frau Klein, welche zentralen Erkenntnisse hat die Langzeit-Kohorten-Studie ELISA erbracht?
Christine Klein: Das Erste war, dass tatsächlich am Ende dieses ganzen ersten Jahres nur 3,5 Prozent dieser Lübecker Bevölkerung überhaupt Antikörper hatten, sprich: Die Durchseuchung war immer noch sehr, sehr gering vor immerhin nur einem Jahr. Das war ein ganz wesentliches Ergebnis.
Das nächste spannende Ergebnis war, dass am Anfang natürlich die Dunkelziffer enorm hoch war, das hatten wir auch erwartet, die betrug circa 90 Prozent, also nur eine von zehn Personen wusste überhaupt, dass er oder sie Corona gehabt hat. Am Ende der Studie – natürlich wurde dann viel getestet inzwischen – war die Dunkelziffer bei knapp unter 30 Prozent, das ist natürlich ein enormer Rückgang. Auf der anderen Seite kann man auch sagen: Immerhin wusste immer noch eine von drei Personen nicht, dass er oder sie es gehabt hatte.(*) Das sind vielleicht wesentliche Dinge – und im Verlauf gerne noch mehr.

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"Höchstes Ansteckungsrisiko unter Krankenschwestern"

Krauter: Die Datennahme endete im März 2021, das heißt über die später dann grassierenden Virusvarianten Delta und Omikron verrät Ihre Analyse erst mal nichts. Trotzdem die Frage: Was waren denn im Untersuchungszeitraum die maßgeblichen Treiber des Infektionsgeschehens im Großraum Lübeck?
Klein: Insgesamt war die Prävalenz, also das Vorkommen der Erkrankung beziehungsweise in dem Fall der Antikörper, im Norden niedrig. Man kann gar nicht sagen, dass wir ganz klare Treiber herausgefunden hätten. Wir haben aber, gerade weil wir schon annahmen, dass die Zahlen insgesamt nicht so hoch sind, uns noch Risikogruppen herausgesucht in dem Sinne, dass wir uns Gruppen besonders angeschaut haben, die vielleicht ein besonders hohes Infektionsrisiko hatten – wie zum Beispiel medizinisches Personal, aber auch Lehrer und Lehrerinnen und so weiter. Und da ist tatsächlich herausgekommen, dass sich das höchste Ansteckungsrisiko unter den Krankenschwestern befand, aber auch Studierende ein höheres Risiko hatten, Feuerwehrleute, Polizei und so weiter.
Umgekehrt konnten wir zeigen, was eben gerade nicht das Infektionsgeschehen trieb, auch das ist ja eine sehr wichtige Erkenntnis. Und das gilt zum Beispiel für den Tourismus, der im Sommer 2020 ja hier sehr, sehr aktiv war, sogar noch aktiver als im Vorjahr, interessanterweise. Trotzdem gab es zu dem Zeitpunkt überhaupt keinen Anstieg der Infektionszahlen.

Masken und Abstandhalten waren wirksam

Krauter: Vor dem Hintergrund: Welche Infektionsschutzmaßnahmen waren denn retrospektiv betrachtet jetzt sinnvoll?
Klein: Das ist eine ganz entscheidende Frage, die allerdings nicht ganz so einfach zu beantworten ist. Wenn man das wissenschaftlich sauber machen möchte, muss man das natürlich prospektiv, das heißt in die Zukunft blickend machen und braucht eine Vergleichsgruppe, also beispielsweise eine Gruppe, die Masken trägt und eine, die keine Masken trägt. Nur dann kann man mit Sicherheit sagen, das war jetzt der effektivste Infektionsschutz. Aber so eine Studie gibt es nicht. Und tatsächlich ist auch unsere Kohortenstudie relativ einzigartig. Über diese gesamte Dauer von Beginn an gibt es eigentlich sonst gar nichts.
Trotzdem kann man mit Sicherheit, wirklich fast mit Sicherheit sagen, dass das Tragen von Masken, das Abstandhalten und natürlich auch in den Hochzeiten der Pandemie die Lockdown-Maßnahmen ganz sicher wirksam waren, das ist überhaupt keine Frage.

ÖPNV war kein Treiber

Krauter: Sie kommen allerdings auch zu dem Schluss, dass zum Beispiel das Nutzen des öffentlichen Nahverkehrs keine Erhöhung des Infektionsrisikos mit sich gebracht hat. Wie übertragbar sind denn solche Erkenntnisse auf Regionen mit deutlich höherer Inzidenz, wie wir sie jetzt zum Beispiel an vielen Orten in Deutschland haben?
Klein: Das ist eine wichtige Frage. Wenn das Infektionsgeschehen viel aktiver ist, steigt das Ansteckungsrisiko entsprechend. Trotzdem war es und ist es immer noch so im öffentlichen Nahverkehr, dass auch durch das Tragen von Masken dort ein relativ guter Schutz erzielt worden ist, und natürlich wir inzwischen die doch relativ hohe Impfquote haben, sodass insgesamt von einer sicheren Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs ausgegangen werden kann. Wobei man auch sagen muss, auch in Lübeck war zwischenzeitlich ein sehr aktives Infektionsgeschehen zu verzeichnen, auch da hatten wir dann keinen Peak zum Beispiel in den Ansteckungen im öffentlichen Nahverkehr, dass wir verzeichnen konnten, das hat es einfach nicht gegeben.
Ein Mann sitzt mit FFP2-Maske in einer U-Bahn in Berlin.
Das Tragen von Masken im öffentlichen Nahverkehr biete weiterhin einen guten Schutz, so die Wissenschaftlerin Klein (Christoph Soeder/dpa)

"Der Tourismus im Sommer 2020 war sicher"

Krauter: Und das Ergebnis, dass der Tourismus in der Region Lübeck kein Treiber des Infektionsgeschehens war, wäre das auch haltbar im Lichte der neuen Virusvarianten, die wir seitdem gesehen haben?
Klein: Natürlich muss man das Ganze in dem Lichte betrachten, dass wir im Sommer 2020 enorm niedrige Zahlen hatten. Das Risiko, sich anzustecken, war zu dem Zeitpunkt einfach niedrig. Trotzdem hatte man Angst, dass die vielen Touristen, die kamen, das Infektionsgeschehen antreiben könnten. Das ist zum Glück nicht geschehen.
Die neuen Virusvarianten, wie wir wissen, sind noch mal deutlich ansteckender als die, mit denen wir es zunächst zu tun hatten. Insofern kann man natürlich davon ausgehen – und genau das sehen wir jetzt auch –, viele Rückkehrer, Rückkehrerinnen aus Skiurlauben und so weiter bringen jetzt doch wieder Infektionen mit.
Es ist tatsächlich immer letztlich eine Frage des Infektionsschutzes und natürlich der Prävalenz. Aber bei einer stabilen Prävalenz und guten Schutzmaßnahmen, kann man sich auch etwas trauen, sprich: Der Tourismus im Sommer 2020 war sicher und es war entsprechend auch richtig, dass der so stattgefunden hat.

Lehren für die nächste Corona-Welle

Krauter: Was wären denn aus Ihrer Sicht die Lehren, die wir aus Ihrer Langzeitstudie im Raum Norddeutschland jetzt für die nächste Corona-Welle im Herbst deutschlandweit ziehen können?
Klein: Da würden wir natürlich sehr gerne einfach noch mal weitergehen, das steckt im Prinzip auch schon hinter jeder Ihrer Fragen, das ist schön, dass wir das jetzt bis letztes Jahr so machen konnten, aber spannend ist natürlich, was ist jetzt passiert im letzten Jahr, was haben die Impfungen entsprechend gebracht, wie hoch ist da eigentlich die entsprechende Antikörperrate und natürlich auch die Durchseuchung mit den ansteckenderen neuen Varianten. Das untersuchen wir tatsächlich aktuell, da haben wir nur noch keine Ergebnisse, da trudeln gerade die Ergebnisse ein. Da sind wir sehr gespannt.
Und wir hoffen auch, das ist unser Ziel, dass wir im Sommer und auch im Herbst noch mal zwei neue Erhebungszeitpunkte machen können, um dann genau zu schauen, wie geht es tatsächlich auch weiter, welche Varianten gibt es vielleicht dann, wie entwickelt sich das Infektionsgeschehen.
Und die allgemeine Erkenntnis aus unserer Studie ist sicherlich, dass es möglich ist, mit so einer stabilen Kohorte zu arbeiten. Die macht in unserem speziellen Fall ziemlich genau ein Prozent der lokalen Bevölkerung aus. Es ist sehr gut möglich, das Infektionsgeschehen mit der Surveillance der Bevölkerung von nur einem Prozent sehr, sehr genau abzubilden. Von daher ist das vielleicht auch eine Methode, die man eben sehr gut anwenden kann, um weiteres Infektionsgeschehen zu beobachten, zu monitoren und dann natürlich entsprechend frühzeitig zu reagieren, wenn es denn nötig wäre.
Krauter: Das heißt, die Botschaft wäre, lasst uns darüber nachdenken, ob wir ähnliche Studien bundesweit regional auflegen?
Klein: Unbedingt, absolut, das wird ja auch vielfach gefordert. Und in der Tat hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung aktuell eine neue Initiative im Blick, an der wir uns hoffentlich auch beteiligen können, wo genau das passieren soll, wo deutschlandweit tatsächlich jetzt noch mal im Sommer, vielleicht auch im Herbst genau ein solches Surveillance-Konzept umgesetzt werden soll.
[*] Anmerkung der Redaktion: Die Interviewpartnerin hat sich hier versprochen. Zum besseren Verständnis haben wir den Satz korrigiert.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.