Mittwoch, 01. Februar 2023

James-Webb-Weltraumteleskop
Die Astronomie feiert ihren neuen Star

Auf der Wintertagung der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft, dem größten jährlichen Treffen der Himmelsforschung, diskutieren rund 3.000 Fachleute die neuesten Trends. Ein Thema versetzt die Experten dieses Jahr geradezu in Extase.

Von Dirk Lorenzen | 11.01.2023

Im Dunkelnebel L1527 – hier aufgenommen vom James-Webb-Teleskop – entsteht gerade ein Stern
Im Dunkelnebel L1527 – hier aufgenommen vom James-Webb-Teleskop – entsteht gerade ein Stern (NASA/ESA/CSA)
James-Webb-Teleskop ist das Zauberwort, das fast überall zu hören ist. Das Weltraumteleskop ist seit einem halben Jahr im Routinebetrieb. Die Fachleute haben mehr als zehn Jahre Verspätung hinnehmen müssen – und sind nun von den Daten verzückt. Zu Beginn der Konferenz hat Jane Rigby, eine bei der NASA für James Webb verantwortliche Astronomin, einen mitreißenden Vortrag zum neuen Teleskop gehalten – wie anstrengend die Inbetriebnahme war, aber wie gut es nun arbeitet und was man erwarten darf. Am Ende standen die mehr 1000 Menschen im völlig überfüllten Vortragssaal auf und jubelten. Das habe ich bei der sonst eher reservierten Fachwelt noch nicht erlebt.

Wie steht es um das James-Webb-Teleskop?

Noch viel besser als erwartet. Es ist viel lichtempfindlicher als man geplant hatte und sieht auch viel schärfer. Man kann vorher viel planen, aber die Wahrheit zeigt sich dann im All. James Webb ist ein ganz großer Wurf. Die Industrie hat perfekt gearbeitet. Es gibt nicht die geringsten Staubspuren auf dem Spiegel. Das Teleskop, das vor allem die Infrarot- oder Wärmestrahlung der Objekte im All empfängt, ist nur durch das natürliche Glimmen im Kosmos begrenzt – es gibt keine Störstrahlung von Sonne und Erde. Der Hitzeschild, der die abhält, arbeitet perfekt. Und auch im Teleskop gibt es keine Verunreinigungen, wie Staub, die mit ihrer minimalen Strahlung stören.

Also alles rosig beim neuen Superstar der Astronomie?

Fast. Etwas Sorge bereiten die Mikrometeoriten – winzige Partikel aus dem All, die auf den Spiegel des Teleskops treffen. Davon gibt es ein bis zwei leichte Treffer im Monat. Schon im Mai letzten Jahres gab es aber einen schweren Treffer, den man nur alle fünf Jahre erwartet. Der hat eines der 18 Spiegelsegmente beschädigt, was noch nicht dramatisch ist. Erst nach neun weiteren Treffern dieser Art wäre der Spiegel schlechter als vor der Mission angesetzt. Mark Clampin, Chef der Astrophysik-Abteilung der NASA, sagte aber, man werde wohl nicht noch einmal ein Teleskop ins All schicken, das keinen Tubus habe. James Webb ist eine ganz offene Gitterstruktur. Damit ist der Spiegel „verwundbarer“, als wenn er in einer „Röhre“ steckte.

Gab es schon erste wissenschaftliche Überraschungen?

Ein Team stellte 87 Galaxien vor, die es auf James-Webb-Aufnahmen entdeckt hat und die zum Teil offenbar schon leuchteten, als der Kosmos erst 200 bis 400 Millionen alt war – damit blickt James Webb in einen Bereich, den das Hubble-Teleskop gar nicht beobachten kann. Es erforscht also völliges Neuland. Weitere Beobachtungen müssen klären, ob diese Galaxien tatsächlich so früh nach dem Urknall existiert haben. Aber selbst wenn es nur für die Hälfte zutreffe, wäre es eine große Überraschung. Kaum jemand hat erwartet, dass sich so schnell Galaxien bilden konnten.

Müsste dann das Modell von der Entwicklung des Universums angepasst werden?

Ja, das wäre vielleicht der Anfang eines Umsturzes. James Webb könnte zeigen, dass das Universum ganz schnell nach dem Urknall Sterne und Galaxien gebildet hat. Das lässt sich bisher nicht erklären. Vielleicht verhält sich die Materie im All doch anders als bisher gedacht. Womöglich sind aber auch gleich beim Urknall unzählige kleine Schwarze Löcher entstanden, die die Bildung von Galaxien angeregt haben. Noch ist alles Spekulation. James Webb macht jeden Tag neue Beobachtungen, es wird viel bessere und tiefere Aufnahmen geben als die ersten „Schnappschüsse“. In den nächsten Jahren wird das neue Teleskop noch für viel Trubel sorgen.