Kommentar zu ARD-Enthüllungen
Chinas Dopingsumpf und die Gefahr für den Weltsport

Recherchen der ARD und der New York Times haben einen Dopingskandal in China aufgedeckt. Problematisch ist neben den 23 positiv getesten Spitzensportlern auch der Umgang der Welt-Anti-Doping-Agentur damit, kommentiert Matthias Friebe.

Von Matthias Friebe | 22.04.2024
Weltmeister Qin Haiyang nach seinem WM-TItel über 200 Meter Brust, steht unter Dopingverdacht.
Qin Haiyang, hier nach seinem WM-Titel über 200 Meter Brust in Fukuoka 2023, steht nach ARD-Recherchen unter Dopingverdacht. (IMAGO / Xinhua / IMAGO / Zhang Xiaoyu)
Manipulierte Dopingtests, Vertuschung durch Geheimdienste, ein ganzes System, das auf Betrug ausgelegt war – das staatlich orchestrierte russische Doping rund um die Winterspiele von Sotschi wirkt bis heute nach. Trotz mehrerer Untersuchungen bleiben Zweifel, ob dieser Dopingsumpf wirklich trockengelegt worden ist. Und jetzt, drei Monate vor Olympia in Paris tut sich ein weiterer Dopingsumpf auf: in China.
Um diesen neuesten Dopingsumpf zu durchqueren, braucht man besonders wasserdichte Gummistiefel. Denn je näher man hinschaut, umso dunkler und morastiger wird das Doping-Sumpfgebiet.
Ganz oben, noch nahe der Oberfläche, als wäre das schon nicht schlimm genug: 23 chinesische Topschwimmer, darunter Olympiasieger und Weltmeister, sogar Minderjährige, sind, wie jetzt bekannt wurde, schon vor drei Jahren positiv getestet worden. Auf Trimetazidin, ein Herzmedikament, das die Leistung steigert. Heißt also: Eine der besten Schwimm-Nationen der Welt hat offenbar in breiter Masse ein Doping-Problem. Ob staatlich unterstützt oder nicht, ist noch unklar.

Aufklärungsbereitschaft in China nicht vorhanden

Wenn man diesen Skandal freigelegt hat, wird der Schlick in Chinas Dopingsumpf schnell dicker. Denn von Aufklärungsbereitschaft der chinesischen Anti-Doping-Behörden kann man nicht sprechen, sie ist eigentlich gar nicht vorhanden. Anstatt die positiven Proben konsequent zu verfolgen, liefern die nominellen Dopingaufklärer krude Theorien von kontaminiertem Essen. Fast so, als wenn es an der Tagesordnung wäre, dass in Hotels Herzmedikamente in Gewürzbehälter und Kochtöpfe fallen. Und das wird auch noch staatlichen Polizeibehörden bestätigt.
Der globale Anti-Doping-Kampf hat aber eine Institution, um einen solchen Sumpf trockenzulegen: Die Welt-Anti-Doping-Agentur. Aber die Behörde, die weltweit wie keine andere für sauberen Sport stehen will und sollte, die Behörde, deren einzige Aufgabe es ist, den globalen Sport so sauber wie möglich zu halten, vertuscht das Ganze. Die WADA stellt keine Nachfragen, glaubt den aus China präsentierten Ausflüchten.

WADA beginnt eine Schlammschlacht

Und als wäre das alles nicht schlimm genug, kommen wir jetzt zum bisher tiefsten Punkt, dem im Sinne des sauberen Sports kaum noch durchdringbaren Schlamm. Die WADA korrigiert sich nach Bekanntwerden der ARD-Enthüllungen nicht, beginnt selbst sogar eine Schlammschlacht. Keine Selbstkritik, keine Aufklärung. Stattdessen streitet die WADA um Präsident Witold Banka, früher Polens Sportminister, alles ab, wittert sogar politisch motivierte Berichterstattung.
Athleten in aller Welt sind empört, verlieren das Vertrauen in die Sauberkeit des Sports und die Integrität der Anti-Doping-Kämpfer. Viel schlechter könnte es drei Monate vor Olympia in Paris nicht laufen. Wenn die WADA nicht schnell einen anderen Weg einschlägt, alles offenlegt, eine Untersuchung startet, Fehler zugibt und Konsequenzen für die positiv getesteten Sportler zieht, dann sprechen wir bald nicht mehr nur von enttarnten Dopingsümpfen, sondern vom großen tiefen Sumpf Weltsport.