Samstag, 18. Mai 2024

Israel-Iran-Konflikt
Kommentar: Eskalation abgewendet – Konflikt auf Wiedervorlage

Israel und Iran halten sich nach der jüngsten mutmaßlichen Militäraktion betont bedeckt. Das könnte ein Weg sein, um aus der Eskalationsspirale auszusteigen, kommentiert Tim Aßmann. Es ändere aber nichts an den Ursachen des Konflikts der beiden Erzfeinde.

Ein Kommentar von Tim Aßmann | 19.04.2024
Eine verschleierte Frau hält bei anti-israelischen-Protesten in der iranischen Hauptstadt einen Zettel hoch. Darauf steht "Nieder mit Israel" in englischer und persischer Schrift.
Anti-Israel-Protest in Teheran: jahrzehntelange Feindschaft zwischen beiden Staaten (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Rouzbeh Fouladi)
Welchen Umfang der mutmaßlich israelische Angriff wirklich hatte und wieviel Schaden tatsächlich entstanden ist – gut möglich, dass die Öffentlichkeit darüber offiziell nie informiert wird. Entscheidend an der Botschaft ist in diesem Fall wohl, dass sie ihren Adressaten erreicht – das Regime in Teheran. Und der Absender der Botschaft ist dem Empfänger wohl auch ohne offizielles Bekenntnis aus Jerusalem klar.
Nach allem, was bisher über den nächtlichen Schlag gegen den Iran und vielleicht auch gegen Ziele im Irak und in Syrien bekannt ist, war es eine begrenzte Operation, eine, die dem Iran ermöglicht, nicht darauf reagieren zu müssen. Für eine abschließende Bewertung ist es noch zu früh, aber zur Stunde scheint es, dass den Konfliktparteien der Ausstieg aus der Eskalationsspirale nun gelingen könnte. Vorerst.

Schattenkrieg wird weitergehen

Denn an der Ausgangslage wird sich nichts ändern. Der Iran wird weiter daran arbeiten, seinen militärischen Einfluss in Israels Nachbarschaft auszubauen. Er wird seine Verbündeten, allen voran die libanesische Hisbollah hochrüsten, Terror gegen Israel unterstützen und die Arbeit am eigenen Atomprogramm fortsetzen. Israel wird weiter versuchen, Irans Operationen in den Ländern der Region, vor allem im Libanon und in Syrien militärisch zu stören. Die israelischen Luftangriffe, die offiziell weder bestätigt noch dementiert werden – sie werden weitergehen.
Der klandestine Schattenkrieg, den sich beide Staaten seit Jahren liefern, wird nicht enden und die damit verbundene ständige Eskalationsgefahr bleiben. Am Anfang dieser jüngsten Runde im Schlagabtausch stand der Israel zugeschriebene Angriff auf ein Konsulatsgebäude in Damaskus. Israels Armeeführung - so die Analyse von Militärexperten - verschätzte sich. Sie rechnete nicht damit, dass der Iran so massiv antworten und Israel erstmals direkt beschießen würde. In einer Situation, in der sich zwei Konfliktparteien beständig bekämpfen und dabei gleichzeitig die ganz große Eskalation vermeiden wollen, können Fehleinschätzungen immer wieder vorkommen und fatale Folgen haben. Es gilt, rote Linien nicht zu überschreiten.

Brisante Lage im Nahen Osten

Im Schlagabtausch zwischen Israel und dem Iran gibt es nun eine solche Linie weniger – den direkten Angriff auf fremdes Staatsgebiet. Der Iran hat diese Linie bereits am vergangenen Wochenende überschritten. Für den Moment scheint die Gefahr eines Regionalkrieges abgewendet, doch die Gesamtlage bleibt hochbrisant. In Gaza wird weitergekämpft und Israel und der Iran-Verbündete Hisbollah stehen weiter am Rande eines offenen Krieges. Die Flächenbrandgefahr - von der in den vergangenen Tagen so oft die Rede war – sie ist auf Wiedervorlage.