Samstag, 04. Dezember 2021

Lachgas aus der LandwirtschaftEmissionen niedriger als gedacht

Rund 40 Prozent der CO2-Emissionen aus der Landwirtschaft gehen auf das Konto von Lachgas. Dieser Anteil wurde offenbar überschätzt. Dies bedeute allerdings keine Entlastung für die Emissionsminderungsbemühungen der Landwirtschaft, sagte Forscher Roland Fuß im Dlf.

Roland Fuß im Gespräch mit Ralf Krauter | 24.11.2021

Ein frisch bestelltes Feld mit den Drillfurchen im Ackerboden nahe der Stadt Usedom auf der Insel Usedom (Mecklenburg-Vorpommern).
Lachgas entsteht auf intensiv genutzten Ackerflächen (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Regierung dürfte es sein, Deutschlands Landwirtschaft fit für die Zukunft zu machen. Und laut dem im Sommer vorgelegten Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft heißt das vor allem auch: Die CO2-Emissionen von Äckern und Feldern müssen gedrosselt werden. Laut aktueller Treibhausgas-Inventur ist die Landwirtschaft für 7,6 Prozent aller deutschen Emissionen verantwortlich, und rund 40 Prozent davon entfallen auf Lachgas, das beim Abbau von Stickstoffverbindungen aus Gülle und Kunstdünger im Boden entsteht.
Am Thünen-Institut für Agrarklimaschutz in Braunschweig haben sich Forscher um Dr. Roland Fuß diese Lachgasemissionen aus der Landwirtschaft jetzt mal genauer angeschaut und herausgefunden: Die wurden bislang ein wenig überschätzt.
Ralf Krauter: Was war die Triebfeder Ihrer detaillierteren Analysen der Lachgasemissionen der Landwirtschaft?
Roland Fuß: Lachgas ist ein starkes Treibhausgas, ungefähr 300-mal so stark ist die Klimawirksamkeit wie bei CO2, und es ist verantwortlich für einen sehr hohen Anteil der Emissionen aus der deutschen Landwirtschaft. Wir sind hier am Thünen-Institut zuständig für die Berechnung dieser Emission, für die nationale Berichterstattung, und in dem Rahmen war es natürlich wichtig, die Methodik zu verbessern: einerseits um präziser zu werden, aber andererseits auch, um regionale Besonderheiten in Deutschland berücksichtigen zu können und zukünftig auch Minderungsmaßnahmen, die in der Landwirtschaft ergriffen werden, besser abbilden zu können.

300-fach stärkeres Treibhausgas als CO2

Krauter: Auf die Ergebnisse Ihrer Analyse gehen wir gleich ein, aber fangen wir vielleicht erst mal mit der Methodik an: Wie sind Sie denn vorgegangen, um sich ein umfassenderes Bild zu machen, als man es bislang hatte?
Fuß: Wir haben zunächst eine Literaturstudie durchgeführt, bei der wir aus Studien, die in den letzten 30 Jahren in Deutschland Lachgasemissionen auf gedüngtem Acker oder Grünlandböden gemessen haben, die Daten extrahiert haben. Diese haben wir dann zusammengeführt und mit einer statistischen Analyse ausgewertet. Dabei haben wir unterschieden zwischen Lachgasemissionen aus Mineralböden und aus trockengelegten Moorböden, und wir haben auch berücksichtigt die unterschiedlichen klimatischen und Bodenbedingungen in Deutschland, in denen wir separat für unterschiedliche Regionen in Deutschland diese Analyse durchgeführt haben.
Krauter: Ein ins Auge springenden Ergebnis Ihrer Analyse ist ja, die Lachgasemissionen sind regional sehr unterschiedlich. Wie stark schwanken die und wie kommt das eigentlich?

Trockene Böden setzen weniger Lachgas frei

Fuß: Das kommt im Wesentlichen aus den mikrobiellen Prozessen, die Lachgas in Böden produzieren. Diese werden durch Umweltbedingungen sehr stark beeinflusst. Es gibt bestimmte optimale Bedingungen, wo besonders viel Lachgas produziert wird, und andere Bedingungen, wo es weniger ist. Zum Beispiel, wenn es sehr trocken ist, wird relativ wenig Lachgas aus Böden freigesetzt, dagegen sind zum Beispiel strenge Winter der Lachgasbildung wieder förderlich. Außerdem sind drainierte Moorböden Hotspots von Lachgasemissionen, da wird besonders viel Lachgas freigesetzt.
Krauter: Sie haben das ja quantifiziert mithilfe sogenannter Emissionsfaktoren, die letztlich verraten, wie viel pro Hektar dann da je nach Stickstoffeintrag freigesetzt wird. Die schwanken zwischen 0,39 im Nordosten und 0,88 im Südosten, habe ich gesehen. Hat Sie das überrascht, diese Schwankungsbreite?
Fuß: Nein, das war bereits vor unserer Studie aus Einzelergebnissen bekannt, dass im Allgemeinen in Süddeutschland die Emissionen etwas höher sind, wobei es hier nicht um Emissionen pro Hektar geht, sondern um Emissionen pro Kilogramm eingebrachtem Stickstoff. Das heißt, daraus kann man natürlich eine Emission korrekter berechnen, man weiß, wie viel pro Hektar gedüngt wird, aber die Menge des Düngers, die ausgebracht wird, überschneidet sich in Deutschland auch.

Neue Bezugsgröße: Emission pro Kilogramm ausgebrachtem Stickstoff

Krauter: Was bedeuten denn jetzt Ihre Ergebnisse letztlich für die Einhaltung unserer Klimaschutzziele? Ein Ergebnis Ihrer Studie ist ja, die Lachgasemissionen aus der Landwirtschaft sind etwas niedriger in der Summe als bislang gedacht. Heißt das, wir können uns jetzt zurücklehnen und erst mal weitermachen wie bisher?
Fuß: Das heißt es natürlich nicht. Die Lachgasemissionen sind etwa vier Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, das heißt umgerechnet in CO2 niedriger als bisher angenommen. Allerdings ist diese Präzisierung durchgeführt für die gesamte Zeitreihe, seit 1990 bis 2020 sind die Emissionen damit in der Berichterstattung niedriger. Das bedeutet für die Emissionsbudgets, die im Bundesklimaschutzgesetz festgelegt sind, dass wir erst mal uns leichter tun, das absinkende Budget, das in der Landwirtschaft von 70 Millionen Tonnen in 2020 auf 56 Millionen Tonnen in 2030 absinkt. Das können wir jetzt leichter einhalten, aber diese methodische Änderung bedeutet natürlich keine reale Minderung. Wir brauchen weiter Minderungsmaßnahmen, die umgesetzt werden in der Landwirtschaft, weil wir ja langfristigere Ziele haben. Wir wollen in Deutschland 2045 klimaneutral sein, das geht nur, indem wir auch die Emissionen der Landwirtschaft verringern, und die EU-Kommission schlägt ja gerade auch noch ambitioniertere Ziele vor, die wir nur einhalten können, wenn wir uns jetzt auf die Minderungsraten begeben und konsequent versuchen, alles, was an Treibhausgasemission in der Landwirtschaft einsparbar ist, auch einzusparen.

Deutschland muss 2045 klimaneutral sein

Krauter: Also Ihre Studie besagt letztlich, dass wir auf dem Weg hin zu einer klimaneutraleren Landwirtschaft im Prinzip schon ein kleines Stück weiter vorangekommen waren, als wir bisher wussten, allerdings ist das ja nur ein Buchungstrick eigentlich. Wir müssen also trotzdem weitere Maßnahmen ergreifen. Was verrät denn Ihre Studie darüber, was da jetzt am effektivsten wäre?
Fuß: Es ist sehr schwierig, in der Landwirtschaft Emissionsminderungen umzusetzen, weil halt die Emissionen – anders als zum Beispiel in der Energiebeschaffung – nicht aus technischen Prozessen, sondern aus biologischen Prozessen kommen, die schwieriger zu steuern sind. Aber wichtige Ansatzpunkte sind einerseits, dass die Stickstoffeffizienz der Landwirtschaft erhöht wird, das heißt, dass wir weniger Düngung und mehr Ertrag erzielen. Ein zweiter Ansatzpunkt ist insbesondere in der Tierhaltung: Hier muss daran gearbeitet werden, dass weniger Stickstoff verfüttert wird, dass der Proteineinsatz in der Tierhaltung sinkt – da sind noch deutliche Einsparpotenziale in Deutschland vorhanden. Und wir müssen auch dafür sorgen, dass in der Lagerung von Gülle und anderen Wirtschaftsdüngern möglichst wenig Emissionen freigesetzt werden.
Krauter: Zum Schluss noch mal gefragt zur Rolle von Lachgas: Ich habe gelesen, die sind für rund 40 Prozent aller Emissionen der Landwirtschaft verantwortlich. Kann man auch an dieser Zahl künftig was drehen oder wird das so bleiben

Lachgas, Methan und die Rinderhaltung 

Fuß: Nach unserer Studie sind diese 40 Prozent jetzt etwas niedriger, aber natürlich ist Lachgas immer noch ein bedeutender Teil der landwirtschaftlichen Emissionen. Da der Anteil von Lachgas an diesen Emissionen gesunken ist, steigt der Anteil der Methanemissionen der Landwirtschaft an den Gesamtemissionen, und Methanemissionen entstehen hauptsächlich aus der Rinderhaltung, weil ja Wiederkäuer Methan ausscheiden.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.