Dienstag, 24. Mai 2022

Wie lebe ich glücklich?
Lebensberatung als Zeitphänomen

Ob zu Problemen bei der Arbeit, in der Familie oder in der Sexualität - Bedarf an Lebenshilfe hatten Menschen schon immer. Die beliebten Ratgeber-Rubriken in Zeitungen oder im Hörfunk sind dabei ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels - oder treiben ihn vielleicht sogar manchmal an.

Von Ursula Storost | 30.12.2021

Der Schriftsteller, Erzähler und Drehbuchautor Dr. Walther von Hollander sitzt telefonierend in seinem Büro in Hamburg, Aufnahme von 1956
"Frau Irene" aus der Programmzeitschrift HÖRZU war ein Mann: Walther von Hollander in seinem Büro im Jahr 1956 (picture alliance / United Archives / Siegfried Pilz)
„Ja, guten Tag Herr Dr. von Hollander, ich hätte gerne mal einen Rat von Ihnen. Ich habe sehr großen Kummer. Und zwar habe ich elf Jahre lang ein Enkelkind großgezogen ….“

Jahrzehntelang war es eine der großen Erfolgsendungen im Norden: „Was wollen Sie wissen“, die Lebensberatung im NDR-Hörfunk.

„… und ich muss aber feststellen, dass der Junge dort gar nicht sehr gut aufgehoben ist.“

Von 1952 bis 1971 sprach der Unterhaltungsschriftsteller Dr. Walther von Hollander mit Menschen am Telefon über ihre Probleme. Etwa 10.000 Frauen und Männer wählten in dieser Zeit die Telefonnummer 44 1 777 und suchten Rat. 1971, mit fast 80 Jahren, stieg Walther von Hollander aus der Sendung aus. Sein Rückblick auf 20 Jahre Lebenshilfe:

„Was wir an Thematik gehabt haben, ist ungefähr das Gleiche geblieben, also zum Beispiel die Ehefragen haben nicht aufgehört. Die Fragen nach Liebe und Eros haben nicht aufgehört, die Erziehungsfragen überhaupt nicht, die Sorgen um die Kinder nicht, die Sorgen um den Beruf nicht, das sind schon die Hauptfragen.“

Geistliche waren jahrhundertelang Ratgeber

Auch wenn die Themen ähnlich waren, Probleme und Lebenskrisen hatten Menschen schon immer. Es wurde nur in unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich damit umgegangen. Jahrhunderte lang suchten die Leute Rat bei Geistlichen oder betagten Familienmitgliedern mit viel Lebenserfahrung. Einen Zusammenhang zwischen Alltagsproblemen und psychischen Erkrankungen zog man bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht in Erwägung.
Krankheiten des Geistes wurden von Medizinern in der Psychiatrie behandelt, sagt der Historiker Dr. Jens Elberfeld von der Universität Halle-Wittenberg.

„Mit dem Aufkommen der Psychoanalyse und Sigmund Freud gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts beginnt sich das schon langsam zu wandeln, weil für die Psychoanalyse halt nicht ganz klar ist, wo eigentlich Krankheit aufhört, wo Gesundheit anfängt und mehr oder weniger eigentlich jeder Mensch zumindest potenziell die Anlage hat, auch psychische Leiden zu entwickeln.“

Eine Entwicklung, die im 20. Jahrhundert zu einem Umdenken in der Psychiatrie führte. Denn für Krankheiten wie Depressionen oder Angstzustände konnten die Mediziner keine organischen Ursachen ausmachen.

„Und da hat man sich halt dann auf die Suche nach ganz anderen Antworten begeben, die man dann halt eher im Bereich des Innerpsychischen gesehen hat, und wofür man dann auch ganz andere Behandlungsmethoden gesucht hat, nämlich vor allen Dingen also so etwas wie eine Gesprächstherapie.“

Neue Freiheit, neue Entscheidungszwänge

Seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts war die Gesellschaft im Umbruch. Arbeitsbedingungen, Familienstrukturen und Geschlechterrollen veränderten sich rasant.

„Und in diesem Zusammenhang gab es dann aber auch zum ersten Mal, würde ich sagen, ein breiteres Nachdenken über die psychischen Folgen eigentlich dieses gesellschaftlichen Wandels. Es gab in dieser Zeit eine Krankheit, die so etwas wie ein Signum des Zeitalters wurde, nämlich die so genannte Neurasthenie oder auch Nervosität. Und die galt eigentlich als die Krankheit par excellence, indem man eigentlich die negativen Folgen, die dieser ganze gesellschaftliche Wandel und die Durchsetzung der modernen Gesellschaft gezeitigt hat, die da eigentlich zum Ausdruck kam.“

Das Aufweichen traditioneller bürgerlicher Normen, die Mann und Frau, Jung und Alt ihr Verhalten diktierten, befreite die Menschen und erlaubte neue Lebensentwürfe. Aber die neue Freiheit forderte auch mehr Nachdenken, mehr eigene Entscheidungen, mehr Verantwortung von jedem einzelnen.

„Weil man jetzt sich selbst die Frage stellen muss, wo will ich eigentlich mit meinem Leben hin? Was will ich erreichen? Wie soll eigentlich meine Partnerschaft aussehen? Ist das eigentlich die Ehe, die ich mir immer gewünscht habe? Und gerade diese zunehmende Unsicherheit führt dazu, dass dann ein erhöhter Bedarf an Beratung aufkommt.“

Hinter der "Frau Irene" steckte ein Mann

Die Geschichte der Lebensberatung ist auch eine Geschichte veränderter gesellschaftlicher Anforderungen, sagt die Historikerin Lu Seegers. Die Geschäftsführerin des niedersächsischen Landschaftsverbandes Schaumburg hat die Rubriken des populären Lebensberaters Walther von Hollander zwischen 1949 und 1971 analysiert. Wie korrespondierten die Fragen und seine Ratschläge mit dem damaligen Zeitgeist und welches Menschenbild lag dem zugrunde?

"Ich würde seine politische Einstellung als linksliberal bezeichnen wollen. Er hat versucht, in gewisser Weise das auch in der NS-Zeit beizubehalten."

Der 1892 geborene Walther von Hollander, studierter Ökonom und Philosoph, verfasste populäre Bücher zur Lebensberatung. „Der Mensch über vierzig“ und „Das Leben zu zweien“ waren Bestseller. 1949 übernahm er in der populären Programmzeitschrift HÖRZU die Lebensberatungsrubrik „Fragen Sie Frau Irene“. Dass sich hinter der verständnisvollen Irene ein Mann verbarg, wussten allerdings weder die Ratsuchenden noch die Leserinnen und Leser. Drei Jahre später startete dann die Rundfunksendung im NDR. Mit seinen Ratschlägen erreichte Hollander damals Millionen von Menschen. Lu Seegers:

„Also eine wichtige These war, dass Frauen auf keinen Fall zu früh heiraten sollten, sich nicht zu früh binden sollten, sondern erst mal als Erwachsene selbständig leben sollten und auch unbedingt einen Beruf haben sollten. Das war für ihn ganz, ganz wichtig.“
Bei mildem Frühlingswetter sind Frauen mit ihrem Nachwuchs an der frischen Luft in einem Park (Aufnahme aus dem Jahr 1958).
Rollenverteilung in den 50ern: Der Mann arbeitet - die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder. (picture alliance / Göttert)

Rückfall in alte Rollenmuster nach dem Krieg

Hollander bestärkte Frauen in ihrem Drang nach Unabhängigkeit. Eine Frau schrieb 1958 an Frau Irene: „Ich weiß, dass es viele Frauen gibt, die mit Inbrunst waschen und freudig bohnern. Was sollen aber die Hausfrauen tun, die keinen Spaß an dieser Arbeit haben und von der Langeweile des Alltags erdrückt werden, manchmal bis zum Lebensüberdruss?“

Hollander trat für ein gewisses Maß an Gleichberechtigung der Geschlechter ein, sagt Lu Seegers: „Dass Frauen als eigenständige Wesen wahrgenommen werden sollten, die sozusagen auch ohne Partner ein volles Lebensrecht haben und nicht nur gesehen werden in Abhängigkeit zu dem Ehemann.“

Das waren in den fünziger Jahren gewagte Thesen. Im Zweiten Weltkrieg mussten die Frauen das Leben in Deutschland allein organisieren. Die Frau war Familienoberhaupt und Ernährerin. Als die Männer heimkehrten, sollte sie wieder zurücktreten. Vor allem dann, wenn sie alleinstehend war.

„Da ging es um Wohnungen, die man nicht beziehen konnte. Da ging es sozusagen um Einschränkungen, weil man nur als Fräulein galt. Und da war Walther von Hollander jemand, der doch gesagt hat, nein, alleinstehende Frauen müssen anerkannt werden. Und in dem Moment, wo das sozusagen veröffentlicht wurde, war die Debatte im Gang.“

Zwischen Fortschritt und konservativem Zeitgeist

Durch Hollander kamen neue, progressive Impulse in die öffentliche Diskussion. Der Mensch sei selbst verantwortlich für sein Tun, war auch eine seiner Thesen. Als eine ratsuchende Anruferin ihm erzählte, dass ihr Ehemann sie wegen einer anderen Frau verlassen habe, einer Frau, der er hörig sei, konterte Hollander scharf: „Ja also das Wort hörig liebe ich nicht, nein, nein, denn der Mensch ist ein freies Individuum. Ja, man kann es jedenfalls sein.“

Auf der anderen Seite war er dem konservativen Zeitgeist verhaftet, konstatiert Lu Seegers. Wenn verzweifelte Frauen ihm berichteten, dass die aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrten Männer sie tyrannisierten, riet er zum Beschwichtigen und Weiterführen der Ehe. Lu Seegers:

„Also nicht zu sagen, gut, der Mann ist irgendwie stehen geblieben. Er ist traumatisiert, trennen sie sich von ihm, sondern im Gegenteil zu sagen es ist besser, eine Ehe aufrechtzuerhalten und sich sozusagen wieder aneinander zu gewöhnen. Und geben Sie doch dem Mann das Gefühl, dass er sozusagen auch ein ganz toller Mann ist.“

Wenn er propagierte, eine Frau solle selbständig sein, so Lu Seegers, meinte er damit nicht, dass Ehe und Partnerschaft auf ein neues Fundament gestellt werden sollten. Hier sollten nach wie vor die Frauen für die Harmonie zuständig sein. „Also diejenigen sein, die aus Klugheit auch nachgaben, die Probleme mit viel Humor meisterten, aber ohne den Ehemann allzu sehr anzugehen.“

Liberalisierung der Gesellschaft, Wandel in den Ratschlägen

Als sich 1955 eine Leserin beklagte, dass ihr Mann keinerlei Anteil am Familienleben nehme, sondern nur den eigenen Freizeitaktivitäten nachgehe, schrieb Frau Irene: „Eine Frau muss wissen, wann sie zärtlich, wann sie angeregt und wann sie sorgenvoll sein darf. Wer zuviel verlangt, bekommt schließlich gar nichts.“

Eine gute Ehefrau, so Lu Seegers, sollte durch Selbstkritik und Selbstdisziplin glänzen. „Was überhaupt nicht gern gesehen war, war, wenn die Hausfrau sich sozusagen dem Manne nach der Arbeit mit wuscheligem Haar und leicht ungepflegt und gestresst von ihrer Hausarbeit präsentierte. Das wollte man nicht.“

Mit zunehmendem Wohlstand liberalisierte sich die Gesellschaft. Teilzeitarbeitsmodelle ermöglichten immer mehr Frauen ein eigenes Einkommen – und damit mehr Mitsprache. Dementsprechend wandelten sich auch Walther von Hollanders Ratschläge. War der Ehemann allzu tyrannisch, riet er ab Ende der 50er Jahre sogar zur Scheidung. Lu Seegers: „Das wäre dann wirklich besser, auch für die Kinder. Anfang der 50er-Jahre hätte dieser Ratschlag gelautet: sie wussten ja, wen sie geheiratet haben. Also halten sie es auch durch.“

Auch für die Freiheitsbestrebungen der Jugend hatte Walther von Hollander jetzt ein offenes Ohr. Wenn Eltern sich an ihn wandten, weil sie um die Moral ihrer Kinder fürchteten, mahnte er zu Toleranz und zum Überwinden von Vorurteilen. Warum nicht mal als Elternteil einen Jazzclub besuchen? Zitat Frau Irene 1957: „Jedenfalls habe ich bei meinen, freilich seltenen, Besuchen nichts Verruchtes, nichts Verkommenes entdecken können.“
Hintergrund: Mit Plakaten werben Frauen des Aktionskomitees "Ein Ja für die Frau" am 5. Februar 1971 in der Schweiz für das Frauenstimmrecht. Vordergrund: Buchcover
Gleichberechtigung für Frauen - auch oder gerade in der Schweiz ein langer Weg (KEYSYTONE/dpa - Report & Limmat Verlag)

Das Schweizer Pendent: "Liebe Marta"

Was Walther von Hollander zwischen 1949 und 1971 für die Deutschen war, das war zwischen 1980 und 1995 die Journalistin Marta Emmenegger für die Schweizer Bevölkerung. Unter dem Titel „Liebe Marta“ hatte sie eine Rubrik in der Boulevardzeitung „Blick“, später auch eine Radiosendung. Die Historikerin und Kuratorin Dr. Annika Wellmann:

„Bei der lieben Marta sehen wir von Anfang an eine ganz deutliche Tendenz in Richtung einer Pluralisierung von Lebensweisen und vor allem auch einer Vervielfältigung sexueller Handlungsoptionen, das heißt, es ist zum Beispiel völlig okay, schon Anfang der 80er-Jahre unverheiratet zusammenzuleben und vorehelichen Geschlechtsverkehr zu haben. Und es ist auch egal, welches Geschlecht der Mensch hat, den man liebt. Insofern treibt sie da sicher auch etwas voran.“

Annika Wallmann hat knapp achtzehntausend Briefe und Kolumnen der „lieben Marta“ gesichtet und analysiert, welcher Zeitgeist und welches Menschenbild den Fragen und den Antworten zugrunde liegen. „Das Publikum muss sich in der Lebensberatung ja wiederfinden können, also die Leserinnen und Leser und natürlich die Ratsuchenden. Deshalb muss die Lebensberatung, Normen und Selbstbilder widerspiegeln, die auch im Publikum verbreitet sind.“

Freie Liebe und Enttabuisierung in den 80ern

Der Name „liebe Marta“ wurde für viele Schweizer das Synonym für Sexualberatung. Ihre Kolumne trug wesentlich zur Enttabuisierung sexueller Themen bei. Sie stellte Normen infrage und setzte sich für gleichgeschlechtliche Paare ein. Marta Emmenegger, so Annika Wellmann, vertrat schon in den 80er Jahren Ideen, die heute Forderungen der „me too“ Bewegung sind.

„Was sie vertrat, war auch ein „Nein heißt Nein“, und das ist ja ein Grundsatz, den Feministinnen bis heute fordern. Also Marta war eine Vorreiterin, auch wenn sie keine Feministin war.“

Marta forderte auch, dass Paare gemeinsam aushandeln müssen, was sie im Alltag, im Urlaub und im Schlafzimmer gemeinsam treiben. „Das bedeutet, dass niemand etwas tun kann, was der anderen Person widerstrebt, wo sie sagt, dass sie das nicht haben möchte. Und daran arbeiten ja Feministen bis heute. Dass sich dieser Grundsatz durchsetzt, gesellschaftlich.“

Gleichzeitig propagierte Marta Emmenegger: jeder ist für sich selbst verantwortlich. Jeder kann und sollte sich selbst disziplinieren und das Beste geben, um das Leben zu meistern. Den Anspruch, den Walther von Hollander ab den Neunzehnhundertfünfzigern vor allem an Ehefrauen richtete, postulierte Marta Emmenegger in den Achtzigern für alle. Annika Wellmann:

„Jeder Mensch ist für sein eigenes Glück verantwortlich und muss sich darum kümmern, das zu erreichen. Das ist auch etwas, was eigentlich mit der Zeit zunimmt und was wir heute noch erkennen: Flexibel mit Problemen umzugehen und die selbst zu bewältigen und eben immer bereit zu sein, auch zu optimieren, also die Beziehung zu optimieren, die Sexualität zu optimieren. Und ich glaube, das ist eben auch für dieses Menschenbild typisch, was bei ihr so zum Ausdruck kommt und was bis heute auch Gültigkeit hat.“

Das Hamsterrad der Selbstoptimierung

Diese ständige Forderung nach Selbstoptimierung macht die Menschen aber nicht glücklicher, behauptet der Historiker Jens Elberfeld von der Universität Halle-Wittenberg. Wer glaubt, sich ständig optimieren zu müssen, bewegt sich wie in einem Hamsterrad, das nie gestoppt werden kann. Immer rennt er der Erwartungshaltung der Gesellschaft hinterher.

„Und tatsächlich ist das eine Entwicklung, die halt seit den 1960er-Jahren nicht irgendwie nachgelassen hat, sondern ich würde eher sagen, dass diese Entwicklung sogar immer weiter zugenommen hat und sich eher noch weiter verschärft.“
Ein Indiz für diese Verschärfung sieht die Historikerin Lu Seegers auch in der ausdifferenzierten und fragmentierten Lebensberatung unserer Zeit.

„Heute kann ich ja für jedes Problem sagen, ich habe eine Essproblematik, oder ich kann nicht gut mit anderen Menschen im Raum sein. Dann kann ich eine Therapie in Anspruch nehmen. Das war aber damals nicht so. Und das war ja noch nicht mal sagbar im Grunde genommen und deshalb waren, glaube ich, auch diese Ratgebenden in den Massenmedien. Das hat man dann gelesen und hat sich so seinen eigenen Reim darauf gemacht. Aber diese Therapeutisierung auch im Grunde genommen von Alltagsproblemen, das ist ein Phänomen eigentlich der neueren Zeit, wenn man das mal historisch betrachtet.“