Donnerstag, 01. Dezember 2022

Ernährungssicherung
Bauernpräsident Rukwied: "Lebensmittel sind einfach mehr wert"

Bauernpräsident Joachim Rukwied hat die Verbraucher auf weiter steigende Lebensmittelpreise eingestimmt. Er sagte im Dlf, die Landwirtschaft hierzulande kämpfe ums Überleben. In keinem anderen Land würden die Verbraucher so wenig von ihrem verfügbaren Haushaltseinkommen für Nahrungsmittel ausgeben.

14.06.2022

Obst und Gemüse werden auf einem Wochenmarkt im Berliner Ortsteil Schöneberg angeboten.
Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sind im April um fast 40 Prozent gestiegen (picture alliance/dpa | Christoph Soeder)
Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sind im April um fast 40 Prozent gestiegen. Das sei der größte Preisanstieg gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung 1961, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.
Und die Preise für Lebensmittel würden noch weiter steigen, prognostizierte Bauernpräsident Joachim Rukwied im Dlf, da noch nicht alle gestiegenen Kosten eingepreist seien. "Wir brauchen höhere Preise, um überhaupt weiterproduzieren zu können", sagte Rukwied. Angesichts der drastisch gestiegenen Kosten für Dünge- und Futtermittel seinen noch nicht alle Preissteigerungen auch bei den Bauern angekommen. Ein höheres Preisniveau sei entscheidend, um die Ernährungssicherheit auch weiterhin gewährleisten zu können, sagte Rukwied.
Er forderte im Dlf bei den Verbrauchern aber auch mehr Preisbewusstsein und Bereitschaft für Lebensmittel mehr Geld auszugeben. "Lebensmittel sind einfach mehr wert. In Deutschland haben wir bis vor Kurzem lediglich zehn, elf Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben. Das ist so niedrig wie sonst nirgendwo auf der Welt."
Der Deutsche Bauernverband fordert außerdem eine Ausweitung der Getreideproduktion auch auf für den Naturschutz vorgesehenen Brachflächen. Rukwied schlug im Dlf vor, die von der EU vorgesehenen vier Prozent Brachflächen aufzuteilen – die eine Hälfte für den Artenschutz, die andere für die Getreideerzeugung. Er sagte, es gehe darum, alle Erzeugungsreserven zu mobilisieren. Damit schwäche man auch Russlands Position. 
"Jede Tonne Weizen, die wir in Deutschland, in Europa oder in anderen Teilen der Welt erzeugen, schwächt letztendlich Russlands Position. Also hier gilt es, beides zu tun, Biodiversität zu stärken und auf der anderen Seite dort, wo es sinnvoll ist, die Flächen zu nutzen", sagte der Bauernpräsident im Dlf.

Das Interview im Wortlaut:

Stefan Heinlein: Cem Özdemir will trotz des Krieges kämpfen um Klima und Artenschutz, er will die Agrarwende schaffen. Ist der Landwirtschaftsminister Gegner oder Partner der Landwirte?
Joachim Rukwied: Der Landwirtschaftsminister der Partner der Landwirte, auch wir wollen Klimaschutz betreiben. Wir wollen den Umbau der Tierhaltung nach vorne bringen, wir wollen die Biodiversität stärken, aber natürlich in erster Linie für Ernährungssicherheit sorgen. Das ist ganz, ganz wichtig, und da braucht man jetzt die gute Kombination, um diese Ziele gemeinsam erreichen zu können.

"Wir müssen selbst die Erzeugungsreserven mobilisieren"

Heinlein: Wie kann denn diese Kombination aussehen, Ernährungssicherheit auf der anderen Seite, und auf der anderen Seite die auch von Ihnen offenbar gewünschte Agrarwende?
Rukwied: Beispielsweise können wir die sogenannten nicht produktiven Flächen aufteilen, da sind vier Prozent vorgesehen. Unser Vorschlag ist, dass wir auf zwei Prozent dieser Flächen, also auf der Hälfte, weiterhin Artenschutz, Biodiversitätsstärkung betreiben, dass wir aber die anderen zwei Prozent eben nutzen für Getreideerzeugung.
Herr Lawrow reist in Afrika umher als Gutmensch, bietet Weizen an, das kann’s ja nicht sein. Das ist ein No-Go. Wir müssen hier selbst die Erzeugungsreserven mobilisieren, um Russland ein Stück weit zu schwächen.
Jede Tonne Weizen, die wir in Deutschland, in Europa oder in anderen Teilen der Welt erzeugen, schwächt letztendlich Russlands Position. Also hier gilt es, beides zu tun, Biodiversität zu stärken und auf der anderen Seite dort, wo es sinnvoll ist, die Flächen zu nutzen.
Heinlein: Wie groß ist denn die Aufgeschlossenheit der Politik, die Aufgeschlossenheit von Özdemir, die von Ihnen gewünschte Halbierung der ökologischen Ausgleichsflächen dann umzusetzen, um dann eben mehr Fläche zu haben für die Produktion von Weizen und anderen Getreidearten?
Rukwied: Wir sind da in ständigem Austausch, und ich freue mich und unsere Delegierten und Gäste natürlich auch, dass Herr Özdemir heute zu uns auf den Bauerntag kommt. Dort werden wir mit ihm diese Fragen diskutieren und hoffen, dass wir ihn dann überzeugen können, dass wir Bauern beides leisten können, nämlich mehr Biodiversität in die Landschaft zu bringen, die Arten zu stabilisieren und dabei auch mehr Lebensmittel zu erzeugen.

"Das können wir Landwirte nicht allein stemmen"

Heinlein: Diese Ausgleichsflächen, das ist ja nur das eine, die andere Seite ist ja diese Tierwohlvorgaben, die Özdemir umsetzen will. Ist denn diese Wellness-Tierhaltung, um es einmal plakativ zu sagen, machbar für die Landwirte in diesen Zeiten?
Rukwied: Wir haben schon gemeinsam mit der Wirtschaft die Initiative Tierwohl auf den Weg gebracht. Jedes vierte Mastschwein in Deutschland steht in einem Tierwohl-Stall, hat also mehr Platz, hat Spielgeräte im Angebot. Das wollen wir weiterentwickeln, das ist natürlich teuer, das können wir Landwirte nicht allein stemmen. Hier brauchen wir die Unterstützung auch des Staates.
Eine wissenschaftliche Kommission, eine unabhängige, hat errechnet, dass der Bedarf bei vier Milliarden Euro pro Jahr liegt. Eine Milliarde steht jetzt zur Verfügung, das ist ein guter Einstieg, aber wir brauchen da noch mehr, und da muss jetzt auch die Koalition Farbe bekennen und insbesondere die FDP, die da im Moment blockiert. Wenn wir mehr Tierwohl wollen - und wir Bauern wollen das -, dann muss das auch gemeinsam in der Gesellschaft und über die Politik finanziert werden. 
Heinlein: Was halten Sie denn in diesem Zusammenhang, Herr Rukwied, von der Idee, die Steuern auf landwirtschaftliche Produkte zu senken, um den Preisanstieg zu dämpfen, um dann eben auch Tierwohl zu ermöglichen?
Rukwied: Steuermaßnahmen kommen selten direkt dort an, wo es erforderlich ist. Insofern ist es uns egal, wie das finanziert wird, Hauptsache, es wird finanziert. Unsere Landwirte stehen in den Startlöchern, aber die können es alleine nicht leisten. Wir haben die größte Krise im Schweinebereich seit Jahrzehnten. Unsere Betriebe kämpfen ums Überleben. Viele haben schon aufgehört, täglich hören Betriebe auf. Wenn die Politik jetzt nicht reagiert, dann habe ich größte Sorge um die Zukunft der Schweinehaltung in Deutschland.

"Wir brauchen höhere Preise, um überhaupt weiterproduzieren zu können"

Heinlein: Wenn Steuersenkungen nicht ankommen bei Ihnen, bei den Landwirten, welche anderen Möglichkeiten hat denn die Politik aus Sicht des Bauernverbandes, um diesen drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise zu deckeln?
Rukwied: Die Lebensmittelpreise werden meines Erachtens noch weiter ansteigen, da ist zum Teil noch nicht alles eingepreist. Gerade unsere Bauern brauchen auch höhere Preise, bei uns ist da noch nicht viel angekommen. Wir brauchen höhere Preise, um überhaupt weiterproduzieren zu können.
Die Kosten für Düngemittel entsprechen dem Vierfachen gegenüber dem Vorjahr, auch Futtermittel sind doppelt so teuer. Die Energie, das spürt ja jeder Mensch, ist explodiert, die Kosten. Insofern ist ein höheres Preisniveau für unsere Erzeuger ganz, ganz entscheidend, um die Ernährungssicherheit auch weiterhin gewährleisten zu können.
Heinlein: Sie beschreiben, Herr Rukwied, die künftige Entwicklung, die Frage war, welche Möglichkeiten es gibt aus Sicht des Bauernverbandes, diesen Preisanstieg zu dämpfen. Braucht es vielleicht eine Art Sondervermögen für die Landwirtschaft nach dem Vorbild dieser 100 Milliarden für die Bundeswehr?
Rukwied: Wie man das nennt, ist letztendlich egal, entscheidend ist, dass aus dem Haushalt heraus ein Etat für die Weiterentwicklung der Landwirtschaft, für den Umbau der Tierhaltung zur Verfügung gestellt wird. Wenn man das Wort Sondervermögen verwenden will und ergänzt Sondervermögen Landwirtschaft, dann sind wir da offen.

"Lebensmittel sind einfach mehr wert"

Heinlein: Herr Rukwied, die Preise werden weiter steigen, haben Sie ganz klar gesagt, das ist keine gute Nachricht für uns Verbraucher. Aktuell, ich hab mal nachgeguckt, liegt die Preissteigerung bei Lebensmitteln bei etwa elf Prozent. Auf was müssen wir uns denn in Zukunft einstellen, haben Sie da eine Zahl im Kopf? Wie hoch werden die Preise für einzelne Produkte steigen, etwa für Obst und Gemüse?
Rukwied: Obst und Gemüse, der Preis unterliegt dem Markt, Angebot und Nachfrage. Es gibt Zeiten, wo wir ein Überangebot haben, und Zeiten, wo mal Ware knapp ist, und das spiegelt sich in den Preisen wider. Aber grundsätzlich möchte ich eines betonen: Lebensmittel sind einfach mehr wert. In Deutschland haben wir bis vor Kurzem lediglich zehn, elf Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, das ist so niedrig wie sonst nirgendwo auf der Welt.
Letztendlich brauchen wir schlichtweg einen höheren Preis, um eben unsere qualitativ hochwertigen heimischen, regionalen Produkte auch weiterhin erzeugen zu können.
Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes
Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)

"Wir wissen nicht, wo die Reise hingeht bei den Düngemitteln"

Heinlein: Also Deutschland war ein Billigland für Nahrungsmittel, diese Zeiten sind vorerst vorbei?
Rukwied: So sehe ich das. Lebensmittel sind mehr wert, es sind hochwertige regionale Lebensmittel mit einem guten CO2-Foodprint, also kurze Transportwege, vom Bauern in der Region für die Bevölkerung erzeugt, in einer Region, wo wir auch ein hohes Lohnniveau, ein hohes allgemeines Kostenniveau haben. Das muss sich dann eben auch in einem höheren Preis für die heimischen Lebensmittel widerspiegeln.
Heinlein: Lässt sich denn derzeit absehen für die landwirtschaftlichen Betriebe, lässt sich seriös kalkulieren, wohin die Reise in den kommenden Wochen und Monaten gehen wird, oder gibt es da noch viele Variablen, die noch nicht ganz klar sind?
Rukwied: Da gibt es noch viele Variablen. Wir befinden uns in einer Art Blindflug, wir können nicht wirklich kalkulieren, wir wissen nicht, wo die Reise hingeht bei den Düngemitteln. Die Düngemittelversorgungssicherheit ist auch ein Kernthema von uns.
Wir brauchen eine Priorisierung beim Gas, um Düngemittel, insbesondere den wichtigen Stickstoffdünger herstellen zu können. Wir brauchen die Priorisierung in der Verarbeitung. Eine Molkerei, eine Zuckerfabrik, die laufen in der Regel oder viele davon auf der Basis Gas, das muss auch sichergestellt werden, und wir wissen da nicht, wo die Reise hingeht. Insofern agieren unsere Landwirte sehr, sehr vorsichtig, weil die Dinge nicht kalkulierbar sind.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.