Mittwoch, 07. Dezember 2022

"Les Naufrageurs" von Ethel Smyth
Wiederentdeckung einer britischen Nationaloper

"Les Naufrageurs" ist eine mitreißende Oper, komponiert von der Britin Ethel Smyth Anfang des 20. Jahrhunderts. In Berlin hat das Werk jetzt seine deutsche Erstaufführung erlebt, in der ursprünglichen französischen Fassung. Eine spannende Wiederentdeckung.

Am Mikrofon: Susann El Kassar | 09.10.2022

Eine Frau hebt beide Arme hin die Höhe, sie blickt triumphierend. Hinter steht ein älterer Mann, der ernst blickt. Beide stehen vor einem großen Symphonieorchester.
Die Besetzung der Produktion vom Glyndebourne Festival 2022 hat auch in Berlin "Les Naufrageurs" präsentiert, halb-szenisch. Hier: Karis Tucker als Thurza, sie gibt gerade zu, dass sie das Leuchtfeuer entzündet hat. Hinter ihr steht ihr Ehemann Pasko, gesungen von Philip Horst. (Peter Adamik)
"Ethel Smyth ist außergewöhnlich", sagt der Dirigent Robin Ticciati. "Vielleicht ist sie nicht jedermanns Geschmack, aber sie ist ganz bestimmt außergewöhnlich." Und wer ihre dritte Oper "The Wreckers" bzw. "Les Naufrageurs" hört, wird sich wundern, warum man so selten etwas von Ethel Smyth hören kann.
Die Antwort hierfür liegt in den frauenfeindlichen Gesellschaftsstrukturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Und daran, dass das Wissen um diese vergessenen Komponistinnen erst allmählich aus den Kreisen musikalischer Feministinnen in größere gesellschaftliche Kontexte diffundiert ist. Auch das Deutsche Symphonieorchester Berlin und sein Chefdirigent Robin Ticciati beteiligen sich an dieser Art der Aufarbeitung von Musikgeschichte, und zwar mit der deutschen Erstaufführung der dritten Oper von Ethel Smyth. „Les Naufrageurs“ wurde am 25.9.22 in der Berliner Philharmonie konzertant aufgeführt. 

Eine Oper, drei Sprachen

Die dritte Oper von Ethel Smyth „Les Naufrageurs“ hat unter dem Namen „Das Strandrecht“ 1906 ihre Uraufführung erlebt, in Leipzig. Ursprünglich hatte Smyth auf eine Premiere in Paris gehofft - ein Grund für das französische Libretto von Henry Brewster - denn so hätte sie gute Chancen auf eine Aufführung in London gehabt.
Aber dieser Plan ging nicht auf, stattdessen musste Smyth auf Leipzig, die Stadt ihrer Studienjahre ausweichen. Dort war "Das Strandrecht" erfolgreich, aber weil der Dirigent der Uraufführung deutliche Kürzungen im dritten Akt vorgenommen hatte, verbot Smyth weitere Aufführungen in Leipzig. Der Dirigent Thomas Beecham brachte das Werk dann 1909 - auf Drängen von Ethel Smyth - in England zur Aufführung. Die Oper konnte sich aber nicht dauerhaft im Repertoire halten.

Weg frei für die Entdeckung

"Ethel Smyth war ein starkes Energiebündel", erzählt der Dirigent Robin Ticciati, "nachdem sie gestorben war, setzte sich der chauvinistische, männliche, mysogyne Blick durch: Endlich sind wir dieses Problem los."
Und so können wir erst heute bemerken, was für großartige Musik Ethel Smyth Anfang des 20. Jahrhunderts komponiert hat. Im Sommer hat diese Urfassung der Oper, die französische Version "Les Naufrageurs" beim Glyndebourne Festival ihre Uraufführung erlebt, mit Robin Ticciati am Pult und dem Cast, der auch in Berlin gesungen hat. Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dem Rundfunkchor Berlin hat diese Oper so ihre deutsche Erstaufführung erlebt.

Die Handlung

Wir befinden uns in einem Dorf an der Küste Cornwalls, dort soll gleich der sonntägliche Gottesdienst stattfinden, die Dorfbewohner*innen sind sehr gläubig. Und sie hören auf die Worte ihres Dorfpredigers Pasko. Dieser unterstützt, ja befeuert mit seinen Predigten die Doppelmoral der Dorfgemeinschaft, Schiffbrüchige zu ermorden und auszurauben.
Aber zuletzt bleiben die gestrandeten Schiffe aus und Pasko glaubt, dass Gott sie wegen kleiner Sünden bestraft und ihnen keine Schiffe an die Küste treibt.
Der Leuchtturmwärter Laurent hat aber eine andere Begründung: Es gibt einen Verräter in der Gemeinschaft, der Leuchtfeuer legt, um den Schiffen im Sturm Orientierung zu geben. In der nächsten günstigen Nacht wollen sie den Verräter auf frischer Tat ertappen.

Wind und Meer

Avis, die Tochter des Leuchtturmwärters Laurent, hat bereits einen Verdacht, wer das Leuchtfeuer gelegt haben könnte: sie vermutet, dass Pasko von seiner jungen Frau, Thurza, zu solchen Aktionen agitiert wird. Thurza ist die Außenseiterin des Dorfs. Sie hält sich vom Gottesdienst fern und sie verachtet das räuberische und mörderische Treiben der Gemeinde. Pasko bekräftigt aber seine Sicht: Gott schickt den Menschen Cornwalls diese Schiffe, wie er anderen Dörfern fruchtbare Böden schenkt. Keine Spur von Mitleid für die Schiffsbrüchigen. Nach seiner hetzerischen Predigt ändert sich der Wind, ein Sturm kommt auf, der Leuchtturmwärter Laurent und andere Männer des Dorfs sind voller Vorfreude auf die nahende Beute und sie sind fest entschlossen den Verräter zu stellen.

Ein Mezzosopran als Heldin der Geschichte

Der junge Fischer Marc ist derjenge, der die fremden Schiffe warnt. Er und Thurza sind seit kurzem ein Liebespaar. Auch in dieser stürmischen Nacht möchte er wieder ein Leuchtfeuer entzünden, aber Thurza warnt ihn, dass die anderen bereits den Verräter suchen. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden Liebenden, was in gewisser Weise an Tristan und Isolde erinnert – übrigens ja auch eine Geschichte mit Cornwall-Bezug -, denn die beiden spüren, dass ihre Liebe in den Tod führen wird.
„Liebe ist sterben, sterben und wiedergeboren werden“, singt Thurza. Thurza und Marc beschließen zu fliehen, sie wollen diese perfide Dorfgesellschaft verlassen und in ihrer Euphorie entzünden sie das Leuchtfeuer. Pasko erkennt Thurza beim Leuchtfeuer und bricht bewusstlos zusammen. Dort finden ihn die anderen Dorfbewohner und halten ihn für den Verräter.

Wer war es wirklich?

Pasko schweigt zu dem Vorwurf. Als die Menge seinen Tod fordert, meldet sich Marc, er habe das Feuer gelegt. Avis versucht Marc noch vor dem Todesurteil zu schützen, indem sie behauptet sie hätten die Nacht miteinander verbracht. Thurza gibt zu, dass sie und Marc ein Verhältnis haben. Dafür fordert die Menge auch ihren Tod.
ROC: Ethel Smyth "The Wreckers", konzertant beim DSO
Pasko möchte sie durch Reue vor der Strafe schützen, Thurza verachtet das Gnadenangebot ihres Ehemanns aber, stattdessen gibt sie triumphal zu, dass sie das Feuer gelegt hat. Marc und Thurza werden in einer Höhle angekettet und müssen dort in der Flut ertrinken. Für die beiden ein Liebes- und Heldentod.

Eine vielseitige, aber charakteristische Musiksprache

"Die Musik von Ethel Smyth trägt das Herz auf der Zunge", beschreibt der Dirigent Robin Ticciati, "mit starkem Einfluss von der zentraleuropäischen, also der Deutschen, Leipziger – hinsichtlich der Harmonien … naja, und hier wird’s schwierig. Denn Sie können auch ein Fauré-Lied am Ende des ersten Akts hören, und es gibt auch ein Brahms-Intermezzo... Man denkt immer wieder, wo kommt das denn her? Wessen Einfluss ist das? Und dann versteht man: das ist Ethel! Das ist ihr Stil! Mit dem Herz auf der Zunge. Wie sie für die Schlaginstrumente schreibt, wunderbar für die Bläser, technisch ist es sehr herausfordernd! Sie lässt das Orchester zeigen, was es kann."

Spiegel in der Musik

Und Ethel Smyth findet für diese Geschichte über eine rücksichtslose Gesellschaft und ihren brutalen Umgang mit Außenseitern eine starke musikdramatische Sprache, die stellenweise - auch durch die offensichtlichen Handlungsparallelen - dramaturgische Effekte von Brittens Peter Grimes vorwegnimmt.
Hier können Sie die Oper in Gänze hören. (30 Tage verfügbar)
Ethel Smyth
„The Wreckers" („Les Naufrageurs"). Oper in drei Akten

Philip Horst, Bassbariton (Pasko)
Karis Tucker, Mezzosopran (Thurza)
Daniel Scofield, Bariton (Laurent)
Rodrigo Porras Garulo, Tenor (Mark)
Lauren Fagan, Sopran (Avis)
Donovan Singletary, Bassbariton (Harvey)
Jeffrey Lloyd-Roberts, Tenor (Tallan)
Marta Fontanals-Simmons, Mezzosopran (Jack)
Rundfunkchor Berlin
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Robin Ticciati, Leitung

Aufnahme vom 25.9.2022 aus der Philharmonie Berlin