Freitag, 01. März 2024

Tiere jagen
Die Wiederkehr einer besonderen Kulturtechnik

In Zeiten, in denen über unser Verhältnis zum Tier neu nachgedacht wird, in denen eine wachsende Zahl von Menschen nicht einmal mehr Milch oder Eier zu sich nehmen will - geschweige denn Fleisch - wächst zugleich die Faszination der Jagd.

Von Wiebke Hüster | 14.01.2024
Hochsitz mit Sonnenstrahlen, die durch die Bäume im Herbstwald scheinen
Beim Jagen taucht man in eine andere Welt ein, in der Zeit eine neue Bedeutung gewinnt (IMAGO / imagebroker / alimdi / Arterra)
Die frühen Menschen waren nicht nur Sammler, sondern auch Jäger. Jagd ist von jeher ein lebenserhaltendes Handwerk, aber auch eines der ältesten Vergnügen der Menschheit. Heute ist sie für die einen eine tiefe Leidenschaft, für die anderen ein todbringender Frevel an den Tieren, der sich moralisch nicht rechtfertigen lässt. Dennoch bleibt die Jagd ein Teil des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier.
Dieser Essay geht den Motiven der Liebe zur Jagd neu nach und betrachtet diese zunächst als ein Handwerk, als altes Wissen, das uns in die Natur zurückkehren lässt, als ein Teil von ihr - nicht als Zuschauer, sondern als Praxis, in der wir lernen, mit eigenen Instinkten umzugehen, ein Raum, unser Verhältnis zur Natur neu zu justieren.
So gewinnt beim Jagen das Vergehen der Zeit plötzlich neue, andere Bedeutung. Der Verlauf der Jahreszeiten schreibt vor, was gejagt werden darf und wo. Nächte mit Mondschein werden im Wald sitzend regungslos durchwacht. Ein anderer zeitlicher Rhythmus herrscht, ein anderes, geschärftes Zeitgefühl enthebt den Jagenden dem gewöhnlichen städtischen Leben, dem Leben unter Menschen.
Doch das Jagen erschöpft sich nicht in der Aneignung einer alten Kulturtechnik. In einer Zeit, in der das räumlich immer dichter werdende Aufeinandertreffen von Menschen und nicht domestizierten Tieren auch problematische Züge annimmt, verändert sich der Blick auf die Jagd. Vielleicht sollten wir lernen, sie als Teil des Naturschutzes zu betrachten.
Wiebke Hüster ist seit mehr als zwei Jahrzehnten die Tanzkritikerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sie berichtet auch im Deutschlandradio über die aktuellen Entwicklungen dieser Kunstform in all ihren Facetten. 2017 hat sie ihre Liebe zur Natur zum neuen Thema in der Zeitung entwickelt. Für das Feuilleton schreibt sie seitdem Essays über Wald, Wild, Landwirtschaft und Jagd. Ihre aktuelle neue Serie heißt „Zurück zur Natur“. Sie verbringt viel Zeit draußen und im Gespräch vor Ort mit den Berufsjägern, Förstern, Landwirten und Wissenschaftlern ihres über die Jahre gewachsenen Experten-Netzwerks. Die 57-Jährige ist Mutter von drei Kindern und lebt in Frankfurt am Main.

„Gespenst, Das: Der Jäger macht ein Gespenst, wenn er unter einem aufgebaumten Marder einen Mantel oder einen sonstigen auffallenden Gegenstand aufhängt, wodurch der Marder veranlasst wird, oben sitzen zu bleiben.“
Walter Frevert verfasste dieses bis heute in immer neuen Auflagen erscheinende Wörterbuch im Auftrag Hermann Görings. Frevert war Förster, Jäger, Naturschützer und ein Kriegsverbrecher. Von 1936 bis 1945 war er Oberforstmeister in einem legendären ostpreußischen Naturschutz- und Jagdgebiet der Nationalsozialisten, in Rominten. Er träumte davon, diesen Forst in die osteuropäischen Wälder übergehen zu lassen und einen großen Urwald entstehen zu lassen, in dem atemberaubende, kapitale Hirsche heranwachsen würden. Und deren Geweihe dann die Trophäen der Jäger werden könnten.
Man kann aus vielen Gründen gegen die Jagd sein. Ein Motiv ist, dass das Jagdrecht und die Ausübung der Jagd Privilegien waren und sind. Jagd ist eine Praxis des Adels, der Oberschicht, der Reichen. Die Jagd ist eine Ausübung von Macht, eine Manifestation der menschlichen Gewaltherrschaft über alles Lebendige, und so auch über alle, denen dieses Vorrecht verwehrt bleibt. Einladungen zur Jagd eröffnen Gelegenheit, andere an den eigenen Privilegien teilhaben zu lassen und sich so Vorteile und Gunst zu verschaffen. Die Kritiker von Freverts „Jagdlichem Brauchtum“ bemängeln nicht nur die fehlende Kennzeichnung des Autors als Kriegsverbrecher in aktuellen Ausgaben, sondern die bis heute nicht historisch-kritisch edierte Veröffentlichung seiner Sammlung wirklicher und von ihm offenbar dazu erfundener Bräuche und Begriffe.
„Grüne Gilde, Die: umgangssprachlich für die Gesamtheit aller Jäger.“
Umgekehrt fehlt bei Frevert ein unter Jägern häufig verwendeter Begriff. Als den „Grünen Vorhang“ bezeichnen die Jäger den Saum eines Waldes oder eines großen zusammenhängenden Gebüschs. Es ist ein Begriff, den Frevert nicht kannte oder nicht für listenswert hielt. Vielleicht deshalb ist das der Sehnsuchtsort der derzeit so prominenten Nature Writer. Hier jagen alle dem Gefühl nach, mit der Natur eins zu werden, nach den Gesetzen der Wildnis zu leben. Die Nature Writer führen keine Gewehre, sie folgen den Fährten des „Thought Fox“, des berühmten Gedankenfuchses aus dem herrlichen Gedicht von Ted Hughes. Die Natur zu lesen, heißt, in ihre Geborgenheit zu finden.
„Die ganze Welt besteht aus Indizien von grenzenloser Subtilität und Feinheit. Die Zeichen, die etwas offenbaren, sind immer gegenwärtig. Man muss nur die Kunst erlernen, sie zu lesen.“
Der französische Schriftsteller und Naturphilosoph Baptiste Morizot beschreibt in seinem 2018 erschienenen Buch Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen wie er sich in Kirgisien mit einem Führer auf einem langen Ritt ein großes Reservat erschließt.
„Auf dem Pfad vor dem Pferd blitzt etwas Sonderbares auf: massive schwarze Losung, das erste Rätsel. Wir brauchen ein paar Dutzend Sekunden, um zu konstatieren: Es sind wohl die Exkremente eines Bären, aber nicht sehr typisch. Sie sind gespickt mit Fichtennadeln. Djoldosh – in eleganter Tarnkleidung und mit Goldzahnlächeln – […]  weist uns daraufhin, dass der Isabellbär im Sommer keine Fichte frisst.“
Durch die Wälder gehen Menschen, die es verstehen, aus noch saftigen Haselnusshölzern Türbögen anzufertigen, andere, die am Gallapfeltag frische Eichentriebe schneiden und an Häusern und Kirche anbringen, halb eigennützige, halb uneigennützige Mitglieder des Walnuss-Clubs, der die Anpflanzung dieser Bäume in England fördert. Dem britischen Naturschriftsteller Roger Deakin haben wir eine Sammlung und Nacherzählung von Bräuchen, Legenden und Gegenwartsbeobachtungen zu verdanken, aufgestöbert in den Wäldern vor seiner südenglischen Haustür wie auf Reisen um die Welt, wenn er etwa einen Toast ausbrachte auf seine kasachischen Gastgeber: Dank für ihre fabelhaften Gaben an die Welt, den Kulturapfel und das gezähmte Pferd.
„Wer in einen Wald geht, betritt eine andere Welt, in der er sich verwandelt. Es ist kein Zufall, dass in Shakespeare’s Komödien Menschen in den Wald gehen, um zu wachsen, zu lernen und sich zu verändern. Gerade dort, wo man sich verläuft und verliert, findet man sich paradoxerweise.“
Deakin starb 2006, das Buch Wilde Wälder ist aus dem Nachlass veröffentlicht. Wer kein Feuer zu machen verstehe, habe den Kontakt zur Natur verloren, schreibt er darin. Das Gefühl, zu Bäumen und Wäldern, wie zu Flüssen und Meeren in enger Verbindung zu stehen, bräuchten Menschen, dessen war sich Deakin sicher. Und wusste sich einig nicht nur mit Keats, sondern auch mit W.H. Auden, Vladimir Nabokov, Aldous Huxley und D.H. Lawrence.
25. August 2015: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Sie ist keine Jägerin und entsprechend unbewaffnet.
„Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren“, schreibt Nastassja Martin in ihrem Buch An das Wilde glauben.
„Nicht nur die physischen Grenzen zwischen einem Menschen und einem Tier, die bei ihrem Zusammenstoß Breschen in ihrem Körper und ihrem Kopf aufreißen. Es ist auch die Zeit des Mythos, die die Realität einholt; das Einst, das mit dem Jetzt zusammentrifft; der Traum, der sich verkörpert. Die Szene spielt sich heutzutage ab, aber sie könnte genausogut vor tausend Jahren stattgefunden haben.“
Das Schreckliche, Grausame, Tödliche der Natur, ihre mythische Gefährlichkeit für den im Grunde schutzlosen, nackten, schwachen Menschen spricht auch aus Ted Hughes Bärengedicht.
„Im riesenhaft aufgerissenen Schlafauge des Berges / Ist der Bär das Glimmen in der Pupille, / Die jederzeit erwachen kann / Und sofort scharfgestellt ist. / Der Bär klebt / Anbeginn ans Ende / Mit Leim aus Menschenknochen, / während er schläft. / Der Bär gräbt sich, / Während er schläft, / Mit dem Oberschenkelknochen eines Mannes / Durch die Mauer des Universums“
Je mehr Sachbücher den Lesern Tempo machen, damit sie im digitalen Zeitalter nicht den Anschluss verlieren, je mehr alles wissenschaftlich beschrieben, entsprechend optimiert und dann mit Apps kontrolliert in den Alltag integriert wird, – Arbeiten, Fahren, Essen, Daten, und so weiter, desto sicherer flammt die Sehnsucht auf, in einem meditativen, entschleunigten und dichterisch-schwärmerischen Verhältnis zur Natur zur Ruhe zu kommen, oder zumindest von Naturschriftstellern solche Erlebnisse geschildert zu bekommen.
Von dieser Sehnsucht nach einer temporären Rückkehr in die Natur profitiert literarisch auch ein Handwerk, das man schon ganz und gar an seine professionellen Ausübenden und eine verschwiegene Gemeinschaft von Laien verloren geglaubt hatte: Das der Förster und Jäger. Wie anders als durch eine erneuerte Naturromantik könnte das Waidwerk sich rehabilitiert sehen, trotz und inmitten von Bewegungen vegetarisch und vegan Ernährter.
Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie es sich anfühlt, im Dämmerlicht auf ein davoneilendes Wildschwein zu schießen, es heim zu schleppen, aufzuhängen, abzuhäuten und auszunehmen, und sich dann aus seiner Leber einen köstlichen Brotaufstrich zuzubereiten, kann man etwa Pauline de Boks Beute. Mein Jahr auf der Jagd lesen. In Foren bescheinigen Jäger der Autorin große Sachkenntnis und loben sie dafür, das Image des „dickbäuchigen, Cordhose tragenden Waidmanns mit Bierhumpen und Dackel an der Leine“ zu korrigieren. Um draußen wirklich zu leben, muss man andere Zeichen lesen können, Fährten, Spuren, Windrichtungen, Sonnenuntergänge und Mondaufgänge, Schneeverwehungen. Auf der Jagd werden Grenzen durchlässig, manchmal auch bewusst überschritten, – zwischen Natur und Zivilisation, Mensch und Tier, Leben und Tod, Lieben und Töten‑Wollen, Essen-Wollen, Einverleiben. Die Städte wachsen in zweistelligen Prozentzahlen. Hier wohnen die Leser von solchen Beschreibungen tagelanger Waldeinsamkeit.
Tatsächlich ist die Verbindung in die Vergangenheit, die das Jagen empfinden lässt, die Rückkehr in ein einfaches Leben zutiefst wohltuend. Das erfährt man jedoch nicht beim Lesen, sondern beim Jagen selbst. Eine Erfahrung, als würde man Wurzeln schlagen in der eigenen Existenz, wo man sonst Hochgeschwindigkeitsfahrstühle benutzt und Facetime-Konferenzen abhält, über unvorstellbare Geldbewegungen liest oder diese selber verursacht.
In unseren Wäldern bewegen sich merkwürdige Lebewesen. Es ist wie eine andere Welt, von der die meisten Städter keine Kenntnis haben. Wirklich durch den grünen Vorhang zu treten und diese Welt zu entdecken, ist ganz einfach und sehr aufregend:
Es ist früher Nachmittag. Unten am Stamm der riesigen Buche, in deren behaglichen, sich wie ausgebreitete Arme erstreckenden Ästen der Ansitz schwebt, hat sich der Hund geduldig auf seiner wollenen Matte zusammengerollt, sechs Meter unter uns. Oben sitzen der Jäger und ich. Schon vor anderthalb Stunden, als wir eben hinaufgeklettert waren, hatte der Jäger seinen dunkelgrünen Rucksack mit den ledernen Schnallen geöffnet und mir wortlos lächelnd seine Gastjacken gereicht. Seitdem ist mir warm. Vor uns liegt eine große, in eine tiefe Mulde hin abfallende Lichtung. In der Mitte der Wiese stehen ein paar Apfelbäume, die noch jetzt, im November, voller Äpfel hängen, winziger, wohlriechender, wie bemalter Äpfel. Der Pächter, der diesen Wald pflegt und in ihm jagt, hat dafür gesorgt, dass diese alte Apfelsorte überall an den schönsten Plätzen gehegt wird. „Nachtisch für das Wild“, flüstert der Jäger mir zu, „sie kommen zum Naschen hierher“. Gerade aber lassen sie auf sich warten. Der Jäger hat mir den Anblick von Brunfthirschen und Kahlwild versprochen und nun starren wir Minute um Minute über die weiten Wiesen und hinein zwischen die Baumstämme, bei denen die Lichtung endet, und da ist: nichts. Still ist es, stiller als windstill. Er nimmt seinen Jagdhut ab und zupft ein paar daunendünne Federchen aus der Krempe. Eines nach dem anderen pustet er vorsichtig in die Luft. Der Luftstrom treibt sie auf die Lichtung. Das heißt, alle Tiere, die da unten erscheinen würden, hätten uns längst gewittert. Ein Bussard zieht weit oben ein paar menschenverachtende Kreise und schwenkt dann ab, als wollte er sagen, da könnt ihr Zweibeiner lange herumhocken, denn da kommt nichts. Der Jäger flüstert, es werde bald dunkel, und er wolle mich nicht vergebens in den Wald geführt haben. Wir steigen hinunter und durchstreifen den Wald, möglichst ohne einen Laut zu geben. Wir hören die Brunfthirsche lange bevor wir sie sehen. Wir stehen versteckt hinter Tarnnetzen und beobachten sie. Einer der Jäger ist allein auf der Pirsch. Im Dunkeln ziehen er und der Förster das Mufflon, das er geschosssen hat den steilen Hang hinauf. Für diesen Tag ist die Jagd zuende. Alle sind gleich aufgeregt und sinnesgesättigt.
Es gibt die romantischen, die sachlichen, und die unethischen Jäger. Die romantischen Jäger sind jene, die am Jagen lieben, wie sehr es ihnen das Eintauchen in eine andere Welt gestattet. Romantische Jäger stehen an einem Maimorgen in der Wiese und atmen den berauschenden Duft der weißblühenden Obstbäume ein. Wenn sie auf die Pirsch gehen, beobachten sie, wie sich die Schleier des Frühnebels in der Sonne auflösen und hören dem Gesang der erwachenden Vögel zu. Sie stehen im Naturschauspiel wie in einem anderen Jahrhundert, wie in einem anderen Leben. Wenn romantische Jäger andere Jäger, Förster oder Schäfer schätzen, dann weil diese mit ihnen Waldgeheimnisse teilen.
Die sachlichen Jäger sind Statistiker und Naturschützer. Sie gehen abends mit einer App den Feldrand ab und spielen den Ruf der Waldschnepfe, um anhand der antwortenden Vögel Sicherheit über deren genauen Bestand zu erlangen. Die Art Scolopax Rusticola steht auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten. Die sachlichen Jäger sagen, es kann in Europa keine unberührten Urwälder mehr geben, man muss eingreifen: Arten retten, Einnahmen aus dem Wald erzielen, mit Nachhaltigkeit sorgen für kommende Generationen, die Biodiversität pflegen, Bienenvölker hüten, seine Feldränder mit einem breiten Streifen unberührt belassener Wiese säumen. Schließlich wurde der Begriff der Nachhaltigkeit von dem Sohn eines kurfürstlichen Oberjägermeisters und Oberaufsehers der Flöße geprägt. Hans Carl von Carlowitz wuchs mit Jägern, Flößern und Köhlern auf. Nach Studien und Bildungsreisen wurde er Oberberghauptmann und Leiter des Oberbergamts in Sachsen. Er verantwortete die Holzversorgung des Berg- und Hüttenwesens. 1713, im Vorjahr seines Todes, verfasst er die Schrift Sylvicultura Oeconomica oder hauswirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baumzucht. Seine forstwirtschaftliche Erkenntnis lautet, man müsse bei der Rodung von Wäldern daran denken, nicht die Holzversorgung künftiger Generationen zu gefährden. „...dass es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung“ geben müsse, sei unentbehrlich, schrieb Carlowitz.
Für die unethischen Jäger hingegen geht es um das Töten und das bloße Sammeln von Trophäen. Eigentlich sind Trophäen für Jäger Erinnerungsstücke. Ihr Anblick ruft ihnen die Stunden der Jagd, die zum Erlegen dieses Stücks geführt haben, wieder ins Gedächtnis. Unethische Jäger deklarieren Trophäen um, indem sie über das Alter des erlegten Tieres lügen – es ist ihnen egal, ob ein Tier zu jung geschossen wurde, ob sie eine Bache von den Frischlingen oder eine Rehmutter von ihrem Kitz* weggeschossen haben. Leider kommen Jäger mit solchem Benehmen immer wieder davon. Wenn bei einer Jagd so viele Tiere an einem Tag erlegt werden, dass das so genannte „Streckelegen“ – also das Auslegen der toten Tiere zu ihrer Ehrung und zur Kontrolle – nicht stattfindet, dann gibt es auch keine öffentliche Rüge für Tiere, die zu jung oder zu leicht oder zur falschen Zeit geschossen wurden.
Es sind solche Jäger, die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in ihrem Roman Gesang der Fledermäuse schildert.
„‚Die Jäger machen durch das Abschießen echte Jagdpolitik. Sie haben Wildfütterungsanlagen errichtet und beaufsichtigen diese nun systematisch.‘ Hier sah er diskret in seine Notizen. ‚Es sind dies einundvierzig Raufentröge für Rehe, vier Kraftfutterautomaten für Hirsche, fünfundzwanzig Fasanenschütten sowie hundertfünfzig Salzlecken für das Rotwild.‘ ‚Und dann schießen sie bei diesen Futterstellen auf die Tiere‘, sagte ich laut, und die Köpfe in meiner Umgebung drehten sich tadelnd in meine Richtung. ‚Es ist wie eine Einladung zum Essen, um den Gast zu ermorden.‘“
Diese in dem in Polen spielenden Roman beschriebene Praxis ist in Deutschland verboten. Viele deutsche Anwärter sagen zur Begründung, warum sie den Jagdschein machen möchten, sie wollten gern selbsterlegtes Wild essen. Fast drei Millionen Stück Wild werden jedes Jahr während der Saison erlegt. Zum Vergleich:  745 Millionen Tiere werden etwa pro Jahr in Deutschland geschlachtet. Wer nicht vegan lebt und nicht vegetarisch, muss sich doch fragen, ob die Tiere, auf die man Appetit hat, annähernd artgerecht aufgezogen und ohne Qual gestorben sind. Es kann nicht sein, dass ein Schwein, dessen Fleisch im Supermarkt 2,99 Euro das Kilo kostet, es als Schwein gutgehabt hat, weder im Mästen noch im Sterben. Das wäre nicht rentabel. Wer verantwortungsbewusst jagt, ist nicht nur ein Mensch, der seine Verbundenheit mit der Natur spüren möchte. Er ist auch ein Mensch, der das Wissen um das Leiden der Tiere an der Zivilisation und Unterwerfung der Welt nicht verdrängt. Jäger sind die, die in jedem Haus erst mal einen Kamin einbauen und die Helligkeit draußen danach einteilen, ob es noch „Büchsenlicht“ ist oder nicht. Die Jagd ist ein Handwerk, eine Philosophie und eine (Natur-)Religion und eine Sprache. „Man spielt Gott“ sagen die Jäger ganz ernst und erzählen, dass Krähen Autofarben auseinanderhalten und Spazierstöcke von Gewehren unterscheiden können.
Im Forst bremst der Fahrer an einer Wegeskreuzung. Er ruft zwei Namen von seiner Liste der Jagdgäste auf, nennt die Nummer der Ansitze der beiden Jäger und weist den Stichweg hinunter. Von weitem leuchten die Neonziffern auf dem Holz. „Achtung, das Holz ist feucht und rutschig. Waidmannsheil.“ „Waidmannsheil“ erwidern die Männer, schultern ihre Gewehre, drücken den Hut in die Stirn und machen sich davon, einer auf Nummer 51 A, der andere in Sichtweite dahinter. Durch die Stämme sterbender Fichten führen Schneisen in den Wald. Totholz liegt ordentlich aufgeschichtet. Jeder Jäger ist eingewiesen und hat einen Zettel erhalten, auf dem steht, welche Tiere welchen Alters erlegt werden dürfen. Wer sich nicht daran hält oder sich irrt, kann seinen Jagdschein verlieren. Die Jagd hat Regeln, und wer sie bricht, zahlt dafür. Beim Gastgeber dieser Gesellschaftsjagd werden am Vorabend des Treibens bei einem großen Essen die Schulden des Vorjahres beglichen. Einer, der noch nicht lange im Besitz des Jagdscheins ist, ein sogenannter Jungjäger, hatte einen Rehbock geschossen, als Rehböcke nicht freigegeben waren. Der Gastgeber löst das elegant, zwar erwähnt er den Vorfall freundlich-ironisch, macht aber klar, dass der Jungjäger nicht der einzige ist, dem so etwas passiert ist. Die Trophäe gibt’s trotzdem. Der Saal stimmt das traditionelle Waidgeheul an, mit überraschendem Wohlklang: „Ein Horri-do, ein Horri-do, ein Waidmannsheil“! Es geht lange in dieser Nacht. Geflügelzüchter, Getreidehändler, Juristen und Fabrikanten, Waldbauern und Autozulieferer mischen sich mit Politikern und Lobbyisten, Grafen und Barone mit Verwaltern. Geschäfte werden gemacht und noch mehr Geschichten erzählt.
Morgens sitzen die Jäger frischrasiert da und mit rosigen Wangen, in tadellos gebügelten karierten Hemden, Shetlandpullovern, Hirschlederhosen und schwerem Schuhwerk. Bei Rührei und Kaffee setzen sie die Unterhaltungen des Abends fort. Die meisten von ihnen betreiben Land- und Forstwirtschaft und sorgen sich. Natürlich wollen sie wieder mehr Hasen und Rebhühner in ihren Revieren sehen. Das Hochwild aber, dessen Bestände nicht zu groß sein dürfen, damit der nachwachsende Wald eine Chance hat, müssen sie darum bejagen.
Wo es Wölfe gibt, wird das zusehends schwieriger, da zieht sich das Wild tiefer in die Wälder zurück, gibt es die Deckung immer seltener und vornehmlich nachts auf. Um es möglichst wenig zu stören das Jahr über, jagt man es an einigen wenigen Tagen konzentriert und mit großem Einsatz, damit danach wieder Ruhe herrscht im Revier. Das ist eine Gesellschaftsjagd. Um halb zehn Uhr morgens sind alle 72 Schützen im Revier verteilt. In ihren neonfarbenen Jacken sitzen sie in Einsamkeit und Kälte. Immerhin hat es aufgehört zu regnen. Die Gewehre liegen im Anschlag. Das Gehör schärft sich mit jeder Minute des Lauschens. Langsam und stetig entlassen die Fichtenzweige, die Buchenblätter und halb abgebrochenen Eichenäste jene Regentropfen, die bei ihnen Zwischenquartier genommen haben, in den Boden. Wie laut so ein Tropfen klingen kann in der Stille. Ein Mäusebussard kreist unter dem Himmel, der zusehends blauer wird. Ein Baummarder huscht quer über den Weg. Wenn es knackt, fahren die Jäger herum auf ihrem Rohholzturm. Mit lauten „Ho! Ho!“-Rufen brechen die Treiber und ihre eifrigen Hunde durch den Wald. Sie suchen das Wild, Rehe, Rotwild und Sauenrotten und scheuchen sie auf, sie setzen sie in Richtung der Ansitze in Bewegung. Wenn die Meute weitergezogen ist, wird es wieder still. Ein kleiner Rehbock äugt auf den Weg, blickt hoch, sieht in Menschenaugen und prescht davon. Noch anderes Rehwild rast in lebensrettender Geschwindigkeit vorbei. Rotwild erscheint auf dem Weg zwischen zwei Schützen. Es wäre zu gefährlich zu schießen. Kugelfang wäre nicht gewährleistet, und das Wild zu nahe am Nachbaransitz. Da erscheint in vollem Galopp ein Hirsch, ein Zwölfender. Verweilt, zieht nach rechts weg, als wüsste er, dass er nicht freigegeben ist. Am frühen Abend, wenn alles vorbei ist, brennt auf dem Kopfsteinpflaster des Hofes ein Feuer und die Bläser setzen die Hörner an die Lippen, um das erlegte Wild zu ehren.
Über die ethischen Aspekte des Tötens schrieb der spanische Philosoph und Soziologe José Ortega y Gasset in den fünfziger Jahren. Zwei Jahre nach seinem Tod 1955 veröffentlichte Rowohlt in seiner deutschen Enzyklopädie die Schrift Über die Jagd:
„Sieht man nun, warum es unmöglich ist, hier auf die Ethik der Jagd in ihrer ganzen Reichweite einzugehen? Sie würde uns, wenn wir auf das Problem des Todes stoßen, in die schwierigsten Fragen verwickeln und uns dazu zwingen, unsere Betrachtung ins Unbegrenzte zu verlängern. Ich sagte also, da ist die Tatsache des spontanen Todes, des natürlichen Todes, der an sich schon wenig verständlich ist. Da ist ferner die Tatsache des Tötens, die die Unverständlichkeit noch vervielfacht. Aber es gibt noch eine dritte Stufe in dieser Pyramide von Schwierigkeiten, nämlich die Tatsache, dass man töten muss. Es ist manchmal zwangsläufig und unumgänglich, den Feind, den Wahnsinnigen, den Verbrecher zu töten. Und vielen Tierarten, auch dem Menschen, bleibt nichts anderes übrig als zu töten, um zu essen. Daraus ergibt sich, dass wir nicht nur den Tod in unserer Umgebung dulden müssen, und in Gedanken vorweggenommen auch unseren unvermeidlichen eigenen Tod, sondern dass wir ihn hervorrufen und handhaben müssen. Darum hat man sehr wenig über den Tod gesagt, wenn man gesagt hat, dass er schrecklich sei, denn dieses Eigenschaftswort bringt, wie die Eigenschaftswörter ganz allgemein, keine Lösung. Es ist nicht einmal gesagt, dass es nicht die größte und moralischste Huldigung ist, die wir bei gewissen Gelegenheiten gewissen Tieren erweisen können, sie unter gewissen Formen und Riten zu töten. Nun steht dieser ganzen Morphologie des Todes die Jagd als etwas Einzigartiges gegenüber, denn sie ist der einzige normale Fall, wo das Töten eines Tieres zum Vergnügen eines anderen wird. Das steigert die Schwierigkeiten ihrer Ethik zum Paroxysmus.“
Der spanische Philosoph machte bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert deutlich, wie schwierig es ist, den Gewissenskonflikten der Jagd zu entgehen. Zu seiner Zeit wurde die Fotosafari eingeführt. Die Engländer, schrieb er ironisch, würden die Tiere nun nicht erlegen, sondern fotografieren, ausgerechnet die Engländer, wo doch das Britische Reich, wahrlich nicht „mit Seide und Bonbons“ errichtet worden sei, „sondern damit, dass man den Leiden der anderen Menschen mit der größten Härte entgegentrat, die die Geschichte des Abendlands kennt.“ Diese Aussage ist historisch nicht haltbar in ihrer Deutschenfreundlichkeit. Übertragen in die Gegenwart, hat Ortega y Gasset aber einen Punkt. Es wäre schön, wenn das Leben eine Fotosafari wäre, wenn sich die Erde in ein Paradies verwandeln ließe, in dem Prädatoren – so bezeichnet man in der Biologie Organismen, die andere Organismen zum Zweck der Nahrungsaufnahme nutzen – Himbeeren essen würden. Das Spurenlesen und Fährtengehen der Neoromantiker, das Übernehmen von Wolfspatenschaften und Auswerten von Wildkameras, das Waldbaden und Dichten und Eichelkaffeekochen ist gut, es entspringt dem tiefen Wunsch nach einem nicht entfremdeten Dasein, nach einer Wiederverbindung mit der Natur. Aber das alles reicht nicht aus, um den Realitäten gerecht zu werden und zu verstehen, dass man als menschlicher Prädator den Tod nicht aus dem Leben verbannen kann. Die Wirklichkeit ist so viel komplexer als es die Unterstützung von Luchsaussiedlungsprojekten, Wildbrücken über Autobahnen und vegane Ernährung glauben lassen könnten. Viele Eingriffe des Menschen in die Natur können nicht rückgängig gemacht werden und lassen sich nicht abstellen. Dass wir zu hohe Wildschweinbestände haben, weil wir massiv zu viel Mais anbauen, den wir an die Nutztiere unser tierethisch oft katastrophalen Viehhaltung verfüttern, ist eine Tatsache. Die tierethisch richtig ausgeübte Jagd ist ein Teil der Lösung, nicht das Problem. Der Jäger macht das Gespenst, indem er den Mantel unter dem Baum ausbreitet, sodass sich der Marder nicht mehr hinuntertraut. Der Mensch ist der Prädator, vor dem die Natur flieht, an dem die Natur stirbt. In der Jagd erfährt man diese brutale Wahrheit auf beinahe tröstliche Weise.

*Wir haben hier die terminologisch korrekte Bezeichnung eingesetzt.