Mittwoch, 17. April 2024

Erzählen gegen die Krise
Worte finden für das Unvorstellbare

In unserer heutigen Welt gehören Klimawandel und Biodiversitätsverlust zu den kritischsten und beängstigendsten Problemen, mit denen wir konfrontiert sind. Diese Phänomene zu verstehen, ist eine gewaltige Aufgabe. Literatur macht die „Katastrophe ohne Ereignis“ erfahrbar.

Von Jasmin Schreiber | 17.03.2024
Offshore-Windpark vor der Europäischen Küste bei Sonnenuntergang
Wir planen Offshore-Windparks, um die Energiewende zu schaffen, und blenden dabei völlig aus, dass wir damit riesige Meeresgebiete zum Beispiel für Wale unbewohnbar machen (IMAGO / Pond5 Images / IMAGO / xfokkebokx)
Der Klimawandel umfasst globale Auswirkungen wie Treibhausgasemissionen und Entwaldung. Die Folgen sind vielfältig und reichen von extremen Wetterereignissen bis hin zu subtilen Klimaveränderungen. Der Verlust der Biodiversität betrifft Arten, Ökosysteme und die genetische Vielfalt. Wie können wir das Ausmaß und die Folgen abschätzen? Ist unser Verstand dazu überhaupt in der Lage?
Erzählen ist eine uralte Kulturtechnik, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit zieht. Diese Kunst, die sich über Jahrtausende entwickelt hat, ist nicht nur eine Form der Unterhaltung, nicht nur ein Zeitvertreib, sondern ein grundlegender Aspekt unseres Seins. Als erzählende Wesen finden wir in Geschichten Sinn, Verständnis und Verbundenheit. Durch sie lernen wir, entwickeln wir uns weiter.
Literatur, Musik, Radio und Kunst bieten hier einzigartige Möglichkeiten, die Dringlichkeit und Bedeutung dieser Themen zu vermitteln, die Kluft zwischen abstrakten wissenschaftlichen Daten und persönlichen menschlichen Erfahrungen zu überbrücken und das Unvorstellbare dann doch etwas greifbarer zu machen. Das Erzählen in diesen Formaten reduziert das Abstraktionslevel. Es ist ein Angebot, sich miteinander zu verbinden, Ängste und Sorgen zu teilen, aber auch Ideen und Lösungsansätze zu finden – um vielleicht doch rechtzeitig zu verstehen, sodass wir retten können, was noch zu retten ist.
Jasmin Schreiber ist Schriftstellerin und Sachbuchautorin. Ihre Romane wie „Mariannengraben“ (2020) oder „Endling“ (2023) sind Bestseller geworden, ihr Sachbuch „Biodiversität“ (2022) führt in die aktuellen Fragen des Mensch-Natur-Verhältnisses ein. Als Biologin gilt ihr Interesse allen Organismen, die kleiner als eine Maus sind, zum Beispiel Insekten, Spinnen, Moosen oder Flechten. Sie ist Bloggerin und veröffentlicht regelmäßig ihre Kolumne „Schreibers Naturarium“, ihr Buch unter diesem Titel ist 2023 zum „Wissensbuch des Jahres“ gekürt worden. Zudem hostet Jasmin Schreiber mit Lorenz Adlung den Biologie-Podcast „Bugtale.FM“.

Ich bin ein großer Fan von Stephen King. Schon in einem viel zu jungen Alter, ich glaube ich war erst 10 oder 11 Jahre alt, habe ich mein erstes Buch von ihm gelesen:  Desperation. Absolut ungeeignet für Kinder, wirklich.
Einmal hatte ich das Buch dabei, als ich meine Urgroßmutter im Altersheim besuchte. Ich begleitete meine Mama, und während wir an der Rezeption auf meine „Ticktack‑Oma“ (wegen „U(h)r–Oma“) warteten, sprach mich eine Pflegerin an – ich glaube, sie war um die 20. Sie war tätowiert, hatte einen Nasenring und bunte Haare, und ich wollte sofort so sein wie sie.
Sie hat mich angesprochen: Du liest Stephen King?
Ich wollte sie beeindrucken und sagte: Das ist mein Lieblingsautor.
Ich hatte gerade 10 oder 20 Seiten meines ersten Stephen-King-Buches gelesen.
Sie sagte: Meiner auch! Ich suche ein bisschen nach seinem Schreibstil, nach seiner Art, Geschichten zu erzählen.
Ich hatte absolut keine Ahnung, was das bedeutete, aber ich fand es sehr beeindruckend. Von da an lief ich immer mit einem Buch von Stephen King herum und erklärte jedem, der es wissen wollte – oder vielleicht auch nicht wissen wollte –, dass ich Stephen Kings „Schreibstil suche“. Ich weiß nicht, ob ich ihn je gefunden habe.
Ich wusste damals nicht, dass ich schon viel früher mit King in Kontakt gekommen war. Aber es gab eine Nacht, ich muss damals viereinhalb Jahre alt gewesen sein, als mein Vater mit mir allein zu Hause war. Ich durfte so lange aufbleiben, wie ich wollte und das Fernsehprogramm bestimmen. Im Fernsehprogramm gab es damals bei den 20:15 Uhr-Blockbustern immer so kleine Vorschaubilder. Und ich habe mich für den Film mit dem lustigen Clown mit dem roten Luftballon entschieden.
Der Abend kam und mein Vater hat so eine Angewohnheit: Immer wenn man mit ihm einen Film anschaut, schläft er wirklich in den ersten fünf Minuten ein. Der Film fing also an, irgendwelche Kinder tauchten auf, und ich glaube, er dachte: Okay, Kinderfilm. Und weg war er.
Er hat den ganzen Film verschlafen.
Als er aufwachte, saß ich ganz erschrocken im Sessel und habe geweint. Da erst hat er seinen Fehler bemerkt. Es war kein Kinderfilm, es war der Horrorfilm ES von Stephen King, mit dem mordenden Clown Pennywise.
Trotz allem sah mein Vater darin auch eine Chance. Er hat mich dann getröstet, hat sich entschuldigt und hat mich beruhigt, dass der Clown mir ja sowieso gar nichts tun kann, weil das Kinder waren, die nicht auf ihre Eltern gehört haben. Hätten sie auf ihre Eltern gehört, wären sie gar nicht erst in diese Situation gekommen. Da ich aber immer auf meine Eltern höre … Sie verstehen? Ich war mir also ab sofort sehr sicher: Wenn ich nicht auf meine Eltern höre, dann kommt der Clown mit den Zähnen.
Mein Vater hat hinterher versucht, mir das wieder auszureden, es gab für ihn auch Ärger von meiner Mutter, aber da war es schon zu spät: Ich hatte jahrelang Angst vor Clowns.
Mein Vater ist mit dieser ganzen Sache damals unbewusst in die Fußstapfen des Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann getreten, des Autors des Struwwelpeter.
Im Englischen gibt es den Begriff „cautionary tale“, was so viel heißt wie „warnende Geschichte“.
Eine solche Geschichte ist meist in drei Teile gegliedert: Es gibt etwas, das verboten oder moralisch verwerflich ist. Eine Figur hält sich nicht daran, das ist der zweite Teil, und die Strafe folgt im dritten Teil. Wem das Beispiel mit dem Clown schon extrem erscheint, der sollte sich noch einmal den Struwwelpeter anschauen, der ist noch viel schlimmer. Da werden Daumen abgeschnitten, Kinder verbrannt oder vom Sturm weggetragen – weil sie nicht auf ihre Eltern hören. Wir haben das damals im Kindergarten und in der Grundschule gelesen, heute tut man das kleinen Kindern wahrscheinlich nicht mehr an.
Das Erzählen an sich ist jedenfalls eine uralte Kulturtechnik, die sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte zieht. Und sie hatte immer einen bestimmten Zweck, wie beispielsweise in diesen Kindergeschichten. Die Erzählung war lange Zeit eine zentrale Kraft bei der Herausbildung gesellschaftlicher Normen und definierte eben auch erwünschte Verhaltensweisen. Das Erzählen von Geschichten hat sich zu einem ausgeklügelten Instrument kultureller Vermittlung entwickelt, das die Komplexität menschlicher Psychologie und sozialer Strukturen, aber auch unserer Erfahrungswelt abbildet, diskutiert und verhandelt.
Der tiefgreifende Einfluss des Erzählens auf die soziale Konformität und die Durchsetzung von Regeln und Gesetzen lässt sich über Jahrtausende zurückverfolgen, wobei die Bibel als Paradebeispiel für die Anleitung zu Verhalten gilt, was damals eben als moralisch und ethisch erwünscht galt.
Und die von uns Schreibenden geschätzte Maxime „show, don’t tell“, also zeigen und nicht nur behaupten oder erzählen, fasst die Essenz des effektiven Geschichtenerzählens recht gut zusammen. Dieses Prinzip unterstreicht, wie wichtig es ist, Erfahrungen lebendig werden zu lassen, anstatt nur Fakten aufzulisten, um die Sinne und Gefühle des Publikums anzusprechen und so eine tiefere und nachhaltigere Wirkung zu erzielen. Einem Kind zu sagen, dass etwas verboten sei, ist die eine Sache. Es in eine Geschichte einzubetten und damit gleich auch Ursache und Wirkung mitzuliefern, eine ganz andere. Damit geht das Geschichtenerzählen über die reine Unterhaltung hinaus und wird zu einem wichtigen Bestandteil der menschlichen Existenz, denn wir sind von Natur aus erzählende Wesen; Geschichten bilden einen für uns greifbareren Rahmen, aus dem wir Sinn ableiten können, aus dem wir Einsichten gewinnen und durch den wir uns mit der Welt um uns herum verbinden. Geschichten sind von Kindesbeinen an entscheidend für unsere kognitive und emotionale Entwicklung und prägen unsere Wahrnehmung und unsere Reaktionen auf die unzähligen Herausforderungen des Lebens.
Studien haben dies bestätigt. Es ist tatsächlich so, dass wir uns Informationen besser merken, wenn sie in Geschichten verpackt sind. Dieses Prinzip macht sich die Werbung zunutze, indem sie Geschichten erzählt, um zu fesseln und zu überzeugen, wobei die Grenze zwischen Erzählung und Werbebotschaft oft fließend ist und wir manchmal gar nicht merken, dass wir Werbung sehen. Solche Geschichten sind mit der Absicht verbunden, die öffentliche Meinung und das Verhalten zu beeinflussen und zu formen. Es liegt also meist eine direkte Absicht vor.
Im Laufe der Geschichte wurden Erzählungen jedoch nicht nur benutzt, um Gemeinschaften zu vereinen und zu definieren, sondern auch, um den „Anderen“ abzugrenzen und zu verleumden, um Feindbilder zu schaffen. Ein eklatantes Beispiel für das dunkle Potenzial des Geschichtenerzählens findet sich in der Propaganda des Nationalsozialismus, wo Geschichten strategisch eingesetzt wurden, um Juden und andere Gruppen zu entmenschlichen und ein Gefühl der Einheit unter der „deutschen“ Bevölkerung zu fördern, indem diese Gruppen als „die Anderen“ dargestellt wurden.
Die Macht des Geschichtenerzählens ist also zweischneidig. Es kann Verbindungen schaffen und Verständnis fördern, aber auch Wahrnehmungen manipulieren und Gemeinschaften gegeneinander ausspielen. Das erleben wir auch heute noch allzu oft: Kriegspropaganda, Social Media, sogenannte Fake News.
Narrative können Konflikte auslösen, politische Landschaften prägen und den Lauf der Geschichte verändern; sie können Wahlen gewinnen oder Kriege auslösen. Diese Macht unterstreicht die ethische Verantwortung von Geschichtenerzähler:innen und die Notwendigkeit, sich kritisch mit Erzählungen auseinanderzusetzen, unabhängig davon, ob sie aus alten Texten oder modernen Medien stammen.
Doch was erzählen wir uns eigentlich?
Höhlenmalereien gehören zu den frühesten Zeugnissen menschlicher Geschichte. Sie zeigen Szenen aus dem täglichen Leben, Jagdstrategien und spirituelle Überzeugungen. Diese Bilder waren keine bloße Dekoration, sondern erzählerische Instrumente, mit denen Wissen, Erfahrungen und Werte von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Durch diese Kunstwerke, die uns heute zu Unrecht primitiv erscheinen, aber in Wirklichkeit eine tiefe Bedeutung haben, konnten die frühen Menschen überlebenswichtige Fähigkeiten weitergeben, zum Beispiel wie man effektiv jagt oder Nahrung zubereitet, und ihr Verständnis der Welt, die sie umgab, dokumentieren.
Mit der Entwicklung der Menschheit haben sich auch die Methoden des Geschichtenerzählens verändert. Antike Epen wie Homers Ilias und Odyssee dienten nicht nur der Unterhaltung, sondern vermittelten auch moralische Werte, dienten der Bewahrung historischer Ereignisse, der Verkörperung der Ideale der jeweiligen Kultur und waren aus religiöser Sicht wichtig – es geht darin ja auch viel um die Götter. Diese mündlich überlieferten Geschichten festigten soziale Normen und trugen zu einem gemeinsamen Identitätsgefühl bei. Sie sind zahlreich und überall zu finden. Goethes Werther, Shakespeares Macbeth, Fontanes Effi Briest. Alles Geschichten, die nicht nur unterhalten, sondern auch kommentieren, belehren, kritisieren, einordnen sollten.
Hach, der Kanon. Schön männlich, oder? Deshalb lassen wir uns heute nur noch über Schriftstellerinnen sprechen, also Frauen.
Was bei dieser Aufzählung auffällt: Die weiblichen Geschichtenerzählerinnen werden oft übersehen und übergangen, aber auch sie, also WIR – denn ich bin ja eine von ihnen – haben diese Erzählungen entscheidend geprägt, indem Frauen oft einzigartige Perspektiven einbrachten und gesellschaftliche Normen in Frage stellten – und das bis heute tun.
In der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts haben Autorinnen wie Mary Shelley neue Maßstäbe gesetzt; so führte sie mit ihrem bahnbrechenden Roman Frankensteindie Welt in das Genre Science Fiction ein und erforschte Themen wie Schöpfung, Verantwortung und die ethischen Grenzen wissenschaftlicher Forschung. Shelleys Werk ist ein Paradebeispiel dafür, wie das Erzählen von Geschichten aktuelle wissenschaftliche Debatten aufgreifen und deren Konsequenzen ausloten kann.
Geschichtenerzählen ist immer auch immer: Die Realität üben.
Frankenstein erschien 1818 und war eine Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Debatten zu Shelleys Zeit, insbesondere mit den Möglichkeiten und Grenzen der aufkommenden Naturphilosophie, die wir heute als Wissenschaft bezeichnen.
Zu Shelleys Lebzeiten begann eine Ära rasanter wissenschaftlicher Fortschritte und Entdeckungen, die bei vielen Menschen sowohl Begeisterung als auch Furcht vor den weitreichenden Möglichkeiten der Wissenschaft hervorrief, die menschliche Existenz und die gesamte Natur tiefgreifend zu verändern.
Eines der umstrittensten wissenschaftlichen Themen zu damals war die Erforschung des Galvanismus – die Idee, dass Elektrizität dazu verwendet werden könnte, leblose Materie zum Leben zu erwecken oder, noch ehrgeiziger, Tote wiederauferstehen zu lassen. Diese Idee wurde durch die Experimente von Luigi Galvani und später von Giovanni Aldini populär, die öffentlich demonstrierten, wie elektrische Ströme Muskelkontraktionen bei toten Tieren und Menschen auslösten.
Shelleys Frankenstein war eine direkte Antwort auf diese Debatten. Anhand der tragischen Figur des Victor Frankenstein, dem es gelingt, aus zusammengesetzten Körperteilen eine Kreatur zu erschaffen, und der dann von seiner eigenen Schöpfung entsetzt ist, untersucht Shelley die Folgen eines unkontrollierten Ehrgeizes und der Hybris, Gott spielen zu wollen ... etwas, das uns Menschen heute sicher nicht fremd ist. Zuletzt habe ich gelesen, dass man versuchen will, das Sonnenlicht zu verdunkeln, um etwas gegen die globale Erwärmung zu tun. Was soll da schon schiefgehen?
Ich persönlich finde, das ist eigentlich ein sehr moderner Roman, und nicht umsonst gehört er zu den Klassikern, die auch heute noch mit Begeisterung gelesen werden.
Bleiben wir doch kurz bei den Romanen.
Es ist viele Jahre her, dass ich zum ersten Mal Die Wand der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer gelesen habe. Kleiner Tipp am Rande: Im November ist ihre Werkausgabe erschienen, ENDLICH. Mein damaliges Erstlesen war jedenfalls das erste von unzähligen Malen. Kein Buch ist mir wichtiger, ich empfehle es immer wieder allen und jedem. Wenn mich Zeitungen nach Buchempfehlungen fragen, ist dieses Buch immer dabei. Noch nie hat mich ein Text so berührt, so viel in mir zum Klingen gebracht. Ich habe gelacht, geweint, wollte in die Buchstaben hineinkriechen. Vielleicht bin ich sogar besessen von diesem Text.
Kurze Zusammenfassung: Es geht um eine Frau, die eines Morgens aufwacht und durch eine unsichtbare Wand vom Rest der Welt getrennt ist. Innerhalb dieser Kuppel scheint sie der einzige Mensch zu sein, außerhalb scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ihr bleiben die Jagdhütte, ein paar Tiere – darunter ein Hund namens Luchs, nach dem ich einen meiner Hunde benannt habe – und eben die Notwendigkeit zu lernen, wie man sich ernährt, wie man überlebt.
Im Buch selbst setzt sich Haushofer mit Isolation, weiblicher Existenz und dem Verhältnis des Menschen zur Natur auseinander, basierend auf dem Konzept der Erzählung als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und als Kommentar menschlicher Erfahrung. Der 1963 erschienene Roman behandelt Themen, die auch heute noch aktuell sind: Umweltkrisen, Mensch-Natur-Beziehungen, psychische Gesundheit und geschlechtsspezifische Erfahrungen. Die Ich-Erzählerin führt eine Art Logbuch und schreibt beispielsweise darüber, dass sie sowieso nicht gerne Mutter gewesen sei, oder dass sie in dieser Situation, mit über vierzig, zum ersten Mal lerne, dass sie Hände habe.
Da sieht man es wieder: Das Geschichtenschreiben, das Erzählen ist so in uns drin … Autor:innen lassen es ihre Protagonist:innen in den aussichtslosesten Situationen machen, und es kommt einem nicht einmal komisch vor. Man liest es, weiß, dass das wohl nie jemand lesen wird, und denkt sich dennoch: ah, ja. Klar, dass sie das macht, würde ich auch tun.
Wir können nicht anders, als zu erzählen.
Das Überleben der Protagonistin und ihre Anpassung an ihr einsames Leben in enger Gemeinschaft mit den Tieren und Pflanzen, die sie umgeben, spiegelt eine tiefe, oft uneingestandene Verbundenheit zwischen ihr als Mensch und der Natur wider, die mich sehr berührt. Auch ich fühle mich in meiner Depression oft wie hinter einer Mauer von der Welt getrennt, während ich manchmal verzweifelt versuche zu überleben. Und wie hier zum Beispiel über die Mensch-Hund-Beziehung geschrieben wird, haut mich auch jedes Mal total um. Als meine Hündin Chloé, die mich 12 Jahre durchs Leben begleitet hat, im Dezember gestorben ist, habe ich das Buch noch einmal zur Hand genommen und die Passagen nachgelesen, in denen es um die Trauer um ein Tier geht. Geschichten sind also etwas, in das man sich auch flüchten kann.
Geschichten können trösten.
Aber wieso führe ich ausgerechnet Haushofers Buch an?
Nun, ich finde, in diesem Buch wird die Beziehung zwischen Mensch und Natur sehr deutlich. Seltsame Formulierung, oder? Mensch und Natur. Als gehörten wir nicht zur Natur, als stünden wir irgendwie darüber. Ich glaube, diese Trennung hat uns auch viele Probleme bereitet.
Die Protagonistin im Buch spürt zum ersten Mal so richtig, wie winzig sie ist, wie unwichtig im Kontext des Lebens. Wie schwer es für sie ist, fernab der bequemen menschlichen Zivilisation Nahrung zu finden und anzubauen. Wie abhängig sie von Wetter und Klima ist. Wie schutzlos. Wie vulnerabel.
Das ist ja etwas, das wir Menschen gerne vergessen, nicht? Wir sind eine Art: Homo sapiens, Gattung Homo, Familie der Menschenaffen (Hominidae), Ordnung der Primaten, Klasse der Säugetiere, Mammalia, Reich der Vielzelligen Tiere, Metazoa. Um mal ein paar Begriffe aus der Systematik zu nennen.
Man kann uns in einen Stammbaum einordnen, kategorisieren, systematisieren, im Stammbaum zeigen; hier ist die Art entstanden, aber das bedeutet auch, dass es ein Ende geben kann, denn Arten können aussterben!
Im Juli 2019 veröffentlichte Ed Yong in der Zeitschrift The Atlantic einen Text mit dem Titel The Last of Its Kind. Der Artikel handelt von George, einer Schnecke aus Hawaii, der ich auch schon ein Buch gewidmet habe: 100 Seiten über Biodiversität. George war der letzte Vertreter der Art Achatinella apexfulva und lebte in einer Forschungsstation, in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Jahren vergeblich versuchten, einen Paarungspartner für George zu finden, um die Art zu retten. Während alle Welt Silvester feierte und die Korken knallen ließ, starb er am Neujahrstag 2019 im Alter von 14 Jahren einsam in seinem Terrarium.
Normalerweise bemerkt man es nicht, wenn ein Tier stirbt. Gerade bei so kleinen Lebewesen wie Schnecken geschieht dies still und unauffällig, viele sterben sogar aus, bevor wir überhaupt von ihrer Existenz wissen. George aber starb unter den Augen von uns Menschen, und mit ihm seine ganze Art – denn George war ein Endling. Und mit seiner Geschichte hatte Ed Yong nicht nur diese Schnecke, sondern ein ganzes Phänomen für die Menschheit sichtbar, erfahrbar und begreifbar gemacht.
Sprechen wir über Endlinge, sprechen wir über Artensterben, über Biodiversitätsverlust. Viele Menschen haben den Begriff „Biodiversität“ schon einmal gehört, nicht zuletzt, weil in den Medien immer häufiger darüber berichtet wird (aber noch lange nicht genug, nein).
Dieser Begriff – Biodiversität, auch biologische Vielfalt genannt – beschreibt die gesamte Bandbreite des Lebens auf unserer Erde. Sie umfasst nicht nur die Artenvielfalt, also die Anzahl unterschiedlicher Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen, sondern auch die genetische Variation innerhalb der Arten, die Variabilität innerhalb der verschiedenen Ökosysteme.
Wissen Sie jetzt Bescheid? Klingt abstrakt, oder?
Es gibt Dinge, die man sich nur schwer vorstellen kann – wie es sein wird, wenn man tot ist; dass das Universum sich immer weiter ausdehnt; die Unendlichkeit; dass die Menschheit aussterben kann; Gott. Diese Themen verwandeln sich in unserem Kopf zu einer unklaren, überwältigenden Masse, in der sich keine klaren Vorstellungen bilden, weil sie für uns zu abstrakt sind.
Der Philosoph Immanuel Kant bezeichnete Ereignisse, die außerhalb der unmittelbaren menschlichen Erfahrung liegen, als „transzendental“. Sie existieren jenseits unserer sinnlichen Wahrnehmung und sind nur der reinen Vernunft zugänglich. Alles, was jenseits unseres empirischen, messbaren und erfahrbaren Wissens liegt, entzieht sich demnach unserer Erkenntnis und kann nur geglaubt werden.
Es gibt jedoch Phänomene, an deren Existenz man lieber nicht denken möchte.
An die man nicht glauben möchte.
Obwohl der Verlust der biologischen Vielfalt etwas Erlebbares und Messbares ist, erscheint er vielen Leuten ebenso fern wie die oben genannten Beispiele. Das ist menschlich und psychologisch verständlich. Wenn man sich vorstellt, dass die Eisbären aussterben, erzeugt das Bilder. Man fühlt sich vielleicht traurig, ist vielleicht bedrückt. Man stellt sich menschenleere Eiswüsten vor, den letzten Eisbären, der in einem Zoo in einem viel zu warmen Klima altert. Aber der Gedanke an den fortschreitenden Verlust der biologischen Vielfalt, der schließlich auch die Menschheit zu einer bedrohten Art machen könnte, lässt ein leeres Bild in unserem Kopf entstehen. Keine visuelle Vorstellung. Ein unfassbares Konzept.
Was es uns verständlicher machen kann: Geschichten.
Aber wollen wir es überhaupt verstehen?
Unsere menschliche Psyche, die es aus Gründen des Selbstschutzes ablehnt, über Sterblichkeit oder Endlichkeit nachzudenken, schreckt natürlich auch davor zurück, sich mit der Möglichkeit des tatsächlichen Aussterbens auseinanderzusetzen. Verleugnung ist ein verbreiteter psychologischer Abwehrmechanismus, um sich vor unbequemen Wahrheiten oder Realitäten zu schützen. Wenn wir verdrängen, schaffen wir uns einen Puffer gegen unsere Ängste. Eigentlich eine gute Sache. Aber wenn dieser Schutzmechanismus angesichts existenzieller Bedrohungen aktiviert wird, führt das natürlich zu Schwierigkeiten. Er hindert uns daran, das eigentliche Problem – die Gefahr! – zu erkennen und entsprechend zu handeln.
Im Zusammenhang mit dem Verlust der biologischen Vielfalt gibt es verschiedene Formen der Verweigerung, von der völligen Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse bis hin zu apathischem Desinteresse. Letzteres kann ich gut verstehen. Wenn man, wie viele Menschen, mit Existenzängsten kämpft, neben dem Hauptjob noch mehrere Nebenjobs ausübt und Kinder zu versorgen hat, ist die ständige Sorge um das finanzielle Überleben allgegenwärtig. Da kann man nicht erwarten, dass sich diese Menschen in ihrer Freizeit noch brav und ausführlich über Biodiversität informieren.
Aber es gibt noch andere Gründe, warum es so schwierig ist, sich mit dem Thema Biodiversität zu beschäftigen: Die Politik schafft es auch nicht, denn auch sie besteht aus Menschen. Und die Gehirne unserer Politikerinnen und Politiker sind genauso anfällig für Verdrängung wie alle anderen.
Wir erleben es jeden Tag. Ja, wir brauchen Umweltschutz, ja, wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun! Regierungen wirken oft wie Papiertiger, wenn es darum geht, aktiv zu werden. Konferenzen werden abgehalten, Dokumente verfasst, Verträge unterzeichnet, es herrscht großer Aktionismus.
Dass Verträge und Ziele nicht eingehalten werden? Geschenkt. Aber wir versuchen es wenigstens, oder? Wir versuchen es! Also halt das, was geht. Nicht?
Geschichten sind auch die, die wir uns erzählen. Die wir uns selbst erzählen, um uns zu beruhigen. Es wird schon alles gut gehen. Bisher ist doch alles gutgegangen.
Wir erzählen uns die Geschichte, dass wir uns ja wirklich um den Klimawandel kümmern werden, gleichzeitig subventionieren wir die Milchindustrie – einen der größten Klimakiller überhaupt – mit Milliarden, weil sie ein Produkt in Mengen herstellt, für das es hier vor Ort gar nicht so viele Abnehmer gibt. Wir planen Offshore-Windparks, um die Energiewende zu schaffen, und blenden dabei völlig aus, dass wir damit riesige Meeresgebiete zum Beispiel für Wale unbewohnbar machen, was einen ungeahnten Dominoeffekt haben kann. Etwas gegen den Klimawandel und gleichzeitig fürs Artensterben getan. Wir machen uns Sorgen, weil die Gesellschaft immer älter wird, legen aber den Familien, vor allem den Müttern, jeden Stein in den Weg, den wir finden können. Wollen uns gegen die steigende Kinderarmut einsetzen, kürzen Leistungen. Wir setzen uns für Straßenhunde ein, spenden für den Tierschutz und essen Kalbfleisch.
Das alles geschieht, weil wir Menschen sind. Nicht, weil wir böse sind. Wir sind auch nicht dumm. Es passiert, weil wir oft in Gleichzeitigkeiten leben, in denen sich mehrere Informationen völlig widersprüchlich gegenüberstehen und wir nicht wissen, wie wir uns jetzt verhalten sollen, weil sie für uns gleich wichtig, gleich wahr sind.
Es gibt nicht nur richtig und falsch, schwarz und weiß. Und natürlich macht man gerne die Augen zu und sagt: Das mache ich morgen. Weil das alles schwer zu ertragen ist und weil niemand perfekt ist. Weil wir keine Maschinen sind, im Gegenteil: Wir haben Emotionen, Wünsche, Sehnsüchte, Ängste, und all das macht es uns schwer, rein faktenbasierte Entscheidungen zu treffen. Und das wäre auch nicht immer richtig. Wir brauchen Empathie, Moral und Ethik, um nicht in eine Gesellschaft zu kippen, in der der Einzelne oder der Schwächere nichts mehr zählt.
Was ist also die Lösung? Wie kommen wir zu mehr Verständnis über so eine ausweglos erscheinende Situation? Wie bringen wir die Menschen dazu, zu verstehen? Wie können wir wissenschaftliche Erkenntnisse transportieren, um das Wissen in die Köpfe zu bekommen?
Eines Tages saß ich auf meinem Sofa und suchte nach neuem Lesestoff. Ich wollte etwas lesen, das einen aktuellen Bezug hat. Ich suchte nach Romanen, die etwas mit der Klimakrise oder dem Verlust der Artenvielfalt zu tun haben, und ich habe einfach so wenig gefunden. Ich saß da und dachte: Oh Mann, warum schreiben so wenige Leute über dieses Thema? Da bin ich, ohne dass ich es gemerkt habe, in die gleiche Falle getappt, in der viele WGs stecken: Einer müsste mal den Müll runterbringen. Einer müsste mal das Pfand wegbringen. Jemand müsste mal das Geschirr spülen. Ich weiß nicht, ob man sich dann immer vorstellt, dass sich plötzlich eine magische Person materialisiert, die sofort den Müll runterbringt. Auf die Idee kommen, es selbst zu tun? Eher unwahrscheinlich.
Irgendwann habe ich es dann doch getan.
Ich habe ein Buch darüber geschrieben: Endling.
Aber wieso gibt es gefühlt so wenige Geschichten zu diesen Themen?
Die Gründe, die ich mir vorstellen kann und die ich in mir gefunden habe, sind so vielfältig wie die Geschichten selbst. Klimawandel und Biodiversität in der Fiktion zu thematisieren, ist keine leichte Aufgabe. Die Komplexität dieser Themen kann einschüchtern. Nicht alle Romanautor:innen oder Filmschaffenden sind zufälligerweise auch Biolog:innen oder Geolog:innen oder etwas ähnliches. Die Angst, etwas falsch zu machen, das ganze Ausmaß nicht zu erfassen oder die Dringlichkeit nicht zu vermitteln, kann ich nachempfinden, und mir ging es auch so.
Und natürlich die Rezeption. Viele Leute fühlen sich schnell bevormundet oder getadelt, und wenn man mit dem Schreiben Geld verdienen muss, kann es entmutigend sein, zu „politisch“ zu werden. Wir wollen das Publikum nicht verschrecken, nicht nerven.
Und dann ist da noch die erzählerische Ebene. Wie macht man das überhaupt? Eine Geschichte zum Thema?
Als ich auf dem Sofa saß und darüber nachdachte, habe ich mich auch erst gefragt: Muss ich jetzt ein Buch schreiben, das den Klimawandel löst? Das ist doch absurd. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich gemerkt habe: Es muss kein Buch über den Klimawandel sein oder über den Biodiversitätsverlust sein, es kann ein Buch in Zeiten des Klimawandels und in Zeiten des Biodiversitätsverlustes sein. Genauso, wie ich ein Leben in Zeiten des Klimawandels und in Zeiten des Artensterbens führe. Also schrieb ich eine Familiengeschichte. Es ist ein trojanisches Pferd: die Geschichte einer Familie, und im Bauch trägt sie das Artensterben. Ja, gut, ein großer Bauch, schon klar. Dennoch.
Ich schreibe Romane und Sachbücher. in den Sachbüchern geht es um die Natur, Themen rund um die Wissenschaft, oft eben auch um Umweltfragen. In den Romanen auch, aber da verstecke ich es gerne. Ich selbst bin oft müde von dem Thema und halte dann auch nicht immer die volle Breitseite aus. Manchmal ist man einfach so erschöpft.
Es ist klar, dass das Zeitalter der fossilen Brennstoffe zu Ende gehen muss, wenn wir als Spezies überleben wollen. Die Erde wird nicht untergehen, sie hat schon anderes erlebt. Die Menschheit ist ein Komma in der Geschichte unseres Planeten. Bei Umweltkatastrophen dauert es manchmal ein paar Millionen Jahre, aber das Leben findet immer einen Weg. Die Frage ist nur: Wollen wir als Menschheit dabei sein?
Um von der Einsicht, dass etwas getan werden muss, zum Handeln zu kommen, brauchen wir Erzählungen, die mehrheitsfähig sind. Wir brauchen Erzählungen, die nicht nur wahr und spannend sind, sondern auch eine Zukunft vor Augen haben, auf die wir uns gemeinsam zubewegen wollen – eine Zukunft, die nicht nur das Überleben, sondern ein lebenswertes Leben für alle verspricht.
Die düsteren, warnenden Struwwelpeter-Geschichten, die eine Zukunft malen, die durch unsere heutigen Entscheidungen zerstört wird, scheinen nicht zu funktionieren. Ja, die Prognosen sind finster und basieren auf wissenschaftlichen Vorhersagen, ja, das müssen wir klar kommunizieren, aber der unerbittliche Fokus auf den drohenden Untergang hat nicht zu den erhofften umfassenden Maßnahmen geführt. Wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen.
Solche positiven und überzeugenden Geschichten zu entwerfen, ist keine leichte Aufgabe, vor allem vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen und der Rhetorik der „Klimadiktatur“. Dieser Begriff, der oft in hitzigen Debatten verwendet wird, deutet ironischerweise auf eine Zukunft hin, in der der Klimawandel unabhängig von unserer Politik und unserem Zögern seine eigene tyrannische Herrschaft ausüben wird. Die Klimadiktatur wird kommen, aber durch das Klima selbst. Unsere Untätigkeit, unser Zögern, jetzt die notwendigen, aber unbequemen Entscheidungen zu treffen, bereitet den Weg für eine Zukunft, in der die Entscheidungen für uns getroffen werden und uns mit einer Realität zurücklassen, die viel restriktiver und härter sein wird als alle vorbeugenden Maßnahmen, denen wir uns heute so verzweifelt und manchmal auch mit kindlichem Trotz widersetzen.
Ich bin nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Wissenschaftlerin und mache Biodiversitätsforschung. Ich weiß nicht warum, vielleicht weil ich finde, dass man nicht zu viel Spaß im Leben haben sollte. Für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – mich eingeschlossen – ist es unerträglich, wenn Erkenntnisse ignoriert werden. Wir haben die Daten und Fakten, die „Beweise“. Wir wissen, was nötig ist. Die Politik lobt uns, sagt: Fein gemacht! Sie versichert uns, wie wichtig das ist, was wir tun – und dann passiert so gut wie nichts. Und wenn doch, dann oft zu wenig und zu spät.
Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln, zwischen dem, was verstanden wird, und dem, was umgesetzt wird, kann zutiefst entmutigend sein. Das zu sehen, tut weh und kann sogar depressiv, also krank machen. Dafür gibt es einen Begriff: Ecological Grief. Ökologische Trauer.
Natürlich sitze ich da und frage mich: Wie kann man es besser machen? Vielleicht liegt die Antwort in der Kraft des Geschichtenerzählens.
Hier haben wir Fortschritte gemacht. Viele Medienunternehmen haben inzwischen eigene Ressorts, die sich mit diesen Themen beschäftigen.
Radiosendungen wie „Der eigene Beitrag“ hier im Deutschlandfunk geben den Menschen wieder das Gefühl, etwas bewirken zu können, auch wenn es noch so klein erscheint. Wenn ich in einer Tropfsteinhöhle stehe und mir die riesigen Stalaktiten und Stalagmiten ansehe, muss ich immer daran denken: Mit einem Tropfen hat alles angefangen. Mit einem! Und dann noch einer. Und wieder einer. Tropfen kann man einfach wegwischen, oder man lässt sie einfach machen, und am Ende stehe ich in der Teufelshöhle vor einem meterhohen Tropfstein, der nur durch die unsichtbaren Kalkablagerungen unzähliger Wassertropfen entstanden ist. Etwas kitschig, aber wahr.
Wir stehen – also ich stehe, Sie sitzen – hier im Funkhaus in Köln beim Deutschlandfunk. Je öfter man das Radio totsagt, umso stabiler steht es. Es ist ein Medium, das sich sehr gut zum Erzählen dieser Geschichten eignet, weil es flexibel ist. Ich muss auf keinen Bildschirm schauen, ich kann nebenher etwas machen. Ich höre im Radio anderen menschlichen Wesen beim Erzählen zu, höre Emotionen, Dringlichkeit, Frustration, all das. Wenn ich als Zuhörerin eine Expertin über die Zerbrechlichkeit unserer Ökosysteme oder die Bedeutung der biologischen Vielfalt sprechen höre, nehme ich die Botschaft nicht als abstraktes Konzept wahr, sondern als persönliches Gespräch.
Ich höre und spüre ihre Erfahrungen.
Das Radio ist in der Lage, komplexe Geschichten aus Umweltwissenschaften, Politik, aber auch menschliche Schicksale und Geschichten zu leicht verdaulichen, spannenden Erzählungen zu verweben, die nie zu lang sind und nie überfordern. Erzählt wird Großes und Kleines, Schwieriges und Heiteres. Diese Anpassungsfähigkeit, die in der Natur überlebenswichtig ist, ermöglicht es, Stories zu erzählen, die ein breites Publikum ansprechen, auch solche, die nicht aktiv nach Informationen über Klimawandel und Biodiversitätsverlust suchen.
Bücher, Filme, Radio, Zeitungen, Kunst, digitale Räume – es gibt so viele Möglichkeiten, gute Geschichten zu erzählen.
Es gibt hier in Deutschland eine sehr schöne Gegend, die ich neulich besucht habe. Ein Gebiet in der Nähe von Cuxhaven, das schon lange landwirtschaftlich genutzt wird – früher war es ein Moor. Jetzt plant der NABU ein europaweit einzigartiges Projekt, bei dem das ehemalige Moor auf einer Fläche von unglaublichen 200 Hektar wiedervernässt wird, sodass wieder ein lebendiges Hochmoor entsteht. Ich bin dorthin gefahren und direkt neben dem Moor war eine große Wiese, auf der 31 Schwäne saßen. Das Begrüßungskomitee. Wenn das Projekt erfolgreich ist, wird es bald noch mehr Vögel geben, es wird besondere Moose geben, sogar fleischfressende Pflanzen wie der Sonnentau werden wiederkommen.
Ich bin ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich Hoffnung habe, dass das alles noch etwas wird. Oft nicht. Aber gerade in diesen Momenten helfen mir diese positiven Geschichten, den Kopf wieder hoch zu nehmen und weiterzumachen.
Auch in meinem Roman Endling habe ich gegen Ende die Kurve zur Hoffnung bekommen, wie in so vielen anderen Geschichten auch. Und dieses Torfmoor in Cuxhaven kriegt auch noch die Kurve. Es gibt schlechte Nachrichten da draußen, aber es gibt auch all die guten Geschichten, die hoffnungsvollen Geschichten.
Also: Erzählen wir sie uns.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.