Freitag, 02. Dezember 2022

Ukrainische Kriegshistorikerin im Krieg
„Ich muss das Archiv retten“

Die ukrainische Historikerin Olena Lysenko erforscht eigentlich das Leben unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Doch Ende Februar geriet sie selbst unter russische Besatzung. Was wird aus historischer Kriegsforschung, wenn ein neuer Krieg ausbricht?

Von Uli Hufen | 19.05.2022

Drei Frauen stehen vor einem zerbombten Wohn-Hochhaus in Chernihiv, Ukraine
Plötzlich ist Krieg - die Heimatstadt der ukrainischen Historikerin Olena Lysenko, Tschernihiw, stand unter massivem Beschuss durch russische Truppen (imago/i-Images)
Im vergangenen Herbst haben wir hier über ein großes internationales Forschungsprojekt berichtet, das Historiker und Historikerinnen aus der Ukraine, aus Russland und aus Deutschland seit 2016 gemeinsam betreiben. Der Name des Projektes: "Gewalt gegen Zivilisten an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs“. Das Projekt wird von der Volkswagenstiftung finanziert und bringt Historiker der Universität Heidelberg zusammen mit Kollegen von der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften und russischen Forschern von der Hochschule für Ökonomie in Moskau, einer der angesehensten Universitäten Russlands.
Von Anfang an war das Projekt geprägt von den politischen Spannungen zwischen den drei Ländern, die sich aus dem Krieg im Donbas seit 2014 und der Annexion der Krim ergaben. Doch seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine Ende Februar hat sich die Lage erheblich zugespitzt.
„Der Krieg begann für mich im Bett. Meine Freundin rief an und sagte - übrigens auf Russisch - ‘Steh auf! Du verschläfst den Krieg!’“ Olena Lysenko ist Historikerin am Institut für Geschichte der Ukraine der Nationalen Akademie der Wissenschaften.

Am Morgen des 24. Februar wusste sie sofort: Ihre Heimatstadt Tschernihiw, besser bekannt unter ihrem russischen Namen Tschernigow, war in höchster Gefahr. Tschernihiw liegt 150 Kilometer nördlich von Kiew, bis zur weißrussischen Grenze sind es nur 50 Kilometer. Also packte die Familie das Nötigste und fuhr aufs Land.

„Direkt Mittags um zwei begann der Artillerie-Beschuss. Für Menschen wie uns, die so etwas noch nie aus der Nähe erlebt haben, ist das ein unendlicher Schrecken. Ich hatte Visionen, wie in einem Trickfilm: Das Haus explodiert, die Einzelteile fliegen in alle Richtungen: das Dach, die Fenster, die Backsteine. Und dann setzt sich alles wieder zusammen. Fürchterlich.“
Die Datscha von Olena Lysenko, in die sie mit ihrer Familie beim Beginn der russischen Angriffe auf ihre Heimatstadt Tschernihiw geflüchtet war. Die Fenster sind zum Schutz vor Querschlägern und Splittern vernagelt.
Zufluchtsort für die Familie - und für die Archivdaten: Die Datscha von Olena Lysenko (Olena Lysenko)

Flucht aus der Stadt in die Datscha

Ende Februar besetzten russische Truppen das Gebiet Tschernihiw. Die Stadt selbst wurde nicht erobert, aber täglich beschossen. Die Datschensiedlung, in der Olena Lysenkos Familie und etwa 200 Nachbarn Zuflucht gesucht hatte, lag im Besatzungsgebiet. Eine grausame Ironie: Wie man lebt unter Besatzung, darüber weiß Olena Lysenko viel. Es ist ihr Fachgebiet als Historikerin:

„Ich habe mich nach und nach daran erinnert, was ich in Memoiren aus dem Krieg gelesen hatte. Wir wussten ja nicht: Wann wird geschossen? Können wir rausgehen? Wie sollen wir kochen? Ich habe mich daran erinnert, dass man auf die Tiere achten muss. Wenn die Vögel singen, wird nicht geschossen. Und wenn tödliche Stille herrscht, dann wird vielleicht gleich geschossen. So haben wir uns in den ersten Tagen orientiert.“

Olena Lysenko ist eine der besten Kennerinnen des deutschen Besatzungsregimes im Norden der Ukraine. Seit 2016 arbeitet sie mit beim trilateralen Forschungsprojekt „Gewalt gegen Zivilisten an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs“.

Archiv im Geheimdienstgebäude unter Beschuss

Zu den entscheidenden Quellen für die neue Forschung gehören Akten des sowjetischen Geheimdienstes, die seit 2015 in der Ukraine frei zugänglich sind. Tanja Penter, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Heidelberg:

„Die Gefahr, dass solche Archive bewusst möglicherweise angegriffen werden, die ist natürlich erschreckend, weil unter dem Vorwand eines Kampfes gegen den Nazismus in der Ukraine werden hier also zentrale Archivbestände vernichtet, die gerade die Aufarbeitung der Verbrechen der wirklichen Nazis in ganz neuer Weise ermöglichen. Das ist das Dramatische.“

In Tschernihiw passierte genau das: Das Geheimdienstgebäude wurde schon am zweiten Tag des Krieges in Brand geschossen. Olena Lyenko: „Ich arbeite seit vielen Jahren im Archiv des Geheimdienstes, wo viele Akten von Strafverfahren gegen Polizisten, Dorfälteste und andere Menschen liegen, die aktiv beteiligt waren an der Vernichtung der sowjetischen Bevölkerung im Gebiet Tschernihiw. Von insgesamt 13.000 Fällen habe ich etwa 1.000 digitalisiert auf Festplatten.“

Festplatten mit Archivdaten im Kamin versteckt

Ohne ihre 11-jährige Tochter hätte Olena Lysenko Ladekabel für Handys vergessen bei ihrer Flucht aus Tschernihiw. Streichhölzer und Salz vergass sie tatsächlich. Aber nicht ihr digitales Archiv. „Zuerst haben wir die Festplatten auf dem Dachboden der Datscha versteckt, dann im Keller, dann im Kamin. Am 30. März war ich moralisch bereit, sie zu vergraben. Aber dann endete die Okkupation und am 1.April haben unsere Soldaten uns zurück in die Stadt geleitet.“

Olena Lysenko konnte inzwischen mit ihrer Tochter nach Heidelberg fliehen. Ihre männlichen Kollegen wurden, genau wie ihr Ehemann, praktisch über Nacht Teil des bewaffneten Widerstands.

Die russischen Kollegen stehen vor ganz anderen Problemen. Tanja Penter: „Nachdem wir die Nachricht von dem Einmarsch Russlands in der Ukraine erhalten haben, waren also alle gleichermaßen schockiert. Und die russischen Kollegen haben sofort gesagt: ‚Wir stellen für die ukrainischen Kollegen unsere Projektgelder zur Verfügung. Wir möchten, dass die als Solidaritätszeichen ausgezahlt werden.‘“

Alle offiziellen Beziehungen zwischen deutschen und russischen wissenschaftlichen Institutionen sind seit Kriegsbeginn auf Eis gelegt. Gleichzeitig ist klar, dass die russischen Kollegen zu Hause selbst unter großen Druck geraten, eventuell emigrieren müssen oder Hilfe brauchen.
Die Historikerinnen und Historiker des Forschungsprojekts "Gewalt gegen Zivilisten an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs“ bei einem Treffen in der litauischen Hauptstadt Vilnius im September 2019. (auf dem Bild die fünfte von rechts, halb verdeckt: Olena Lysenko)
Ein Bild aus besseren Tagen - das Projektteam bei einem Treffen in Vilnius 2019 (Universität Heidelberg)

Eigene Kriegserfahrung bringt neue Erkenntnisse

Unterdessen dient der Zweite Weltkrieg auf allen Seiten als Referenz, um zu erklären oder zu rechtfertigen, was gerade passiert und getan wird. Wladimir Putin meint, die Ukraine müsse „entnazifiziert“ werden. Die Ukrainer haben das Wort „Rashisty“ geprägt: Russische Faschisten. Mit Wissenschaft hat das genau so wenig zu tun wie die vielen Hitler-Putin-Vergleiche auch in Deutschland.

Doch der Krieg produziert auch Erkenntnis. Olena Lysenko: „Ich sehe die Dinge jetzt nicht völlig anders, aber ich verstehe manches besser: Zum Beispiel wie Leute unter Besatzungsherrschaft denken. Warum viele zu Kollaborateuren wurden, warum sie auf bestimmte Art handeln. … Ich verstehe ihre Psychologie besser, und das wird mir nützen bei der Arbeit, weil ich das selbst erlebt habe.“

Im Frühjahr 2023 soll das Projekt „Gewalt gegen Zivilisten an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs“ beendet werden, ein Aufsatzband mit den wichtigsten Projektergebnissen aller beteiligten Wissenschaftler soll erscheinen. Auch der russischen. Ob der Krieg bis dahin beendet sein wird, weiß niemand. Aber was passieren soll, wenn es soweit ist, darüber hat Olena Lysenko schon oft nachgedacht:

„Wir haben abends immer gesagt: Wenn alles vorbei ist, treffen wir uns, wir decken einen großen Tisch für alle 200, mit denen wir diese Zeit verbracht haben. Wir werden Lieder singen und Wein trinken. Und wir werden sicher weinen.“