Sonntag, 27. November 2022

Fleischproduktion
Wie die industrielle Viehzucht in die Krise geriet

Fleischkonsum oder Verzicht ist zum politischen Statement geworden, gesellschaftliche Kompromisse sind nicht in Sicht. Die Historikerin Veronika Settele könnte hier einen Beitrag leisten mit ihrem Buch über die Geschichte der Massentierhaltung.

Von Matthias Becker | 19.09.2022

Das Buchcover von Veronika Settele: "Deutsche Fleischarbeit" vor einer prall gefüllten Fleischtheke
Die Historikerin Veronika Settele legt eine Geschichte der Massentierhaltung vor, die beim Verständnis der aktuellen Debatten hilft. (Buchcover C. H. Beck Verlag / Veronika Settele: "Deutsche Fleischarbeit")
„Wir haben es satt!“ Unter diesem Motto demonstriert jedes Jahr eine beachtliche Menge Menschen gegen die industrialisierte Landwirtschaft und gegen die Massentierhaltung. Und fast jedes Jahr antwortet der Deutsche Bauernverband mit einer Gegendemonstration, deren Motto lautet: „Wir machen euch satt!“
„Die Kluft ist groß geworden zwischen Menschen, die Tiere bewirtschaften, und solchen, die sie konsumieren – oder auch nicht mehr konsumieren. Die landwirtschaftliche und außerlandwirtschaftliche Sphäre sind auseinander gebrochen.“
So beschreibt Veronika Settele die Lage. Mit ihrer „Geschichte der Massentierhaltung“ will sie unter anderem erklären, wie diese Frontstellung entstanden ist. Denn die Rationalisierung der Viehzucht war keineswegs immer schon umstritten oder anrüchig. Allein deshalb lohnt es sich, diese gründliche historische Untersuchung zu lesen. Sie gibt uns einen Überblick, eine Grundlage, um nüchterner, aber auch kritischer über die Massentierhaltung zu sprechen. Der Ausgangspunkt ist eine simple Beobachtung:
„Bis weit ins 20. Jahrhundert waren die Tiere überall und das Fleisch rar. […] Die Haltung der Tiere und die Produktion ihres Fleischs waren selbstverständlicher Alltag [...] Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verdichtete sich der Wandel im Stall. […] Hähnchen, Kälber und Schweine [brachen] fortwährend Rekorde in Sachen Muskelwachstum, während immer weniger Menschen mit ihnen arbeiteten. […] Die ehemals allgegenwärtigen Tiere verschwanden ganzjährig ins Innere großer Ställe außerhalb der Dörfer. […] Fleisch war allgegenwärtig geworden und die leibhaftigen Tiere unsichtbar.“

Eine industrielle Revolution im Stall

Die industrielle Revolution im Stall hat die Erträge enorm gesteigert. Eine deutsche Durchschnittskuh gab im Jahr 2000 fast dreimal so viel Milch wie fünfzig Jahre zuvor. Die Durchschnittshenne legte fast dreimal so viele Eier. Veronika Settele zeichnet nach, wie diese unerhörte, anfangs unvorstellbare Steigerung möglich wurde. Das eigentlich Neue an der entstehenden Massentierhaltung war die züchterische Umgestaltung der Nutztiere selbst, wie die Historikerin an vielen Beispielen ausführt.
„Stabile Füße mit harten Klauen machten die Tiere passend für die Betonböden der Großanlagen. […] Die Mechanisierung des Melkens verstärkte den Wunsch nach homogenen Tierkörpern. […] Gezielte Umzüchtungen sollte Stressresistenzen hervorbringen. […] Die Tiere wurden an die neue Technik angepasst und nicht andersherum.“
Die Anpassungsfähigkeit der Tiere stieß allerdings immer wieder an natürliche Grenzen. Sie äußerten sich in Krankheiten und Verhaltensstörungen, gegen die wiederum technische Lösungen entwickelt wurden. Die Umgestaltung der tierischen Körper blieb eine fortwährende Herausforderung, wie Settele eindrucksvoll darstellt.
Ansonsten gehorchte die Rationalisierung im Stall denselben Prinzipien wie außerhalb: möglichst große Einheiten, möglichst gleichförmige Prozesse, Spezialisierung und räumliche Konzentration. Die Konsument:innen zahlten immer weniger für Milch, Eier, Fleisch und Wurst.

Ökonomischer Erfolg, schwindende Legitimität

Dieser Erfolg beruhte allerdings darauf, dass die Nutztierhaltung nach und nach aus all ihren bisherigen ökologischen und gesellschaftlichen Bezügen gelöst wurde. Jahreszeitliche Rhythmen bei Eiern und Fleisch – ja, so etwas gab es einmal! – spielen keine Rolle mehr, ebenso wenig regionale Ernährungsgewohnheiten.
So wuchs die Kritik an der Massentierhaltung und konnte von einem politischen Randphänomen nahezu mehrheitsfähig werden. „Was seit den 1970er-Jahren einzelne Gegenstimmen gewesen waren, wurde zu Allgemeingut. Statt dem Traum möglichst günstiger Fleischstücke dominieren seit 1990 Sorgen um das Wohlergehen der Tiere, die Produktionsbedingungen in der Fleischindustrie und die ökologischen Folgen.“
Veronika Setteles lebendig geschriebenes Buch beleuchtet wichtige Aspekte der deutschen Agrargeschichte. Sie argumentiert darin auch, dass der Status quo bei der Massentierhaltung unhaltbar geworden sei. Tatsächlich einigte sich im vergangenen Jahr die „Zukunftskommission Landwirtschaft“, mit Vertreter:innen aus Industrie, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, auf eine Art Kompromiss: Die Tierbestände sollten schrumpfen, räumlich gleichmäßiger verteilt werden und der Fleischkonsum sinken. Im Gegenzug soll die Branche finanziell unterstützt werden.
Oder kommt es anders? Setteles Buch endet mit den Fleisch-Alternativen aus Pflanzenfasern und den Visionen und Versuchen zu im Labor gezüchteten Fleischzellen. „Aus historischer Perspektive erscheint Laborfleisch als schlüssige Fortsetzung der Geschichte. Auch der Massenstall war schon eine Fleischfabrik. […] Kommt die Revolution des Laborfleisches, werden die Rinder, Hühner und Schweine dieses Buches noch viel mehr Geschichte sein als bisher.“
Veronika Settele: „Deutsche Fleischarbeit. Geschichte der Massentierhaltung von den Anfängen bis heute“, C.H. Beck, 240 Seiten, 18 Euro.