Mittwoch, 01. Februar 2023

Klein, aber invasiv
Amerikanische Zwergspinne erobert Europa

Die amerikanische Zwergspinne hat sich fast unbemerkt in Europa ausgebreitet. Sie ist zwar klein, aber sie tritt in Massen auf. Die genauen Gründe für ihren Erfolg sind noch ungeklärt. Ebenso unklar ist die Auswirkung auf die Ökosysteme.

Von Volker Mrasek | 02.12.2022

Tautropfen hängen an einem Spinnennetz
Tautropfen auf einem Spinnennetz (picture alliance / dpa - Ralf Hirschberger)
Ein Novembertag in der Pfalz, an der Universität Landau. Ein kleines Stück Wiese zwischen Robinien und einem Institutsbau. Es ist Herbst. Die große Zeit der Laubsauger! Doch dieser hier gehört nicht der Gartenkolonne, sondern dem Institut für Umweltwissenschaften. Und der Mann mit dem Sauger will auch keine Blätter aufklauben. Nein!
Auf dem armdicken Ansaugrohr sitzt ein feinmaschiges Fangnetz. Und darin landen auch ganz unscheinbare Bewohner der Wiese. Auf sie hat es Martin Entling abgesehen, wenn er mit dem knatternden Gerät das Gelände durchstreift.
Entling ist Professor für Ökosystemanalyse und schüttet am Ende alles aus, was er aufgesaugt hat, über einem großen hellen Leinentuch: „Also hier sind Hunderte kleiner Insekten. Überwiegend Springschwänze, aber auch Käfer, Fliegen, Zikaden. Und eben auch Spinnen.“               

Für die schlägt das Herz des Biologen! Vor allem für eine ganz besondere Spinnenart. Mermessus trilobatus heißt sie im Fachjargon: „Aah, da ist eine! Hier ist die Zwergspinne. Oh, jetzt hat sie sich fallenlassen. Da läuft sie! Ich beschäftige mich ja seit über 20 Jahren damit. Da erkenn’ ich die.“

Die Nordamerikanische Zwergspinne erobert Deutschland

Alle reden zur Zeit von der Nosferatu-Spinne, die gerade dabei ist, aus dem Mittelmeerraum einzuwandern. Die Nordamerikanische Zwergspinne dagegen kommt längst in ganz Deutschland vor: „Auf jeder Wiese. Und wahrscheinlich auch in jedem Rasen und Vorgarten.“
Ihre Anzahl ist enorm! “Milliarden wohl!“ Das ist keine Übertreibung! “So zehn erwachsene Individuen pro Quadratmeter, das ist so die höchste Dichte. Wenn man das hochrechnet, sind das gewaltige Zahlen. In einem 1.000-Quadratmeter-Garten hat man zehntausend von diesen Spinnen, wenn sie gerade eine hohe Dichte haben.“       

Eingeschleppte Art häufiger als heimische Spinnen

Angst vor dem eingeschleppten Achtbeiner muss aber niemand haben: Er wird gerade mal zwei Millimeter groß. Umso verwunderlicher, dass sich die fremde Zwergspinne so sehr ausbreitet! Als durchsetzungsstark gelten normalerweise körperlich große Arten und nicht solche Winzlinge. Doch die stille Invasorin, die vielleicht im Transatlantik-Flieger zu uns kam, ist mittlerweile an vielen Stellen sogar die häufigste von allen Spinnen!
„Sie wurde 1981 zum ersten Mal in Europa gefunden, in der Nähe von Karlsruhe. Inzwischen ist sie aber in über 20 europäischen Ländern nachgewiesen. Und sie wird immer schneller. In den letzten zehn Jahren ist sie über 400 Kilometer weit vorangekommen. Und am Anfang waren das unter 200 Kilometer.“
Der Landauer Biologe beschäftigt sich jetzt schon so lange mit der grenzenlos expandierenden Zwergspinne: „Ja, und es ist nach wie vor ein Rätsel, warum die so erfolgreich ist.“ Kapert die Minispinne vielleicht häufiger als heimische Arten fremde Netze und verspeist deren Besitzerinnen? Entlings Arbeitsgruppe hat es getestet: „Aber sie war da ganz schlecht drin.“
Wird sie von Raubspinnen verschmäht, weil es sich um fremde Kost handelt? Auch das nicht! „Die wurden sogar viel, viel mehr gefressen, die amerikanische Spinnen.“          

Wettbewerbsvorteil: viele Nachkommen

Bei einer Sache schnitt sie allerdings besser ab im direkten Vergleich: "Die amerikanische Art hatte 50 Prozent mehr Nachkommen pro Weibchen als die heimische. Also das könnte sein, dass da der Hund begraben liegt.“
Martin Entling forscht weiter über die mysteriöse Zwergspinne. Zuletzt war er sogar in Norddänemark, an der „Invasionsfront“, wie er sagt. Dort, wo die Tiere gerade vorrücken und es drei Tage dauerte, bis das erste Exemplar aufgesaugt wurde. Welche Folgen hat ihre Invasion für Wiesen, Wälder und andere Ökosysteme? Diese Frage ist auch noch unbeantwortet: „Niemand weiß, ob irgendwelche heimischen Arten deswegen jetzt weniger geworden sind.“
Klaus Birkhofer ist Professor für Ökologie an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus. Bei vielen eingewanderten Arten in Deutschland gebe es große Wissenslücken, bedauert der Biologe:
„Es ist ja unheimlich schwer, Arten irgendwo zu messen und dann zu sagen: Die ist jetzt seit dieser und jener Zeit da. Wir wissen auch nicht unbedingt: Wie sind die Arten da ursprünglich hingekommen? Und deshalb sind solche Arten, die jetzt quasi an der Front der Ausbreitung sind oder sich immer noch stetig weiter ausbreiten, sehr, sehr spannend.“
So wie Martin Entlings unscheinbare Zwergspinne! „Also, das ist ganz tolle Arbeit, die der Kollege da macht.“ Der Mann mit dem Laubsauger, der gar kein Laub aufsaugen möchte.