
Am Ende des zweiten Akts von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ versinkt die beschauliche fränkische Stadt im Chaos. Brave Bürger fallen plötzlich grundlos übereinander her, prügeln sich auf der Straße. Eine Massenschlägerei, die genauso unvermittelt endet, wie sie begonnen hat. Und die den klugen Schuster Hans Sachs ratlos zurücklässt: „Wahn, Wahn, überall Wahn!“ sinniert der vor sich hin.
Eine Szene, die an das erinnert, was die Ereignisse von Ceuta in der EU angerichtet haben. 22 Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Merz, fahren schwerstes diplomatisches Geschütz gegen Madrid auf, weil sie dort den Verantwortlichen für das Chaos ausgemacht haben: Spaniens sozialdemokratischen Regierungschef Sanchez.
Italiens Ministerpräsidentin Meloni lässt allen Ernstes Flugzeuge und Fähren aus Spanien kontrollieren, obwohl nicht ein einziger der Migranten von Ceuta die Enklave verlassen hat, auch gar nicht hätte verlassen können. Und auch in Deutschland wird der Prügel rausgeholt. Innenminister Dobrindt kündigt umgehend verschärfte Grenzkontrollen an, obgleich schon die bisherigen von mehreren Gerichten als rechtswidrig bezeichnet worden sind.
EU reagiert auf Ceuta mit Abschottung
Andere Unionspolitiker wollen jetzt, nach Ceuta, das individuelle Recht auf Asyl in Gänze schleifen. Und den Vogel schießt das Zentralorgan für Migrationshysterie ab, die Bild-Zeitung. „Sie rufen Allahu Akbar!“, weiß deren Reporter aus Ceuta zu berichten - wohl in einem verzweifelten Versuch, die Geschehnisse in der nordafrikanischen Enklave in eine historische Reihe mit den Türken vor Wien und der Schlacht auf dem Amselfeld zu stellen.
Als drohte der Untergang des Abendlands. Wahn, überall Wahn. Was ist geschehen? Unfassbare etwa 70.000 meist junge Marokkaner drängten binnen kürzester Zeit nach Ceuta. Ein klarer Fall von Kontrollverlust. Wie konnte das passieren? Wir wissen es nicht. Hat die marokkanische Polizei geschlafen, hat sie weggeschaut, womöglich sogar den Flüchtlingen geholfen? Wir wissen es nicht.
Will Marokko Spanien unter Druck setzen, wegen des Streits um den Status der Westsahara? Wir wissen es nicht. Oder war eine - womöglich von Moskau orchestrierte - Kampagne in den Sozialen Medien die Ursache? Noch einmal: Wir wissen es nicht. Und die Europäische Union? 22 Mitgliedstaaten verabreden sich zur Klassenkeile gegen Pedro Sanchez, weil der kürzlich den Aufenthaltsstatus einer Million Migranten - der Garanten des derzeitigen spanischen Wirtschaftswunders - legalisiert hast.
Ursachen der Migration: Welche Lösungen die EU in Ceuta braucht
Denen verschafft dieser Status zwar keinesfalls das Recht, sich in anderen EU-Mitgliedsländern niederzulassen. Gleichwohl werfen sie ihm vor, mit seiner Politik immer mehr Flüchtlinge nach Europa zu locken. Sie wollen ihn partout in ihre migrationspolitische Marschformation zwingen. Und dann endet dieses traurige Schauspiel genauso plötzlich wie die Straßenschlägerei im mittelalterlichen Nürnberg: Mit dem Treffen der EU-Innenminister, die Spanien spät, aber einstimmig ihrer Solidarität versichern.
Was die EU schuldig bleibt, ist der ernsthafte Versuch, Antworten auf das Drama von Ceuta zu finden. Ansatzpunkte gäbe es genug. Eine Vermittlung im Regionalkonflikt um die Westsahara zum Beispiel. Oder Initiativen, um die Lage der Jugendlichen in Marokko, die ihre Heimat Hals über Kopf verlassen wollten, zu verbessern.
Fluchtursachen bekämpfen: Perspektiven für Marokko
Ein Drittel von ihnen ist arbeitslos. Man könnte sie ausbilden, ihnen legale, kontrollierte Wege öffnen, um eine Zukunft in Europa zu finden. Das könnte sie davon abhalten, die Grenzanlagen in Ceuta zu umschwimmen. Mindestens 100 von ihnen sind dabei gestorben. Aber wen interessiert das noch?


















