Terrorprozess
Kommentar: Wir müssen über junge Männer im Osten reden

Seit mindestens zwei Jahren verliert die politische Mitte im Osten viele Heranwachsende an rechte Ideologien. Dafür trägt die AfD zwar keine direkte Verantwortung, wohl aber für das politische Klima, in dem sich Gewalttaten entwickelt haben.

Von Olaf Sundermeyer |
Die Angeklagten des Prozesses gegen die rechtsextreme Terrorgruppe "Letzte Verteidigungswelle" verdecken ihre Gesichter mit roten, grünen und gelben Papierordnern im Hamburger Oberlandesgericht.
Die Mitglieder der Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ hatten sich in WhatsApp-Gruppen zusammengefunden. (picture alliance / dpa / Pool dpa / Marcus Brandt)
Sie sind zunehmend rechts, in Teilen rechtsextrem, und einige radikalisieren sich zu Gewalttätern. So wie die acht mutmaßlichen Mitglieder und Unterstützer der rechtsextremen Terrorzelle „Letzte Verteidigungswelle“, die heute vom Hamburger Oberlandesgericht zu Haftstrafen von bis zu fünf Jahren verurteilt worden sind, unter anderem wegen versuchten Mordes, Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung. Sie hatten Brandanschläge auf Flüchtlinge und Linke geplant und Jagd auf Menschen gemacht, die sie für Pädophile hielten.
Zwei von ihnen verübten als damals 15-jährige Burschen einen Brandanschlag auf ein Kulturzentrum in Altdöbern im Süden Brandenburgs, während die Betreiber mit ihren Kindern nebenan schliefen. Das Haus brannte ab, die Familie überlebte zum Glück. Ein weiterer, geplanter Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in der Nähe wurde durch den Tipp einer Journalistin vereitelt.

Brandenburger Süden: rechtsextreme Modellregion

Seit mindestens zwei Jahren verliert die politische Mitte im Osten sehr viele ihrer Heranwachsenden. Politik und Gesellschaft schauen meist hilflos zu. So wie bei diesen Mitgliedern der „Letzten Verteidigungswelle“, die sich in WhatsApp-Gruppen zusammengefunden hatten.
Im Monat vor dem Brandanschlag wurde auch in Brandenburg gewählt; der Süden gilt als rechtsextreme Modellregion. Die AfD liegt hier bei Wahlen seit zwei Jahren bei 40 Prozent und mehr. Bei jungen Männern ist sie die – mit Abstand – beliebteste Partei.
Die jungen rechtsextremen Gewalttäter haben sich nicht aus dem Nichts radikalisiert, sondern in einem gesellschaftlichen Klima, das sich über Jahre stetig aufgeheizt hat. Für ihre Taten trägt keine Partei die Verantwortung, auch nicht die AfD. Aber sie ist für das politische Klima verantwortlich, in dem sich die Gewalttaten der heute verurteilten jungen Männer entwickelt haben. Im Zustand der Normalisierung des Rechtsextremismus, den die AfD herbeiführt.
Die jungen Täter wollten das politische Klima durch ihre Anschläge noch weiter anheizen zu einer „Gewaltspirale“, an deren Ende die Demokratie zusammenbricht.

Junge Männer und der Verlust männlicher Privilegien

Junge Männer gelten als die größten Verlierer des gesellschaftlichen Wandels - durch den Verlust männlicher Privilegien. Sie streben nach Wertschätzung und Anerkennung. Im Rechtsextremismus gelten sie als deutscher weißer Mann noch immer als Gewinner. Wo dieser stark, weil normalisiert ist, sind junge Männer mehrheitlich rechts.
Darüber müssen wir reden. Sonst wird diese Verteidigungswelle, deren harter Kern nun verurteilt wurde, nicht die letzte gewesen sein.