Freitag, 02. Dezember 2022

Corona-Schnelltests
Virologe: "Ein überschätztes Instrument"

Obwohl die Corona-Infektionszahlen wieder rasch steigen, soll es nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach keine kostenlosen Bürgertests für alle mehr geben. Der Virologe Oliver Keppler findet: Eine kluge Entscheidung, denn der Nutzen der Bürgertests sei fraglich.

Oliver Keppler im Gespräch mit Kathrin Kühn | 17.10.2022

Mehrere benutzte Corona-Schnelltests liegen auf einem Haufen
Selbst gute Corona-Antigen-Schnelltests sprechen oft erst Tage nach der Infektion mit einem positiven Ergebnis an - und gaukeln so falsche Sicherheit vor (picture alliance/ dpa/ Daniel Kubirski)
Bereits vor einem Jahr, als die Omikron-Variante des Coronavirus' noch kein Thema war, sagte der Virologe Oliver Keppler von der Ludwig-Maximilian-Universität München im Dlf-Interview, Antigen-Schnelltest seien ein überschätztes Instrument der Pandemie-Bekämpfung. Wir wollten wissen, ob sich seine Einschätzung mittlerweile geändert hat.
Kathrin Kühn: Sehen Sie das heute immer noch so?
Oliver Keppler: Man muss leider konstatieren, dass sich daran nicht viel geändert hat. Also, die Antigen-Schnelltests-Situation ist in Deutschland sehr unübersichtlich. Wir haben über 600 Tests auf dem deutschen Markt. Im Vergleich: In den USA sind nur zwei Dutzend Tests zugelassen - die haben ein ganz anderes Zulassungsverfahren. Wir haben einfach eine extrem hohe Heterogenität. Dann beginnen wir unten bei null Prozent erkannten Infektionen. Das spiegelt sich leider nicht immer wider in dem, was die Hersteller selber angeben und auch, was teilweise auf Listen vom Paul-Ehrlich-Institut steht, die immer noch öffentlich zugänglich sind.

Große Unsicherheit bezüglich Qualität von Antigen-Schnelltests

Das heißt, es besteht eine große Unsicherheit, welchen Test Sie jetzt gerade in der Hand haben. Wie gut oder schlecht ist die Erkennung von einer Infektion? Also, hier ist die Ernüchterung weiterhin sehr groß. Dazu kommt auch, dass die vorherrschende Omikron-Variante, die ja nun das ganze Jahr 2022 das Infektionsgeschehen bestimmt, von Antigen-Schnelltests noch schlechter erkannt wird als frühere Varianten.
Kühn: Angenommen, ich hätte einen der besseren Tests. Wann schlägt der an? Und wann schlägt er nicht an, selbst wenn ich vielleicht positiv bin?
Keppler: Da ist es immer schwer, generelle Aussagen zu treffen. Es gibt einige wenige Test, die wir zum Beispiel selber bei uns am Max-von-Pettenkofer-Institut untersucht haben, die zum Beispiel eine Omikron-Infektion ähnlich gut erkennen wie eine Delta-Virusinfektion. Sieben von neun Tests haben die Omikron-Infektion aber schlechter erkannt.

Selbst gute Schnelltests schlagen verzögert mit positivem Ergebnis an

Hier eine generelle Aussage zu treffen, ist schwierig. Aber was die Studienlage der letzten neun bis zwölf Monate gezeigt hat, ist, dass die guten Antigen-Schnelltests oft erst zwei bis vier Tage nach Symptombeginn anschlagen. Da waren die Personen aber oft schon mehrere Tage infektiös. Mein Fazit der aktuellen Situation wäre: Um eine Erkrankung zu diagnostizieren, wenn man schon ein paar Tage Symptome hat - ob das jetzt laufende Nase, Kopfschmerzen, Halsschmerzen sind -, dafür sind die guten Antigen-Schnelltests brauchbar. Aber nicht wirklich, um frühzeitig eine Infektion zu erkennen. Daher ganz klar kein Test aus meiner Sicht, der ausreicht, um mit vulnerablen Menschen ohne Masken zusammen zu kommen, die keinen ausreichenden Immunschutz haben oder aufbauen können, auch wenn sie geimpft werden. Da muss man einfach sehr vorsichtig sein.
Kühn: Das Robert Koch-Institut empfiehlt ja auch in seinem Wochenbericht, wenn man erste Symptome wie leichtes Halskratzen hat, die Kontakte mit anderen herunterzufahren. Von Schnelltests steht da nichts. Das wäre dann auch etwas, was ich wirklich beherzigen sollte, wenn ich jemanden in einer Pflegeeinrichtung besuche?
Keppler: Absolut. Ich glaube, hier ist die Prävention im Verhalten eigentlich das bessere Mittel. Ein Antigen-Schnelltest, den ich mache und der dann negativ ist, sollte mir halt einfach keine Absolution geben und auch keine Sicherheit. Aber in diesem Zusammenhang, den Sie gerade angesprochen haben, wäre neben Kontakten runterfahren natürlich auch Masketragen ein sehr effektives Instrument. Das wissen wir: Mit einer medizinischen Maske - am besten in diesem Fall dann eine FFP2-Maske - kann ich mich und andere schützen.

FFP2-Masken helfen, sich und andere zu schützen

Das heißt: Auch, wenn ich infiziert wäre, und es gar nicht weiß, ist die Maske ein ganz tolles Instrument, um eben auch die anderen vor einer Infektion zu schützen, die ich vielleicht mitbringe.
Kühn: Und was ist bei Veranstaltungen, wenn sich alle vorher testen sollen? Das wird ja jetzt zum Beispiel beim Oktoberfest diskutiert, ob das gut gewesen wäre. Wie müsste das dann laufen, damit das etwas bringt, bei all den Einschränkungen, die sie eben genannt haben?
Keppler: Ich denke, das ist ein ganz wichtiges Thema: Wie gehen wir mit Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest um? Was kann man da vielleicht in Zukunft verbessern? Ich glaube nicht, dass hier Antigen-Schnelltests ein probates Mittel wären. Ich hatte ja gerade argumentiert, dass diese Tests oft erst Tage später anschlagen, wenn Menschen schon infektiös sind. Wenn man dann zum Feiern zusammenkommt, ist das Risiko von Übertragungen natürlich weiterhin sehr hoch.

Neue Testverfahren für Massenveranstaltungen jetzt erproben

Hier braucht man dann andere innovative Testprinzipien. Was man gemeinhin kennt, sind natürlich PCR-basierte Verfahren. Es gibt aber auch andere derzeit weiterentwickelte Verfahren, die auch fähig sind, große Menschenmengen in kurzer Zeit zu testen. Beim Oktoberfest sprechen wir ja von einer halben Million Menschen pro Tag. Kann man das aufziehen? Die klare Ansage ist: Ja, kann man, wenn man will. Man braucht aber da sicherlich sechs bis neun Monate Vorlauf, um die Logistik auch IT unterstützt aufzubauen, sodass es dann nicht zu langen Schlangen vor irgendwelchen Testzentren kommt oder vor den Zelten.
Ich glaube, Großveranstaltungen sollten in Zukunft mal ernsthaft darüber nachdenken, innovative Tests zu implementieren. Sodass wir eben weiter feiern können, weiter zusammen Spaß haben können und Tradition pflegen können - und auf der anderen Seite mehr Sicherheit für alle bekommen und dann eben nachgelagerte Probleme deutlich reduzieren.
Kühn: Wie könnte das konkret aussehen in Zukunft?
Keppler: Um so etwas für große Menschenmengen aufzusetzen, brauchen wir zum einen natürlich ein effizientes Abstrichsystem, das am besten nicht in Abstrichzentren stattfindet, sondern beispielsweise zuhause. Da gibt es in Südkorea schon Ansätze, wo das mit künstlicher Intelligenz gestützt vor dem Bildschirm gemacht werden kann. Sodass man dann selber einen Abstrich machte, aber überwacht wird, dass er eben dann auch die ausreichende Qualität hat.
Dann gibt es Verfahren, die mit der Exhalation - das kann man sich so ähnlich vorstellen wie einen Alkohol-Blastest - versuchen, die Virusinfektion, wenn sie denn akut ist nachzuweisen, wo man innerhalb von Sekunden eine Rückmeldung bekommen kann, ob hier eine Infektion vorliegt. Da gibt es eine ganze Menge spannender Entwicklungen, mit denen man, wenn man die zusammenführen würde, eben Großveranstaltungen mit einem Vorlauf von sechs bis neun Monaten deutlich sicherer machen könnte.
Kühn: Das heißt, mit Blick auch auf künftige Erreger wäre es sinnvoll, da jetzt großflächiger zu investieren?
Keppler: Für mich reicht eigentlich schon, daran zu denken, wie große Volksfeste vielleicht in einem Jahr laufen werden. Da wird das neue Coronavirus immer noch unter uns sein, immer noch Infektionen auslösen. In welcher Form, das kann keiner genau vorhersagen. Aber man sollte jetzt schon darüber nachdenken. Auch die Influenzawelle, die jetzt deutlich früher kommt als in vorpandemischen Jahren, ist sicher etwas, was man ernst nehmen muss. Also ja: Testprinzipien aufbauen, die niedrigschwellig und auch ohne großen zusätzlichen Aufwand dann in einem vertretbaren finanziellen Rahmen aufgesetzt werden können - das wird uns sicherlich in der aktuellen Pandemie und bei zukünftigen deutlich weiterhelfen.