Sonntag, 14. August 2022

Energiekrise der 70er-Jahre
Als das Öl knapp wurde

Tempolimits, autofreie Sonntage, weniger Heizen und alternative Energiequellen - Debatten ähnlich wie heute haben die Menschen in den 70er-Jahren schon einmal geführt. Anlässe waren seinerzeit der Nahostkonflikt, die Ölpreiskrise - und sogar auch damals schon die Sorge um Nachhaltigkeit.

Von Luca Rehse-Knauf | 07.04.2022

Leere Autobahn am 2. autolosen Sonntag am 1.12.1973 im Ruhrgebiet, Kamener Kreuz bei Duisburg
Autofreie Autobahnen im "Ölkrisen"-Jahr 1973 - die Bilder haben sich ikonisch in das Gedächtnis der Bundesbürger gegraben (imago/Klaus Rose )
„Guten Abend meine Damen und Herren. Vor den Auswirkungen der Energiekrise müssen nach einhelliger Auffassung des Bundestages vor allen Dingen die Arbeitsplätze gesichert werden.“
Die Tagesschau. Es könnte fast von heute sein.

„Dieses Ziel, so betonte heute Bundeskanzler Brandt in einer Regierungserklärung vor dem Parlament in Bonn, müsse Vorrang vor dem privaten Komfort haben.“

Es ist 1973, Willy Brandt ist Kanzler, der Bundestag ist in Bonn und die Ölpreiskrise bricht aus. Der weltweite Verbrauch ist so hoch wie nie und steigt weiter an. Die Bedeutung der USA auf dem Weltölmarkt nimmt ab, und die arabischen Länder der OPEC – der Organisation erdölexportierender Länder – gewinnen an Marktmacht. Dann eskaliert erneut der Nahostkonflikt.
Rüdiger Graf, Historiker unter anderem für die Geschichte von Öl und Energie am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam: „Die arabischen Länder der OPEC verkünden, dass sie von nun an jeden Monat fünf Prozent weniger Öl fördern werden, bis die Israelis sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen und dass von diesen Beschränkungen alle Länder betroffen sind, die keine deutlich proarabische Position einnehmen.“

Energiesparen als Bürgerpflicht

Zu spüren sind die Förderbeschränkungen erstmal nicht. Aber schon die Erwartung, dass in absehbarer Zeit 15 Prozent weniger Öl da sein wird, stiftet Angst in Politik und Gesellschaft. Man sucht nach schnellen Lösungen.

„Grundsätzlich gibt es verschiedene Strategien. Man kann Öl woanders her beziehen, man kann Öl durch andere Energieträger ersetzen. Das beides dauert aber sehr, sehr lange. Das Einzige, was in der akuten Krise hilft, ist Energieeinsparen.“

„Hallo Sie“ – „Ja?“ – „Können Sie nicht mal die Dusche abstellen?“ Ein Werbespot damals im Fernsehen, der zum Energiesparen aufrief. „Müssen Sie eigentlich so lange duschen, das ist ja Energieverschwenden?“ „Was heißt verschwenden, die Miete muss ich sowieso bezahlen, das Geld für warmes Wasser ist da drin, Sparen lohnt sich einfach nicht.“ „So, meinen Sie?“

Spazierengehen auf der Autobahn

„Ein strahlender Wintertag mit Temperaturen zehn Grad unter null. Auf der Autobahnzufahrt Richtung Süden führen Spaziergänger ihre Dackel aus.“

Auch die autofreien Sonntage brannten sich in die Erinnerung vieler Deutscher ein: Spielende Kinder und Fahrräder auf den sonst viel befahrenen Autobahnen und Landstraßen. Es wurde ein Tempolimit verhängt und diskutiert über die Dauer von Weihnachtsbeleuchtung. Auf politischer Seite verabschiedete der Bundestag ein Energiesicherungsgesetz. Es gab der Regierung im Krisenfall weitreichende Eingriffsrechte in den Energiemarkt.

Die Risiken der Globalisierung schienen mit einem Mal auf dem Tisch zu liegen. Frank Biess, Professor für europäische Geschichte an der University of California in San Diego:

„Ich würde das so als die erste Globalisierungskrise bezeichnen. Das Ausmaß der Integration der Weltwirtschaft von 1913 wurde eigentlich erst in den 70er-, 80er-Jahren wieder erreicht. Weil dazwischen eben diese Kriege und die Nachkriegszeit kam, und das eigentlich erst wieder in den 70er-Jahren so eine vernetzte Welt entstanden ist, wie sie vielleicht vor dem ersten Weltkrieg schonmal existiert hatte. Aber damit natürlich auch diese Abhängigkeiten und Verflechtungen deutlicher geworden sind.“
Die Delegation der OPEC am 17. Oktober 1973 - die Ankündigung der Reduzierung der Fördermengen als Reaktion auf den Yom-Kippur-Krieg löste die "Ölkrise" aus.
Die Machtdemonstration der OPEC löste einen Schock aus - aber eigentlich wurde das Öl gar nicht knapp (imago/ZUMA/Keystone)

Neues Bewusstsein für globale Abhängigkeiten

Das Öl wurde in Deutschland nicht wirklich knapp, aber Preissteigerungen machten sich in allen möglichen Bereichen bemerkbar. Es entsteht ein neues Bewusstsein für globale Zusammenhänge und Abhängigkeiten und es wird deutlich: Energie ist Sicherheitspolitik. Frank Biess: „Vielleicht sind so die 70er-Jahre der Anfang unserer Gegenwart. Wo so dieses Umweltbewusstsein das erste Mal entstanden ist und sich dann auch weiter fortentwickelt hat.“

Energie – so wird es vielen Menschen klar – ist nicht nur Sicherheits-, sondern auch Umweltpolitik. Ein oft schwer vereinbarer Zielkonflikt. Die energiepolitische Reaktion war, erstmal eine Energiepolitik zu entwickeln. Rüdiger Graf: „Es gibt im Grunde bis Anfang der 70er-Jahre keine kohärente Energiepolitik. Also kurz vor der ersten Ölkrise setzt die Bundesregierung das erste Mal eine Energieprogramm auf. Bis dahin gibt’s Kohlepolitik, Atompolitik, Ölpolitik, aber da wird das erst zu einer kohärenten Strategie.“

Dann waren es nicht zuletzt die politischen Reaktionen auf die Ölpreiskrise der 70er-Jahre, die zu Deutschlands heutiger, energiepolitisch verzwickten Lage beigetragen haben. „Eine der ersten Sachen, die Willy Brandt macht, ist, dass er beim Wirtschaftsministerium nachfragen lässt: Wie weit könnten wir unsere Öl– und Gasimporte aus der Sowjetunion steigern, ohne in den Bereich kritischer Abhängigkeit zu geraten. Und die sagen dann so Pi mal Daumen 10 Prozent. Und dementsprechend werden die Importe gesteigert.“

Sparmaßnahmen nachhaltig oder schnell verpufft?

Die Energiesparmaßnahmen der 1970er-Jahre zeigten über die Krise hinaus Wirkung: Vorschriften zur Wärmedämmung beim Häuserbau, Energieeffizienzstandards für elektrische Geräte. Mit Blick auf Nachhaltigkeit sind diese Entwicklungen – so Historiker Rüdiger Graf – aber ambivalent zu bewerten.

„Für die technischen Geräte gibt’s die Rebound-Effekte: Dass in dem Moment, wo ein Gerät energieeffizienter wird, die Leute anfangen, sich einen zweiten Kühlschrank oder eine Tiefkühltruhe zu kaufen. Dass die Wohnungen zwar besser gedämmt werden, aber die Quadratmeterzahl, auf der man wohnt, zunimmt. Das heißt, man heizt eben auch mehr.“

In Teilen der Bevölkerung haben sich die Erfahrungen durchaus eingebrannt. Dass Energie ein kostbares Gut ist, ist eine Erkenntnis der 70er-Jahre. „Gleichzeitig ist es aber so, dass es eine enorme Energievergessenheit gibt. Wir unterhalten uns gerade über Zoom und wissen nicht genau, was die die Energiebilanz unseres Zoomgesprächs ist, die aber signifikant ist. Also auf der Bewusstseinsebene hat es schon einen Effekt gehabt, auf einer Verhaltensebene wäre ich deutlich skeptischer.“
Autokorso der DKP am 24.11.1973 in Essen gegen die Fahrverbote an den autolosen Sonntagen . Die Fahrzeuge wurden jedoch von Menschen und Pferden gezogen und geschoben. Auf einem Schild ist zu lesen: "Die Dicken können fahren, die Kleinen sollen sparen."
Auch 1973 wurde schon darüber diskutiert, ob Preisanstieg und Sparmaßnahmen eigentlich alle Bürger gleich hart treffen (imago/Klaus Rose)

Was lässt sich aus der Geschichte lernen?

Bei den oberflächlichen Gemeinsamkeiten der Energiekrise der 70er-Jahre zur aktuell drohenden Energiekrise drängt sich natürlich die – wenn auch unterkomplexe – Frage auf: Kann man sich nicht von damals etwas abgucken? Frank Biess meint dazu:

„Das ist immer schwierig, diese Frage ‚aus der Geschichte zu lernen‘, weil sich die Situation dann natürlich doch immer ziemlich unterscheiden voneinander. Es ist wahrscheinlich schon auch wichtig, sich über die unbeabsichtigten Begleiterscheinungen von vermeintlichen Lösungen im Klaren zu sein, also dass damit auch wieder Kosten verbunden sind.“

Und Rüdiger Graf zieht die „Lehre“ aus den 70ern: sich nicht durch zu einseitige Importe, abhängig von anderen Ländern zu machen. Und natürlich: alternative Energien, die man überhaupt nicht importieren muss. Darauf wurde auch damals schon gesetzt, es wurde nur etwas anderes damit gemeint.

„Die große alternative Energie der 1970er-Jahre war noch die Atomenergie, die massiv staatlich gefördert worden ist. Und was es uns jetzt nochmal zeigt – was wir durch den Klimawandel ohnehin schon wissen – ist, dass wir einen massiven Ausbau erneuerbare Energien brauchen, um genau solche Abhängigkeitskonstellationen zu vermeiden. Nur dann ist man nicht erpressbar, nur dann ist man unabhängig.“