Freitag, 30. September 2022

Energieökonom Hirth
„Wir müssen entlasten und Energie sparen“

Es gebe zu wenig Energie auf dem Markt, sagte der Ökonom Lion Hirth im Deutschlandfunk. Deswegen müsse Energie eingespart werden. Eine Preissenkung würde Sparanreize zunichtemachen. Stattdessen sollten Bedürftige gezielt finanziell unterstützt werden.

Lion Hirth im Gespräch mit Christoph Heinemann | 29.08.2022

Ein Drehstromzähler im Keller eines Hauses.
Die steigenden Energiekosten werden für viele Haushalte eine Belastung (dpa/picture alliance/Frank Rumpenhorst)
Deutschland stecke nicht in einer Krise des Strommarktes, sondern in einer Krise der Energieversorgung, sagte der Energieökonom Lion Hirth von der Hertie-School im Deutschlandfunk. „Wir haben zu wenig Energie“, so Hirth.
Dieses Energieproblem müsse man lösen, indem man mehr Energie bereitstelle und weniger Energie verbrauche. Der gestiegene Preis würde zum Energiesparen anhalten. Deswegen sollte dieser politisch nicht niedrig gehalten werden, da sonst der Anreiz fehle. Stattdessen seien gezielte Maßnahmen zur Entlastung sinnvoller, sagte Hirth.
Christoph Heinemann: Professor Hirth, warum steigt der Strompreis?
Lion Hirth: Ganz wesentlicher Treiber vom Strompreis ist der hohe Gaspreis. Wir brauchen häufig Gaskraftwerke, um unseren Strombedarf zu decken, und diese Gaskraftwerke verbrennen im Moment Gas, das fünfzehnmal teurer ist als noch vor wenigen Jahren. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass uns Russland den Gashahn zudreht und Europa nicht mehr beliefert.
Heinemann: Aber Strom wird doch nur zu einem sehr geringen Teil aus Gas gewonnen.
Hirth: Es gibt auch im Stromsystem noch eine Reihe von, ich sage jetzt mal, hausgemachten Problemen und Pech, die uns das Leben schwermachen im Moment. Dazu gehört in absteigender Reihenfolge an Wichtigkeit eine riesige Dürre, die ganz Europa und vor allem Südeuropa dieses Jahr erfasst hat, so dass sehr viel weniger Wasserkraft erzeugt werden kann, weniger Strom aus Wasserkraftwerken in Italien, in Spanien, in Frankreich. Dazu kommt eine große Krise der französischen Atomkraft. Es sind sehr viele französische Atomkraftwerke gerade nicht betriebsfähig – wegen Kühlwasserproblemen, aber auch wegen verschobener Revisionen - das sind noch Konsequenzen der Corona-Epidemie – und Sicherheitsproblemen bei einigen Kraftwerken, die aufgetaucht sind, so dass sie jetzt nicht mehr fahren können. Dazu kommt der deutsche Kohle- und Atomausstieg, der auch dazu führt, dass Kraftwerkskapazitäten gesunken sind.
Alles zusammen bedeutet, dass wir jetzt, anders als noch früher, meistens Gaskraftwerke benötigen, um unseren Strombedarf zu decken, dass in den meisten Stunden des Tages und des Jahres Gaskraftwerke laufen müssen, damit wir genügend Strom haben. Diese Gaskraftwerke müssen bezahlt werden und dann steigt der Preis.

Eine energiepolitische Übergewinnsteuer

Heinemann: Kann man dann überhaupt, was die Politik jetzt fordert, den Strompreis vom Gaspreis entkoppeln?
Hirth: Aus meiner Sicht ist das eine Sprachregelung, die nicht so wahnsinnig viel Sinn macht. Was man aus meiner Sicht tun kann ist, die großen Gewinne, die bei einigen Kraftwerkstechnologien, bei den Betreibern von Kraftwerken anfallen – es gibt eine ganze Reihe von Kraftwerken, die von den hohen Strompreisen profitieren, ohne dass deren Kosten im gleichen Maße gestiegen sind; das betrifft Kohlekraftwerke, Atomkraftwerke, aber vor allem auch erneuerbare Energien – und man kann versuchen, zum Beispiel über Unternehmensgewinnsteuern diese zusätzlichen Gewinne zum Teil abzuschöpfen und an insbesondere bedürftige Betroffene zu verteilen. In diesem Sinne werden dann diese Menschen bessergestellt, aber eine technische Entkoppelung des Strompreises und des Gaspreises macht aus meiner Sicht nur wenig Sinn.
Heinemann: Was Sie vorgeschlagen haben, wäre dann eine energiepolitische Übergewinnsteuer.
Hirth: So kann man es machen, genau.

Der Strommarkt ist ein ganz normaler Markt

Heinemann: Christian Lindner hat ja gesagt, am Strommarkt hat die Politik einen Profit-Autopiloten eingerichtet. Das heißt, Produzenten von Solar-, Wind- und Kohlestrom würden so bezahlt, als hätten sie teures Gas eingekauft. Wie genau funktioniert dieser Autopilot?
Hirth: Ich glaube, der Begriff von dem Gewinn-Autopiloten ist ziemlich irreführend und macht aus meiner Sicht gar keinen Sinn. Ich würde trotzdem mal kurz erklären, wie die Preisbildung am Strommarkt funktioniert. Es geht hier um den Strommarkt, um den Börsenmarkt für Strom, um den Großhandelsmarkt für Strom, den Markt, wo Kraftwerke ihren Strom verkaufen und wo Versorger den Strom einkaufen und dann Kunden wie Sie und ich beliefern. An diesem Strommarkt stellt sich jede viertel Stunde ein anderer Preis ein und dieser Preis bildet sich nach dem sogenannten Grenzkostenprinzip.
Ein kleines Beispiel aus einem anderen Bereich hilft vielleicht, das zu verstehen, und das ist ein Beispiel, was ich gerne verwende, aus der Landwirtschaft. Wenn wir uns vorstellen, es gibt zwei unterschiedliche Bauernhöfe, beide bauen Weizen an, das eine ist ein traditioneller Bauernhof, der hat Kosten von 200 Euro pro Tonne Weizen, und das andere ist ein moderner Bauernhof, der kann für 50 Euro pro Tonne produzieren. Der Weizen ist der gleiche und wir brauchen beide Bauernhöfe, um die Nachfrage nach Weizen zu bedienen. Jetzt wird der 200 Euro teure Weizen Produzent natürlich nicht günstiger verkaufen, gar nicht günstiger verkaufen können; sonst würde er Verlust machen und könnte seine Kosten nicht mehr decken. Und der günstige Bauernhof, der nur ein Viertel der Produktionskosten hat, der wird ebenfalls für 200 Euro verkaufen, weil er ja weiß, dass Weizen 200 Euro wert ist. Der wird ja nicht das Geld liegenlassen.
Genauso ist es am Strommarkt. Das heißt, zu jeder viertel Stunde, wenn Gaskraftwerke benötigt werden für die Stromproduktion, dann muss man sie auch bezahlen. Dann setzen sie den Preis und dieser Preis gilt für alle, für jeden Strom, weil Strom ist gleich Strom. Dieses Prinzip wird manchmal als Grenzkostenbepreisung bezeichnet oder als Merit-Order Prinzip. Es ist aber ein Bepreisungsprinzip, was völlig normal ist und in der gesamten Volkswirtschaft bei ganz vielen Gütern stattfindet. Genauso bilden sich Preise bei Weizen, bei Milch, bei Erdöl, bei Kupfer, bei Solarzellen, bei allen anderen Produkten, die gewissermaßen gleichförmig homogen sind. Der Strommarkt ist ein ganz normaler Markt.
Heinemann: Noch mal zum Verständnis: Wieso richtet sich dann am Schluss der Preis nach dem teuersten Anbieter?
Hirth: Weil dieser Anbieter nicht günstiger verkaufen wird. Wenn ich als Gaskraftwerk Kosten von 800 Euro pro MW/h habe, dann werde ich meinen Strom nicht günstiger verkaufen. Wenn ich als anderes Kraftwerk zwar günstigere Kosten habe, aber weiß, dass 800 Euro für Strom bezahlt wird, dann werde ich ebenfalls nicht für unter 800 Euro verkaufen.
Heinemann: Nun hat Stephan Weil, der Ministerpräsident von Niedersachsen gesagt, dass vor allem auch enorme Spekulationsgewinne zu den jetzigen Kosten für Verbraucherinnen und Verbraucher beitragen. Inwiefern?
Hirth: Das halte ich für Unfug. Ich sehe überhaupt keine Spekulationen am Markt. Ich wüsste, ehrlich gesagt, überhaupt nicht, wie man im Strommarkt mit Spekulationen überhaupt Geld verdienen kann. Mit Spekulationen kann ich Geld verdienen, wenn ich ihn gut kaufe, aufbewahre und später teurer wiederverkaufe. Man kann aber Strom gar nicht aufbewahren.
Heinemann: Wie würden Sie – und das ist das große Stichwort der Tage – den Strommarkt reformieren?
Hirth: Wir haben kein Problem mit dem Strommarkt. Der Strommarkt funktioniert im Prinzip prima. Der Strommarkt macht genau das, was er tun soll. Das Problem ist, dass das Ergebnis des Strommarkts für viele Menschen und Unternehmen eine Belastung ist, die kaum noch zu schultern ist, und diesen Unternehmen und Menschen müssen wir helfen und dafür finde ich es legitim und angemessen und gerechtfertigt, neben Mitteln aus dem Bundeshaushalt auch über erhöhte Gewinnsteuern für Stromproduzenten nachzudenken oder andere Möglichkeiten, um deren Zusatzgewinne, die durch die Krise entstehen, ein Stück weit abzuschöpfen. Das wäre aber letztlich eine, ich sage mal, steuersystematische Umverteilung von Gewinnern zu Verlierern und keine Änderung des Prinzips des Strommarktes. Eine solche Änderung halte ich für weder sinnvoll noch notwendig.

"Wir haben zu wenig Energie"

Heinemann: Jetzt sind wir schon in der Entlastungsdebatte. Da gab es verschiedene Vorschläge, verschiedene Möglichkeiten, einmal eine staatliche Senkung des Energiepreises oder andererseits, man nimmt hohe Energiepreise in Kauf, dadurch vielleicht auch einen Anreiz zum Sparen, plus – und davon sprachen Sie gerade – staatliche Hilfen für Menschen mit geringen Einkünften oder für entsprechende Unternehmen, die das nicht schultern können. Sollte die Politik klimapolitisch da rangehen oder sozialpolitisch versuchen abzufedern?
Hirth: Ich glaube, weder noch. Aber im Kern haben Sie es schon gesagt. Ich möchte es mit eigenen Worten noch mal kurz formulieren. Wir stecken nicht in einer Krise des Strommarkt-Designs, sondern wir stecken in einer Krise der Energieversorgung. Wir haben zu wenig Energie und wie wir alle wissen gibt es dafür genau eine verantwortliche Person. Dieses Energieproblem müssen wir lösen, indem wir mehr Energie bereitstellen und weniger Energie verbrauchen.
Jetzt kommen wir zum Problem. Wenn wir jetzt aus sozialpolitischen Gründen, aus guten und verständlichen Gründen die Energiepreise senken, deckeln oder subventionieren, dann führt das dazu, dass die Leute weniger finanziellen Anreiz haben, um Energie zu sparen, mit anderen Worten, dass die Nachfrage weiter angeheizt wird, und das gilt es, auf alle Kosten zu vermeiden. Wir müssen die Menschen entlasten und schützen, ohne die finanziellen Anreize zum Energiesparen zu unterminieren. Wir müssen beides machen: Wir müssen entlasten und Energie sparen. Pauschalzahlungen, so wie jetzt heute oder gestern auch wieder von der SPD angekündigt, in der Tradition des Energiegeldes sind dafür genau der richtige Weg.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.