
Früher wollten sie nur Teil einer Jugendbewegung sein. Heute sind sie es immer noch: Über 50-Jährige wissen, was die Popkultur ins Scheinwerferlicht rückt, sie sammeln Turnschuhe und tragen Bauchfrei wie ihre Kinder, trinken Nahrungsergänzungs-Shakes, buchen die Eigenbluttherapie und „leihen“ sich von ihren Kindern die Baggy-Jeans.
Erleben wir gerade die erste Generation, die für immer in der Ästhetik der Jugend verbleibt? Wenn Alter nur noch ein Datum im Pass zu sein scheint (und man die Kosten, die dieses Datum im Gesundheits- und Sozialwesen verursacht, ausblendet), verändert sich auch das Verhältnis der Generationen. Nicht nur, wenn es um Rentenkennziffern und Haltelinien geht.
Aber was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn selbst im Konsumbereich die Produkte, die sich gezielt an alte Menschen richten, Jugendlichkeit ausstrahlen sollen? Airpods, die das Hörgerät ersetzen, oder E-Bikes, die wie hippe Rennräder aussehen.
Laura Ewert, geboren 1982, lebt als freie Autorin, Kolumnistin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt für die Die Zeit, Monopol, Spiegel oder der freitag über Gesellschaft und Kultur.
Neulich beobachtete ich mich in einer merkwürdigen Situation. Kniend vor meinem Sohn, murmelte ich: „Die muss tiefer sitzen“ und zog ihm die Baggy-Jeans ein paar Zentimeter herunter. Es ratterten danach unzählige Szenen aus deutschen und amerikanischen Vorabendserien durch meinen Kopf, in denen empörte Eltern den Söhnen und Töchtern prüde die Baggy-Jeans hochziehen, damit man ihre Unterhosen nicht sehen kann. Warum verhielt ich mich nicht wie eine dieser besorgten Mütter, die die Nieren ihrer Kinder gewärmt wissen wollen?
Mir fielen andere Szenen ein, in denen sich Erwachsene ähnlich unangemessen aufführen: 45-jährige, die Crop Tops tragen und das auch so nennen – nicht mehr „bauchfrei“, wie damals, als sie als Jugendliche den Bauchnabel freilegende Oberteile trugen. Oder mittelalte Freunde, die „cringe“ sagen. Anstatt in ihrem Wochenendhaus zu grillen und den Garten umzugraben, fotografieren sie immer noch ab und an den Sonnenaufgang, wenn sie aus dem Club kommen. Sie haben Songs von Nina Chuba in ihrer Playlist, nicht nur, weil die Kinder den Algorithmus zerstört haben. Sie kennen die Trendmarken der Generation Y2K und verstehen auch das abwegigste Internet-Meme.
Warum geht der Mann mit den Falten im Gesicht jeden Tag skaten? Warum nimmt der Daddy ein Rap-Album auf? Warum sind die über 40-Jährigen immer noch jugendlich? Und was passiert mit einer Gesellschaft, in der die Dualität von alt und jung mehr und mehr verschwindet?
Eine neue Generation alter Menschen ist entstanden – und die sehen anders aus. Statt Busreisegruppen in Rentnerbeige, tragen alte Menschen heute Turnschuhe mit federnder Sohle, Age Inclusive Design sorgt dafür, dass auch beim Pillendosierer keine ästhetischen Abstriche gemacht werden müssen. Es gibt Nahrungsergänzungsmittel, die cool aussehen. Und der AirPod, das Symbol von kultureller Flexibilität und jugendlicher Fluidität, dient heute auch als Hörgerät. Schon vor zehn Jahren hat das Italienisch‑Singapurische Designbüro Lanzavecchia + Wai eine Interior-Kollektion für ältere Menschen entworfen, die es möglich machen soll, den eigenen ästhetischen Ansprüche auch weiterhin gerecht zu werden, auch wenn die Möbel bereits dem Nutzen einer Krankenstation in wenig nachstehen müssen.
Der Literaturwissenschaftler Robert P. Harrison hat eine Kulturgeschichte des Alterns geschrieben: Ewige Jugend heißt sie und erschien 2015 in Deutschland. Darin beschreibt er, wie sich die Wahrnehmung von Alter gewandelt hat und davon abhängt, in was für einer Welt wir leben. Er beschreibt darin auch die Wahrnehmung von Menschen und dass in früheren Zeiten zwölfjährige Jungen aussahen wie kleine Erwachsene, in deren Gesicht die Zeit bereits ihre Furchen gegraben hätte. Dem stellt er gegenüber, dass das Gesicht heute oft unfertig, unreif aussehe, „selbst wenn es mit den Jahren welkt, ohne jemals die markanten Züge des Alters anzunehmen, die in anderen Kulturen oder Epochen für Greise charakteristisch sind.“ Der Unterschied liege nicht nur in unserer besseren Ernährung, Gesundheitsvorsorge und Absicherung gegen Naturgewalten, schreibt er, sondern in einer umfassenden biokulturellen Transformation, die größere Teile der menschlichen Population in eine ‚jüngere‘ Spezies verwandelt – jünger im Aussehen und Verhalten, in Mentalität und Lebensstil, vor allem aber in ihren Wünschen und Sehnsüchten.
Selbst unsere alternden Körper deuten auf eine länger anhaltende Jugend hin: Denn ein gesünderer Lebensstil, wie ihn auch Harrison benannt hat, also mehr Sport und veränderte Ernährung haben dazu geführt, dass wir im Durchschnitt länger fit bleiben als noch unsere Eltern. Aber es passiert uns nicht nur, wir optimieren: Nehmen eben jene coolen Nahrungsergänzungsmittel, gehen auf Foltergeräte, die wir Reformer nennen, lassen unsere Darmbakterien untersuchen. Oder wir lassen uns Eigenblut in die Gesichtshaut injizieren und spritzen uns den Hunger weg.
Der Tech-Milliardär Peter Thiel hat das Start-up Ambrosia gegründet, zu dessen Geschäftsgebiet gehört, das Blut älterer Menschen mit dem Blut jüngerer auszutauschen. Er wolle den Tod bekämpfen, wird Thiel zitiert.
Und vielleicht geben wir deswegen heute mehr aus, um so jung auszusehen, wie wir uns fühlen. Die Schönheitsmedizin ist eine Milliardenindustrie. Die Tagesschau berichtete Ende 2025, dass Deutschland mit etwa 626.200 Schönheitsoperationen im Jahr 2024 zu den zehn Ländern mit den meisten ästhetisch-plastischen Eingriffen weltweit gehörte.
„Warum wollen wir nicht alt werden?“ fragte ich kürzlich den Chefarzt einer ästhetischen Klinik. Seine pragmatische Antwort: Weil wir nicht sterben wollen. Aber welcher gesunde Mensch will schon sterben? Und das mag ja für die Bemühungen, den Körper zu erhalten gelten, aber erklärt es auch, warum Erwachsene Turnschuhe tragen und den Anschluss an die Jugendkultur nicht verlieren wollen? Wohl eher nicht.
50 ist das neue 30, heißt es heute, dabei war ja mal 40 das neue 30. Wird es dann bald zu 60 ist das neue 30? Sven Väth ist 61 Jahre alt und legt immer noch fast jedes Wochenende auf Techno-Partys auf.
In einem Artikel in der Zeitung Die Welt aus dem Jahr 2018 schreibt Christina Peters, die klassische Generation als Altersgemeinschaft von ungleich alten Gruppen habe ausgedient. Sie zitiert den Professor für Entwicklungspsychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Günter Mey, der befindet, dass Jugendkulturen sich heute überhaupt nicht mehr als solche klassifizieren ließen. Er sagt: „Wir erleben, dass es ungeachtet, welche Jugendszene wir uns anschauen, dort sowohl die 20-Jährigen bis hin zu den 50‑Jährigen gibt“. Juvenile Vergemeinschaftungen würden das die Forscher nennen, heißt es dort weiter.
Juvenilisierung nennt es der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten. In dem stellt er die These auf, dass unsere – die spätmoderne – Gesellschaft geradezu verlangt, dass wir jung bleiben. In unseren kulturellen Interessen, aber auch emotional und körperlich. Nur dann dürfen wir mitmachen, sind wichtige und produktive Mitglieder.
Reckwitz macht das nicht nur an den Körpern fest, die zum Projekt geworden sind und nicht alt werden dürfen, er beobachtet die Verjugendlichung auch in der Arbeitswelt.
Da ist der obligatorische Kicker im Start-up-Büro, die juvenile Ansprache in der Konferenz oder abenteuerliche Teambuilding-Maßnahmen. Aber auch das grundsätzliche Verständnis von Arbeit hat sich gewandelt. Spaß soll sie machen. Uns ausfüllen. Mit Leidenschaft ausgeführt werden. Immer im Wandel sein. Selbstbestimmt. Das nächste tolle Projekt immer schon im Posteingang. Wir sind beruflich niemals fertig, alles ist Progress.
Die Juvenilisierung ist bei Reckwitzs Beschreibungen allerdings eher ein Nebenprodukt seiner Hauptbeobachtung, die lautet: Menschen wollen individuell sein. Sich selbst verwirklichen. „Erfolgreiche Selbstentfaltung“ nennt er das. Die betrifft zwar vor allem die so genannte Neue Mittelschicht im urbanen Raum, sie wirkt aber – etwa durch Darstellung in Medien – auf alle als Ideal. Der Soziologe führt das unter anderem auf einen veränderten Kapitalismus zurück, der immer mehr Erfahrungen und Werte verkauft, anstatt einen Nutzen oder Produkte. Und in diesem Kapitalismus verkaufen wir uns alle als Besonderheiten. Als solche sind wir frisch. Das führt zur kulturellen Verjüngung. Also so geht Opa eben zum HipHop-Jam.
Bodo Mrozek ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte und Spezialist für Popkultur. Auch er sagt, es sei schon richtig, Erwachsene bewegten sich heute vermehrt in der Popkultur, er gibt aber auch zu bedenken, dass die Popkultur längst keine Jugendkultur mehr sei. In seinem Buch Jugend – Pop Kultur. Eine transnationale Geschichte schreibt er, dass Jugend keineswegs eine anthropologische Konstante sei, die es in allen Gesellschaften und Zeiten gleichermaßen gegeben hätte. Lebensalter seien auch soziokulturell bedingt, diskursiv erschaffene und zeitlich spezifische Phänomene.
Das bedeutet also, Jugend als auch das Erwachsensein ändern sich je nach dem, was sonst so los ist in der Welt. Aber wenn das so ist, könnte das bedeuten, dass es demnächst keine Erwachsenen mehr gibt? Zumindest als gesellschaftlich relevante Großgruppe?
An dieser Stelle muss man sich die Entwicklung von Jugend mal genauer anschauen. Die Jugend, so schreibt Mrozek, sei selbst ein ziemlich junges Konzept. „Der Typus des ‚Jugendlichen‘ entstand, nachdem Kinder nicht mehr als kleine Erwachsene betrachtet wurden, die direkt ins Erwachsenenalter übergingen, sondern durch Ver- und Gebote etwa der Kinderarbeit oder des Eintritts in die Volljährigkeit eine Zwischenphase zwischen Kindheit und Erwachsensein entstand.“
Sie mussten nicht mehr als Kriegsmaterial dienen, nicht mehr auf dem Bauernhof aushelfen. Jugend entstand durch die Abschaffung der Kinderarbeit, durch Industrialisierung, Geburtshygiene und die Impfmedizin, aber auch durch Bildungs- und damit Berufswahlmöglichkeiten, die der Jugend Freiheiten gab.
Das Wort Teenager entstand irgendwann um das Jahr 1944 in den USA. Gebraucht wurde es vor allem, um diese neue Konsumentengruppe zu definieren. Das beschreibt der Popjournalist und Musikhistoriker Jon Savage in seinem Buch Teenage – Die Erfindung der Jugend, darin legt er dar, dass Jugend ein Konstrukt, der Teenager gesellschaftlich konstruiert ist.
Die Jugend entstand also mit Freiheit. Erst später kam ihr eine besondere Bedeutung zu. 1972 wurde das Wahlalter gesenkt. Die Jugend hatte so also eine größere politische Bedeutung.
Und weil die Einkommen stiegen, Eltern ihren Kindern mehr Taschengeld gaben, stieg dann auch deren ökonomischer Einfluss.
Zur Erzählung von Jugendlichkeit gehörten aber auch unbedingt der rebellische Geist und der politische Einflusswille. Mrozek schreibt, dass die idealisierte Jugend schon in der Epoche des Sturm und Drang Anfang des 19. Jahrhunderts als Vorbote des Rebellischen gilt. Junge Menschen hätten die Möglichkeit errungen, auf bestimmte Bedingungen mit Protest und Verweigerung zu reagieren.
Gleichzeitig begann ihre Verteufelung. Die Beatles und andere von jungen Menschen konsumierte Musik galt als Teufelszeug. Woodstock, Schwabinger Krawalle, Chaostage von Hannover gelten als explosive juvenile Events. Begriffe wie Moral Panic entstanden, was bedeutet, dass nicht nur die bundesrepublikanische Gesellschaft geradezu panisch auf eine vermeintliche Bedrohung ihrer Ordnung, ihrer Normen, ihrer Werte reagierte.
Idealisierung und Dämonisierung von Jugend verliefen also parallel.
Oder wie Mrozek schreibt: Jugend diente als Metapher der Erneuerung und des utopischen Erwartungshorizonts von Zukunftspolitiken ebenso wie als dystopische Projektionsfläche kulturpessimistischer Untergangsszenarien, die im angeblichen Werteverfall der jeweils Nachrückenden ein Symptom für das Vergehen des Althergebrachten ausmachten.
Und heute? Die Jugend hat zwar keinen großen rebellischen Ruf mehr, aber einen, der zum Nicht-erwachsen-werden-wollen passt. Sie wolle angeblich nicht mehr richtig arbeiten, das galt zwar auch für die Kultur der so wahrgenommenen „Gammler“ der 70er Jahre oder die Punks, aber heute ist es nicht nur eine Frage des Wollens, sondern eine des Könnens, gelten Jugendliche doch als nicht belastbar, empfindlich, als Snowflakes. Die Jugend hat also ihre Gefahr weitestgehend verloren. Eltern und ihre Kinder verstehen sich ausgezeichnet. Sie sind ihre Berater, Geldgeber und manchmal Freunde, schließlich konsumieren sie die gleichen Medien, folgen den gleichen Accounts in den sozialen Medien, nehmen die gleichen Drogen und machen sich auch ähnliche Sorgen. Die Allwissenheit der älteren Generation ist weitestgehend verschwunden, nicht nur weil der intellektuelle Erwachsene und der Kulturgrantler à la Marcel Reich-Ranicki ein aussterbendes Modell ist. Es ist ja auch so, bei den aktuellen Problemen wie den ökologischen Krisen, dem Erstarken von rechtsautoritären Politikern, KI und sich wandelndem Kapitalismus, da garantiert ein Altersvorsprung überhaupt keinen Erkenntnismehrwert mehr.
Und die Generation der Endlos-Jugendlichen hat weitestgehend keine Eltern mehr, von denen sie sich abgrenzen müssen, wie die 68er – zumindest nicht, was deren Involviertheit in die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs angeht. Abgrenzen müssen sie sich höchstens von deren ästhetischer Verstaubtheit. Vielleicht sind die heutigen alten Jugendlichen auch deswegen so sehr von der Notwendigkeit einer freundschaftlichen Beziehung zu ihren Kindern überzeugt. Weswegen sie sich in Verhaltensweisen an sie anpassen. Ungezwungen über Drogenkonsum und Ladendiebstahl sprechen, sie mit aufs Festival nehmen und hoffen, sie dann auch in Beziehungsfragen beraten zu dürfen.
Der Soziologe Stefan Schulz schreibt in seinem Buch Die Altenrepublik, dass Generationenkonflikte im Milieu der akademischen Mittelklasse an Relevanz verloren haben und Eltern und Kinder heute „Bündnispartner eines gemeinsamen Lebensstils des materialistisch grundierten Postmaterialismus“ sind. Das hat auch damit zu tun, dass der berufliche Erfolg der Sprösslinge von der Unterstützung der Familie abhängt. Das Studium muss finanziert werden, die Bürgschaft für die Wohnung unterschrieben sein. Schulz leitet daraus ab, dass sich Kinder heute gar nicht mehr leisten können, gegen ihre Eltern zu rebellieren. Sich selbst zu verwirklichen sei heute „notwendigerweise Teamwork“. In seinem zweiten Buch Die Kinderwüste beschreibt er, dass die ökonomische Abhängigkeit noch größer geworden sei, Familie als „Wirtschaftsunternehmen“ beschrieben und Kinder als „Investitionsmasse“ gesehen würden.
Glaubt man Psychiatern und Entwicklungsforschern, führt diese Anfreundung zwischen Eltern und Kindern übrigens wiederum dazu, dass Jugendliche heute nicht erwachsen werden wollen. Vielleicht auch wenig verwunderlich, wenn die erwachsenen Vorbilder fehlen.
Emerging Adulthood ist damit eine Phase, die mittlerweile in beide Richtungen dehnbar ist. Sie dauert bei Jugendlichen länger und wird bei Erwachsenen gern gesehen. Sie beschreibt die Zeit im Leben eines Menschen, in der er seine Einstellung zu Identität, Beruf und Beziehungen austestet und dahingehend Entscheidungen trifft. Oft ist die Phase mit Instabilität und Selbstfokussierung verbunden. Und eigentlich bezog sie sich auf die Zeit, nachdem der Schulabschluss gemacht wurde. Doch Identität ist heute fluide. Bruce Jenner hat mit 65 Jahren bekannt gemacht, dass er eine sie ist und Caitlyn heißt. Und auch Instabilität ist weder deviant, noch stigmatisiert, zumindest, wenn sie nicht den Körper, sondern die Identität betrifft: Der Wechsel von Wohnort, Job und Partnern gehört zum Erwachsenenleben dazu. Die Möglichkeit oder Fähigkeit, sich neu zu erzählen, ist eine Qualität. Aus No Future wurde „Wir bleiben die Zukunft!“.
Heute nehmen Konzertbesucher der RollingStones ihre Enkel mit aufs Konzert. Niemand regt sich über Labubus auf, im Gegenteil. Auch Erwachsene hängen sich die verspielten plüschigen Schlüsselanhänger an ihre Taschen. Es gibt eine starke Sehnsucht nach ewiger Jugend, der Verweigerung vor der erwachsenen Verantwortung, dem Hang zum Infantilen, um die Augen zu verschließen vor dem, was wir gerne Herausforderungen dieser Zeit nennen.
Ist das schon Altersregression? Also eine unbewusste Rückkehr in ein früheres Stadium der Verhaltens-, Gefühls- oder Sozialentwicklung? Wenn Väter plötzlich wieder nachts durch die Straßen ziehen, um Häuserwände zu besprühen? Altersregression kann ein Zeichen von Stress, Trauma oder einer psychischen Erkrankung sein. Und Stress wird wohl auch ein allgemeines Problem sein, doch psychische Erkrankungen kann man nun nicht jedem unterstellen, der sich jugendlich gibt.
Zugleich ist die Jugend anschlussfähiger geworden: Jugendliche trinken weniger, sind – zumindest wenn man den Umfragen bei der Kinder-Sendung Logo glaubt – nicht grundsätzlich abgeneigt, für ihr Land an der Waffe zu kämpfen. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann sagte dem Magazin Der Spiegel 2025, dass Jugendliche laut verschiedener Studien ein hohes Maß an subjektiv empfundener Belastung, an Stress und Ängsten haben, und auch damit können sich Erwachsen doch identifizieren.
Und die Popkultur- und Subkultur, das Feuchtbiotop des Jugendlichen? Auch die hat sich verändert. Zwischenzeitlich sprach man vom Mainstream der Minderheiten. Mittlerweile sind selbst verschwiegene Zirkel mit dem Internet zugänglicher geworden. Mrozek sagt: Durch ihre Omnipräsenz verlieren Subkulturen eigentlich auch an Signifikanz.
Da tanzt man also mit 46 Jahren MDMA-verdrogt neben 20-Jährigen, sogar Küsse werden ausgetauscht. Wobei das eher akzeptiert wird, wenn die Frau die Ältere ist und der Tanznachbar männlich.
Aber es gibt noch ein paar andere Gründe dafür, warum alte Menschen in jungen Gewässern fischen: Die Einführung des arbeitsfreien Samstages zum Beispiel ermöglichte einer Erwachsenengesellschaft zwei Abende des Amüsements, bis dann in den 2000ern mit dem endgültigen Ankommen des Technos in einer breiten Gruppe Arbeitstage eigentlich gänzlich abgeschafft wurden und jeder Tag zum „Feiertag“ werden konnte, zumindest in Berlin, wo günstige Mieten den finanziellen Druck schmälerten. Mit Corona nahm dann die Zahl der Menschen zu, die im Homeoffice arbeiten und die können oft entscheiden, ob sie jugendlich lang schlafen und länger wachbleiben.
Ein anderer Faktor sei, vermutet Mrozek im Gespräch, dass wir in einer Art Single‑Gesellschaft leben. Und er meint damit, dass Eltern sich heute nicht erst wieder in die Gesellschaft wagen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Denn nach vorzeitigen Trennungen müssen sich auch Eltern von kleineren Kindern wieder ins Leben stürzen, um neue Partner zu suchen oder den Schmerz der verlorenen Beziehung zu überdecken. Aber Mrozek hat das positiver ausgedrückt: Sie könnten ihren vorherigen Lebensstil wieder aufnehmen.
Und er formuliert einen anderen wichtigen Gedanken, warum Jung und Alt sich heute öfter bei kulturellen Vergnügungen treffen: Die Märkte adressieren zunehmend Erwachsene über 40 Jahren als größte Konsumentengruppe popkultureller Produkte. Das erkläre sich schon rein demografisch, sagt Mrozek, denn wenn die Gesellschaft überaltert ist, dann seien die Kunden halt auch eher älter.
Aber vom Alter her Erwachsene haben eben auch das nötige Geld für die Langspielplatten‑Sonder-Boxen und Re-Editionen. Die Website des Deutschen Musikinformationszentrums veröffentlichte Zahlen, wonach im Jahr 2017 41 Prozent der Umsätze auf dem Tonträgermarkt durch Konsumenten erzielt wurde, die 50 Jahre und älter waren.
Und die Konzertindustrie setzt zunehmend auf Nostalgie. Die Backstreet Boys gehen wieder auf Tournee, die No Angels, Massive Attack auch. Radiohead spielen ganze vier ausverkaufte Konzerte hintereinander in Berlin. Musikfestivals sind so teuer geworden, dass sie sich Jugendliche gar nicht leisten können und bieten mit Zusatzkosten Glamping an, die komfortable Übernachtung in Zelten, mit echten Betten für den alten Körper.
Bodo Mrozek empfiehlt mir den Artikel von der Journalistin Jenni Zylka, die für die taz auf den „Mod-Weekender“ nach London gefahren ist, wo „sämtliche Mitglieder der englischen Mod-Szene (einer in den 1960-ern entstandenen, mehrfach revivalten Subkultur) aus ihren Höhlen gekrochen waren. Manche sahen auch so aus.“ schreibt sie darin. Am zweiten Abend des Festivals habe sich aber tatsächlich ein junger Mann um die 20 in den Club verirrt. Die Aufregung sei groß gewesen: „Nachwuchs! Endlich! Frisches Mod-Fleisch!“ Doch leider habe sich dann herausgestellt, dass der junge Besucher seinem Vater nur einen Insulin-Pen hatte bringen wollen, den der vergessen hatte.
Überhaupt: Nach London zu fliegen für ein Wochenende, das muss man sich leisten können. Und die heute Mittelalten sind gute Konsumenten. Sie haben als in den 90ern Aufgewachsene gelernt, dass der Konsum von Waren sie überhaupt erst zu individuellen Subjekten macht, dass man sich mit Marken identifizieren kann, dass Kaufen glücklich macht. Zuletzt wurde Jugend ein recht neoliberales Projekt. Die Generation Golf wollte Wohlstand ohne schlechtes Gewissen, sie wollte Hedonismus, auf der Loveparade tanzen, sich jetzt aber bitte nicht mit dem Baumsterben beschäftigen.
Florian Illies schrieb in seinem Bestseller aus dem Jahr 2000 von der Infantilität dieser Generation und ihrem unpolitischen Charakter. Und vielleicht lässt sich in diesem wattig sorglosen Mindset aus Markenbewusstsein und Ich-AG heute eben ganz gut verharren. So wie Ulf Poschardt, der mit dem Porsche durch die Gegend ballert und sein kindliches Beleidigtsein in Bücher, Artikel und kurze Videos gießt – und er ist nicht der einzige mit diesem offensichtlich infantilen Antrieb.
Weniger auffällige Charaktere verlieren sich in Retro-Schleifen. Sie kaufen sich Autos aus ihrer Kindheit, erfreuen sich ästhetisch erst am Comeback der 90er, steigen dann mühelos in die Wiederkehr der 2000er ein. Dort befinden wir uns übrigens gerade. Das Magazin Das Wetter, das ein popkulturelles und jugendliches Image hat, dabei aber angepasst genug ist, sich von den Alt-Jugendlichen feiern zu lassen, greift in seiner Ausgabe aus dem Winter 2025 ein Layout auf, das schon mal in den Nullerjahren angesagt war.
Und im globalen Pop sind weitere Merkmale einer neuen Anschlussfähigkeit von Jugendlichkeit zu finden. Die großen Popkultur-Produkte Taylor Swift und Beyoncé sind generationenübergreifende Ikonen, weil sie keinerlei Reibungsfläche bieten, weswegen Konzerte Familien-Entertainment geworden sind. Auf TikTok tanzen junge Leute gerade sogar vermehrt zu alten Schlagern, manchmal sogar mit ihren Eltern zusammen.
Der Techno wurde im letzten Jahrzehnt gänzlich aus der Nische geholt und das neue Subgenre EDM – also elektronische Tanzmusik – führt mittlerweile die internationalen Charts an. Das war die letzte Jugendbewegung, die sich politisch gegeben hat. Allerdings war das Politische im Techno auch nie mehr als ein Kostüm. Wobei man in Techno-Clubs heute natürlich eher nackt ist und Sex hat. Aber selbst das regt ja niemanden mehr auf. Das Besondere, frei nach Reckwitz, fand früher in Nischen statt, heute ist es die Norm.
Durch die Ökonomisierung der Popkultur sei diese gar nicht mehr unbedingt der Ort, wo Jugendprotest formuliert wird und auch formuliert werden kann, wenn dort vornehmlich Ältere unterwegs seien, sagt Bodo Mrozek. Und interessanterweise sind es vor allem Linke, die sich heute dieser Jugendlichkeit und der Popkultur verweigern und die sich an eine geradezu rentnerhafte Identität wagen. Wichtiger Sprecher der vernunftbasierten und intellektuellen Linken ist Podcaster und Autor Wolfgang M. Schmitt und der ist öffentlich bekennender Klassik- und Schlagerfan und pflegt ebenso wie sein Kollege, der linke Buchautor und Podcaster Ole Nymoen, einen Kleidungsstil, den man freundlich als altbacken bezeichnen könnte: Karierte Sakkos und Sommeranzüge.
Dagegen steckt in den früher als rebellisch gelesenen jungen Bewegungen wie dem Feminismus heute nur noch der Geist des Neoliberalismus. Ältere Frauen geben sich als jung, indem sie sich als Feministinnen labeln, was heute allerdings kaum etwas anderes bedeuten muss, als als Frau in einer früher den Männern vorbehaltenen Branche zu arbeiten. Feminismus ist etwas, das sich mittlerweile zur Selbstvermarktung eignet und als solche genutzt wird, weil der Feminismus nichts mehr angreifen möchte, niemandem gefährlich wird – außer vielleicht den jungen Frauen, die nun eben auch zum Kriegsdienst sollen.
Feministische Außenpolitik à la Anna Lena Baerbock bedeutet, High Heels zum Businessanzug zu tragen. Es bedeutet, sich selbstbewusst Jobs zu nehmen, es bedeutet reich zu sein, denn dann hat man sich erfolgreich gegen Männer durchgesetzt. Feminismus bedeutet, für sich selbst einzustehen, ganz im Sinne eines jugendlichen Egoismus. Mit Crop Top und Ozempic-Face, weil sie es sich wert sind.
Auch Fridays for Future hat deutlich an Kraft verloren. Die deutsche Anführerin Luisa Neubauer ist im Establishment angekommen oder kam vielleicht auch direkt dorther. Die internationale Anführerin Greta Thunberg wurde erst zur heiligen Jugendlichen und dann medial gelyncht, als sie in die ungewünschte Richtung politisch wurde.
Ein jugendlich rebellischer Generationenkonflikt wurde zuletzt von konservativer Seite heraufbeschworen. Die junge Union bezeichnete ihre Kritik an der geplanten Rentenreform als Konflikt zwischen Jung und Alt, und will nicht für die Alten in die Tasche greifen. Doch mit Umverteilung will sie das Problem auch nicht lösen, was dann bei genauerer Betrachtung vielleicht doch eher ein Konflikt zwischen Arm und Reich ist.
Und wenn ich meinem Sohn die Baggy-Jeans ein paar Zentimeter nach unten ziehe, weil das in meiner Jugendkultur eben so erlernt wurde? Verweigere ich mich dann dem Erwachsenwerden? Will ich in der oberflächlich hedonistischen Welt der 90er und 2000er verharren? Wahrscheinlich ja. Denn das ist viel angenehmer, als ihm zu erklären, dass er für sein Vaterland sterben soll. Das letzte Mal, als die Jugend als Kriegsmaterial gehandelt wurde, begann sie übrigens aufzubegehren. Es besteht also die Möglichkeit, dass die Jugend bald wieder den rebellischen Charakter bekommt, den sie einst hatte. Und dann sehen wir womöglich ziemlich alt aus.










