BiodiversitätDie Hälfte aller Schildkrötenarten ist bedroht

357 Schildkrötenarten hat ein Forschungsteam beschrieben und in ihren Verbreitungsgebieten erfasst. Die Hälfte davon sei bedroht, sagte der Zoologe Uwe Fritz im Dlf. Nur wenn Zucht- und Naturschutzprogramme Hand in Hand gingen, könne eine Ausrottung verhindert werden.

Uwe Fritz im Gespräch mit Lennart Pyritz | 17.11.2021

Eine Schildkröte im Meer.
Eine Studie zeigt, dass zahlreiche Schiildkrötenarten bedroht sind. (Unsplash/Jeremy Bishop)
Die einzige in Deutschland lebende Schildkrötenart ist die Europäische Sumpfschildkröte. Auch sie wird in der Publikation „Turtles of the World“ vorgestellt. Die Studie erfasst auch, wie gefährdet die Tiere sind und vergleicht die heutigen mit den historischen Verbreitungsgebieten. Einer der Autoren ist Professor Uwe Fritz, Zoologe an den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden.
Lennart Pyritz: Welche Schildkrötenarten sind denn ganz besonders gefährdet?
Uwe Fritz: Ja, es gibt mehrere Gefährdungsfaktoren, die leider zusammenwirken, und grundsätzlich gilt: Das Grundproblem bei diesen Tierarten, genau wie bei vielen anderen, ist, dass wir mittlerweile in einem direkten Wettbewerb zwischen Mensch und Natur stehen. Wir werden immer mehr, wir brauchen immer mehr Platz, wir vernichten immer mehr Lebensräume, und dadurch geraten natürlich sehr, sehr viele Arten wirklich an den Rand der Ausrottung. Und in unserem speziellen Fall bei den Schildkröten kommt eben noch hinzu, dass sehr viele Schildkröten gegessen werden, die Eier werden geplündert, die Tiere werden geschlachtet, um sie zu verzehren, und da erwischt es natürlich vor allen Dingen immer die großen Arten zuerst.

Die großen Arten sterben zuerst

Und wenn große Arten dann auch noch spezielle Lebensraumansprüche haben, dann sieht es ganz grimmig aus. Beispielsweise kämpfen alle großen Flussschildkrötenarten in Südasien und Südostasien mittlerweile um das Überleben. Viele dieser Arten waren letztlich auf die Flussmündungen, auf den Brackwasserbereich beschränkt und wurden erst mal gejagt, und dann sind diese Lebensräume heute natürlich auch stark durch den Menschen beeinträchtigt, sodass es da ganz, ganz schlecht aussieht.
Lennart Pyritz: Stichwort Lebensraumzerstörung haben Sie jetzt schon genannt. Der aktuelle Atlas zeigt auch die heutige Verbreitung der Schildkrötenarten im Vergleich zu früher. Welche Muster und Entwicklungen sind da ganz charakteristisch?
Fritz: Die Lebensräume schwinden, sie werden immer kleiner, letztlich dadurch, dass wir dieselben Lebensräume für unsere Zwecke beanspruchen. Ackerbau, zum Teil kommt noch hinzu, dass wir auch die Niststrände abgraben, um den Sand als Baumaterial zu nutzen, Entwässerung, all das wirkt zusammen, sodass diese Arten immer stärker zurückgehen. Ein schönes Beispiel dafür wäre etwa die Geometrische Landschildkröte aus Südafrika, deren Verbreitungsgebiet auf etwa ein Zehntel des ursprünglichen zusammengeschrumpft ist. Die restlichen 90 Prozent sind heute Landwirtschaftsflächen, auf denen vor allen Dingen Wein angebaut wird.
Geometrische Landschildkroete (Psammobates geometrica) hat sich zum Schutz vor Feinden in ihren Panzer zurueck gezogen.
Die Geometrische Landschildkroete (Psammobates geometrica) ist besonders durch den Weinanbau in Südafrika in ihrem Lebensraum bedroht (dpa / picture alliance / Wildlife /M.Harvey)

Wir graben den Schildkröten die Niststrände ab

Pyritz: Sie wollen mit Ihrer Publikation ja auch der nationalen und internationalen Gesetzgebung und dem Natur- und Artenschutz eine verlässliche Handlungsgrundlage bieten. Was sollte denn jetzt passieren? Was sind die wichtigsten Lehren aus den Daten, die Sie jetzt vorlegen, um die Lage der Schildkröten schnell zu verbessern?
Fritz: Es ist ganz klar, dass wir die Schildkröten, die stark bedroht sind, heute nur noch dadurch erhalten können, dass Zuchtprogramme und Naturschutzprogramme für die bedrohten Lebensräume Hand in Hand gehen. Es würde heute für viele Arten nicht mehr reichen, einfach nur den Lebensraum zu schützen, weil die Individuenzahlen so gering geworden sind, dass sich die Arten von allein nicht mehr erholen würden. Das heißt, wir müssen hier quasi Hand in Hand sowohl Lebensraum schützen, als auch Nachzuchtprogramme auf den Weg bringen, um diese Arten vor der Ausrottung zu bewahren.
Pyritz: Was würde es denn für die Ökosysteme, für das ökologische Gleichgewicht bedeuten, wenn tatsächlich in naher Zukunft Schildkrötenarten aussterben würden?
Fritz: Schauen Sie, wir haben heute ja schon einen extrem gestörten Zustand. Es gibt eine Untersuchung, die die Biomasse der Schildkröten hochgerechnet hat vor einigen 1000 Jahren, als der Einfluss des Menschen noch bei Weitem nicht so stark ausgeprägt war wie heute. Und diese Arbeit kommt zum Schluss, dass in vielen Lebensräumen Schildkröten ursprünglich eine höhere Biomasse aufgewiesen haben als die großen Huftiere in der afrikanischen Savanne. Das ist heute kaum mehr vorstellbar, weil wir das System schon so stark gestört haben, dass der in einigen Lebensräumen wirklich dominante Einfluss von Schildkröten gar nicht mehr abgeschätzt werden kann. Schildkröten haben also tatsächlich eine erheblich größere Rolle gespielt. Und was wir heute sehen, das sind so letztendlich eigentlich nur noch die letzten Reste einer ursprünglich wesentlich artenreicheren Tiergruppe. Ich gebe Ihnen da noch ein weiteres Beispiel.

Was Bäume mit Schildkröten zu tun haben

Es gab bis Mitte des 19. Jahrhunderts Riesenschildkröten auf einer Inselgruppe östlich von Madagaskar, den Maskarenen. Diese Riesenschildkröten sind als Proviant von Seefahrern genutzt worden und 1840 unwiederbringlich ausgerottet worden. Jahre später hat man festgestellt, dass bestimmte Baumarten auf diesen Inseln auszusterben beginnen, bis man begriffen hat, dass diese Baumarten als Sämling von den Schildkröten gefressen werden müssen, und beim Marsch durch den Verdauungstrakt der Schildkröten werden die Samen dieser Bäume überhaupt erst keimfähig. Und das ist ein kleines Beispiel dafür, wie komplex mitunter in einem Ökosystem die Zusammenhänge sein können und wie stark wir das durch das Herausnehmen von einigen Gliedern schon beeinflussen können.
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