Sonntag, 25. September 2022

Steigende Inflation in Deutschland
IW-Direktor: Entscheidend wird das neue Jahr

Lebensmittel, Sprit und Strom sind teurer geworden. In dieser Inflationserfahrung erkennt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, auch einen Test dafür, "wie wir mit diesen Preiserhöhungen, die wir bei den fossilen Rohstoffen brauchen, umzugehen haben".

Michael Hüther im Gespräch mit Tobias Armbrüster | 30.11.2021

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft
Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, fordert für Haushalte mit geringem Einkommen gezielte Ausgleichsmaßnahmen (picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm)
Die Inflation in Deutschland hat im November erstmals seit rund 29 Jahren wieder die Fünf-Prozent-Marke erreicht. Die Verbraucherpreise erhöhten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,2 Prozent. „Wir haben Jahre hinter uns, in denen es nahezu keine Preissteigerungen gab”, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, im Deutschlandfunk. Auch er sieht Energie und Nahrung als Treiber der Inflation - aber nicht nur sie. Auch bei den Importpreisen würden es "heftig aussehen", so Hüther.

Mehr zum Thema steigende Inflation in Deutschland


Ausgleichsmaßnahmen für Haushalte mit geringerem Einkommen

Sorgen müsse man sich nicht machen. Aber: Die Verbraucher müssten sich daran gewöhnen, dass fossile Rohstoffe teurer werden. Für Haushalte mit geringem Einkommen forderte der IW-Direktor gezielte Ausgleichsmaßnahmen. "Ansonsten werden wir sicherlich Unruhen oder ein Unruhegefühl bekommen und das kann nicht gut gehen", warnte Hüther. Diese Transformation müsse man organisieren. "Insofern ist diese Inflationserfahrung auch ein bisschen ein Test dafür, wie wir mit diesen Preiserhöhungen, die wir bei den fossilen Rohstoffen brauchen, umzugehen haben", sagte Hüther.
Das Interview im Wortlaut:
Tobias Armbrüster: Herr Hüther, steigende Inflationsraten kriegen wir inzwischen jeden Monat gemeldet. Es geht immer weiter nach oben. Werden Sie da auch langsam unruhig?
Michael Hüther: Na ja, nicht wirklich, wenn ich mir die Detaildaten anschaue. Das was das Statistische Bundesamt gestern veröffentlicht hat mit 5,2 gegenüber dem Vorjahres-November und minus 0,2 gegenüber dem Oktober dieses Jahres - das zeigt ja schon eine leichte Moderierung -, zeigt ja auch, wo die Treiber liegen. Energie ist mit 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen, Nahrungsmittel mit 4,5 Prozent.
Das heißt, wir haben hier wirklich ganz spezifische Treiber, und das sehen wir im Übrigen auch, wenn wir uns die Importpreise anschauen. Da sieht es nun wirklich ganz heftig aus. Die Importpreise sind im Oktober – da haben wir noch keine November-Zahlen – mit fast 22 Prozent angestiegen und 141 Prozent war bei Energieeinfuhren der Zuwachs. Das heißt, wir haben sehr spezifische Gründe. Das haben wir auch an den Tankstellen gemerkt. Wir merken auch im Augenblick, dass es sich stabilisiert.
Wir haben darüber hinaus die Gründe, die vor einem Jahr angelegt wurden mit der Mehrwertsteuersenkung aus damals ja guten Überlegungen, nämlich der Konjunktur, der Nachfrage eine Stütze zu geben. Sorge würde ich mir jetzt wirklich machen, wenn sich das umsetzt in eine Preis-Lohn-Preis-Spirale und die Notenbank darauf mit Zinserhöhungen reagieren müsste, denn wir haben insgesamt – das sehen wir ja auch; Sie hatten die Pandemie erwähnt – noch eine sehr labile Situation.

"Energiepreissteigerung hat Treibereffekte"

Armbrüster: Das heißt, wie viele Monate, meinen Sie, kann das weitergehen, ohne dass Sie sich Sorgen machen?
Hüther: Entscheidend wird jetzt der Gang ins neue Jahr. Wenn wir dann das Auslaufen dieser sogenannten Basiseffekte haben, was im zweiten Halbjahr 2020 wirkte durch die Mehrwertsteuersenkung, was aber da auch wirksam war bei vielen anderen Preisen. Dass wir so starke Energiepreissteigerungen haben, hat Treibeffekte in diesem Jahr, aber auch Basiseffekte im letzten Jahr. Man darf daran erinnern: Wir hatten Phasen während der Pandemie, da haben wir negative Preise für Öl gehabt. Auch das sind immer noch diese Nachruckeleffekte aus der Pandemie, aber wir müssen jetzt sehr genau schauen. Wir hatten ja gestern einen Tarifabschluss in der Bundesrepublik für den öffentlichen Dienst mit 2,8 Prozent, was für sich genommen dann keine Sorge auslöst, weil er auf den mittleren Trend schaut und sich nicht von den kurzfristigen Inflationszahlen hat prägen lassen.

Kompensation der Haushalte mit geringen Einkommen

Armbrüster: Das sind jetzt die Erklärungen eines Volkswirts, eines Mannes, der sich mit Zahlen jeden Tag beschäftigt. Was sagen Sie denn den Menschen, die jeden Tag im Supermarkt stehen und sich darüber wundern, dass dort alles immer teurer wird, die sich langsam fragen, wie lang sie die höheren Preise noch bezahlen müssen, wie lange sie das noch mitmachen müssen. Supermarkt nur ein Beispiel; viel drastischer bei den Strom- oder Gasrechnungen. Da sind die Zuschläge ja deutlich über fünf Prozent.
Hüther: Es gibt zwei Hinweise. Natürlich ist das alles jetzt nicht schön und wir merken auch, wenn solche Eruptionen in der Welt stattfinden wie eine Pandemie, die ökonomische Konsequenzen dann auch hat, dass das dann auch natürlich mal rauf und runtergeht. Es ist zum einen daran zu erinnern, dass wir Jahre hinter uns hatten, wo wir nahezu keine Preissteigerung erlebt haben. Auch das war sehr ungewöhnlich und das ist auch mit zu bedenken. Da gab es die Situation, dass jede Lohnsteigerung eine Reallohnsteigerung war. Jetzt haben wir mal eine kurze Phase. Das ist ja bisher wirklich eine überschaubare Phase eines guten halben Jahres, wo das sehr viel anders ist.
Nach vorne hin muss man auch sagen: Wir werden uns daran zu gewöhnen haben, dass Energierohstoffe, dass fossile Rohstoffe teurer werden. Denn der CO2-Preis – auch das ist ja ein Erklärungsbeitrag in diesem Jahr; am 1. Januar wurden wirksam die zwei neuen Preise für Mobilität und Gebäude mit 25 Euro je Tonne CO2 – ist ja etwas, was wir politisch einsteuern wollen, damit der CO2-Verbrauch runtergeht. Daran werden wir uns halten müssen. Das heißt, die Antwort ist eigentlich, wie es auch im Koalitionsvertrag angedacht ist, kann man etwas machen über eine Kompensation der Haushalte mit geringen Einkommen, das Stichwort Klimageld passt hier, die Pendlerpauschale, um einen Ausgleich zu schaffen. Wir werden gezielte Ausgleichsmaßnahmen für Haushalte mit geringen Einkommen machen müssen.
Zwei Hände tragen Plastiktüten.
Die Preise für Nahrungsmittel sind um 4,5 Prozent angestiegen, das macht vor allem Haushalten mit niedrigem Einkommen zu schaffen. (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto)
Armbrüster: Das heißt, würden Sie sich zum Beispiel einer Forderung wie der von Dietmar Bartsch von der Linkspartei anschließen, der jetzt staatliche Unterstützung für Haushalte fordert, zum Beispiel Entlastungen beim Heizen, beim Strom und beim Tanken?
Hüther: Es ist ja auf der einen Seite vorgesehen, dass die EEG-Umlage abgeschafft wird. Das heißt, die Haushalte werden mit 17 Milliarden dann entlastet. Es kommt eine Senkung der Stromsteuer hinzu, so im Koalitionsvertrag. Man muss jetzt sehr genau schauen, wo dann die Preiseffekte weiter wirken, und dann ist man in der Tat aber sehr zielgenau bei der Frage, was kann man tun, Stichwort ist das Klimageld, oder ist es nicht im Wohngeld beispielsweise besser berücksichtigt, wo wir schon ein Instrument haben, wo wir nichts Neues finden müssen, wo wir aber dann durch eine stärkere Berücksichtigung dieser Preisentwicklung den Haushalten mit geringeren Einkommen einen entsprechenden Ausgleich schaffen. Ansonsten werden wir sicherlich Unruhen oder ein Unruhegefühl bekommen und das kann nicht gut gehen. Wir müssen ja diese Transformation organisieren. Insofern ist diese Inflationserfahrung auch ein bisschen ein Test dafür, wie wir mit diesen Preiserhöhungen, die wir bei den fossilen Rohstoffen brauchen, umzugehen haben. Und es ist völlig richtig: Da muss man zielgenau antworten.
Armbrüster: Interessant ist ja in dieser ganzen Geschichte die Rolle der EZB. Da sagen viele schon jetzt, die EZB muss aufpassen. Sie haben das Stichwort auch genannt. Möglicherweise gibt es irgendwann einen Punkt, wo die EZB irgendwie aktiv werden müsste mit ihrer Zinspolitik. Aber das Problem ist ja, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen so weit gesenkt hat, damit die Wirtschaft überhaupt ans Laufen gerät. Hat sich die Europäische Zentralbank hier in den vergangenen Jahren in eine Sackgasse manövriert?
Hüther: Nein, sie musste reagieren. Sie hat vielleicht zu lange mit unkonventionellen Maßnahmen reagiert. Sie musste aber auch in der Pandemie – ich darf daran erinnern – im März/April 2020 reagieren, um die Märkte mit zu beruhigen. Wir wollten ja von daher nicht eine zusätzliche Unruhe haben. Aber richtig ist, die Zentralbank muss sich jetzt sehr genau überlegen, wie sie einen Stabilisierungskurs einfädelt, insbesondere aber nicht über Zinsmaßnahmen, sondern über das Vorgelagerte, nämlich die offenen Marktgeschäfte, die unkonventionellen Maßnahmen, die sie tätigt, wo sie ja immer noch in Märkten interveniert. Die amerikanische Notenbank ist vorangegangen, hat die Zinswende eingeläutet über diese Schrittfolge. Das ist jetzt nicht bei uns das Thema. Ich glaube auch nicht, dass man nervös werden muss. Aber in dem Maße, in dem sich insgesamt in der Eurozone ein Preisdruck dann über auch Lohnentscheidungen aufbaut, muss sie das tun. Das ist aber bisher nicht absehbar. Ich darf daran erinnern: In der Eurozone ist die Entwicklung insgesamt moderater als in Deutschland. Das hat auch zu tun mit den Basiseffekten, die es nur bei uns gab, und die Notenbank muss die Eurozone insgesamt in den Blick nehmen. Aber richtig ist: Sie muss auch mal deutlichmachen, wann sie wieder zum Kurs der Normalität zurückkehrt. Insofern ist das Wording der letzten Tage da hilfreich.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.