Dienstag, 05. Juli 2022

Archäologische Funde aus der Bronzezeit
Das Rätsel um die Schlacht im Tollense-Tal

Die Tollense, ein Flüsschen in Mecklenburg-Vorpommern, birgt ein Rätsel: Archäologen haben dort 10.000 menschliche Knochen geborgen. Viele weisen Verletzungen von Schwertern, Pfeilen oder Keulen auf: Sie stammen aus einer Schlacht vor 3000 Jahren. Aber wer kämpfte dort mit wem und worum? Das ist weiterhin ungeklärt.

Von Matthias Hennies | 27.01.2022

Ausschnitt aus der Fundschicht im Tollensetal. Die dicht an dicht liegenden Menschenknochen und Schädel lassen den Eindruck entstehen, hier habe eine dramatische Schlacht stattgefunden. Für die wissenschaftliche Interpretation müssen jedoch auch andere Szenarien in Betracht gezogen werden.
Offene Feldschlacht oder Überfall auf eine Karawane? Auch nach Abschluss des DFG-Forschungsprojekts zu den bronzezeitlichen Funden im Tollensetal bleiben Fragen offen. (LAKD M-V, Landesarchäologie, Christian Hartl-Reiter)
„Ich mache jetzt mal den einen Karton hier auf und da kommt zum Vorschein ein Schädel eines jungen Mannes, der wahrscheinlich 20 bis 25 Jahre alt geworden ist. Und man sieht sofort, dieser junge Mann hat einen Schlag - mit einer Keule wahrscheinlich - im vorderen Stirnbereich erlitten und dadurch ist ein Teil des Schädeldaches eingedrückt, insgesamt ist das so eine ovale Öffnung, und aus der Tatsache, dass es keine Heilungsspuren gibt, können wir schließen, dass er dieser Verletzung an Ort und Stelle erlegen ist.“
Nämlich im Tal der Tollense, einem Flüsschen im östlichen Mecklenburg, so Detlef Jantzen, Landesarchäologe von Mecklenburg-Vorpommern.

Ein makabrer Fundplatz in idyllischer Landschaft

Der Fluss zieht sich in weiten Schleifen durch das stille Tal. Im fetten Grünland weiden Rinder, ein Graureiher steht im Schilf. Zwischen den Regenwolken über der Waldkante leuchtet das Abendrot. „Das ist der Fundplatz, wo alles begann, wo die ersten eingeschlagenen Schädel gefunden worden sind und das ist der Fundplatz, der auch noch drei Holzkeulen geliefert hat. Also zu den eingeschlagenen Schädeln auch noch die entsprechenden Mordwerkzeuge.“
Joachim Krüger ist fasziniert von diesem Ort. Er ist Taucher und Archäologe und lehrt an der Uni Greifswald. Seit den 1980er-Jahren kamen an der Tollense immer wieder Menschenknochen ans Licht, 2009 begann hier die systematische Erforschung. Seitdem haben Krüger und ein Team ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer mehr als 10.000 menschliche Knochen geborgen – bei Tauchgängen aus den Sedimenten des Flusses und bei Ausgrabungen an den Ufern.

„Da drüben die Fundstelle ist auch interessant, weil ich dort den Schädel mit der eingeschossenen Bronzepfeilspitze gefunden habe, aber wir gehen erstmal zum Hauptfundplatz. Hier sind insgesamt über 90 Individuen anhand des linken Oberschenkels nachgewiesen worden, das ist der Bereich an Land, der am intensivsten ausgegraben worden ist und Sie sehen das vielleicht dort drüben, wo das Gras etwas grüner ist, da wurde damals festgestellt, dass eigentlich über den gesamten Bereich mit Knochen zu rechnen ist.“
Im Schädel eines jungen Mannes steckt eine Pfeilspitze aus Bronze. Das Projektil traf das Opfer mit so großer Wucht, dass die Spitze in das Schädelinnere eindrang und Verletzungen am Gehirn verursachte.
Der Schuss des bronzezeitlichen Bogenschützen dürfte für das Opfer sofort tödlich gewesen sein (LAKD M-V, Landesarchäologie, Sabine Suhr)

Unzählige namenlose Tote, die Gebeine gut erhalten

Wer wurde hier massakriert? Krüger zuckt die Schultern. Er weiß nur, wann es geschah: Zu Anfang des 13. Jahrhunderts vor Christus, in der späten Bronzezeit. Das verrieten Reste der Pfeile: Das Holz ließ sich auf die Jahre um 1275 vor Christus datieren. Ein älteres Schlachtfeld kennen die Forscher in Europa nicht. Aber wer die Sieger und wer die Besiegten waren, können sie nicht sagen.
Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, weil die Menschen hier vor gut 3000 Jahren noch keine Schrift kannten. Fest steht nur, dass die Hochkulturen im Osten des Mittelmeers zu dieser Zeit eine existenzielle Krise erlebten: alle Staaten, von Ägypten über Griechenland bis nach Anatolien. Hatten die Unruhen in der Ferne etwas mit dem Gemetzel an der Tollense zu tun?

Die Knochen der Gefallenen sind hervorragend erhalten, weil sie immer feucht lagen: Im Sediment des Flusses und im moorigen Boden an den Ufern kamen sie nie mit Sauerstoff in Berührung. Die Skelette sind in Einzelteile zerfallen, doch manchmal überraschend vollständig.
„Das ist an dieser Stelle so, das ist da drüben so, da ist von Kopf bis Fuß noch alles vorhanden. Das ist dann nur die Aufgabe der Anthropologen, das zusammenzupuzzeln."
Mittlerweile haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 10.000 einzelnen Knochen rund 150 Personen rekonstruiert. Vom Besitz der Menschen ist nur wenig übrig geblieben. Die Archäologen haben einige Ringe aus Gold und aus Zinn gefunden, eine prächtige Dose und einige Gewandnadeln aus Bronze – doch offensichtlich haben die Sieger die Toten gründlich ausgeplündert.
Das Flüsschen Tollense schlängelt sich durch die idyllische Landschaft in Mecklenburg
Das Tollense-Tal - in der Bronzezeit eine wichtige Handelsstraße mit strategischer Bedeutung (Matthias Hennies)

Gut gepflegte „Fernstraßen“ für den bronzezeitlichen Handel

Wenn man sich durchs feuchte, hohe Gras ein Stück flussaufwärts arbeitet, ahnt man, warum es gerade hier zum Kampf kam. Joachim Krüger zeigt auf einen hellen Grasstreifen am anderen Ufer: Dort verlief vor gut 3000 Jahren ein Dammweg durch das sumpfige Tal – so breit, dass Fuhrwerke darauf fahren konnten.

Durch die Datierung von Eichenstämmen, mit denen der Damm befestigt war, bewiesen die Archäologen: Der Weg bestand zur Zeit der Schlacht bereits seit 500 Jahren und war immer wieder repariert worden. In der Tollense fanden sie dann Holzreste von einer Brücke. Offensichtlich war diese Strecke in der Bronzezeit eine bedeutende Handelsverbindung – und sie kreuzte hier einen Fluss, der mit Einbäumen oder Booten ebenfalls für den Fernhandel genutzt werden konnte:
„Die Tollense entspringt im Tollense-See bei Neubrandenburg, das ist in Richtung Süden, dort hinten, wo die Windräder stehen, und dann fließt sie hier ziemlich genau Richtung Norden und bei der Stadt Demmin mündet sie in die Peene – und über die Peene haben Sie Zugang zur Ostsee.“

Solche Fernverbindungen hatten immense Bedeutung für die Menschen im Norden Europas. Aus dem Süden bezogen sie nämlich die Rohstoffe für die Bronze, den golden glänzenden, hochbelastbaren Werkstoff, aus dem sie Waffen, Werkzeuge und Schmuck fertigten. Bronze besteht aus etwa neun Teilen Kupfer und einem Teil Zinn – und in Nordeuropa waren weder Kupfer noch Zinn verfügbar. Aber weiter südlich, im heutigen Sachsen, wurde Bronze verarbeitet und im Erzgebirge baute man sowohl Kupfer- als auch Zinnerz ab.
Der beschädigte Schädel eines Mannes wurde auf dem Schlachtfeld im Tollensetal gesichert und ist in der neuen Ausstellung "Blutiges Gold - Macht und Gewalt in der Bronzezeit" im Museumsgebäude des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden (Mecklenburg-Vorpommern) in der Nähe von Sternberg zu sehen.
Im Nahkampf haben die Kontrahenten der Bronzezeit ihren Gegnern im Wortsinne "die Schädel eingeschlagen" (dpa / Jens Büttner)

Raubüberfall oder Entscheidung in einem Handelskrieg?

Wurde an der Tollense-Brücke vielleicht ein Transport von Zinn und Kupfer ausgeraubt, eine Handelskarawane? Diese Theorie hat zuletzt der Landesarchäologie Detlef Jantzen aufgestellt. Andere Forschende hingegen meinen, dass die Truppen zweier Kriegsherren um die Kontrolle über die Handelsroute kämpften, denn es war sehr lukrativ, wenn man von jedem Händler, von jeder Karawane Abgaben eintreiben konnte!

Um das Rätsel des Tollense-Tals zu lösen, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft von 2010 bis 2017 eine große, interdisziplinäre Untersuchung gefördert. Die meisten Funde, die dabei analysiert wurden, liegen nun bei Detlef Jantzen in Schwerin. Im Magazin des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege öffnet der Landesarchäologe einige große graue Schachteln aus säurefreiem Karton.
„Viele dieser Individuen haben Pfeiltreffer, wir haben Schnittverletzungen zwischen den Rippen, da ist dann mit Lanzenspitzen oder Dolchen gestochen worden, wir haben einige Hiebverletzungen, es gab also offenbar auch Schwerter, und wir haben Spuren stumpfer Gewalt, vor allem an den Schädeln in Form von Frakturen, die durch gezielte Keulenschläge im Nahkampf beigebracht worden sind.“
Die naturwissenschaftlichen Analysen der Funde waren bisher unergiebig. Hinweise auf die Herkunft eines Toten kann das Mischungsverhältnis von Strontium-Atomen geben, die sich in der Jugend in den Zähnen anlagern. Doch die Messungen deuteten auf Landschaften quer durch Europa hin. Auch Genetiker konnten nicht helfen: DNA-Spuren aus den Skelettresten zeigten nur, dass die Toten nicht miteinander verwandt waren.

These 1: Die Karawane

Detlef Jantzen stützt sich daher bei seiner Interpretation auf anthropologische Erkenntnisse: bestimmte Veränderungen der Knochen deuten auf anhaltende Belastungen der Menschen hin. „Wir haben dort also eine Menschengruppe vor uns, weit überwiegend Männer, einige Frauen, regionale Herkunft ist sehr unterschiedlich, sie sind offenbar nicht miteinander verwandt und sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie weite Strecken gelaufen sind und dass sie teilweise auch schwere Lasten trugen. Und das Bild passt nicht wirklich zum Bild eines Kriegerbundes, sondern führt zu der Notwendigkeit, in Betracht zu ziehen, ob man dort nicht eine Gruppe vor sich hat, die für Warentransport zuständig war?“

An den Ufern der Tollense wurde eine Karawane mit einer gut bewaffneten Begleitmannschaft von einer fremden Kriegertruppe überfallen, glaubt Jantzen. Und die Sieger – wer es auch war –nahmen alles mit, was Wert hatte, vor allem das Handelsgut. Das könnte Zinn gewesen sein, meint der Landesarchäologe, weil zu den spärlichen Funden zwei kleine Zinn-Objekte in einer verbreiteten, standardisierten Größe gehörten. Oder auch Pferde, denn Knochen von fünf Pferden sind gefunden worden.

These 2: Eine Feldschlacht

Dieses Szenario ist jedoch auf entschiedene Kritik gestoßen. Zusammen mit Detlef Jantzen hat Thomas Terberger das DFG-Projekt geleitet. Der Göttinger Professor für Ur- und Frühgeschichte deutet die Funde anders. „Was sehen wir denn, was tatsächlich auf Handel hinweist? Wenn eine Handelskarawane überfallen wird, dann würde ich zumindest teilweise erwarten, dass sich Handelsgüter in unserem Fundmaterial widerspiegeln.“

Die Archäologen fanden beispielsweise Bronzebruch im Gewicht von 250 Gramm und die beiden Zinnobjekte zu je 22 Gramm. Darin sieht Jantzen Reste von Handelsgut. Doch für professionelle Händler auf einer langen, gefährlichen Reise wären das allzu kleine Mengen. Außerdem wissen Forscher von anderen Fundorten, dass Metall in Barren gehandelt wurde – und hier kamen nicht einmal Barren-Fragmente ans Licht. Terberger nennt ein weiteres Argument: „Dass, wenn wir 150 Opfer kennen, wir davon ausgehen müssen, dass mindestens noch mal so viele, möglicherweise noch mehr, dort im Boden liegen – und dann haben wir eine Anzahl von Individuen, die mir für eine Handelskarawane schon als sehr groß erscheinen würde.“

Der Wissenschaftler kalkuliert: Weitere Opfer liegen im Boden, weil nur kleine Abschnitte in der zweieinhalb Kilometer langen Kampfzone ausgegraben wurden. Zudem haben die Sieger ihre Toten wahrscheinlich mitgenommen, um sie würdig zu bestatten: Daher könnten an der Tollense insgesamt 300 bis 600 Menschen gefallen sein – Folgerung: Zu Beginn des Kampfes standen sich 1.000 oder sogar 2.000 Personen gegenüber. Für Terberger ist daher am wahrscheinlichsten, dass sich zwei Heerhaufen eine Feldschlacht lieferten, bei der es vermutlich um die Kontrolle der Handelsroute ging.
Streitaxt bzw. Streitkolben aus Bronze, Ungarn, um 1.500 vor Chr.
Viele bronzezeitliche Waffen, die man bislang für zeremoniell hielt, wurden offenbar doch im Kampf benutzt (imago/Artokoloro/Liszt Collection)

Ein völlig neues Ausmaß von Gewalt

Die beiden unterschiedlichen Deutungen sind mittlerweile zum Streit eskaliert. Fast alle Untersuchungen sind abgeschlossen, das Fundareal wird nur noch gegen Zerstörungen durch die Strömung gesichert. Forscherinnen und Forscher hoffen nun auf Geld für weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen – denn das Rätsel bleibt. Klarer ist nur der überregionale Zusammenhang geworden. Thomas Terberger: „Erst mal stimmen ja die Hypothesen darin überein, dass wir hier ein Gewalt-Level sehen und eine Opferzahl, wie wir sie noch nie gehabt haben in der Bronzezeit – aus ganz Mitteleuropa und darüber hinaus!“

Die Ursache sehen alle Beteiligten in einer dramatischen, europaweiten Umwälzung. Detlef Jantzen: „Die Zeit um 1300 vor Christus ist nun eine Zeit des Umbruchs, man stellt fest, dass die Metallversorgung ins Stocken gerät, also der Metallzufluss, der bisher offensichtlich problemlos geklappt hat, wird jetzt schwieriger.“

Die Schockwellen einer Katastrophe im östlichen Mittelmeerraum verbreiteten sich vermutlich bis nach Norddeutschland: Im 13. Jahrhundert vor Christus gerieten die wohlhabenden Hochkulturen am Mittelmeer in eine existenzielle Krise, nur die ägyptischen Pharaonen konnten sich behaupten. So endete die Bronzezeit – das weiß man heute recht genau, weil die Schrift im östlichen Mittelmeerraum seit langem genutzt wurde.

Das unruhige Ende der Bronzezeit

Die hoch entwickelten Staaten dort unterhielten Handelsbeziehungen bis nach Nordeuropa. Nachgewiesen ist der Austausch von Luxusgütern: Bernstein von der Ostsee erfreute sich bei Eliten des Südens großer Beliebtheit. Und im Norden schätzte man Glasperlen vom Mittelmeer, so Professor Lorenz Rahmstorf, Spezialist für die europäische Ur- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen:
„Das können wir direkt nachweisen, das ist nach Norden gekommen, die Glasperlen können wir auch analysieren, da hat sich gezeigt, dass dieses Glas, das sogar in dänischen Gräbern als Perlen gefunden wurde, aus dem Ostmittelmeerraum stammen muss – aber sicher war Bernstein und Glas auch nur ein Beiprodukt des Austausches, weil das Neue in der Bronzezeit war, dass die jetzt Metalle in sehr großem Umfang getauscht haben.“

Wenn die Abnehmer am Mittelmeer aber plötzlich vom Thron gestürzt wurden und Herrscher nicht mehr ihre schützende Hand über die Händler hielten, geriet das ganze Netzwerk in Unordnung. So könnte es an den fernen Ufern der Tollense zu einer Schlacht zwischen Hunderten, ja Tausenden von Menschen gekommen sein, deren Namen und Herkunft niemand kennt.