Mittwoch, 17. August 2022

Starlink für die Ukraine
Was bringt Satelliten-Internet im Krieg?

Der US-Unternehmer Elon Musk hat sein Starlink-Netzwerk für die kriegserschütterte Ukraine freigeschaltet. Niedrig fliegenden Satelliten können unterbrochene Internetverbindungen ersetzen. Die Technik birgt aber auch Gefahren.

Von Karl Urban | 08.03.2022

Starlink-Satelliten im Formationsflug mit senkrecht ausgeklapptem Sonnensegel funken die Internet-Signale auf das jeweils abgedeckte Segment der Erde hinunter (Illustration)
Internet aus dem All an jedem Punkt der Erde - das ist die Mission des Starlink-Schwarms (imago / Science Photo Library / Mark Garlick)

Was ist Starlink?

Starlink ist ein neuartiges Satellitennetzwerk aus niedrig fliegenden Satelliten, auf Höhen von ein paar hundert Kilometern. Seit Mai 2019 wurden über 2.000 Satelliten gestartet. Weil sie niedrig fliegen, sind die darüber bereitgestellten Internet-Verbindungen sehr schnell, also vergleichbar zu einer Glasfaserverbindung am Boden. Starlink ist bei weitem nicht das erste Satellitennetzwerk, das global Internetdienste anbietet. Andere frühere Systeme setzten meist auf hochfliegende Satelliten, die Verbindungen sind dann aber eher langsamer.

Lässt sich Starlink einfach anschalten?

Prinzipiell schon, weil die 2.000 Satelliten gleichmäßig wie an einer Perlenkette über den Himmel fliegen, und dass über alle besiedelten Gebiete der Erde. Man braucht dann noch in der Nähe eine Bodenstation, ein Gateway, an das die Satelliten ihre Signale wieder zur Erde übertragen können. Solche Gateways gibt es aber in Osteuropa bereits, mit Stationen in Polen und Litauen.
Die ersten 60 Starlink-Satelliten, vor dem Aussetzen im All
Die ersten 60 Starlink-Satelliten, vor dem Aussetzen im All (SpaceX)
Darüber hinaus funktioniert das System aber nur in Ländern, in denen es freigeschaltet worden ist. Das ist keine Entscheidung von SpaceX, sondern vor allem der Regulierungsbehörden, die beispielsweise die Funkfrequenzen eines Landes verwalten. Wenn eine Regierung das System zulässt, kann man es recht schnell einschalten. Es gab den Fall eines Funkamateurs, der Medienberichten zufolge offenbar schon am Tag von Musks Ankündigung aus seinem Fenster in Kiew eine sehr schnelle Verbindung aufbauen konnte, weil er schon früher eine Antenne erworben hatte.

Könnte die Stromversorgung im Kriegsgebiet zum Problem werden?

Die Stromversorgung ist möglicherweise das kleinere Problem. Elon Musk hat angekündigt, die Software der Starlinkantenne so anzupassen, dass sie auch über den Zigarettenanzünder in einem Auto betrieben werden kann. Die Starlink-Antenne ist ungefähr so groß wie eine Pizza und muss mit freiem Blick zum Himmel montiert sein. Dann lässt sie sich über ein WLAN, ein Smartphone oder ein Notebook verbinden.
Bisher gab es Bilder von einzelnen LKW-Ladungen, in denen ein paar Dutzend Antennen lagen. Wie viele Starlink-Antennen geliefert wurden, ist nicht klar, aber es dürften definitiv zu wenig sein, um viele Ukrainerinnen und Ukrainer mit schnellem Internet zu versorgen. Von daher: Die Reaktion von Elon Musk war sicher eine nette Geste, die vielen Menschen Mut gemacht hat, aber sie war auch ein PR-Stunt, der den Konflikt in der Ukraine und mögliche Engpässe bei der Kommunikation kaum verändern dürfte.
Brandenburg, Grünheide: Elon Musk, Tesla-Chef, steht auf der Baustelle der Tesla Gigafactory. In Grünheide bei Berlin sollen ab Juli 2021 maximal 500 000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band rollen - dabei soll nach den Plänen des Autobauers so schnell wie möglich das Maximum erreicht werden.
Nette Geste oder PR-Stunt? Der Unternehmer Elon Musk will die Ukraine mit seinem Satellitensystem unterstützen. (picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

Ist so eine pizzagroße Parabolantenne eine Zielscheibe? 

Das scheint tatsächlich ein großes Risiko zu sein. Die Antennen sind groß genug, dass man sie mit Satelliten oder bei Flugzeugüberflügen erkennen kann. Dazu kommt die Abstrahlung. Egal, ob die Verbindungen verschlüsselt sind oder nicht, gibt es elektromagnetische Abstrahlung der Starlink-Antennen. Die strahlt zwar nicht in alle Richtungen gleichzeitig, weil sie immer nur gerichteten Kontakt zu einzelnen Satelliten am Himmel hat, aber trotzdem kann man die Funkwellen einer Starlink-Antenne aus der Ferne orten und den Standort relativ leicht finden.

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Dazu kommt, dass das russische Militär Erfahrungen mit solchen Signalortungen hat. Es gibt dokumentierte Beispiele aus dem Syrienkrieg, wo Journalisten, aber auch Vertreter von ISIS beim Gebrauch von Satellitentelefonen geortet und mit russischen Raketen getötet worden sind. Das bedeutet zwar nicht, dass Starlink im Kriegsgebiet in der Ukraine nutzlos ist, aber man sollte sehr vorsichtig sein, wo man die Antennen aufstellt und sicherstellen, dass sich keine Menschen im direkten Umfeld aufhalten. Diese Empfehlung hat Elon Musk den Ukrainern auch per Twitter mit auf den Weg gegeben.

Ist Starlink wichtig für den Informationsaustausch im Krieg?

Satellitentelefone und -Internetdienste gibt es seit über 20 Jahren. Zudem haben die Satellitennetzwerke häufig eine Achillesferse. Beispielsweise ist der Internetdienst des europäischen Anbieters Viasat, also einem Konkurrenten von Starlink, der schon vor dem Krieg in der Ukraine funktioniert hat, mit dem Einmarsch in der Ukraine für mehrere Tage ausgefallen, mutmaßlich durch eine Schadsoftware. Das zeigt, dass gerade solche Satellitensysteme im Kriegsfall auch recht schnell im Fadenkreuz landen können. Derzeit funktionieren die Internetverbindungen in etlichen großen Städten der Ukraine aber noch. Das kann sich ändern. Dann könnte der vorsichtige Einsatz einer solchen Antenne hilfreich sein, aber man sollte sie dann nur kurzzeitig und mit Bedacht einsetzen, um niemanden zu gefährden.