Donnerstag, 18. August 2022

Zwischen Hype und Studien
Traditionelle Medizin und Heilpflanzen gegen Corona

In der Pandemie wenden sich viele Menschen auf der Welt an traditionelle Heiler. Sie verordnen Pflanzen, wie sie etwa im Corona-Trank von Madagaskars Präsident Rajoeling beworben wurden. Tatsächlich zeigen manche Medikamente in Laborversuchen Wirkung. Jetzt plant die WHO ein Studienprogramm.

Von Volkart Wildermuth | 27.06.2022

In einem Kräutergarten im Senegal wird die Heilpflanze Artemisia angebaut.
In einem Kräutergarten im Senegal wird die Heilpflanze Artemisia angebaut. Artemisinin hilft gegen Malaria, aber auch gegen Covid19? (imago images/Joerg Boethling)
Den Trank präsentierte Andry Rajoeling schon ganz zu Beginn der Pandemie: Covid-Organics, auf Basis von afrikanischen Heilpflanzen, etwa Artemisia annua, der einjährige Beifuß. Da es keinerlei Studien gab, überwog die Skepsis. Die Aufregung verstand Präsident Rajoeling nicht. Im französischen Fernsehen sagte er: „Wenn nicht Madagaskar sondern ein europäisches Land „Covid-Organics“ entdeckt hätte, gäbe es dann auch so viele Zweifel? Ich glaube nicht.“
Da ist sicher etwas dran. Rudi Eggers, Direktor Integrated Health Services bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf, verweist auf die große Bedeutung der traditionellen Medizin. „Für viele Menschen ist die traditionelle Medizin wahrscheinlich der erste Punkt, der erste Zugangspunkt für die Behandlung ihrer Krankheit. Und oft ist es natürlich billiger oder auch zugänglicher als die westliche Medizin.“ Das ist aber kein Freifahrtschein. „Die Wirkungskraft muss wirklich bewiesen werden, da muss eine wissenschaftliche Methode dahinter sein.“

WHO sichtet die Studienlage

Für die WHO ist Rudi Eggers dabei, diese wissenschaftlichen Beweise zu sichten. Weltweit gibt es über 2.500 Studien zu traditionellen Wirkstoffen gegen COVID-19. Die meisten stammen aus China, wo praktisch alle Patienten zusätzlich zur konventionellen Behandlung auch traditionelle Mittel erhalten. Indien hat Studien aufgelegt unter anderem zu Ayurveda und Yoga.
Auch viele afrikanische Länder beteiligen sich, so der Pharmakologe Motlalepula Matsabisa von der Universität des Freistaates in Südafrika. Natürlich war SARS-CoV-2 auch für die Heiler völlig neu: “COVID-Symptome ähneln Beschwerden, mit denen sich die traditionellen Heiler Afrikas auskennen. Fieber, Atemnot, Durchfall, Erschöpfung können traditionelle Heiler behandeln und zwar gut behandeln.“
Im Juni 2020 haben die WHO und die Africa CDC eine Experten-Gruppe zu traditionellen Therapien gegründet. Motlaepula Matsabisa leitet sie. Es ist allerdings nicht ganz einfach, traditionelle Therapien in westliche Studiendesigns zu pressen. Meist werden mehrere Heilpflanzen kombiniert und individuell für Erkrankte zusammengestellt. Außerdem ist es auch üblich, mehrere Heilerinnen oder Heiler zu konsultieren. Deshalb hat es lange gedauert, bis klar war, welcher traditionelle Ansatz evaluiert werden sollte.

Erste Studien zu Heilpflanzen gegen Covid19

Seit April 2022 läuft nun eine Studie zu PHELA, einer Mixtur aus vier Heilpflanzen, die auch schon als Begleitmedikation in der HIV-Therapie eingesetzt wird. Zu COVID-Organics gibt es eine Phase-2-Studie in Madagaskar, über die Ergebnisse ist noch nichts bekannt. Ein Problem ist die Standardisierung von COVID-Organics. Dem Chemiker Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam ist es gelungen, eine Probe zu erhalten.
„Es scheint also ein Extrakt aus dem Artemisia annua, aus dem Beifuß zu sein. Der Geschmack von dem Beifuß ist wirklich ziemlich ekelhaft, also extrem bitter und sie haben anscheinend hier in diesem Drink dann noch Süßstoff zugesetzt.“ Artemisia annua stammt eigentlich aus China, wird aber auch in Madagaskar und anderen afrikanischen Ländern großflächig angebaut, denn das Kraut liefert Artemisinin, den derzeit wichtigsten Wirkstoff gegen den Malaria-Erreger.

Zellexperimente erfolgreich

In Zellkulturexperimenten konnte Peter Seeberger zeigen, dass Extrakte aus Artemisia annua oder der afrikanischen Variante Artemisia afra auch die Vermehrung von SARS-CoV-2 hemmen. „Das war für mich schon mal überraschend, denn man könnte ja sagen: Na gut, das ist alles nur Humbug, man muss alles gar nicht glauben. Wir konnten aber zeigen, dass in dem Zell-System auch die Aktivität da war.“
Allerdings ist unklar, ob sich über einen Artemisia-Trank wie COVID-Organics ausreichend Wirkstoff aufnehmen lässt. Erheblich stärker war jedenfalls der Effekt der Reinsubstanzen Artemisinin und Artesunat. Die hat Peter Seeberger zusammen mit Kollegen auch in mit Corona infizierten Hamstern erprobt. Noch sind auch seine Ergebnisse weder begutachtet noch veröffentlicht.
„Wir haben keine direkten antiviralen Aktivitäten gesehen. Wir haben eine gewisse Reduktion in der entzündlichen Antwort gesehen und das war recht deutlich im Hamster.“ Keine direkte Wirkung gegen die Viren, aber eine Dämpfung der überschießenden Immunantwort, die ja entscheidend an den schweren Verläufen beteiligt ist. Im Frühjahr haben chinesische und WHO-Experten aus mehr als 200 Studien zur traditionellen chinesischen Medizin die zwölf am besten kontrollierten und randomisierten näher ausgewertet.

Dämpfung der überschießenden Immunantwort?

„Obwohl die Schlüsse nicht eindeutig sind, scheint es, als ob die Daten darauf hinweisen, dass es für milde und symptomatische Behandlung doch gewirkt hat." Das sagt Rudi Eggers. Beifuß ist eine wichtige Heilpflanze der traditionellen chinesischen Medizin und auch in Covid-Organics. Der daraus abgeleitete Wirkstoff Artesunate wird inzwischen als erstes traditionelles Medikament auch in der großen Solidarity-Plus Studie der WHO untersucht.
„Durchaus denkbar, dass es Wirkungskraft hat. Also die Zulassung in dieser Studie hat schon eine Expertengruppe untersucht und für möglicherweise erfolgreich gefunden. Das Mittel aus Madagaskar hat eben auch die Artemisia als Basis. Insofern besteht ja auch schon ein Interesse daran.“ Traditionelle Heiler und Heilerinnen haben schnell auf die Corona-Pandemie reagiert. Anfangs war die Wissenschaft eher skeptisch. Inzwischen zeigt sich: einzelne Heilpflanzen-Tees und Tränke besitzen durchaus Potenzial.