Montag, 20. Mai 2024

Volkssport in Bangladesch
Warum der größte Kricket-Star jetzt auch Politiker ist

In Bangladesch ist Kricket der mit Abstand beliebteste Sport. Und die besten Spieler sind Stars über den Sport hinaus. So sehr, dass der populärste unter ihnen jetzt auch Politiker ist – obwohl er seine Sportlerkarriere noch gar nicht beendet hat.

Von Felix Lill | 05.05.2024
Kricket-Star Shakib Al-Hasan aus Bangladesch schreitet über den Platz.
Als Kricket-Star gefeiert, als Politiker bald auch? Shakib Al-Hasan aus Bangladesch stellt einen Sonderfall dar. Der 37-Jährige treibt nun beide Karrieren parallel voran. (IMAGO / ZUMA Wire / IMAGO / Avijit Das)
In einem Spiel der Bangladesh Premier League gellt plötzlich eine kreischende Stimme durch die Arena. Shakib Al-Hasan, der bekannteste Spieler auf dem Platz, stürmt wild auf den Schiedsrichter zu und beschwert sich. Der gerade gegen ihn geworfene Ball des Gegners sei ungültig, findet er.
Und die TV-Kommentatoren schütteln mal wieder den Kopf: "Oh, das sieht nicht gut aus. Das ist nicht gut! Shakib ist sehr, sehr unzufrieden mit der Entscheidung. Ich weiß nicht, ob er das hinterfragen sollte. Diese Reaktion, ich weiß nicht!"
Von Shakib Al-Hasan ist man so ein Verhalten schon gewohnt. Im Kricket, dem mit großem Abstand beliebtesten Sport Bangladeschs, ist der Allrounder der wohl beste Spieler, den das Land je hervorgebracht hat. Er ist sportlich dermaßen herausragend, dass man ihm selbst im von Benimmregeln geprägten Kricket die regelmäßigen Wutausbrüche verzeiht.

Was den Fall von Kricketprofi Al-Hasan besonders macht

Und vermutlich ist genau das ein wichtiger Grund dafür, warum der 37-Jährige jetzt auch noch Politiker ist. Im südasiatischen Land mit rund 175 Millionen Einwohnern wurde Al-Hasan bei den Wahlen im Januar ins nationale Parlament gewählt – während er aber weiterhin Kricketprofi bleibt.
"Es ist gut, dass er als Kricketspieler jetzt auch Politiker ist. In seiner Sportlerkarriere hat er bewiesen, dass er ein echter Spieler und auch Anführer ist. Das hilft ihm in seiner Laufbahn als Politiker. Wir hoffen hier, dass er ein Top-Politiker in der Regierung wird. Wir drücken ihm und dem Land die Daumen dafür", sagt zum Beispiel Moziful Islam, Lokalpolitiker in der nördlich gelegenen Region Rangpur.
Wobei der Gedanke, dass es einen Kricketspieler in die Politik zieht, in der gesamten südasiatischen Region nichts Neues ist. Imran Khan, bis 2022 Pakistans Premierminister, war vorher Kricketstar. In Indien ist dieser Werdegang schon fast üblich: Die Zeitung Times of India veröffentlichte erst im Februar eine Top-10-Liste mit ehemaligen Kricketspielern, die dann Politiker wurden. Dass bekannte Sportlerinnen in die Politik gehen, lässt sich manchmal auch anderswo auf der Welt beobachten, Deutschland inklusive.
Aber der Fall Shakib Al-Hasan ist doch ein besonderer, betonte kurz vor der Wahl auch der indische TV-Sender Firstpost: "Das Folgende unterscheidet Shakib von Personen aus dem Sport vor ihm: Alle anderen Sportler wurden Vollzeitpolitiker, also erst nach ihrer Karriere. Aber eine Ähnlichkeit zwischen Sport und Politik ist, dass man beides nicht wirklich als Teilzeithobby betreiben kann. Beides verlangt einer Person ab, sich der Sache voll hinzugeben. Man muss die vielen Stunden und viel Mühe investieren."

Awami League regiert Bangladesch zusehends autoritär

Warum versucht sich ein aktiver Kricketspieler schon so früh in einer völlig anderen Karriere? Leo Wigger, der beim Berliner Thinktank Candid Foundation die Programme zu Südasien sowie Eurasien leitet und beim Fachmagazin Zenith im Redaktionsrat sitzt, erkennt die Sinnhaftigkeit. Vor allem, wenn man bedenke, welcher Partei sich Al-Hasan nun angeschlossen hat: "Shakib Al-Hasan ist einfach ein Star, nicht nur in Bangladesch, und den politisch einzubinden, das ist ein Riesen-PR-Erfolg für die Awami League von Sheikh Hasina."
Die Awami League ist die Partei, die das Land auf zusehends autoritäre Weise regiert. Stimmen, die allzu kritisch gegenüber Premierministerin Sheikh Hasina sind, wurden über die letzten Jahre beseitigt. Die Wahl im Januar, die Al-Hasan zum Politiker machte, wurde von der Opposition als Farce bezeichnet und boykottiert. Für die regierende Awami League ist die Gewissheit, nun auf das Gesicht von Shakib Al-Hasan zählen zu können, daher umso wichtiger, sagt Leo Wigger:
"Gerade auch bei vielen jüngeren Wählerinnen und Wählern ist die Politikverdrossenheit sehr hoch, weil es eben das Gefühl gibt, dass die Sieger in Wahlprozessen sowieso schon feststehen. Und das ist die Awami League, dass es keine freien Wahlen gibt. Es gibt kaum junge Politikerinnen und Politiker im Parlament. Das Parlament ist sehr, sehr alt. Insofern ist das einfach für politische Bewegungen unglaublich attraktiv, diese Lichtgestalten einzubinden, zum Beispiel als Parlamentarier."

Politik als Weg für Kricketspieler, einflussreich zu bleiben

Premierministerin Sheikh Hasina hat sich schon seit Jahren gern mit Al-Hasan ablichten lassen. Einmal besuchte sie ihn sogar im Krankenhaus. Der Kricketspieler hatte bis vor kurzem aber beteuert, mit Politik nichts am Hut zu haben. Nun scheint Al-Hasan erkannt zu haben, dass er selbst von einem Schulterschluss mit der Awami League profitieren kann.
Das glaubt der indische Sender Firstpost – der das Phänomen schließlich aus dem eigenen Land kennt: "Die aktive Karriere eines durchschnittlichen Kricketers dauert ungefähr zwölf bis 15 Jahre, vielleicht etwas mehr oder weniger. Je nach dem, wie erfolgreich er oder sie ist, wird sich die Öffentlichkeit an sie erinnern. Sie sind öffentliche Personen. Und wenn sie ihre Schuhe an den Nagel hängen, sind sie höchstens Anfang 40. Politik ist ein Weg, ihre Karriere in der Öffentlichkeit zu verlängern und ihren Ruhm für ihre Partei zu nutzen."
Wobei unklar ist, wie positiv der Werbeeffekt sein kann, wenn sich ein Akteur mehr auf seine Sportlerkarriere als auf seine andere Rolle konzentriert. "Politisch besonders in Erscheinung getreten ist Shakib Al-Hasan bisher allerdings nicht", sagt Leo Wigger dazu.
Dafür haben viele im Land aber sogar Verständnis. Zum Beispiel Syed Shukur Ali Shuvo, Präsident der Dhaka Reporters Unity, einem Journalistenverband in der Hauptstadt von Bangladesch: "Er ist ja noch ein Anfänger in der Politik. Er braucht erst noch Zeit, um das alles aufzunehmen."

Al-Hasan legitimiert autoritäre Regierungspartei

Klingt so, als hätte der größte Kricketspieler Bangladeschs das, was er auf dem Platz bei seinen Wuttiraden auch genießt: eine Sonderbehandlung oder eine Schonfrist. Allerdings zeigen sich viele Menschen im Land hinter vorgehaltener Hand auch enttäuscht von ihrer Ikone.
Denn, indem sich Shakib Al-Hasan der Regierungspartei angeschlossen hat, werde er gegen deren autoritären Stil kaum etwas tun – sondern ihn vielmehr mit seinem Ruhm legitimieren.