
Als Sandra Hüller im Herbst 2025 für Miu Miu in einer kobaltblauen Arbeitsschürze über den Laufsteg lief, war das ein Statement. Insbesondere auch, weil Labelchefin Miuccia Prada ein ganzes Manifest dazu lieferte, das ihre ungewöhnliche Fashion Choice erklärt. Die Schürze, so schreibt sie, ist in ihren Augen das universelle Symbol weiblicher Arbeit. Eine Arbeit, die von Fürsorge und Liebe geprägt ist, und oft im Verborgenen stattfindet. Indem sie die Schürze auf den Laufsteg holt, wolle sie der Arbeit der Frauen Tribut zollen. Doch funktioniert diese Huldigung der Schürze?
Die Schürze symbolisiert jene Care-Arbeit, die Gesellschaft erst ermöglicht, aber systematisch abgewertet wird. Sie trennt die produktive von der reproduktiven Sphäre, das Öffentliche vom Privaten, die bezahlte von der unbezahlten Arbeit.
Trotzdem kehrt heute die Schürze zurück: als Luxusobjekt auf dem Laufsteg, aber auch als Symbol der Tradwives, die ihr eigenes Hausfrauendasein auf Social Media verherrlichen und ästhetisieren.
Was verrät uns die Schürze aber wirklich über Geschlechterrollen, Care-Arbeit und Weiblichkeit von den Nachkriegsjahren bis heute? Und ist eine Aufwertung der weiblichen Sphäre schon ein emanzipatorischer Akt?
Lea Sauer studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und promovierte mit einer Arbeit zu Subjektivität und Flanerie in französischer Literaturwissenschaft. Sie arbeitet als Autorin, Journalistin und Herausgeberin in Leipzig. 2024 erhielt sie den Manuskripte-Förderpreis. 2025 war sie auf der Shortlist des Wortmeldungen-Förderpreises. Sie ist Teil des Autor:innenkollektivs „kollektiv flexen“.
Paris Fashion Week im Oktober 2025. Bei der Show des Modelabels Miu Miu feiert die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller ihr Laufstegdebüt, mit strubbeliger Vokuhila-Frisur im Blaumann-Look, gekleidet in eine massive Arbeitsjacke mit Revers aus dunklem Leder und weiter Arbeitshose. Die massiven Lederboots unterstreichen den festen Gang der Schauspielerin oder umgekehrt, ihr fester Gang unterstreicht das Massive der Boots. Jedenfalls schreit alles an ihr Work Wear und coole Lässigkeit, selbstbewusstes Zupacken und die Erkenntnis, dass sie auf nichts und niemanden angewiesen ist. Sie ist eine pragmatische, eine zupackende, eine selbstbewusste Frau. Vor allem das Highlight der Kollektion unterstreicht diesen Auftritt: Die kobaltblaue Kittelschürze. Schlicht, kantig, so gar nicht nach High Fashion aussehend, sondern eher so, als wäre Sandra Hüller geradezu aus dem VEB Treffmodelle in der früheren DDR entsprungen, deren Arbeiterinnen die Fotografin Helga Paris in ihrem Bildband Frauen bei der Arbeit portraitierte und die laut der Chefdesignerin von Miu Miu, Miuccia Prada, für den Look „Modell“ standen. Vielleicht noch nie wurde Work Wear für den weiblichen Körper so offensichtlich als solche inszeniert. Hier wird nichts beschönigt oder gestalterisch in ein Modedesign integriert, die Schürze, die Sandra Hüller trägt, ist vielmehr ein Ready-made, das so direkt aus der Fabrik stammen könnte.
In einem Manifest zur Kollektion schreibt Miuccia Prada auf der Homepage des Labels, dass sie mit dem Schürzen-Look der Herbst-/ Winterkollektion 2025/26 das komplexe Verhältnis zwischen Weiblichkeit und den Arbeitsbereichen ins rechte Licht rücken wollte, die allgemein als typisch ‚Frau‘ gelten und denen deshalb meist wenig Aufmerksamkeit zuteilwird, wie etwa die Pflege von Angehörigen oder insgesamt alle Tätigkeiten, die dem Haushalt zugeschrieben werden.
Der Anblick der Schürze auf dem Laufsteg lässt mich nicht los. Immer wieder schaue ich mir das YouTube-Video der Fashion Show an und frage mich, was es ist, was mich persönlich daran so irritiert, hier eine Schürze auf dem Laufsteg zu sehen. Ist es das Selbstbewusstsein, mit dem hier offensichtlich alles an Weiblichkeit dem Pragmatismus untergeordnet wird? Der Umstand, dass hier etwas vollkommen Alltägliches in den Fashion-Olymp gehoben wird? Ist es der Mut zur Hässlichkeit? Oder die Tatsache, dass Schürzen aus dem Kleidungsrepertoire der „Neuen Mittelschicht“ verschwunden sind?
Vielleicht ist der selbstbewusste Gestus, mit dem die Schürze hier als High Fashion‑Statement getragen wird, so irritierend für mich. Weil ich, wenn ich an Schürzen denke, vor meinem inneren Auge keine selbstbewusste, unabhängige Frau sehe, sondern meine Großmutter. Es gibt da dieses eine Foto von ihr auf ihrer Goldenen Hochzeit, da steht sie an einem der Bierzelttische im Dorfgemeinschaftshaus in tiefster westdeutscher Provinz. In der einen Hand einen Tortenheber, in der anderen eine von diesen großen Kaffeekannen für Filterkaffee. Während mein Großvater an der Kaffeetafel sitzt, wie selbstverständlich im schwarzen Anzug, trägt sie – natürlich! – eine Schürze. Gestärkt, gebügelt, geschnürt. Meine Großmutter hatte Schürzen in allen möglichen Formen und Farben, die sie je nach Anlass und Tätigkeit variierte. Schürzen aus doppelt genähtem Stoff für die Gartenarbeit, einfarbige Kleiderschürzen, die sie bei Festen trug, Schürzen mit Spitzenbordüren an verrückten Tagen, Halbschürzen für den schnellen Abwasch, geblümte Schürzen für den Sommer und an allen anderen Tagen. Stets beschäftigt mit Kochen, Waschen, Garten, Flicken, Stricken, Putzen, kann ich mich nicht erinnern, sie einmal ohne dieses Kleidungsstück gesehen zu haben. Fast so, als wäre es mit ihr verwachsen.
Und vielleicht war es das ja auch. Metaphorisch gesprochen. Kleider machen schließlich Leute, wie man weiß. Kleidung hat, wie es der Modetheoretiker Rainer Wenrich in dem Band Die Medialität der Mode. Kleidung als kulturelle Praxis formuliert, immer eine bestimmte Medialität, das heißt, sie vermittelt ein Bild, eine Idee, eine bestimmte Architektur des Körpers. Sie formt unseren Körper und unsere Außenwirkung und somit auch uns als Subjekte insgesamt. Sie bestimmt so gleichzeitig, wie wir uns innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges positionieren. Kleidung verweist immer auch auf den eigenen Geschmack und damit mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu gesprochen auf die „feinen Unterschiede“ zwischen mir als Mitglied einer sozialen Klasse und den anderen, die einen anderen Lebensstil pflegen. Die „Berufsbekleidung der Hausfrau“, wie Bourdieu die Kittelschürze auch nannte, ist demnach nicht nur ein Symbol für Geschlecht, sondern auch für die soziale Stellung der Trägerin. Beides, soziale Stellung und Geschlechterrolle, verknoten sich in der Schürze miteinander, wie eine hübsch im Nacken zusammengebundene Schleife. Sie markieren die Trägerin als Arbeiterin oder Hausfrau, oft auch als beides zugleich, fest steht dabei: Die Schürzenträgerin ist kein Teil der High Society, sie ist diejenige, die sich die Hände – und damit möglicherweise auch ihr Kleid – schmutzig macht. Gäbe es nicht die Schürze.
Darin unterscheidet sich die Schürze meiner Großmutter elementar von der Schürze auf dem Laufsteg: Die Schürze auf dem Laufsteg ist Teil einer Inszenierung. Sandra Hüller wird durch das Tragen der Schürze nicht zum Subjekt, nicht zur tatsächlichen Arbeiterin, sie spielt sie. Positiv gesprochen soll damit auf einen Möglichkeitsraum hingewiesen werden, auf etwas, was so sein könnte: die Freiheit, Selbstständigkeit, Mündigkeit. Zumindest mehr als die ökonomische Abhängigkeit von Ehemann, Geschlechterstereotype oder Ausbeutung in der Fabrik, wo ja auch Schürzen getragen worden sind. Ein neuer Look kann schließlich immer auch ein neuer Trend werden. Und damit eine neue Art, Weiblichkeit und den weiblichen Körper zu sehen. Negativ gesprochen wird das Outfit der schürzentragenden Arbeiterin auf dem Laufsteg allerdings zu einer Art Klassentravestie, wie sie schon von Marie-Antoinette betrieben wurde, die in locker gebundenen Landhausstilkleidern in Hameau de la Reine, dem extra für sie im Landhausstil konstruierten Bauerndorf im Park von Versailles, die Landmagd gab, während draußen die Leute verhungerten.
Im Fall meiner Großmutter verweist das Tragen der Schürze immer auch auf ihre tatsächliche soziale Position, es wirft sie zurück auf ihr Dasein und ihre Identität als Hausfrau, Mutter, diejenige, die sorgt und bedient. Es stellt sich die Frage, ob die Schürze tatsächlich als das feministische Symbol taugt, als das sie durch die Ernennung zum High‑Fashion-Accessoire stilisiert werden soll. Oder ob uns hier nicht vielmehr, wie die US-amerikanische Philosophin Nancy Fraser immer wieder anprangert, ganz girlbossmäßig „Scheiße für Gold“ – das heißt Lohnarbeit als Emanzipation – verkauft werden soll.
Die Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele beschreibt in Schurz und Schürze. Kleidung als Medium der Geschlechterkonstruktion sehr genau, wie die Schürze zu dem genuin weiblichen Kleidungsstück werden konnte, als das sie heute zu sehen ist. War der Schurz in Bezug auf das Geschlecht zunächst einmal neutral, oder gar, wie der Schuhmacherschurz, männlich kodiert, wird die Schürze, so wie wir sie heute kennen, erst im ausgehenden 16. Jahrhundert zu einem durch und durch weiblichen Kleidungsstück. Ganz in Weiß gehalten über den dunklen Leinenkleidern getragen wird sie zum Symbol für Reinheit und Tugend, und damit der äußere Marker einer unterwürfigen, sich kümmernden Weiblichkeit. Die Schürze spiegelt die Frauenrolle der unsichtbaren Versorgerin wider, die Ann-Kristin Tlusty in ihrer feministischen Kritik an den Jahrhunderte überdauernden Frauenrollen auch als „die sanfte Frau“ beschreibt, die „eine erschöpfte, lohnarbeitende Welt“ verzuckert.
Das Bild dieser ‚sanften Frau‘, der Für-andere-Sorgenden ist längst ikonisiert durch Bilder, auf denen junge Frauen – wie könnte es anders sein? – Schürze tragen. Man denke an das Vermeer-Gemälde Dienstmagd mit Milchkrug, das zwischen 1658 und 1660 entstanden ist. Zu sehen ist eine junge Frau, die, mit weißer Dienstmädchenhaube und blauer Halbschürze über dem ockerfarbenen Kleid gekleidet, Milch in eine Schüssel gießt. Der Stoff wirkt robust und steht damit im direkten Kontrast zur zarten Beschaffenheit ihrer Hände, die eine gewisse Vorsicht, Behutsamkeit und Sorgfalt ausstrahlen. Ebenso wie ihr Gesicht. Man könnte den Gesichtsausdruck der Dienstmagd als friedlich bezeichnen, gütig, sanft – oder auch schlichtweg als devot.
Unterwürfigkeit und Sanftheit werden auch rund ein Jahrhundert später in Jean-Étienne Liotards Schokoladenmädchen hervorgehoben. Sie trägt eine weiße Schürze, deren Latz mit einem breiten Zierkragen versehen ist, wie es üblich war für die kaiserlichen Dienstmädchen dieser Zeit. In der Hand hält sie ein Tablett mit einer Tasse Schokolade, die, wie wir beim Betrachten natürlich sofort wissen, nicht für sie bestimmt ist, sondern für ihre Herrin Maria Theresia. Ihr Gesichtsausdruck ist verhuscht, sie ist ganz Dienerin, so als wäre jeglicher Gefühlsausdruck einer alles einnehmenden ängstlichen Hörigkeit gewichen. Sie ist die sanfte Frau in Reinform. Und die Schürze ist elementarer Bestandteil dieser Darstellung, denn der weiße Zierkragen markiert sie nicht nur als Dienerin aus ‚gutem Hause‘, sondern verniedlicht sie auch. Die sanfte Frau, die Dienerin, diejenige, die sich kümmert, wird so beinahe zum zu groß geratenen Kind. Zum Kind, das seiner Mutter gefallen will und keinen eigenen Willen besitzt. Im Unterschied zum Mann wird die Frau so durch das Alltagskostüm Schürze zur Naiven, Gefühligen oder Nicht‑Für‑Voll‑Zunehmenden, letztlich zu einem mit dem Willen des Mannes zu befüllenden Gefäß.
Wie kaum ein anderes Kleidungsstück symbolisiert die Schürze den Kampf um Mündigkeit und Souveränität von Weiblichkeit. Die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken beschreibt in ihrem Buch Angezogen, dass der Unterschied zwischen Männer- und Frauenmode insbesondere darin besteht, dass Männer sich nicht modisch kleiden. Damit ist gemeint, dass ihr Look sich nicht an veränderlichen Trends und Stilmitteln orientiert, sondern gleichbleibend und schlicht ist, praktisch. Währenddessen geht es bei Frauenmode um den Schmuck und den individuellen Ausdruck, es geht um die erotische Inszenierung des Körpers. Vinken liest daraus unterschiedliche Rollenbilder für Mann und Frau ab: Der Mann darf durch Persönlichkeit glänzen, dafür braucht er nur einen schlichten Anzug als Leinwand, die Frau hingegen soll durch ihre Optik glänzen.
Die Schürze nimmt in diesem System einen ambivalenten Platz ein, denn sie ähnelt dem Anzug. Sie setzt vordergründig nicht auf Erotik, nicht auf Individualität, wirkt eher spießig, da sie augenscheinlich gerade die interessanten Stellen des weiblichen Körpers verhüllt. Der Vulvahügel ist gleich dreifach bedeckt durch Schlüpfer, Kleid und Schurz, die Brüste in der Regel ebenfalls durch Büstenhalter, Bluse und den Latz, oft, wenn es sich um die Hausfrauenkittel der 1960er handelt, wird auch der Po in kastige Konturen überführt, die jede Rundung verschwinden lassen.
Doch auch das lässt sich erotisieren. Betont die Schürze doch gerade dadurch, dass sie die weiblichen Geschlechtsteile zu verhüllen sucht, Schambereich, Brust und Po überdeutlich. Elke Gaugele sieht in der speziellen Form der Schürze aus diesem Grund eine nach außen getragene Doppelung der unter dem Kleid auf der Haut aufliegenden Wäsche. Doch nicht nur die Passform der Schürze ist erotisch. Auch die Weiblichkeit der sanften Frau, die sie repräsentiert, ist es.
Man denke an die Unterwürfigkeit, mit der dienende Frauen in Pornos auftreten. Die Kategorie „Sexy Servant“, also der sexy Dienerin, ist eine der meist gesuchtesten Schlagworte in der Welt des Internetpornos. Man denke an Zimmermädchen-Dessous. Man denke an sogenannten Sissy Porn, einer Kategorie, bei der sich Männer bewusst wünschen, erniedrigt zu werden, beispielsweise wegen ihrer ungenügenden Penisgröße. Nicht selten tragen sie Schürzenkostüme, um unterwürfiger und damit weniger männlich – oder sollte man sagen: weiblicher? – zu wirken.
Doch man muss sich gar nicht so weit in die Welt der Netzpornografie hineinwagen, um beschürzte Klischeeerotik der dienenden Frau zu finden. Man denke beispielsweise auch an: Britney Spears. Im Hauch einer Schlupfschürze bedient sie im Video zu Toxic als Stewardess die fast ausschließlich männlichen, Anzug tragenden Fluggäste, um dann flugs einem von ihnen bei einem Techtelmechtel auf der Flugzeugtoilette das Handy abzuknöpfen. Bei all dem singt sie von einem toxischen Mann und der Unterwürfigkeit der Frau: „With a taste of your lips, I'm on a ride/You’re toxic, I'm slippin' under/With a taste of a poison paradise/I’m addicted to you/Don’t you know that you're toxic?“ Wird die Schürze hier womöglich zum sexy Minikleid? Devotheit zur frech-subversiven Praxis? Heute ist die Unterwürfigkeit der Schürze offenbar nur noch als überspitzt-ironisiertes Zitat möglich, bei dem man um seine Unterwürfigkeit weiß – und sie performativ feiert. Als lustvolle Auslebung sexueller Fantasien, als freche Aneignung der dienenden Rolle.
Die Schürze zeigt somit, dass Weiblichkeit und Frausein nicht durch biologische Geschlechtsmerkmale bestimmt werden, sondern dadurch, dass man dient und sich unterwirft. Die US-amerikanische Essayistin Andrea Long Chu definiert Weiblichkeit aus diesem Grund auch als „jeden psychischen Vorgang, bei dem das Selbst geopfert wird, um den Bedürfnissen anderer Platz zu machen.“ Und dies ist nicht auf biologische Merkmale beschränkt. Weiblich sein kann jeder. Jeder, der/jede, die sich unterwirft.
Die Schürze stellt genau diesen Vorgang der Opferung der eigenen Bedürfnisse, der angenommenen Unterwürfigkeit und des freudvollen Dienens in unserem Alltag dar. Ebenso wie der Anzug ist sie eine Uniform. Doch anders als der Anzug führt das nicht dazu, dass die Frau mehr als Individuum wahrgenommen wird und ihre inneren Werte gehighlightet werden, sie Stärke und Souveränität ausstrahlt, im Gegenteil.
Was wäre für meine Großmutter anders gewesen, wenn sie sich mehr erlaubt hätte? Ein schönes Festtagsoutfit beispielsweise oder auch einen Platz am Tisch? Die Debatte um die Unsichtbarkeit von Care-Arbeit und weiblicher Arbeit im Allgemeinen ist bereits ein alter Hut; ja, man kann sagen, sie ist von Beginn an prägend für den Feminismus. Schon Clara Zetkin forderte in ihrer Rede Für die Befreiung der Frau! auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris im Jahr 1889, dass die Emanzipation der Frau die vollständige Veränderung ihrer sozialen Stellung von Grund aus bedeute, das heißt „eine Revolution ihrer Rolle im Wirtschaftsleben.“ In den Augen Zetkins hat die industrielle Revolution die früher elementar wichtigen häuslichen Tätigkeiten der Frauen überflüssig gemacht. Nähen, Stricken, Flicken, das konnten Maschinen nun besser und entzogen so der Frau ihre gesellschaftliche Relevanz, ohne ihr dabei eine angemessene Stellung als Arbeiterin zu bieten. Emanzipation, so lässt sich mit Zetkin auf den Punkt bringen, ist erst möglich, wenn auch die Frau in die Fabrik darf, wenn auch sie als Arbeiterin anerkannt wird. Mit den gleichen Rechten und Pflichten. Erst dann ließe sich die Gesellschaft verändern, erst dann ließen sich gleiche Rechte auch über die Klassen hinweg durchsetzen.
Kein Wunder, dass diese Vision der Sozialistin weniger als ein Jahrhundert später in der DDR zum Leben erweckt wird. Die klassische Hausfrau gab es jetzt praktisch nicht mehr, alle sollten arbeiten. Für den Staat, den sozialistischen Volkskörper, die Gemeinschaft. Frau trug derweil auch in der Fabrik schmucke Dederon-Kittelschürzen in den buntesten Farben. Praktisch war die robuste Chemiefaser auch deshalb, weil sie extrem strapazierfähig war. Oft wurden die typischen Dederon-Schürzen vorne geknöpft oder seitlich gebunden, hatten einen Kragen und – vor allem – Taschen, in denen Werkzeug, wie etwa kleine Messer, oder andere nützliche Utensilien, wie etwa Taschentücher oder Stifte, verstaut wurden. Wer mutig war, trug nur die Unterwäsche drunter und ließ nackte Beine oder auch die weiße Wäsche blitzen.
Bis heute hält sich der Mythos, dass die Frauen in der DDR emanzipierter waren, weil sie arbeiten konnten, oder eher: sollten. Und das, obwohl längst erwiesen ist, dass mehr Arbeit nicht dazu führte, dass sie ein selbstbestimmteres Leben führen konnten. In vielen Fällen bedeutete es einfach, dass sie doppelt arbeiteten, zuhause und in der Fabrik, und dabei durchschnittlich trotzdem 30 Prozent weniger Lohn bekamen als die Männer.
Wäre meine Großmutter in ihrer blumigen, westdeutschen Hausfrauenschürze selbstbestimmter gewesen, wenn sie hätte arbeiten dürfen? Oder wenn sie zumindest sichtbarer gewesen wäre mit ihrer Arbeit im Haus und ums Haus herum? Trug sie die gemusterte Kittelschürze, wirkte sie pragmatisch, zupackend, hart mit sich und der Welt, wie das Gegenteil der ‚sanften Frau‘. Sie wusste um den Wert ihrer Arbeit, begriff sich als modern. Mag sein, dass ich sie deswegen so wahrnahm, weil ich selbst eine Frau bin und als Kind mehr Zeit mit ihr verbrachte als mit meinem Großvater, der arbeiten ging. Bei all dem habe ich sie allerdings nie als besonders unsichtbar wahrgenommen. Sie war nicht still, sondern gesprächig, gescheit, sie hatte eine gewisse Bäuerinnenschläue. Ihr Selbstbewusstsein entspricht ganz dem Bild der flinken Hausfrau, das in den Nachkriegsjahren in Frauenzeitschriften wie Burda Moden, Brigitte oder Petra vermittelt wurde. Still war mein Großvater, der Mann im Haus, derjenige, der zwar einen Platz am Kaffeetisch besaß, und dennoch nicht mehr im Leben stand. Denn das Leben, wie ich es kennenlernte, fand in der Küche statt, da, wo gesprochen, gelacht, gegessen wurde. Zwar waren die Arbeits- und Lebensbereiche je nach Geschlecht unterschiedlich, aber das Häusliche nicht weniger wert. Dieser Gedanke wurde in den 1970er Jahren von Feministinnen wie Mariarosa Dalla Costa und Silvia Federici mit ihrer „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne aufgegriffen, in der sie forderten, die Arbeit zuhause, das Häusliche insgesamt aufzuwerten.
Auch bei dieser Bewegung ging es, ebenso wie bei der Idee, die Schürze auf den Laufsteg zu holen, um Sichtbarkeit. Darum, die kostenlose reproduktive Arbeit beziehungsweise Care-Arbeit von Frauen sichtbar zu machen. Es ging darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Tätigkeiten wie Waschen, Putzen, Kochen, Pflegen nicht weniger wert sind, wenn sie zuhause und umsonst passieren. Mit Dalla Costa, Federici und Co. gesprochen, lässt sich durchaus fragen, warum ein Koch im Restaurant einen Stundenlohn erhält, die Frau in ihrer eigenen Küche zuhause allerdings nicht. Hinter der „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne steckte die Idee, zunächst einmal alle Arbeiten, die unsichtbar von der Hausfrau gemacht wurden, sichtbar zu machen, ihr einen Wert beizumessen, um so den Frauen in einem zweiten Schritt mehr Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Arbeit, so hat es der Philosoph Friedrich Kambartel einmal geschrieben, sei Teilnahme am gesellschaftlichen Leistungsaustausch. In Form von Lohn, einer angemessenen Rente beispielsweise oder Ausgleichszahlungen. Forderungen, die fast schon antiquiert erscheinen und abermals den Verdacht aufkommen lassen, dass in dieser Denkweise Emanzipation nur durch Arbeit möglich ist. Gerade in Bezug auf die Pflege von Kindern, unseren Eltern oder unseren Partnerinnen und Partnern kann das Konzept der Care-Arbeit als Arbeit wie jede andere leicht ad absurdum geführt werden. Wieviel Wert hat der geflochtene Zopf? Wie bemessen wir den Wert einer gehaltenen Hand? Was kostet es, eine Großmutter zur Toilette zu begleiten?
Die Schürze ist in der sich immer schneller wandelnden Mode anachronistisch, da sie Bestand hat und sich wenig verändert. Ihr Design soll gar nicht mit der Zeit gehen, im Gegenteil, es soll von Grund auf auf die Vergangenheit und die Tradition verweisen und an eine heile, heimelige Haushaltswelt erinnern, die so schon immer ein Mythos war. Scrollt man durch die Instagram- und TikTok-Kanäle sogenannter Trad Wives, also von sich traditionell gebenden Ehefrauen, ist die Schürze überall. Aus Jeans, kleinkariert, neckisch mit Spitze, als Latzschürze, als Kittelschürze mit süßem Blümchenmuster, im Nacken gebunden, über dem Steißbein gebunden, festgeschnürt, lässig sitzend, um die Hüfte geschnürt, als hängendes Accessoire in der teuren Landhausstilküche im Hintergrund. Bei der Gartenarbeit, beim Brotbacken, beim Pferde auf die Koppel lassen, beim Abendessen kochen, beim Staub wischen, beim Plätzchenbacken mit den Kindern.
Trad Wives wünschen sich in eine Welt der traditionellen Geschlechterrollen, in der der Mann arbeitet und sie als Hausfrau und Mutter zuhause bleiben. Die Schürze verhüllt und weckt so die Hoffnung auf ein unschuldiges weibliches Selbst. In einem ausführlichen Portrait im New Yorker gibt die ‚Original Trad Wife‘, Alena Kate Pettitt, an, dass sie sich einfach nicht mit dem übersexualisierten Power-Girls-Image identifizieren konnte, das in ihrer Jugend in den Neunzigern von Spice Girls, Britney Spears und Co. verkörpert wurde. Sie sei schon damals eher der häusliche Typ gewesen, kein selbstbewusster Girlboss.
Die Rolle der traditionellen Hausfrau der Nachkriegsjahre kann so gesehen als eine Art Zuflucht gelten vor den Anforderungen an Frauen und Mädchen, denen der Feminismus bislang nur selten mehr Freiheiten bescherte, sondern meist nur weitere, mitunter abwertende Rollen hinzufügte. Diejenige des sexy Vamp beispielsweise, der frechen Göre, des Girlbosses oder diejenige der selbstbewussten, burschikosen Männerfreundin, auch Pick-me-Girl genannt. Einfach nur sie selbst sein, das darf frau eher selten.
Außer vielleicht als Trad Wife. So die scheinbar einfache Lösung. Also lieber ungeniert man selbst sein, das puppenspielende Mädchen, die Angepasste, die ihre Angepasstheit selbst gewählt hat. Und natürlich ist es nicht schlimm, Mutter oder auch Hausfrau sein zu wollen, wenn es wirklich das ist, was frau möchte. Auch wenn sich stets die Frage stellt, wie selbstbestimmt ein Rollenbild sein kann, das ungefähr so subversiv ist wie eine Postkarte mit einer Waschmittelwerbung aus den 1950ern. Dennoch bleibt das Hausfrauendasein offenbar ein Sehnsuchtsort für viele. Die US-Amerikanerin Hannah Neeleman, besser bekannt als @ballerinafarm, hat mittlerweile 1,4 Millionen Follower und Followerinnen auf Instagram, die tagtäglich das scheinbar einfache Farmleben der Familie mitverfolgen, auf TikTok werden ihre Videos teilweise 140 Millionen mal geklickt. Was Neeleman dabei verschweigt, ist, dass man sich das Hausfrauendasein auch leisten können muss – und das tut sie. Als Abkömmling eines Fluglinienbesitzers muss sie gar nicht arbeiten, um über die Runden zu kommen. Zudem hat Neeleman, wie viele andere bekannte Trad Wives, aus ihrem Hausfrauendasein von Anfang an ein lukratives Businessmodell gemacht. Denn bei genauerem Hinsehen werden Backmischungen in die Kamera gehalten, Küchengeräte oder Kinderspieluhren empfohlen, Wollpullistricksets beworben, kurz: ein bestimmter Lifestyle vermarktet, mit dem sich ordentlich Geld verdienen lässt.
Trad Wives propagieren damit nur vordergründig einen Lebensstil. In Wahrheit verdienen sie Geld mit der Hausfrauenästhetik. Sie scheinen harmlos, doch was nach Heile Welt aussieht, ist nicht selten Propaganda für einen Traditionalismus, der Konservativen und Rechten in die Karten spielt. Trad Wives lassen Kulturkampf im Duft von frischgebackenen Sauerteigbroten und selbstgestrickten Babysocken aufgehen. Ihre spitzenumrandeten Schürzen wirken harmlos.
Doch Sexualpolitik ist kein gesellschaftspolitischer Nebenschauplatz. Kleidung kein neutrales Feld im Kulturkampf, insbesondere die Schürze nicht. Während JD Vance über einsame Katzenladys spottet, die Einführung einer Nationalen Medaille für Mutterschaft vorschlägt und zusammen mit Viktor Orbán und Tech Bros aus dem Silicon Valley mehr Geburten fordert, wird alles, was nicht ins traditionelle, heteronormative Weltbild passt, ausgehebelt. Abtreibungen werden verboten, Rechte von queeren Menschen eingeschränkt, sexuelle Aufklärung an Schulen untersagt, traditionelle Geschlechterrollen wiederbelebt und manifestiert, die die Frau an ihren Platz als genau die Sanfte, die Unterwürfige, die Sich-Sorgende zurückweisen, den die Schürze symbolisiert. Frausein und Weiblichkeit als das harmloseste der Welt.
Dabei könnte ein wenig Sanftheit nicht schaden. Statt zu dem Schluss zu kommen, die Schürze und alles, was sie repräsentiert, soll abgeschafft werden, möchte ich für das genaue Gegenteil plädieren. Für die subversive Aneignung der Schürze. Damit geht auch die unbequeme Wahrheit einher, dass es mehr bedarf als die Schürze jetzt als das neueste Fashion Accessoire in die eigene Garderobe zu übernehmen. Sichtbarmachung allein reicht nicht aus, ein gutes Styling allein macht noch keine Revolution.
Kleider machen Leute – vielleicht stimmt das nicht ganz. Sie können zwar nach außen darstellen, wer wir sein möchten, wie wir uns selbst sehen und von anderen gesehen werden wollen. Kleidung repräsentiert Geschlechterrollen, doch verändern lässt sich durch ein schickes Outfit herzlich wenig. Nicht die Sichtbarkeit der Frauenarbeit ist es, die gebraucht wird, um Frauen zur Emanzipation zu verhelfen. Da können wir so viele Schürzen tragen, wie wir wollen. Man muss radikaler denken, weiter, unverfrorener. Was wäre, wenn wir gar nicht erst versuchen würden, traditionell weiblich konnotierte Tätigkeiten in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sondern, umgekehrt, die Sorge um andere in unserer Gesellschaft priorisieren, indem beispielsweise die Pflege – ob nun zuhause oder in der Öffentlichkeit – besser vergütet wird oder Arbeitszeiten Raum für ein ausgiebiges Sozialleben lassen? Gleichberechtigtes Kümmern für alle von allen!
Um der Schürze wirklich zu huldigen, bedarf es einer regelrechten Care-Revolution, wie sie von Gabriele Winker beschrieben wird. „Das Ziel der Care Revolution“, so schreibt sie, „ist eine an menschlichen Bedürfnissen, insbesondere an der Sorge füreinander, orientierte, radikal demokratisch gestaltete Gesellschaft. Sie lässt sich humanistisch oder sozialistisch, als anarchistisch oder kommunistisch denken.“ Fürsorge würde in einer solchen Gesellschaft nicht als etwas abgewertet, dass nur zuhause passiert, im stillen Kämmerlein und von Frauen, sondern eine sinnvolle Alternative zur patriarchalen Struktur bieten, mit all ihren menschenfeindlichen Ausgeburten, allen voran dem Kapitalismus. Das würde auch einschließen, dass sich um unsere ganz eigenen Bedürfnisse ausreichend gekümmert wird. Weiblichkeit wäre nicht länger das Unsichtbare und von den Bedürfnissen anderer Eingenommene. Niemand müsste Angst haben, ausgebeutet zu werden, weil die Befriedigung unserer aller Bedürfnisse der Stoff wäre, aus dem unser Alltag besteht. Die Schürze, sie ist nicht allein dazu da, um uns an die arbeitende Frau zu erinnern, sondern an diesen utopischen Traum. Den Traum einer sich kümmernden Welt.










