Kulturwandel der Öffentlichkeit
Das Radio zwischen enttäuschter Liebe und neuem Aufbruch

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steckt in einer Legitimationskrise. Zu groß, zu behäbig, zu teuer, zu rot-grün. Zeit für eine trotzige Bestandsaufnahme.

Von Mathias Greffrath: |
Frau mit Papagei auf der Schulter vor einem Radio ('Volksempfänger'). - Foto, undat. (30er Jahre); digital koloriert.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sucht zwischen Nostalgie und Kritik nach einem neuen Auftrag. (picture alliance / akg-images / akg-images)
Was können wir aus der oft ernüchternden Gegenwart der immer gleichen Radiowellen– flache Routinen, Dauerberieselung, selbstreferenzielles Gerede – lernen? Ein anderes Radio ist möglich, eines, das wie zu seinem Beginn die Welt erschließt, Bildung nicht nur für Eliten verspricht und als akustischer Marktplatz gemeinsamer Erfahrung fungiert. Dem entgegen stehen allerdings die Krisen unserer Zeit und deren mediale Folgen: Kommerzialisierung, Quotendruck und Plattformökonomie haben das Medium entkernt und die Öffentlichkeit zersplittert.
Doch gerade im Angesicht von Podcasts, Algorithmen und fragmentierter Gesellschaft lässt sich Radio neu denken: nicht als bloßer Sender, sondern als Ermöglicher von Öffentlichkeit im emphatischen Sinn – als Ort, an dem Menschen sich begegnen, streiten, denken. Die Zukunft liegt nicht im Rückgriff, sondern im Aufbruch: weniger Beschallung, mehr gelebte Öffentlichkeit.
Mathias Greffrath, Jahrgang 1945, ist Soziologe und Journalist. Er lebt in Berlin, arbeitet unter anderem für die taz, die ZEIT und den Rundfunk. In den letzten Jahren hat er sich in Essays, Hörspielen und Kommentaren mit den sozialen und kulturellen Auswirkungen von Globalisierung und Klimawandel beschäftigt.
Neulich mal wieder Radio gehört. Lady Gaga, Grönemeyer, Beyoncé, die anderen so ähnlich, viele Bässe. Die übrige Ausbeute von 30 Minuten: Der Buckelwal am Timmendorfer Strand ist immer noch nicht frei; man sollte jetzt vielleicht wegen des Golfkriegs keine Aktien kaufen, oder  vielleicht doch, man weiß das nie bei Aktien – die Doppelmoderatoren auch nicht, dann wieder viele Bässe mit drei Akkorde und zwischendurch die Ansage, dass ich hier „genau meine Musik“ höre, auch dass ich es mit Elke und Jens zu tun habe, daran werde ich im Folgenden alle drei bis fünf Minuten wieder erinnert, und auch daran, dass ich auf NDR 2 bin. Und weiter geht’s: da gibt es einen Hörer, der seinen Holz- Weihnachtsmann immer noch nicht in den Keller gebracht hat, um Platz für die Osterhasen zu machen (gute Idee vom Redakteur), da kichern Elke und Jens, dass es bis ins Bad zu hören ist. „Kommt gut rein“ rufen sie, als wären sie auf der anderen Straßenseite, und werfen die große Frage auf, was man denn wann wechseln soll: Bundespräsidenten, alle fünf Jahre, Parfüm alle drei Jahre, weil es sonst nicht mehr riecht. Und was soll man eher entsorgen: das Kopfkissen oder die Matratze oder die Bettdecke? Die beiden verraten es. Natürlich die Bettdecke, Man wälzt sich ja drin „und einiges mehr“. Die Decke sammelt das sonst, das Desinfektionsmittel aus der Corona Zeit ist auch stumpf. Dann wieder Bässe mit Akkorden, und ich erfahre noch einmal, dass ich auf NDR 2 bin und Elke und Jens höre. Die kichern wieder über irgendetwas. Und dann die Nachrichten. Und dann erfahre ich zu Beginn der nächsten halben Stunde noch einmal, dass ich es mit Elke und Jens zu tun habe und auf NDR 2 bin.
Bei Dominik und Elise von EgoFM geht es auch so zu – und alle miteinander sind Preisträger des Deutschen Radiopreises. Ach, wie konnte das passieren.
Ich weiß, das klingt jetzt furchtbar elitär und arrogant. Aber es liegt einfach daran: 
Wir haben es so geliebt, unser Radio. Und deshalb fällt uns der Abschied jetzt so schwer. Wir haben es genossen, unser Radio. Unser Radio? Ich glaube, jeder hat seins, und manche machten sogar schon Radio in einer Zeit, als es das Radio noch gar nicht gab.
Johannes Bobrowski erzählt von so einem. Ich lese aus der Erzählung:
De homine publico traktatus:
„Petrat ist Posthalter. In Abschwangen oder sonst wo, aber nicht in Uderwangen, Uderwangen ist größer. Und er hat seine Vorschriften (…)
Der Beamte hat sich als ein Diener der Gesellschaft zu betrachten. Man sagt leicht statt Gesellschaft Staat, ich erwähne das nur. Er hat sich zu betrachten, steht da, wir setzen hinzu: und entsprechend zu handeln. Petrat handelt entsprechend. Und betrachtet sich auch.
Das ist schon lange her. Da hörte man, und wer eine Zeitung hielt, las es in der Zeitung, dass es jetzt Radio gäbe, etwas Neues auf der Welt, richtige Stimmen aus der Luft, d.h. sie kämen aus einem Apparat und einem Schalltrichter. Ganz etwas anderes, als die Windstimmen, wie der Schäfer Pasnokat meint, wo man alles heraushört und nichts richtiges. Der ist sommerüber draußen. Wenn man mit ihm reden will, sagt er: wat kimmert mie.
Also Radio. Und Petrat als Diener. Und es kommt alles nicht so schnell bis Abschwangen. Also lässt Petrat ausrufen: Heute Abend Radio in der Post, Eintritt frei. Und steckt Briefträger Lemke mit seiner Ziehharmonika in den großen Schrank. Dann kommen die Leute, abends, und setzen sich hin, Petrat sagt: Radio fängt gleich an. Und Briefträger Lemke also spielt im Schrank, fein heimlich, als käme die Musik von weit her, aus der Luft, von Berlin, auf diesen Wellen, wie Petras gesagt hat...“
Radio ist Dienst an der Gesellschaft, soweit die Erzählung von Bobrowski. Radio ist Verbindung zur Welt schaffen, in diesem Fall bis nach Berlin; Radio heißt: schöne Gefühle zu machen, in diesem Fall mit der Harmonika; transportiert durch eine Technik, die sich in großen Schränken verbirgt; durch jemanden, der das Programm veranstaltet.
Als das Radio dann da war, klang es mancherorts heroischer, nach Welteroberung und Weltbewältigung, nach Ziel und Zukunft: 
„Das Radio der Zukunft – der wichtigste Baum der Erkenntnis – wird der Wissenschaft eine Fülle von Aufgaben eröffnen und die Menschheit zusammenführen. Das Radio wird zur geistigen Sonne des Landes, zu dessen großem Hexenmeister und Wundertäter werden. (…)
Das ganze Dorf ist versammelt, um zuzuhören. Aus dem Mund der eisernen Trompete erscheinen die Neuigkeiten des Tags, die Taten der Staatsmacht, Wetternachrichten, Nachrichten aus dem stürmischen Leben der Hauptstädte.“
Am Anfang stand, vor allem Totalitären auch beim kalmückischen Revolutionär Chlebnikow 1921 das kollektive Hören, stand die Versammlung nach Hoffnung auf globale Verbindung, auf Gemeinschaft, auf Kultur.
Wir haben so viel erwartet vom Radio. Aber offensichtlich nicht alle dasselbe. Wir sind eben nicht wir. Und heute erst recht nicht.
Ich überspringe ein paar Jahrzehnte. Überspringe die kühnen Experimente, der Zwanzigerjahre, die der junge Intendant Hans Flesch in Frankfurt und Berlin unternahm, zusammen mit Brecht, Döblin, Hindemith, Kurt Weill, Adorno als Autor im Kinderfunk, Benjamin im Schulfunk – das konnte nicht gut gehen. Kurz nachdem dann doch der Zeitfunk und die Reportage erfunden wurden, war die Republik am Ende, und Hans Flesch im KZ.
,Radio‘, das war bis jetzt eine Spielerei von Technikern und Intellektuellen, die nicht begriffen hatten, was Radio ist, verkündete Joseph Goebbels, und erfand das Programm. Dieses müsse:
 „so gestaltet werden, dass es den verwöhnten Geschmack noch interessiert und dem anspruchslosen noch gefällig und verständlich erscheint. (…) Dabei soll besonderer Bedacht gerade auf die Entspannung und Unterhaltung gelegt werden, weil die weitgehend überwiegende Mehrzahl aller Rundfunkteilnehmer meistens vom Leben sehr hart und unerbittlich angefasst wird, in einem Nerven und Kräfte verzehrenden Tageskampf steht und Anspruch darauf hat, in den wenigen Ruhe- und Mußestunden auch wirklich Entspannung und Erholung zu finden. Dem gegenüber fallen die wenigen, die nur von Kant und Hegel ernährt werden wollen, kaum ins Gewicht.“
Ich überspringe die Ästhetik des Nazifrundfunks – Überwältigung durch Massenübertragungen und Verführung durch Personalisierung und Storytelling - und lande im öffentlich-rechtlichen Radio, das uns die Besatzer schenkten:
Radio, so lese ich es in den Frankfurter Heften von 1946, Radio soll „bilden, das heißt, dem Hörer helfen, dass er seine eigene Existenz von außen und von innen immer besser versteht und sein Leben in die Hand bekommt, statt von den Umständen und den Konventionen gelebt zu werden“. So schrieb es 1946 Walter Dirks, der später im Westdeutschen Rundfunk eine Weile Rundfunkgeschichte machen sollte. Dirks dachte an ein Massenprogramm, nicht an die happy few, und bis in die Mitte der Fünfzigerjahre hatten in den Funkhäusern, von den Alliierten lizensiert, Redakteure das Sagen, die so Dirks, „für den kleinen Mann Rundfunk machen wollten, aber nicht für das Faule, Bequeme, Dumpfe, das es auch in ihm gibt (…). Natürlich soll unser Sender unterhalten, aber Verschmiertes, Verklebtes, Witzloses und Gleichgültiges werden wir in ihm nicht hören“.
Das war das Radio meiner jungen Jahre, dessen Stimmen sich mir eingeschrieben haben. „Radio kommt durchs Ohr, bleibt im Kopf.“ Die rauchige Stimme der Elbe und der Schrei von Hans Kerst: „Ist denn niemand da“ im Hörspiel von Wolfgang Borchert, der Kneipenbariton von Heinz Reincke, der mir jede Woche erzählte, was es Neues aus Waldhagen gib, Moby Dick, das Hörspiel über die ersten Sklaven, die nach Amerika verschleppt wurden, die letzten Schritte in die Gaskammer, ich habe die Töne alle noch im Ohr. Und Mutige haben damals die Schule geschwänzt, um den Schulfunk zu hören.
Die Armut an Wellen war der Haupt- und harte technische Grund dafür, dass das Radio, angeschmiegt an die Tagesabläufe, lange noch „an alle“ ging, eine Art Marktplatz der Klänge, Informationen und Meinungen war, auf dem man im Laufe des Tages allem begegnete, und nur durch Abschalten ausweichen konnte. Bildung durch Vielfalt, der man nicht entkommen konnte. Mozart, Caprifischer, Caterina Valente und die Korrespondentenberichte, Stadien, Kneipen, Wissenschaft. Fast alle konnten mitreden über das, was fast alle gehört hatten, so wurde die Brotzeit zum räsonierenden Publikum. Volksgemeinschaft, demokratisch.
Die Personalpolitik der Alliierten wirkte noch eine Weile nach. Radio begleitete eine gewisse Befreiung von den Schlacken des Nationalsozialismus. Ernst Schnabel, Eberhard Beckmann, Alfred Andersch, das waren nur einige der Redakteure und Intendanten, die einen Rundfunk begründeten, der, bei allen Unterschieden, das „andere Deutschland“ repräsentierte und die Westbindung kulturell komplementierte. Sie forderten Autoren wie Böll, Wolfgang Koeppen, Günter Grass. Das ganze Programm hatte eine leicht linksliberale Schlagseite und deshalb den konservativen Politikern ewig ein Dorn im Ohr.
Das verstärkte sich, als in den sechziger Jahren mit dem Wellenwohlstand „Dritte Programme“ etabliert wurden, literarisch und journalistisch anspruchsvoll, am Ende gar ein Funkkolleg mit hunderttausenden von Studenten in den Fächern Medizin – Medizin!! –, Wirtschaft, Gesundheit, Kunst usw. 30 Fächer, mit Prüfungen und Übungsheften. Das Radio als Volkshochschule, zur Dämpfung der Bildungsmängel, das war mehr als der Programmauftrag forderte. Das komplementierte den Aufstieg der Sozialdemokratie zur Volkspartei. Und schon bald wurde der Rotfunk-Vorwurf zum anschwellenden Chor konservativer Politiker.
„Volksverbundene“ Ministerpräsidenten verteidigten die populäre „Kultur“ gegen die angeblich „herrschenden Kultureliten“, oder, da wird es deutlich, die „Sympathisanten der alten Arbeiterbewegung“, kritisierten ein Kulturprogramm, das „für große Teile des Publikums nicht lebens(!)notwendig sei; Menschen, die „in ihrer eindeutigen Mehrheit nicht durch formal höhere Schulbildung geprägt“ seien, einen „fremden Begriff von Kultur“. Der Populismus kam nicht erst mit Gauland zu uns.
1986 verdichtete sich die Konstellation zum kulturellen Urknall. „Die Sache ist größer als Gorleben“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, als die Politik privates Fernsehen und Radio möglich machte.  Der Fortschritt der UKW-Technik, der Druck der Politik und der Ruf der Wohlstandswirtschaft nach Werbeflächen beendete die Zeit des Integrationsradios. Unheil ist ein Stoff aus vielen Komponenten.  Und die zweite Lehre: Wenn du deine Gegner nicht mit Argumenten besiegen kannst, grab ihnen das Wasser ab. Oder die Frequenzen.
Paradigmatisch sei hier die Gründung des Berliner Hörfunk-Senders 100,6.  Auf dem Tennisplatz sammelten 1987 rechte Lokalmatadoren drei Millionen ein, die regierende CDU in obszöner Offenheit schlug die Werbetrommel. Der Kunstmäzen und Bauträger Marx gab auch etwas dazu, er wollte „mehr Freiraum“ und Vielfalt, ihn störte der viele Raum für „Randerscheinungen“ im Sender Freies Berlin, dem Vorläufer des rbb, vor allem die eine Stunde Frauenfunk. „Wir stehen für die Menschen, die gern hier leben“, verkündete der Chef des Kabelsenders, und nachts gab es Masturbationsfunk, wenn der Moderator Frank Schmeichel mit tropfendem Timbre Frauen fragte, ob ihnen Geschmack männlichen Samens gefällt, räsonierte, ob der Bolero der Takt zum Akt sei und Ilonka, blutjung mit hochhackigen Schuhen tanzte im Partnerkarussell. Springer druckte wochenlang daraus nach, „endlich keine Elendswelle“ jubelte die graue Eminenz der CDU, die Einschaltquoten schlugen die des öffentlich-rechtlichen SFB.… 
Anderswo begann der Aufstieg der Lokalradios weniger rabiat, mit Bürgerradios, bis peu à peu die Lizenzen zunehmend an Verleger gingen. Duales System, das war nun nicht länger das Nebeneinander von privatwirtschaftlicher Presse und öffentlich-rechtlichem Rundfunk, sondern die Konkurrenz von öffentlich-rechtlichen Sendern und Presse mit Beteiligungen an werbeträchtigen Gutelaune-Sendern.
Die Entwicklung ging nicht nach rechts, aber ins Belanglose.
In den Anstalten selbst beginnt um die Zeit ein hinhaltender, aber, aufs Ganze gesehen, nicht sehr leidenschaftlicher Abwehrkampf der Redakteure gegen die zunehmende Entwortung des Programms, gegen die Ausbreitung der Zonen mit Dauerberieselung, die unsinnige und von keinem Programmauftrag gedeckte Quoten-Konkurrenz mit der werbetreibenden Wirtschaft. Es war ein Dauerstreit, bei dem niemand ganz Sieger wurde. Bis zum nächsten Schub. Der kam Anfang des Jahrhunderts.
Wieder wirkten Technik, Ökonomie und Politik zusammen. Mit dem Internet kam das Smartphone. Und mit dem Smartphone der Podcast. Nur eine Zahl statt vieler: 2016 hörten 16 % der Deutschen gelegentlich einen Podcast, 2023 waren es bereits 43%, Tendenz steigend, ganz klar. Und vor allem bei den Jungen. Fließradio spielt praktisch nur noch eine Rolle beim Frühstück von Leuten mit festen Gewohnheiten.
Ich denke Podcasts sind zweifellos ein Gewinn: an Freiheit des Ausdrucks, an flexibler Verfügung, an Demokratisierung, an Vielfalt zwischen Wissenschaft und Esoterik, zwischen Ernst und Blödsinn, Belehrung und Verblödung. Passend in eine Welt ohne geregelte Tagesabläufe und Familienstrukturen.
Die Umstellung fiel den Kindern der Senderwelt, den Hörenden wie den Sendenden, zunächst schwer. Die Podcast-Welle zersetzt den pluralistischen Korporatismus: die gesicherte Ordnung von Spezialinteressen, die von Fachredakteuren kenntnisreich bedient wurden. Das Programm mit seiner Ordnung von festen Sendeplätze wurde zur Prärie, auf der man nun konkurrieren musste, auffallen, wiederum: Quote machen.
Und zwar auf den Plattformen. Nicht die Podcastisierung ist die eigentliche Revolution. Sondern die Plattformisierung. Um Hörer und Hörerinnen zu erreichen, arbeiten immer mehr Redakteure in der Distribution. Müssen ihre Qualitätsprodukte auf den quasimonopolistischen Plattformen von Tiktok, Instagram und Youtube bewerben, wo sie sich dann – das Problem ist einstweilen nicht zu beheben – wo sie sich dann gegen deren Empfehlungsalgorithmen behaupten müssen.
Die Periode, in der Radiomacherinnen verklärt von akustischer Heimat redeten, oder vom Lagerfeuer, um das sich viele verschiedene sammeln konnten, oder wie immer diese schönen Metaphern waren, diese Periode ist also unwiderruflich zu Ende. Und damit auch das Reden von der gemeinschaftsbildenden Funktion des Programms. Diese Vorstellungen waren ja schon immer auch ein Stück Selbstbetrug, außer beim Fußball und ein paar Jahre lang beim Tatort; selbst der European Song Contest wird bei uns nur von 5 Prozent geschaut.
Und aktuell stehen die öffentlich-rechtlichen Anstalten wieder einmal unter verstärktem Druck. Das Szenario ist nicht neu.  Eine Allianz aus Politikern, rechts und ganz rechts von der Mitte, die von ihren Wählern bedrängt werden, dazu Presseverleger, deren Märkte schrumpfen, und dazu Anti-Woke-Kampfgruppen. Sie alle möchten die Öffentlich-Rechtlichen schrumpfen oder ganz aus dem Weg schaffen, mit mehr oder weniger zarten Worten. Zum anderen sehen „Nutzer“ nicht ein, warum sie den Rundfunkbeitrag zahlen sollen, wenn sie doch alles auf den Plattformen hören, oder weil ihnen die ganze Richtung nicht passt.
Der von Medienpolitikern eingesetzte „Zukunftsrat“ der ARD sieht in der Herstellung von „Zusammenhalt“ geradezu die Hauptaufgabe der öffentlichen Medien.
Angesichts von Radikalisierung, der Zunahme von DeepFakes, Falschinformation, Radikalisierung und antidemokratischer Infiltration durch KI,
angesichts einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft und verhärteter
Konfliktlinien brauche es „Brückenbauer“, die alle Menschen im Lande ansprechen, die eine gemeinsame Basis für Selbstverständigung herstellen, einen „Common Ground“ eben.
Der Ruf nach Zusammenhalt erschallt ja inzwischen aus allen Richtungen.  Nur, auch hier sind die Metaphern: Zusammenhalt, Spaltung, Brückenbauen, Common Ground, Vertrauensverlust und dergleichen schwammig, analytisch unbrauchbar und reflektieren eben gerade nicht auf eben diese veränderten Randbedingungen. Die Spaltung der Gesellschaft beruht ja nicht auf mangelhafter Kommunikation, und der Vertrauensverlust nicht darauf, dass die Menschen die Fähigkeit zum Vertrauen verloren haben. Beides ist nicht Ursache, sondern Symptom. Symptom der multiplen Systemkrise, in der alle Gesellschaften der industriellen Weltzivilisation seit drei Jahrzehnten stecken. Klima, Demographie, Wachstumsschwäche, Neoimperialismus, Rohstoffe, Migration.
Ich muss das hier nicht ausführen. Everybody knows.
Die Gesellschaft hat kein Projekt, richtiger: sie scheut davor zurück, eine Zukunft für sich zu entwerfen. Die Furcht davor ist wahrscheinlich sogar realistisch; denn die Verteilungskämpfe, die sich damit andeuten, werden nicht leicht zu zivilisieren sein.
Und weil alle dass wissen, oder doch spüren, ist die Verleugnung der Krise, die Beschwörung neuen Wachstums, das alles richten wird, und an das niemand mehr glaubt, neben allen Enttäuschungserfahrungen, neben allen völkischen Mythen, aller Dummheit der seriöse Grund des Populismus.
All das wirkt auch auf die Medien ein, und deshalb müssen sie ihre Krise und die der Politik zusammendenken, sind Beobachter und Teil des Problems. Das Zusammenfallen der globalen Ausbreitung des neoliberalen Wirtschaftsprogramms, der technischen Revolution aus dem Silicon Valley und die Entstehung der gigantischen Meinungsmultis untergräbt gleichermaßen die Geschäftsgrundlage von Journalismus, Wissenschaft und Demokratie. Diesmal ist die Machtergreifung total. Es geht nicht mehr nur um die Konkurrenz von Weltbildern oder Interessen, nicht mehr um Quoten an Aufmerksamkeit, sondern um die Fähigkeit, Wirklichkeiten überhaupt wahrzunehmen.
Die Übermacht der Plattformen ist schon längst nicht mehr ein Elefant im Raum. Sie ist wissenschaftlich und publizistisch durchanalysiert, so wie die politischen Folgen und die Gefährdungen der gesellschaftlichen Strukturen und der seelischen Gesundheit von Kindern. Gleichwohl kommt es nicht zu starken politischen Regulierungsbemühungen. Dieses Politikversagen rührt an die Grundfesten der Demokratie. Einer der letzten publizierten Sätze von Jürgen Habermas lautet: „in einer schwer vorstellbaren ‚Welt‘ von Fake News, die nicht mehr als solche identifiziert, also von wahren Informationen unterschieden werden könnten, würde kein Kind aufwachsen können, ohne klinische Symptome zu entwickeln. Es ist deshalb keine politische Richtungsentscheidung, sondern ein verfassungsrechtliches Gebot, eine Medienstruktur aufrecht zu erhalten, die den inklusiven Charakter der Öffentlichkeit und einen deliberativen Charakter der öffentlichen Meinungen und Willensbildung ermöglicht.“ 
Ein „verfassungsrechtliches Gebot“, das über die Plattformregeln der europäischen Kommission hinausgeht. Es geht um mehr als um Wettbewerbsrecht. Öffentlichkeit, mit Alexander Kluge zu sprechen, ist das Gefäß der Demokratie. Es geht also um Souveränität. Wer die Öffentlichkeit zerstört, heißt es bei Alexander Kluge, ist ein Geschichtsverbrecher.
Die Parallele des Öffentlichkeitsschwunds zu Klimakatastrophe und Bildungsnotstand ist schlagend. Die Verpflichtung des Staates, uns mit Gas, Wasser und Elektrizität zu versorgen ist einstweilen unbestritten, hier aber geht es um die Gefährdung der Versorgung der Bürger mit – wie Habermas schreibt – „jener Art von Energie …, ohne deren Zufluss Störungen auftreten, die den demokratischen Staat selbst beschädigen“. Die Störung dieser Versorgung ist eine Einschränkung von Lebenschancen. Also: eine Einschränkung von Freiheit – so die Argumentation, mit der das Bundesverfassungsgericht vor zwei Jahren das unzulängliche Klimagesetz der Regierung kippte und das Recht auf „intertemporale Freiheitssicherung“ proklamierte.
Möglich wurde das, weil Sophie Backsen von der Insel Pellworm gegen die Regierung geklagt hat: die Unterlassungen in der Klimakrise von heute beschädigten ihre Freiheitsräume in ferner Zukunft. Sophie Backsen hat Recht bekommen. Und die Regierung musste wenigstens nachbessern.
Und wenig darauf, in der Coronazeit, hat das Verfassungsgericht ein Recht auf den „unverzichtbaren Mindeststandard von Bildungsangeboten“ proklamiert.
 Wenn Juristen sich der Sache annehmen, könnte es ernst werden. Freiheiten kann man erkämpfen, gesichert werden sie durch das Recht.  Nun, es ist zurzeit unrealistisch, dass demnächst solche Prozesse folgenreich gewonnen werden. Aber wäre es so abwegig, den Staat wegen seiner Unterlassung zu verklagen:
Ich zitiere aus dem Artikel “Zensur“ der Enzyklopaedia Britannica, der die geistlose Zerstörung von Gesellschaftlichkeit beklagt. Damals war es das Fernsehen. Der Artikel endet mit der salomonischen Frage: „wenn eine Gesellschaft erkennen würde, dass Fernsehen die heranwachsende Generation verdirbt, den politischen Prozess verzerrt und ganz allgemein Erziehung und den Gemeinsinn, den Public Character verwüstet: Ist diese Gesellschaft wirklich hilflos hier etwas zu tun? Wäre es Zensur, diesen Einfluss abzuschaffen? Und wenn die Abschaffung des Fernsehens Zensur wäre, wäre das nicht ein Hinweis darauf, dass Zensur nicht unter allen Umständen schlecht ist?“
Heute und hierzulande und ganz allgemein werden schon solche Fragen als unrealistisch belächelt oder als undemokratisch oder akademisch abgekanzelt. Und der Gedanke, man könnte das Fernsehen abschaffen, ist ja auch so undenkbar wie der, man könnte das Auto wieder durch die Eisenbahn ersetzen.
Aber wenn wir mal versuchsweise die Sprache des Klimaurteils auf die Sicherung der kommunikativen Infrastruktur, und die Regulierung der Plattformen übertragen, dann könnte das etwa so klingen:
Der Staat darf die Voraussetzungen freier öffentlicher Kommunikation nicht so gestalten oder vernachlässigen, dass künftige Generationen ihre Meinungs- und Pressefreiheit nur noch unter erheblich eingeschränkten Bedingungen ausüben können. Die Freiheit der öffentlichen Kommunikation ist intertemporal zu sichern, weil sie eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit von Demokratie ist.
Und in den folgenden Leitsätzen eines solchen Verfassungsgerichtsurteils könnte ausgeführt werden, dass, durch den technischen und ökonomischen Wandel der Medienstruktur bedingt, „Gesellschaftlichkeit“ und Demokratie vom Staat durch Regulierung überhaupt erst hergestellt werden müssen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nur ein Teil dieser Medienverfassung, die privatwirtschaftlichen Medienunternehmen sind, als weitere prägende und Öffentlichkeit gestaltende Kraft ebenso gemeinwohlpflichtig, wie alles private Eigentum, dessen Funktion und Nutzung für die Demokratie wesentlich und systemrelevant sind.
Und weiter könnte in seinem Urteil stehen: Ein nicht mehr einzuholendes technisches Monopol oder eine überwältigende ökonomische, nicht mehr zu brechende Machtzusammenballung ist nicht vereinbar mit dem Grundgesetz.
Solche Überlegungen sind nicht nur utopisch und eine solche Klage auf intertemporale Freiheit Sicherung in der Gestaltung der Medien könnte jeder einreichen. Eine solche Klage wäre vielleicht sogar nicht chancenlos. Aber es ist, Stand heute und morgen, unrealistisch, dass die Politik die Kraft und die Absicht hat, hier in einem grundsätzlichen Kampf um Verfassung der Öffentlichkeit einzutreten.
Aber wenn wir das Ganze nun als einen Notstand betrachten, und der Staat nicht handeln kann oder will, haben wir dann nicht als Bürger und als Journalisten die Pflicht, Abhilfe zu schaffen?
Der Bericht des ARD Zukunftsrats enthält, in vorsichtiger Sprache, aber nicht nur zwischen den Zeilen, einen Alarmruf an die öffentlichen Medien: Wenn ihr euch nicht ändert, wird die Entwicklung über euch hinweggehen. Werden euch die Plattformen oder die AfD – oder beide - pardon: plattmachen.  
Und dann stehen da, in bemüht unaufgeregter Sprache ein paar Sätze, die über Organisatorisches und Selbstverständliches hinausweisen. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sollen „Angebote und Gelegenheiten bieten, die Menschen zusammenzubringen“.
Menschen zusammenbringen – an diese Formel klammere ich mich im Folgenden. Denn das heißt ja, wenn es keine bloße Floskel ist: nicht nur in die Gesellschaft zu senden, nicht nur Programme zu entwickeln, die nur Menschen urteilsfähig machen, sondern Gesellschaft zu ermöglichen, ja: herzustellen.
Ich lese hier einen zukunftsweisenden, allerdings auch leicht utopischen Funken.
Denn, was kann das heißen „Menschen zusammen zu bringen“? Nicht nur zu senden, nicht nur Programm für ein Publikum zu machen, sondern „Öffentlichkeit“ herzustellen, im ganz analogen Sinn des Schaffens von Räumen des gemeinsamen Nachdenkens zum Zwecke des Handelns. Nicht für das Publikum senden, sondern Publikum herstellen und Publikum sein zugleich.
Wie kann das geschehen?
An der Stelle kommt der Posthalter Petrat aus Abschwangen, der homo publicus, wieder ins Spiel. Petrat und Immanuel Kant. Denn Abschwangen liegt ja knapp neben Königsberg
Folgen Sie mir also kurz ins Dritte Programm, Abteilung Philosophie.
Publikum, das ist nicht eine Gruppe von Menschen, denen eine Veranstaltung, ein Konzert, ein Vortrag oder ein geboten wird. Publikum ist schon gar nicht der einzelne, der das zu Hause zu sich nimmt. Publikum ist eine Versammlung von Menschen, die miteinander reden, um etwas zu bewirken.
Immanuel Kant: „Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zu Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wenn man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. (…) Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja, es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden immer einige Selbstdenkende, … welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Wertes und des Berufs, jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten.“
Soweit Immanuel Kant. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Menschen miteinander reden. In den analogen Medien geschieht es nur stellvertretend, gleichsam auf der Bühne, und im Internet gestört durch die „wüsten Geräusche“ aus der Nachbarkachel, durch den Algorithmus, der das Rederecht und das Gehör auf eine viel brutalere Weise vergibt, als es ein Moderator könnte.
Die Plattformen der Zerstreuung und der wahrheitsunempfänglichen Distribution und die Kanäle, die die Menschen durch Überfütterung zum Schweigen bringen, kann man nicht auf ihnen selbst bekämpfen, sondern nur, wenn man das Terrain wechselt.  Und das heißt: mit der Demokratie und der Öffentlichkeit wieder ganz unten anfangen, in dem man sehr analoge, sehr physische, sehr dauerhafte Räume für Publikum im Kantischen Sinne schafft.
Und dazu muss ich zumindest einen partiellen Exodus aus dem Funkhaus betreiben. Das erweitert den Beruf des Journalisten zum, nennen wir es versuchsweise: Öffentlichkeitsarbeiter.
Ein Beispiel nur: Der Hessische Rundfunk hat in einem sehr sehenswerten Projekt, „Was bewegt Dich, Hessen?“ Vor einigen Jahren 40 repräsentativ ausgewählte Bürger ein ganzes Wochenende lang in einem Studio über Themen wie Migration, politische Unzufriedenheit, soziale Härten diskutieren lassen. Menschen, die sehr weit auseinander lagen, in Herkunft und Überzeugung. Darüber gab es eine Dokumentation, und es ist erstaunlich, mit welchem Ausmaß an Disziplin, Zuwendung, Bereitschaft, zu hören und Fähigkeit zu reden, mit wieviel praktischem und theoretischem Wissen, auch mit Konfliktfähigkeit diese Zufallsbürger, mit unterschiedlichen Berufen und Bildungswelten, in Kontakt traten, sich austauschten, Meinungen änderten oder beharrlich vertraten, und offensichtlich Lust bekamen, „Publikum“ zu sein. Solche Situationen herzustellen, nicht nur punktuell und als Ausnahme, das wäre die Aufgabe einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, die sich als Institution zur Herstellung von Gesellschaft versteht. Dieser Weg führt nach draußen. In Hessen folgte die erste Pop-Up-Redaktion. Also nicht nur, dass ein Ü-Wagen für eine Drei-Stunden-Sendung irgendwo hinfährt, sondern für drei Wochen eine Redaktion öffnen, in einem Laden in Friedberg. 
Exodus also. Aktivierung der Spezialisten in der Komfortzone der wunderbaren, vielleicht zu groß gewachsenen und etwas zu schwerfällig gewordenen Funkhäuser und der Journalisten, Künstler, Musiker, Techniker in den Anstalten. Exodus, Umnutzen, Umfunktionieren.
Ausweitung des „public value“, der öffentlichen Dienstleistung. Den Nutzen diversifizieren über die Ratgebersendungen hinaus, mit Funktionen, die der Kommerzfunk nicht bieten kann.
Das alte Radio kannte in seiner Geschichte viele solche Funktionen, die neu zu erfinden wären: den Suchdienst nach dem Krieg, den Schulfunk, das Funkkolleg, aber auch, wenn man ans Fernsehen denkt, die frühen Jahre von „Wetten-Dass“, in denen nicht nur aberwitzige Höchstleistungen prämiert wurden, sondern Städte zu Wettbewerben gegeneinander antraten. Das kann schon in seiner harmlosen Form gemeinschaftsbildend sein, umso mehr, wenn man etwa Freiburg gegen Göttingen im Stromsparen antreten ließe. Es lässt sich da vieles denken. Etwa – das wäre eine Wohltat nicht nur für Forscher und Lehrer - die weitgehende Öffnung der ungeheuren Schatzkammern in den Archiven der Rundfunkanstalten für die private Nutzung. Hier könnte auf einen Schlag, zumal, wenn man es entsprechend kommuniziert, der große Nutzen des Rundfunks für das Selbstbewusstsein der Nation herausgestellt werden.
Dann: Medienerziehung. Auch wieder so ein schlimmes Wort. Weil es nach Ermahnen und verbieten und lenken klingt. Wie man es lehrt, sich in den Irrgärten des Internets zu bewegen, der Suggestivität der Chatbots zu widerstehen und zu finden, was man sucht; und weiter: zu erfahren, was man alles suchen könnte, von dem man noch nichts weiß; in der weiten virtuellen Welt zu leben, ohne die Orientierung oder den Verstand zu verlieren - selbst gute Lehrer sind damit auch überfordert. Wie wäre es mit der Ausbildung von Barfußberatern aus Anstalten, die mit der Glaubwürdigkeit der Profis das Suchen, und das Prompten und das Produzieren lehren könnten? Demnächst werden ja viele Planstellen frei, weil aus Qualitätsgründen Wellen eingespart werden. Die Bundeswehr schickt Jugendoffiziere in die Schulen; für 10 % des ARD-Haushalts, sagt mir mein Taschenrechner, könnte man in jeder Schule des Landes einen Wissensberater etablieren.
Aber ich gebe zu, jetzt hebe ich ab.
Nur eins noch: es gibt 67 oder so ungefähr Wellen, in Deutschland. Davon sind vielleicht zehn, was man so „anspruchsvoll“ nennen würde, und darunter sind viele mehr oder weniger populäre, mehr oder weniger plappernde Wellen. Auch die sollen sein, schon wegen der regionalen Orientierung. Aber was fehlt, ist eine Art nationaler Schwarzbrotsender. Ein, wenn Sie so wollen, klassisches Radio, bei dem politische Information, kluge Analyse, Lebenshilfe mit Tiefgang, und Unterhaltung auf einer mittleren Ebene zwischen intellektuellen Höchstleistungen und allzu Volkstümlichem zusammenkommen. Ein nationaler Sender, der eine eigene Sprache entwickelt, das wäre eine ebenso journalistische wie ästhetische Herausforderung, könnte aber gerade in Zeiten von der Desorganisation und Zerrissenheit eine große Rolle spielen. Ob die neuen Landessender oder das Deutschlandradio sich auf so etwas, ihnen gegenüber autonomes, einigen könnten? 
Jeder Aufbruch heißt auch, dass man Dinge zurücklassen muss, Gewohnheiten verändern, mit neuem Material und neuen Menschen umgehen lernen. Den Ausbau der öffentlichen Funktionen balancieren und finanzieren durch die Aufgabe von Positionen, das ist eine gefährliche Phase. Aber auch hier gilt: wer zuerst kommt, besetzt die besten Plätze.
Und wo wären die Akteure?
Nun, bei all dem Gerangel zwischen Politikern, ARD-Mächtigen und Rundfunkräten kommt eine Gruppe über die Jahrzehnte kaum vor als Akteur: die Produzenten selbst, die Redakteure und Redakteurinnen. Es gibt nur schwache Redaktionsstatuten und das nicht überall. Redakteursausschüsse haben kaum eine Möglichkeit, sich im Rundfunkrat hörbar zu machen. Vor allem aber: die Leidenschaft für Mitbestimmung ist gering. Vielleicht könnten wirkliche Einwirkungsmöglichkeiten sie wecken. Und die Forderung läge eigentlich nahe: Um bei der Versorgung mit notwendigen Gütern das Gewinnstreben und das allgemeine Interesse zu balancieren, wurde nach dem Krieg die Montanmitbestimmung eingeführt. 50 Prozent der Aufsichtsräte stellen dort die unmittelbaren Produzenten oder ihre Vertreter. Sollte nun nicht die Produktion von „jener Art von Energie …, ohne deren Zufluss Störungen auftreten, die den demokratischen Staat selbst beschädigen“ (wie Jürgen Habermas formulierte) ebenso gegen Partialinteressen gesichert werden? Warum also nicht den Redakteuren und Journalistinnen eine starke Position in den Rundfunkräten geben? Es würde die Kompetenz der Räte heben, die Intendanten gegenüber der Politik stärken, und die Medienkontrolle den Verbandseliten entwinden. Es wäre auch der Anfang eines Dialogs zwischen den Radiomacherinnen und Fernsehschaffenden und ihren Mitbürgern. Das klingt angesichts der Kräfteverhältnisse utopisch, aber wer das Radio retten will, sollte nicht zu wenig fordern. Große Probleme erfordern große Lösungen.
Und die Redakteurinnen und Redakteure haben eigentlich keinen Grund, ängstlich zu sein.