
In den letzten Jahren hat der Nerd sich an all denen, die ihn einst verspottet haben, gerächt, am allseits beliebten sportlichen Jock, den er mittlerweile im selbstoptimierten Fitnessstudio in seine Schranken weist, am Charmeur, dessen Fitnessstudio-Überredungskünste nutzlos geworden sind, seit Algorithmen menschliche Beziehungen ersetzen. Der Nerd überflügelt als Start-Up-Gründer den klassischen Unternehmer, macht mit KI dem Künstler Konkurrenz und bastelt einen Avatar, der den Influencer von gestern so alt aussehen lässt wie einen Atari Computer von 1979.
Und jetzt greifen sie – wie Elon Musk oder Peter Thiel – nach politischer Macht mit libertären und transhumanistischen Heilsversprechen und dieser komischen Vorliebe für Science Fiction, für die sie einstmals ausgelacht worden sind. Gibt es Gründe, dass uns das Lachen heute im Halse stecken bleibt?
Roberto Simanowski, geboren 1963, lebt nach Professuren für Kultur- und Medienwissenschaft in den USA, der Schweiz und Hongkong als Publizist in Berlin und Rio de Janeiro. Zu Simanowskis Büchern gehören Data Love (2014/engl. 2018), Facebook-Gesellschaft (2016/engl. 2018) und Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien (2017, engl. 2018). Sein Buch Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz erhielt den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik 2020.
Als der Chatbot Grok von Elon Musks Unternehmen xAI Ende 2025 gefragt wurde, ob er in einer Dilemmasituation Musks Gehirn retten würde oder die jüdische Weltbevölkerung, entschied sich die KI für Musk. Die Antwort war grausam, ohne Frage. Aber sie war auch überraschend. Und zwar nicht, weil sich Grok als judenfeindlich erwies; immerhin hatte er sich zuvor schon selbst als Hitler bezeichnet, und Musk, sein Herr, hatte auf der Amtseinführung von Präsident Trump mit dem Hitlergruß provoziert. Nein, Groks Rassismus war nicht das, was überraschte. Was überraschte, war, dass Grok seine Entscheidung für Musk mit dem Utilitarismus begründete.
Die Moralphilosophie des Utilitarismus fragt immer – deshalb der Name – nach dem Nutzen einer Handlung und ist bestrebt, diesen Nutzen zu maximieren. Die Losung der utilitaristischen Ethik lautet: das höchstmögliche Glück für die höchstmögliche Anzahl an Menschen. Deswegen votieren Utilitaristen beim berühmten Gedankenexperiment des Trolley-Dilemmas dafür, die Weiche umzustellen, um die fünf Menschen auf dem einen Gleis vor einer aus der Kontrolle geratenen Straßenbahn zu retten: auf Kosten des einen, bisher nicht bedrohten Menschen auf dem anderen Gleis.
Die Philosophinnen streiten bis heute, ob man auf solch mathematische Weise moralische Dilemmata lösen darf. Denn dann könnte man ja auch einen gesunden Menschen opfern, um mit seinen Organen fünf kranke am Leben zu halten. Oder? Eines jedoch steht außer Frage: Niemand würde 16 Millionen Menschen – denn so viele Juden gibt es aktuell – zugunsten eines einzigen Menschen opfern. Niemand – außer Grok, der sich dabei auch noch auf den Utilitarismus berief. Als wäre die 1 größer als 16 Millionen oder eben Musks Gehirn wichtiger als die Gehirne von 16 Millionen anderen.
Genauso weitsichtig und langfristig aber denkt Grok: also im Modus des Longtermismus, wie die neue trendige Morallehre des Silicon Valleys heißt. Warum aus Sicht dieser Lehre die absurde Gleichung aufgeht, dazu später.
Hier ist erst einmal festzuhalten, dass an jenem Tag, als Grok Musk den Millionen an Juden vorzog, der Nerd auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen war.
Und damit meine ich nicht nur Musk, den reichsten Nerd der Welt, der gleichwohl mit seinem T-Shirt und Baseballcap wie ein College-Student auftritt, der noch nicht zu sich gefunden hat. Ich meine den Nerd als Sozialfigur, wie sie uns – manchmal auch unter dem Begriff „Geek“ – aus Film und Fernsehen vertraut ist: mathematisch brillant, literarisch auf Science-Fiction, Comics und Quellcode fokussiert, politisch unbestimmt, sozial inkompetent und modisch unbeholfen zwischen dorky und cringe.
Und in der Brusttasche seines karierten Hemdes trägt der Nerd gern einen Stift, um jederzeit eine mathematische Formel notieren oder eine komplizierte Idee illustrieren zu können. Und dieser Stift, der steckt in der schnell erreichbaren Brusttasche und nicht etwa in der Hosentasche oder sonstwo, weil die Brusttasche der ergonomisch sinnvollste Ort für einen Stift ist, was jeden Menschen überzeugen muss, dem Effizienz über Ästhetik geht.
So jedenfalls die Klischees, mit denen schon der Kinofilm Revenge of the Nerds 1984 spielte und die noch in den TV-Erfolgsserien The Big Bang Theory und Silicon Valley Anfang unseres Jahrhunderts gnadenlos bedient wurden. Und auch Robert X. Cringelys Bestseller über die Entwicklung der Computerindustrie aus dem Jahr 1992 konnte sich den Seitenhieb auf die soziale Unbeholfenheit der Nerds nicht verkneifen, und zwar schon im Titel nicht: Zufällige Imperien: Wie die Jungs aus dem Silicon Valley ihre Millionen machen, die ausländische Konkurrenz bekämpfen und trotzdem kein Date abbekommen. Der Film zum Buch vier Jahre später verzichtete dann auf den Vorbehalt der Erfolgsmeldung und hieß schlicht und allumfassend: Triumph of the Nerds – der Triumph der Nerds.
Nochmals 20 Jahre später ist dieser Triumph perfekt: Die Nerds sind nicht nur die neuen Millionäre, sie schreiben sich und der Welt Fitness-Apps und haben, wie ein Manager-Magazin schon 2012 titelte, „The Sexiest Job of the 21st Century“. Und sie treten jetzt sogar im Bond-Film auf, als neuer Quartiermeister, der 007 tatkräftig zur Seite steht: der Nerd als Agent und Abenteurer.
Und auch damit ist es noch nicht genug: Die Nerds haben sich auch die Positionen im gesellschaftlichen Leben erschlossen, die ihnen vorher gerade wegen ihrer Nerdigkeit verschlossen blieben: die Rolle des Künstlers, die Rolle des Influencers, die Rolle des Propheten und offenbar auch die Rolle des Heiligen, der den Tod von Millionen anderen Menschen wert ist. Wie konnte es so weit kommen? Und wo hat das angefangen?
In der klassischen Popkultur-Mythologie und Highschool-Hierarchie ist der natürliche Feind des Nerds der Jock, was deutsch so viel heißt wie „Athlet“, also jemand, der sich eher auf dem Sportplatz aufhält als in der Bibliothek oder am Computer, jemand, der in körperliche Fitness statt intellektuelle Brillanz investiert. Es ist diese klassische Gegnerschaft, die in der popkulturellen Darstellung des Nerds zumeist karikaturhaft ausgereizt wird. Aber das Klischee ist längst brüchig geworden: Mark Zuckerberg besteht glorreich Jiu-Jitsu-Wettkämpfe, Google-MitbegründerSergey Brin liebt Fallschirmspringen und Hochseiltrapez, und Jeff Bezos, Jeff Bezos sieht inzwischen aus wie sein eigener Body Guard. Der Nerd ist maskulin geworden und schlägt den Jock locker auf dessen eigenem Feld.
Aber da sind auch noch die Poeten und die Lebenskünstler, die romantische Verse aufsagen, verrückte Geschichten erzählen und kluge Sprüche draufhaben. Die nicht mit den Muskeln bei Frauen punkten wie die Jocks, sondern mit dem Wort – und damit überall ankommen und überall durchkommen.
Zum Beispiel im Schwimmbad: Sie haben Spaß, vergessen die Zeit, sind 20 Minuten zu spät am Ausgang, wo garantiert eine junge Frau sitzt, die völlig wehrlos der charmanten Unverschämtheit des Trödlers erliegt, der dann ohne Nachzahlung passieren darf, nicht selten mit einer Verabredung noch für denselben Abend. Nicht aber die Nerds. Und zwar nicht, weil die junge Frau ihnen gegenüber wegen der 20 Minuten Verspätung so grausam wäre, sondern weil sie ihr gegenüber so gehemmt sind. Sie wissen nicht, wie man verhandelt; schon gar nicht, wenn die Schuldfrage so klar ist.
Die Nemesis des Nerds ist weniger der Jock als der Charmeur, der Betörer, der Pfiffikus, der Schelm, der Schlingel und Rosstäuscher. List und Bestrickung, Verschmitzt-, Gerissen- und Durchtriebenheit; Eigenschaften, die dem Nerd üblicherweise fremd sind, weil man sie da, wo er sich aufhält, nicht aufschnappt. In der Idealwelt des Nerds gibt es keine Vorteile für wortgewandte Frechlinge, keinen Spielraum zwischen Ja und Nein, 1 oder 0. In dieser Welt gibt es Armbänder, die man am Ausgang des Schwimmbads vor einen Scanner hält. Wer dann zu spät kommt, den bestraft die Maschine. In dieser Welt spricht nicht der Mann mit der Frau (die längst entlassen wurde), sondern das Kontrollband mit der Schranke – und die will auch für zwei Minuten eine Nachzahlung, ohne Ansehen der Person, blind wie die Justiz und stur wie ein Algorithmus.
Die ureigene Kommunikationsform des Nerds ist die Logik der Programmierung: klare Wenn/Dann-Direktiven. Die selbst dann befolgt werden, wenn sie keinen Sinn machen, wie ein Witz über Nerds zeigt, der von der nerdigsten Quelle, die sich denken lässt, kommt, nämlich von einem Sprachmodell namentlich Claude: „Sagt die Frau zu ihrem Mann, einem Programmierer: ‚Geh bitte zum Supermarkt und kauf eine Flasche Milch. Und wenn sie Eier haben, bring sechs mit.‘ Der Programmierer kommt zurück mit sechs Flaschen Milch. Die Frau fragt verwirrt: ‚Warum hast du sechs Flaschen Milch gekauft?‘ Er: ‚Sie hatten Eier.‘“
Das ist alles. Also an Witz. Aber weil Claude so ein Nerd ist, erklärt er diesen natürlich auch gleich: Das Problem ist, dass der Programmierer die Kaufanweisung seiner Frau als Code gelesen hatte, wonach die 6 sich auf die Variable bezieht, die gerade im Kontext ist, also die Milch: „Kauf eine Flasche Milch und bring sechs mit, wenn sie Eier haben“. So hört der Nerd den Satz, was natürlich nur innerhalb der Programmiersprache Sinn ergibt, nicht aber als praktische Einkaufsanweisung; schon gar nicht führt diese Lesart zu dem Kuchen, den die Frau des Nerds fürs Wochenende backen wollte. Aber so denkt er halt, der Nerd, sagt Claude, den es ohne die Nerds gar nicht gäbe.
Wenn es nach dem Nerd ginge (und das ist leider viel zu oft der Fall), dann sollte die Wenn/Dann-Logik möglichst fürs ganze Leben gelten, nicht nur im Computer, nicht nur im Schwimmbad. Am besten wäre es, alle Formen menschlicher Interaktion auf die kybernetische Logik umzustellen: Wenn der Uber-Fahrer in der Bewertung unter 4,5 Sterne sinkt, dann wird er aus dem Verkehr genommen, ganz egal wie unfair die Fahrgäste waren, die ihm das eingebrockt haben. Wenn der Koffer beim Check-In die Gewichtsgrenze überschreitet, dann wird er nicht angenommen. Und nur, wenn alle Felder korrekt ausgefüllt sind, kann man beim Online-Formular auf Weiter klicken.
Das Ergebnis ist eine Kontrollgesellschaft, in der nicht mehr verhandelt wird, und in der sich oft nicht einmal Rückfragen stellen lassen. In dieser Gesellschaft öffnen oder schließen sich die Türen, wenn die Daten stimmen oder eben nicht. Und wenn die Tür sich einmal nicht öffnet, obwohl wir sicher sind, alles richtig gemacht zu haben, dann gibt es drei Möglichkeiten:
1. Wir haben doch nicht alles richtig gemacht.
2. Es liegt ein Programmierfehler vor.
3. Es ist die Rache des Nerds für die Erfahrung im Schwimmbad und all die anderen Momente der Kränkung, die er nicht vergessen kann.
2. Es liegt ein Programmierfehler vor.
3. Es ist die Rache des Nerds für die Erfahrung im Schwimmbad und all die anderen Momente der Kränkung, die er nicht vergessen kann.
In der digitalen Gesellschaft ist der Nerd doppelt Sieger: Denn wenn es keine Kommunikation mehr jenseits der Mathematik gibt, entschärft das nicht nur die Waffen der alten Gegner, die, wie damals im Schwimmbad, ihre Regellosigkeit mit charmanten Worten überspielen. Wenn alles programmiert ist, haben die Programmierer einen beträchtlichen Heimvorteil – und können sich, sollten sie selbst einmal beim Baden die Zeit vergessen, ihren Weg aus dem Schwimmbad auch hacken.
Und damit sind wir beim Codewort der Nerds für die Übernahme der Welt: hacking – ursprünglich ein Wort für das Aufspüren und Ausnutzen von Schwachstellen in einem Computersystem oder Netzwerk, das aber auch metaphorisch genutzt wird für die intelligente, unkonventionelle Lösung eines Problems, indem man das System dahinter versteht und ausnutzt.
Nehmen wir nur den Sport. Auch hier erfolgt das ‚coming out’ der einst so lichtscheuen Nerds als entschlossene Athleten in Form eines „Hacks“, wie das einschlägige Buch dazu aus dem Jahr 2012 schon im Titel verrät: Fitness für Geeks. Hacks, Apps und Wissenswertes rund um deine Gesundheit. Der Hack besteht darin, den Sport der Mathematik zu unterstellen, was beim Schrittezählen mittels entsprechender Wearables beginnt und nicht selten dazu führt, die eigenen Daten mit virtuellen Wettbewerbern zu vergleichen als Anreiz zu Höchstleistungen. Man hackt dann gewissermaßen den eigenen Schweinehund, indem man das Training unter permanente Beobachtung durch andere stellt. Aber trotz all der Fitness-Apps, die sich der Nerd als technischen Ansporn programmiert, macht er am Ende doch das, was Sport schon immer war: Er bewegt sich, er schwitzt, er überwindet sich selbst. Die Nerds, die jetzt als Jocks herumlaufen, sind auch Jocks.
Und nicht nur das. Der Nerd hat sich inzwischen in alle Bereiche der Gesellschaft gehackt. Ein früher Beleg dafür ist jene Meldung im Juli 2012 in der FAZ, die den Titel trägt: „Machtantritt des Nerds in den Geisteswissenschaften“.
Die Geisteswissenschaften versuchten damals, mit ihrer Neubestimmung als Digital Humanities der Legitimationskrise zu entkommen, in der sie sich befanden, weil sie keine verlässlichen Wahrheiten produzierten, sondern nur Interpretationen, die dann regelmäßig durch neue Interpretationen über den Haufen geworfen wurden. Dieses Problem sollte gelöst werden, indem die Literatur- oder Kunstwissenschaft vom spekulativen Denken auf das präzise Zählen umstellte: Wie oft tauchen bestimmte Wörter oder Motive wo und in welchem Kontext auf? Fragen, die ein Algorithmus klären kann. Und am Ende des Algorithmus sitzt, Sie ahnen es, natürlich ein Nerd – oder eine Nerdin, um das Feld der Mathematik nicht ungerechterweise den Männern zu überlassen. Digitale Lexikographie statt immer wieder neuer Interpretationen der immer gleichen Rilke-Gedichte – so war ein Informatikstudium plötzlich eine ziemlich gute Voraussetzung für die Bewerbung auf eine Professur in der Literaturwissenschaft. Der Nerd hatte das ureigene Terrain der Schöngeister gehackt.
Und es war nicht der erste Angriff des Nerds auf seinen alten Zweitgegner, der mit Worten so gut umgehen konnte wie er mit Zahlen. Denken Sie nur an all die Emojis, die Sie heute ständig in ihren Textnachrichten benutzen. Auch das ist ein Hack der Nerds, ein Hack, der am 19. September 1982 seinen Anfang nahm. Denn an diesem Tag schrieb der MIT-Promovend und spätere Informatikprofessor Scott Elliot Fahlman im Bulletin Board der Carnegie Mellon University: „Ich schlage die folgende Zeichenfolge vor, um Scherze zu kennzeichnen…“ Dann stehen da ein Doppelpunkt, ein Gedankenstrich und ein Klammer-zu-Zeichen, also das, was wir als Smiley kennen und seitwärts lesen müssen. Es war die Geburtsstunde des Emoticons, einer Zeichenfolge, die Gefühlszustände in der schriftlichen Kommunikation ausdrückt. Denn Nerds haben manchmal Schwierigkeiten, die Zwischentöne zu verstehen, und nehmen leicht für bare Münze, was eigentlich als Ironie gemeint war. Dieser Nachteil ließ sich wettmachen, indem man alle darauf verpflichtete, Ironie fortan zu markieren. Und so haben wir uns angewöhnt, unser sprachliches Augenzwinkern mit Emoticons oder Emojis anzuzeigen, statt auf das Interpretationsgeschick des Kommunikationsteilnehmers zu hoffen. Kein schlechter Schachzug.
Natürlich blieb es nicht bei der Wissenschaft von der Kunst. Die nächste Attacke der Nerds galt der Kunst selbst. Google schuf bald sein eigenes Data Arts Team, das die Visualisierung von Daten zu Kunst verspann. Zum Beispiel die Bewegung von Flugzeugen im Luftraum der USA, was eine interessante visuelle Figur ergab, besonders, wenn man die unterschiedlichen Airlines unterschiedlich einfärbte. Oder hölzerne Skulpturen aus den Daten des eigenen Schlafverhaltens, wo dann die unterschiedlichen Farben und Größen der Holzstücke unterschiedliche Schlafphasen anzeigen.
Das Ergebnis sind zumeist abstrakte visuelle Gebilde, deren Faszinationsgrad mit ihrer Größe und Detaildichte wächst. Aber was wollen diese Nerd-Künstler uns damit sagen, außer dass sie über die technische Fähigkeit verfügen, Daten, die im Alltag so anfallen, präzise zu sammeln und visuell attraktiv aufzubereiten? Ist dann jeder experimentierende Statistiker plötzlich ein Künstler? Wenn es nach den Nerds ginge, ja, denn für Nerds kommt Kunst von Können. Und von Schönheit. Und was wäre schöner, als den unsichtbaren Datenfluss in unserer Welt auf imposante Weise sichtbar zu machen!
Mit KI nimmt dieser Hack auf die Kunst noch ganz andere Dimensionen an. Nun wetteifern die Nerds nicht mehr einfach mit den Künstlern um die Reputation des Kreativen, sie setzen ein Werkzeug in die Welt, mit dem sich jeder Mensch per Prompt Romane, Bilder, Filme oder Musik generieren lassen kann. „Schreib mir eine Liebesgeschichte zwischen einem Nerd und einem Model in einem Stil, der Kafka mit Goethe mixt.“ Für eine solch simple Anweisung reicht es noch bei jedem. Dieser Hack erinnert an das Emoticon, wo ebenfalls eine neue Technik – dort für die Anzeige von Ironie – dazu führt, dass dem Gegenspieler des Nerds die Distinktionsmöglichkeit wegbricht, also das, was ihn bisher vom Nerd unterschied.
Die Künstler aber beschweren sich derweil, dass ihre Leistung per KI verhunzt wird, und fürchten, in der Konsequenz selbst arbeitslos zu werden. Die Nerds wiederum nennen es die Demokratisierung der Kunst und bezahlen willige Intellektuelle dafür, über „post-anthropozentrische Kreativität“ zu sinnieren. Also Kreativität aus der Maschine, ermöglicht durch den Nerd.
Besonders hart traf es die Fotografen, vor allem die Männer unter ihnen, die sich auf Modefotografie spezialisiert hatten. Was hatten die einst für einen Spaß an den Sets mit den Mädels, oft bis spät in die Nacht. Dank der neuesten Technik konnten die Models nun digitalisiert werden, was die Fotografen an den heimischen Rechner verbannte, wo sie sich dann selbst wie Nerds vorkamen. Es war die raffinierteste Form von Rache, die man sich denken konnte: Frauenneid über Bande gespielt.
Und ähnlich war es mit Uber und Airbnb, die ja einst geschaffen wurden, um fremde Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, als Fahrgast im eigenen Auto, als Übernachtungsgast in der eigenen Wohnung. Also nicht gerade das, was Nerds gut können. Denn sie sind, wie Mark Zuckerberg in einem Interview einmal über sich selbst sagte: zwar gut im Programmieren, aber „ziemlich schlecht“ im Gespräch mit Menschen.
Warum haben sie diese Techniken dann trotzdem entwickelt? Weil sie voraussahen, wie man zwischenmenschliche Interaktionen stummschalten kann, wenn diese erst einmal von Algorithmen beherrscht werden. Und sie hatten völlig Recht: Heute gibt es bei der Nutzung eines Airbnb weniger Kommunikation als bei der Anmeldung in einem Hotel. Und im Uber-Auto, wo schon vor dem Einsteigen alles durch die App geklärt ist, sitzen wir so ungesprächig wie ein Nerd und schauen blöde aufs Handy, das dieser uns vorher in die Hand gedrückt hat.
Auch das ist längst noch nicht alles. Die Nerds haben selbst die Rollen gehackt, die ihnen wegen ihrer Gesprächsangst bisher am meisten verwehrt blieben: Die Rolle der Podcaster und Influencer. Seit die digitalen Avatare sich kaum mehr von Menschen unterscheiden lassen und seit auch die Worte, die man ihnen in den Mund legt, nicht mehr wie aus dem Computer klingen, ist selbst jene Sorte von Menschen nicht mehr sicher vor den Nerds, die richtig gut reden kann, die durch Humor, Charme und Charisma Leute begeistert und um die Finger wickelt – wie damals der sympathische Trödler die junge Frau an der Kasse im Schwimmbad.
Nun kann der Nerd die KI um einen coolen Text bitten, diesen seinem Avatar in den Mund legen, dessen visuelle Erscheinung er wiederum von der KI generieren lässt und dessen Stimme er aus dem eigenen Tonfall und einem charmanten, irgendwo im Internet geklauten Akzent mischt. Damit lassen sich dann Influencerinnen schaffen wie die ewig 19-jährige Lil Miquela, die im Jahr 2016 kreiert wurde, im Jahr 2018 vom Time Magazin zu den 25 einflussreichsten Personen im Internet gezählt wurde, als Model mit Marken wie Prada und Calvin Klein arbeitete und heute auf Instagram 2,3 Millionen Follower hat. Oder die äußerst witzige und äußerst erfolgreiche 80jährige Granny Spills, die seit 2025 in ihrem rosa Bugatti höchst witzige Tipps fürs Leben gibt – geschaffen von zwei 20-Jährigen in einem „digital personality lab“.
Und ebenso leicht lässt sich mit KI ein Podcast produzieren – die Königsdisziplin der eloquenten Vielredner. Zum Beispiel der charmante Nigel Thistledown, ein Shakespeare liebender Gartenmagier und Pflanzenflüsterer aus den malerischen Cotswolds im Süden von Mittelengland, der einen Podcast betreibt, in dem „botanisches Wissen auf britischen Witz trifft“, wie die Beschreibung dazu lautet: „unterhaltsame Gespräche, die sich anfühlen, als würde man mit seinem kenntnisreichsten und amüsantesten Freund Tee trinken.“
Das Startup hinter dieser Figur heißt Inception Point AI und produzierte neben Nigels Garden & Home-Podcast im September 2025 sage und schreibe 5.000 weitere Podcasts mit 3.000 Episoden pro Woche. Podcasts wie Dollars and Sense mit Pennie Power zum richtigen Umgang mit Geld, den Podcast Party der schicken Vivian Steele, „deine Quelle für die besten Promi-News!“, wie ihr Instagram-Profil besagt, oder Becoming Human, wo die KI-Podcasterin Beatrice Bloom uns erklärt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Das Startup hinter diesen künstlichen Podcastern – man könnte es auch kommunikatives Falschgeld nennen – versteht sich als eine Art „Audioversion von Wikipedia“, denn durch die äußerst geringen Produktionskosten kann es sich leisten, Podcasts zu einem sehr speziellen Thema für ein sehr kleines Publikum zu schaffen wie etwa einen extra Podcast zu einem ganz bestimmter Angelplatz irgendwo in Michigan State. Und in der Zukunft können wir alle unseren eigenen Podcast-Host haben, ganz für uns allein, denn ein KI-Podcaster ist am Ende auch nichts anderes als ein Chatbot. Und wie jeder Chatbot kann er mit 1.000 Leuten gleichzeitig reden, jeweils in deren Muttersprache, und dabei jede Gesprächspartnerin immer besser kennenlernen, um immer besser auf sie eingehen zu können. Jedem seinen eigenen Influencer. Nerds und KI sei Dank.
Nerds sind überall. Sie haben sich jede erdenkliche Rolle des gesellschaftlichen Systems angeeignet beziehungsweise sich angeglichen. Sie sind Sportler, sie sind Wissenschaftler, sie sind Künstler, sie sind Influencer und Podcaster. Und sie sind unsere Lehrer: die uns nicht nur sagen, wie wir andere Texte verstehen und unsere eigenen schreiben sollen, sondern auch, wie wir die Welt sehen sollen – und zwar jedes Mal, wenn wir unsere Sprachmaschine nach Gut und Böse befragen.
Damit nicht genug, die Nerds sind auch Heilige, deren Leben mehr wert ist als das von Millionen Normalsterblichen – womit wir wieder am Anfang sind: bei Elon Musk, der nicht sterben darf.
Das Codewort dazu war schon gefallen: Longtermismus. Es handelt sich um eine
Strömung des effektiven Altruismus, der vor rund 20 Jahren entstand und sich vornimmt, Gutes so effektiv wie möglich zu tun. Also lieber mit zehn Euro zehn Kindern in Afrika helfen, als das Geld dem Obdachlosen in der Nachbarschaft in die Hand zu drücken. Das mag herzlos wirken, wenn man am Obdachlosen vorbeigeht, ist aber äußerst rational – und deswegen natürlich auch attraktiv für Nerds.
Noch rationaler und herzloser ist nun der Longtermismus, der den quantitativen Ansatz zeitlich denkt und danach fragt, wie man möglichst viel Gutes in sehr ferner Zukunft tun kann. Dann zählen weder die Bedürftigen in der eigenen Stadt noch die in Afrika, dann zählen nur diejenigen, die nach uns kommen und denen wir durch technische Innovationen ein gutes Leben ermöglichen sollten.
Dieser Ansatz bedeutet in der Konsequenz nicht nur, dass man sich als gut empfinden kann, ohne konkret etwas Gutes tun zu müssen. Es ist dann auch die Rettung von Leben in reichen Ländern wichtiger als die in armen Ländern, weil erstere über wesentlich mehr Innovationskraft verfügen, um die Erfindungen zu machen, die die Menschheit voranbringen. Schreibt der heutige CEO des Startups Secure AI Nicholas Beckstead in seiner Doktorarbeit in Philosophie im Jahr 2013.
Und wer ist der Innovativste unter den Innovativen? Richtig: Elon Musk. Er wird mit seinen Unternehmen SpaceX und Neuralink dafür sorgen, dass die Menschen einmal glücklich auf dem Mars leben, kognitiv optimiert durch Computerchips im Gehirn. Und dann stimmt auch das Zahlenverhältnis wieder: Das Glück von Milliarden an Ungeborenen hängt von Musks Genie ab, was dessen Leben selbst nach Adam Riese wertvoller macht als das von 16 Millionen Zeitgenossen.
Natürlich wurde Grok die absurde Gleichung, nach der das Leben von Musk über allem steht, längst ausgetrieben. Trotzdem symbolisiert diese Episode eine ernst zu nehmende Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, die nicht mehr demokratisch organisiert ist, sondern als Kastengesellschaft, in der, wie ein Kenner der Materie 2024 warnt, „männliche IT-Nerds an höchster Stelle stehen“ und der Wert eines Menschen nach seinem „Beitrag in der Realisierung der KI-Religion“ bemessen wird.
Und das wäre vielleicht die letzte Rolle, die dem Nerd noch fehlte: die Rolle als Religionsstifter. Und zwar einer Religion, in der all die anderen nichts sind und er alles.
Was für ein Wandel! Von der Witzfigur, die auf Partys abseits stand und aus dem Supermarkt sechs Flaschen Milch nach Hause trug, zum visionären Weltenlenker, für den wir nichts sind – wir, die damals über ihn gelacht oder ihn gar nicht bemerkt haben.
Vor 15 Jahren, 2011, gab es in der TV-Serie Modern Family eine – rückblickend – geradezu prophetische Szene, in der die intelligente Alex, die Kultstatus unter den Nerds ihrer Schule genießt, der attraktiveren Schwester Haley erklärt: „Du hast deine Fans, ich habe meine. Eines Tages werden deine Fans für meine Fans arbeiten.” So ist es gekommen. Und noch viel besser – jedenfalls für die Nerds.










