Mittwoch, 06. Juli 2022

Kölner Kongress 2022
Die Glut-Theorie der politischen Debatte

Dirk von Gehlen ist Autor des Buches „Meme“. Und memeistische Erzählungen, einstmals Internet-Witzchen, spielen eine große Rolle bei Debatten im heutigen digitalen Leben. Wie memetische Muster den öffentlichen Diskurs bestimmen, darüber hat der Autor beim Kölner Kongress 2022 einen Vortrag gehalten, den wir in Essay und Diskurs noch einmal präsentieren.

Von Dirk von Gehlen | 26.05.2022

Eine Fotomontage zeigt Mark Zuckerberg als Star Trek Crew-Mitglied vor dem US-Kongress.
Das Netz lacht über Mark Zuckerberg als Star Trek Crew-Mitglied. (Twitter-Fotomontage von Manolete John Cardia (@MJGarciaKCMO))
Welche Erzählung von „Debatte“ bestimmt unsere Vorstellung von politischer Entscheidungsfindung? Ist die Gesellschaft gespalten? Erleben wir eine immer heftigere Polarisierung der politischen Auseinandersetzung? Die Digitalisierung der Kommunikation hat nicht nur neue Verbreitungswege und -räume eröffnet, sondern auch eine memetische Erzählung der Debatte populär werden lassen.
Dirk von Gehlen zeigt auf, wie Muster aus einem Wettstreit der Ideen einen Kampf der Identität gemacht haben. In einem solchen Umfeld „mehr Information“ oder „bessere wissenschaftliche Aufklärung“ zu fordern, gleicht für ihn der Brandbeschleunigung, dem Pusten in glühende Kohlen: Es facht trotz bester Absicht die Flammen neu an, führt aber nicht zu einer konstruktiven Lösung. Um in Zeiten gesellschaftlicher Überforderung und medialer Erregung Ansätze lösungsorientierter Sprechsituationen zu erreichen, müsse man diese memetischen Muster verstehen und daraus Schlüsse ziehen.
Das Buch „Meme. Digitale Bildkulturen“ ist im Wagenbach Verlag erscheinen. Dirk von Gehlen, geboren 1975, versteht das Internet als Heimat. Der Journalist arbeitet als „Director Think Tank“ am SZ-Institut und begleitet den digitalen Wandel in Vorträgen und zahlreichen Büchern. Bei Essay und Diskurs stellte er zuletzt eine Philosophie des Shruggie-Emoticons als das Pragmatismus-Prinzip vor.
Der vielleicht schönste Beginn für eine Erzählung lautet „Es war einmal“. Was für eine herrliche Einladung, sich zurückzulehnen und es sich in einer Geschichte bequem zu machen wie in einem weichen Sofa. „Es war einmal“ erzählt von einer abgeschlossenen Handlung, verspricht Spannung, ohne das Publikum zu fordern. Zumindest die Erzählstimme kennt das Ende der Erzählung, die allein deshalb ja irgendwie gut ausgegangen sein muss, weil sonst die Stimme nicht mehr zu hören wäre. „Es war einmal“ verspricht ein gelerntes Märchenmuster, das vertraut ist und beruhigt, selbst wenn der Inhalt der Geschichte gar nicht stimmt. „Es war einmal“ hört man zum Beispiel sehr gerne, wenn es um die Güte der politischen Debatte geht. Diese sei früher viel besser gewesen, die Zeit der stilvollen Auseinandersetzung sei vorbei. Schuld trage das Internet, das die Diskussionskultur nicht nur in diesem Land auf dem Gewissen habe.

Wer 'Es war einmal' sagt, will nicht gestalten, sondern Märchen erzählen.

Journalist und Autor Dirk von Gehlen
Das Muster von „Es war einmal“-Erzählungen ist sehr beliebt in diesem Land. Es überhöht die Vergangenheit und richtet Vorwürfe an die Gegenwart. Wer „Es war einmal“ sagt, will nicht gestalten, sondern Märchen erzählen. Um zu verstehen, welche Muster die Gegenwart bestimmen, ist „Es war einmal“ selten hilfreich. Viel besser ist es, sich intensiver mit einem der bedeutsamsten Muster der Gegenwart zu befassen: Das Internet und die damit verbundene Demokratisierung der Publikationsmittel haben ein Ökosystem geschaffen, das wir immer noch nicht voll verstehen.

Mehr als lustige Web-Bildchen

Die wichtigste Muster-Vorlage hier sind Memes, jene aus dem Internet bekannten Inhalte, die mal als Bild, mal als Video und stets als eine Art Running Gag daherkommen. Memes sind aber mehr als lustige Web-Bildchen. Sie helfen uns zu verstehen, warum wir uns zum Beispiel so schwer damit tun, digitale Debatten konstruktiv zu führen. Sie sind zu einem zentralen Erzählmuster der Gegenwart geworden, über das Identität und Gruppenzugehörigkeit verhandelt wird – und das eben auch die angeblich so schlechte politische Debatte bestimmt. Und das ist hier gar nicht inhaltlich gemeint, sondern rein formal.
Meme funktionieren wie ein Grill mit glühender Kohle. Wer in die Glut pustet, tut alles andere, als diese zu löschen. Mit diesem Bild ist eine äußerst beliebte Reaktion auf die neuen Erzählmuster der Gegenwart beschrieben, die im Versuch die Glut zu besiegen, diese immer und immer wieder neu anfacht. Deshalb heißt diese Geschichte „Die Glut-Theorie der politischen Debatte“. Aber eins nach dem anderen, denn eine gute Geschichte braucht nicht nur einen tauglichen Einstieg, sondern vor allem eine gute Dramaturgie.

Alles liegt im Erzählen

Alles liegt im Erzählen. Geschichten sind Kompass und Architektur, wir orientieren uns an ihnen, wir bauen unseren Glauben und unser Gefängnis aus ihnen, und ohne Geschichte zu sein hieße, sich in der ungeheuren Weite der Welt zu verlieren. Wir denken, wir erzählen Geschichten, aber häufig erzählen die Geschichten uns, erzählen uns, wen wir lieben und wen wir hassen sollen, ob wir sehen oder blind sein sollen. Häufig, zu häufig, zäumen uns Geschichten, reiten uns, peitschen uns vorwärts, treiben uns zu etwas, das wir dann unhinterfragt tun. Die Aufgabe, Freiheit zu erlernen, erfordert es zu lernen, Geschichten zuzuhören, sie zu befragen, innezuhalten und selbst zum Erzähler zu werden.

Essayistin und Erzählerin Rebecca Solnit
Mit diesen Worten beginnt die amerikanische Essayistin und Erzählerin Rebecca Solnit ihr Buch "Aus der nahen Ferne", das Autobiografie ist und eine Betrachtung über Erzählmuster und deren Bedeutung für die menschliche Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Deshalb ist es wichtig, der Frage nachzugehen, woher unsere Erzählungen kommen – und welche Muster sie bestimmen. Das gilt nicht nur auf der privaten, biografischen Ebene, es bestimmt auch das Bild, das wir von der Gesellschaft haben und von der Art, wie politische Fragen auf gesellschaftlicher Ebene verhandelt werden. Um in die Rolle des Erzählers oder der Erzählerin zu gelangen, ist es nötig, die Erzählmuster zu verstehen, die unsere Bilder und Vorstellungen, aber auch Reaktionen und Interaktionen bestimmen. Es ist wichtig, schreibt Solnit, „zu lernen, Geschichten zuzuhören, sie zu befragen, innezuhalten“.

Memes erzählen Geschichten

Viele Geschichten der Gegenwart sind Meme. Wir sollten lernen, ihnen zuzuhören, sie zu befragen und innezuhalten. Die israelische Wissenschaftlerin Limor Shifman hat Meme definiert als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten, durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden“. Dabei bezieht sich diese Definition nicht nur auf lustige Videoclips oder häufig referenzierte Internet-Witzchen. Shifman benennt drei Kriterien, um die Gruppe von digitalen Inhaltseinheiten als Meme zu beschreiben.
  • Erstens weisen sie gemeinsame Eigenschaften im Inhalt, in der Form und/oder der Haltung auf.
  • Zweitens werden sie „in bewusster Auseinandersetzung mit anderen Memen erzeugt“.
  • Und drittens müssen sie „von vielen Usern über das Internet verbreitet, imitiert und/oder transformiert“ werden.
Prägenden Charakter für die eigene kulturelle und politische Identität haben diese digitalen Inhaltseinheiten übrigens besonders dann, wenn sie von Außenstehenden nicht sofort verstanden werden.

"Harlem Shake" - das Meme als Protestform

Vielleicht erkennen Sie den Sound des Harlem Shake? Mit dem Song „Harlem Shake“ des amerikanischen DJs Harry Rodrigues, bekannt als Baauer, hat 2012 alles angefangen. Menschen filmten sich zu diesem Sound in unterschiedlichen Situationen wild zappelnd und stellten das Ergebnis ins Internet. Der Song führt besonders anschaulich vor Augen und Ohren, dass Widerspruch in der Welt der Meme kein Problem, sondern zentraler Antrieb ist: Bei manchen Netzbesuchern erzeugte der Harlem Shake-Hype ein massives Unverständnis, bei den Teilnehmenden am Harlem Shake aber gerade deshalb eine besonders enge Verbindung, etwa: „Wir verstehen etwas, was die anderen verwirrt. Deshalb sind wir eine Gruppe – und die anderen außen vor.“
Harlem Shake im polnischen Stettin
Harlem Shake im polnischen Stettin (dpa / picture alliance / Marcin Bielecki)
Genau dieses Motto treibt den Harlem Shake und zahlreiche weitere Meme an. Die Distinktion, die Unterscheidung oder Abgrenzung von anderen, die früher zum Beispiel aus Bildung, Status oder Besitz entstand, formt sich hier aus dem Unverständnis der Anderen, aus dem Kopfschütteln derjenigen, die Meme nicht verstehen. Es funktioniert wie ein Codewort in einem Geheimbund, das nur dann Sinn ergibt, wenn andere es nicht kennen.

Polarisierung, Popularisierung, Personalisierung und Prozess

Zurück zur Glut-Theorie der politischen Debatte. Das Internet hat uns nicht nur soziale Netzwerke gebracht, sondern damit auch memetische Erzählmuster, die es sich zu analysieren lohnt und zu verstehen, wie digitaler Diskurs funktioniert – und auch außerhalb des Netzes wirkt. Vier grundlegende Entwicklungen lassen sich mit diesen P-Begriffe benennen: Polarisierung, Popularisierung, Personalisierung und Prozess. Sie beschreiben Entwicklungslinien, die schon im Umgang mit Internet-Witzchen zu beobachten waren – und mittlerweile weite Teile der öffentlichen Debatte bestimmen.
Polarisierung beschreibt die Tendenz, Antworten auf vermeintlich bedeutsame Fragen stets in ein Pro-&Contra-Muster zu pressen. Damit wird suggeriert, es gebe Lösungen innerhalb eines einfachen Schwarz-Weiß-Systems, in dem sich jede und jeder eine Seite aussuchen kann.
Daraus ergibt sich (zweitens) eine Form der Popularisierung, die Fragestellungen nicht nur vereinfacht, sondern durch die Personalisierung im nächsten (dritten) Schritt zudem den Eindruck erweckt, die Handlung jedes und jeder Einzelnen sei von hoher politischer Bedeutung. Aus dem Anspruch, das Private sei politisch, ist ein verdrehter Politikbegriff geworden, der beispielsweise die privaten Konsumentscheidungen von Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern in politischen Ämtern wichtiger findet als zum Beispiel deren Abstimmungsverhalten im Parlament.

Vormals private Entscheidungen über zum Beispiel die Raumtemperatur im eigenen Wohnzimmer werden mit derzeit verbreiteten Slogans wie „Frieren für den Frieden“ in einen vermeintlich weltpolitischen Zusammenhang gesetzt.

Journalist und Autor Dirk von Gehlen
Doch diese Form der Personalisierung macht nicht vor Politikerinnen und Politikern halt, sie überträgt sich auch auf alle, die mit dem Internet verbunden sind: Vormals private Entscheidungen über zum Beispiel die Raumtemperatur im eigenen Wohnzimmer werden mit derzeit verbreiteten Slogans wie „Frieren für den Frieden“ in einen vermeintlich weltpolitischen Zusammenhang gesetzt, der vielleicht in Bezug auf russisches Gas und Öl besteht, aber sicher viel zu hoch gehängt wird. Ganz so, als könnten langfristige Liefervereinbarungen durch die individuelle Heizentscheidung eines Haushalts grundlegend verändert werden.
Aber Meinungslosigkeit ist in dieser Form der politischen Debatte keine Option. Jede und jeder soll sich positionieren und dies auch öffentlich kundtun. Denn stärker noch als früher wird die öffentliche Debatte zum Prozess. Die Reaktion, der Widerspruch oder die Empörung kommen nicht mehr im Anschluss, sie sind von Beginn an mitgedacht.
Die US-amerikanische Kommunikations- und Rhetorik-Forscherin Whitney Phillips hat diesen prozesshaften Charakter der digitalen Öffentlichkeit in Bezug auf Hasskampagnen im Internet so beschrieben:

Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.

Kommunikations- und Rhetorik-Forscherin Whitney Phillips
Wie kann es gelingen, in Bezug auf diesen Kreislauf, dem von Rebecca Solnit formulierten Anspruch gerecht zu werden, „zu lernen, Geschichten zuzuhören, sie zu befragen und innezuhalten“? Es scheint, der wichtigste Punkt liegt im Aspekt des Innehaltens und des Verstehens der besonderen Bedingungen im Ökosystem Internet. Das ist in jedem Fall hilfreicher als in die eine Perspektive zu verfallen, die die Geschichte der öffentlichen Debatte als eine des permanenten Niedergangs erzählt.

Im 21. Jahrhundert kommen die Stimmen in Nischen zu Wort

Das Bild der politischen Debatte in Deutschland speist sich aus Ansichten und Perspektiven des 20. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der klassischen Massenmedien. „Es war einmal“. Statt in überlegten Dokumentationen liefert das 21. Medien-Jahrhundert alle Erlebnisse in Echtzeit. Nicht nur die Geschehnisse, sondern gleich auch ihre Einordnungen und Beurteilungen. Neben dieser Beschleunigung unterscheidet sich das 21. Jahrhundert von seinem Vorgänger aber vor allem in der medialen Idee von Masse: Das 20. Jahrhundert präsentierte den kleinsten gemeinsamen Nenner als Mainstream. Im 21. Jahrhundert kommen viel mehr Stimmen zu Wort, nicht mehr im Mainstream, aber in massenhaften Nischen.
Das 21. Jahrhundert bildet das Ende des Durchschnitts. Unser Bild von politischer Debatte und von Öffentlichkeit ist aber geprägt im 20. Jahrhundert – von der Welt des Durchschnitts, von der Suche nach einem Konsens – ausgehandelt auf einer zentralen Bühne, nicht in massenhaften Nischen. Dass Meinungen heute nahezu unkontrolliert aus ihren Nischen heraustreten und mit anderen medienöffentlich verhandelt werden, die völlig anderen Ansichten anhängen, beschrieb die Autorin und Netzvordenkerin Kathrin Passig schon 2013 als „wachsende Kontextfusion“ bei gleichzeitig „schwindender Konsensillusion“.

Menschen im Internet behandeln Meinungen wie Meme

Das bedeutet konkret: Durch die Vernetzung von Accounts unter anderem in sozialen Netzwerken sind wir dauerhaft mit früher ausgeblendeten abweichenden Ansichten konfrontiert. In sozialen Netzwerken treffen diese unterschiedlichen Ansichten heute ungefiltert aufeinander – und fordern uns auf neue Weise heraus. Wenn man die Debatten im Netz beobachtet, muss man feststellen: Die meisten Menschen reagieren darauf mit Mustern, die sie von memetischen Inhalten kennen, das heißt sie behandeln Meinungen wie Meme, die Internetgeschichten, die Außenstehende ausschließen. Oder sie nutzten Meinungsäußerungen auf memetische Weise, um ihre Identität zu prägen und zu verteidigen.
Dass andere Menschen eine andere Ansicht vertreten, ist für sie also keine Erweiterung des Meinungsspektrums oder Anstoß für eine Debatte, sondern im Sinne der beschriebenen Distinktion vor allem dies: Bestätigung der eigenen Ansicht, die sie von divergierenden Meinungen abgrenzen wollen.
In der Welt der Meme sind Unverständnis und Widerspruch die wichtigsten Treiber für die eigene Identität, dieses Prinzip bestimmt jetzt auch politische Debatten, die nach memetischen Mustern funktionieren. Um es sehr vereinfachend in einer Gegenüberstellung zusammenzufassen, kann man sagen: Unser Bild einer klassischen politischen Debatte war geprägt von dem Gedanken, Politik als Wettstreit von Ideen zu verstehen. Menschen und Meinungen wurden dabei getrennt und Widerspruch wurde als Anlass zu einer potenziellen Meinungsänderung oder als Impuls zum Kompromiss gesehen. Dieses häufig nur theoretisch gültige Modell von These, Antithese, Synthese wird in memetischen Meinungsdebatten grundlegend verändert.
Öffentlich debattierte Politik ist nun Ausdruck des eigenen Selbst – und häufig auch der eigenen Biografie und Rolle, die prägenden Einfluss auf die eigenen Ansichten hat. Meinung wird damit fast zu einem unveränderlichen Kennzeichen in jedem Fall zum identitätsstiftenden Meme. Widerspruch oder divergierende Ansichten dienen nicht als Kompromissangebote, sondern bestätigen die eigene Meinung noch.
Diese Rückbestätigung funktioniert wie das beschriebene Anfeuern glühender Kohlen. Der Versuch, politische Debatten in der digitalen Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts mit der Haltung des 20. Jahrhunderts zu führen, ist wie das Pusten in diese Glut. Es beendet die Flammen nicht, es facht sie an. Um die dominierenden Erzählmuster des 21. Jahrhunderts zu verstehen, muss man lernen, ihnen zuzuhören. Zum Beispiel diesem einen äußerst populären Video, das gerade auf TikTok für unzählige Aufrufe und Interaktionen sorgt.
Dessen Inhalt sind Begriffe, die absichtsvoll falsch ausgesprochen werden. Zu sehen sind zwei Hände, die eine Avocado aufschneiden und Tomatenmark aus einer Tube auf die Frucht streichen. Dazu sagt eine Stimme aus dem Off: „Mögt Ihr Avócado? Wenn ja wie bereitet ihr euch sie am liebsten zu? Ich habe diese Insider-Kombi für mich entdeckt. Probiert sie unbedingt aus!“

Über das „Shibboleth-Prinzip“

Dieses kurze Video ist hörbar Schwachsinn und ist gerade deshalb extrem populär. Es erreicht nicht nur viele Menschen, sondern viele Menschen fühlen sich auch berufen, auf diese offensichtliche Sinnlosigkeit zur reagieren. Um zu verstehen warum das so ist, muss man die Mechanik der Algorithmen und die Bedeutung des „Shibboleth“ kennen. Dieser aus dem Hebräischen stammende Begriff beschreibt eine besondere Form des Passworts, das Zugang zu Gruppen regelt. Welchen Begriff kennen Sie für das Innere eines Apfels oder das Endstück eines Laib Brots?
Bestimmte Begriffe dafür zu kennen, signalisiert die Zughörigkeit zu einer Gruppe nach Herkunft und Sprachgebrauch. Auch Dialekte funktionierten schon immer nach dem Shibboleth-Prinzip, sie schließen die einen ein, die anderen aus. Und auch Meme bedienen sich dieser Distinktion, des Ausschlusses anderer: Ich kenne einen Begriff, spreche ihn womöglich auf eine besondere Weise aus – und werde damit Teil einer Gruppe, die sich über besondere Codes versteht. So wird in digitalen Zusammenhängen Identität verhandelt. Das ist sogar für die vergleichsweise junge Internet-Welt kein neues Muster.
Schon 2015 fischte der Account „Luksan Wunder“ auf YouTube nach Aufmerksamkeit, in dem er zahlreiche Begriffe unterschiedlichster Herkunft gegen ihren Sinn falsch ausgesprochen online stellt. Dort findet sich übrigens auch das Beispiel mit der eigenwilligen wie provozierenden Aussprache der birnenförmigen grünen Frucht:

„Avocado, Avocado, Avocado ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik.“
Dieser Clip zog seine potenzielle Freude noch aus der Annahme, jemand würde auf der Suche nach der Bedeutung beziehungsweise der korrekten Aussprache der Avocado auf diesem YouTube-Video landen und denken, der Begriff stamme aus der Physik. Bei dem aktuell beliebten Tiktok-Video basiert der Erfolg einzig auf dem Grad des Widerspruchs: In so genannten Duetten interagieren Nutzerinnen und Nutzer mit der absichtsvoll falschen Avócado, machen sich lustig, distanzieren sich und kommentieren unter dem Clip mit dem einzigen Ziel, Differenz deutlich zu machen.

So sind die Rechenanweisungen der meisten Plattformen gebaut, sie werden getrieben von dem Gedanken: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Journalist und Autor Dirk von Gehlen
Man könnte sagen: um Widerspruch zur Avocado-Aussprache zu äußern – so soziologisch formuliert, um schon hier auf die Parallele zu politischen Debatten hinzuweisen. Denn dem Algorithmus von TikTok ist dabei vollkommen egal, wie man Avocado richtig ausspricht – oder welche Meinung richtig ist oder nicht. Er beobachtet nur, dass unter dem Clip sehr schnell, sehr viel kommentiert wird. In der Logik des Computers heißt dies: Dieser Clip muss wichtig sein, viele Menschen interagieren mit ihm.
So sind die Rechenanweisungen der meisten Plattformen gebaut, sie werden getrieben von dem Gedanken: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein. Diese Grundidee stammt übrigens nicht aus dem Silicon Valley oder von den Masterminds bei ByteDance, der Firma, die in China die App TikTok entwickelt hat. Das Prinzip ihrer Algorithmen finden Programmiererinnen und Programmierer hier wie dort in der Bibel. Im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums heißt es in Vers 29: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Wer hat, dem wird gegeben

Das gilt für die Avocado-Clips mit ihren zahlreichen Widerspruchskommentaren genauso wie für Webseiten, die die Google-Suche wichtig findet. Man spricht vom Matthäus-Effekt. Der Soziologe Robert K. Merton beschrieb erstmals das Phänomen, das wissenschaftliche Autorinnen und Autoren häufiger zitiert werden, wenn sie schon bekannt waren. „Wer da hat, dem wird gegeben“ ist auch als Netzwerkeffekt bekannt, der einen steigenden Nutzen für die einzelnen Teilnehmenden einer Plattform beschreibt, wenn mehr Menschen diese Plattform oder diesen Dienst nutzen.
Alles, was skandalisierbar ist, wird durch das Pusten in die Glut und den Matthäus‑Effekt der Algorithmen noch größer, noch skandalöser und noch dringlicher. Dieser Kreislauf verlangt nach dem besagten Muster der vier Begriffe mit „P“ dann die eigene Positionierung und löst in den Redaktionen der klassischen Medien und Fernseh-Talkshows den irrigen Verdacht aus, sie müssten diese Aufregung nun aufnehmen – und einordnen. Für diesen Kreislauf lassen sich in den vergangenen Monaten in schöner Regelmäßigkeit Beispiele finden, die stets dem gleichen Muster folgten. Um dieses zu brechen, scheint es also geboten, gar nicht erst auf den jeweils wahnsinnig dringlich erscheinenden Inhalt zu schauen, sondern zu abstrahieren.
In ihrem Essay „Die Wir-Verwirrung“ kommt Autorin Kathrin Passig zu dem Schluss:

Anstatt den Glauben an die spezifische Gruppe der eigenen Freunde oder an die größere Gruppe der Nutzer des Internets oder der sozialen Netzwerke zu verlieren, müssten wir uns vom Glauben an Gruppen verabschieden, in denen dauerhafte Einigkeit über mehr als nur einige wenige Punkte herrscht. Wir bräuchten eine realistischere Einschätzung des allgemeinen Konsenses über unsere eigenen Ansichten. Es ist eine der zentralen Zumutungen der Vernetzung, dass die Anderen nicht nur so heißen, sondern auch wirklich anders sind.

Autorin Kathrin Passig in ihrem Essay „Die Wir-Verwirrung“

Aushalten, dass andere wirklich anders sind

Der Begriff, der für das Aushalten der Andersartigkeit verwendet wird, heißt Toleranz. Aber wie soll das gehen: Die Anderen anders sein lassen? Wenn ständig über die Grenzen der Toleranz gestritten wird, weil hinter jeder Ecke die Intoleranz der Anderen vermutet wird, die zum Wohle der Toleranz nicht mehr toleriert werden darf? Der Philosoph Karl Popper hat diese philosophische Frage hinreichend erörtert, bleiben wir an dieser Stelle bei Kathrin Passig: „Es ist eine der zentralen Zumutungen der Vernetzung, dass die Anderen nicht nur so heißen, sondern auch wirklich anders sind.“ Wie können wir mit dieser Zumutung umgehen? Vier Versuche einer Antwort.
Ein Mann mit Aluhut
Bei "Hygiene-Demos" kommen Verschwörungstheoretiker zusammen - aber nicht nur. Viele sorgen sich nur um die Einschräkung ihrer Grundrechte. (imago images/ZUMA Wire)
Der erste Antwortversuch lautet: Wir müssen Aufmerksamkeit als politische Kategorie bewerten. Die Beobachtung, dass Energie der Aufmerksamkeit folgt, gilt nicht nur auf der Yoga-Matte. Sie ist auch Grundlage für politische Debatten und bestimmt das Bild von Öffentlichkeit. Welcher Meinungsäußerung wird öffentlich Aufmerksamkeit geschenkt und welche Meinungen lasse ich privat an mich heran? Der englische Sprachraum pflegt diesbezüglich eine durchaus ratsame Unterscheidung: Dort wird Aufmerksamkeit, anders als im deutschsprachigen Raum, nicht „geschenkt“, sondern nur gegen Bezahlung verteilt. Die Aufforderung „to pay attention“ ist vielleicht eine gute Erinnerung daran, dass man nicht jede falsch ausgesprochene Avocado in der Welt korrigieren muss. Sie mündet in einem Vorsatz, der wie die schwierigste Übung im Geduldtraining klingt: Jemand hat eine andere Meinung im Internet. Ich widerspreche nicht.
Der zweite Antwortansatz, den wir aus der Glut-Theorie der öffentlichen Debatte gewinnen können, ist eine Beschreibung: Politische Streitthemen wie zum Beispiel die Auseinandersetzung um eine Impfpflicht sind nicht zu lösen durch mehr Aufklärung oder mehr Argumente. Wenn Meinungen wie Meme verhandelt werden, dann funktionieren mehr Argumente nur wie neue Kohlen auf der glimmenden Glut. Dieser in einem sachlichen Wettstreit konstruktive Ansatz kann in einer memetisch geführten Debatte gegenteilige Folgen begünstigen.

Menschen helfen, mit ihrer Überforderung umzugehen

Sinnvoller scheint es, der Frage nachzugehen, warum Menschen dazu neigen, Meinungen wie Meme verwenden zu wollen – und ihre Identität durch sie auszudrücken. Nicht nur im Falle der Impfdebatte dient diese enge persönliche Bindung an eine Meinung häufig dazu, Unsicherheiten zu verarbeiten. In diesen Fällen ist es vielleicht langfristig sinnvoller zu überlegen, wie man diesen Unsicherheiten begegnen kann. Statt Geld in eine große Impfkampagne zu stecken könnten diese Budgets in Maßnahmen investiert werden, die Menschen helfen, besser mit ihrer Überforderung umzugehen. In diesem Sinne wäre die memetische Debatte jedenfalls viel nachhaltiger und im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenhalts konstruktiver.
„Empathie für Idiotinnen und Idioten“ ist der dritte Versuch einer Antwort – und der zitiert damit Marc-Uwe Kling, der in seinen Känguru-Chroniken den Begriff der „Relativitätsidiotie“ eingeführt hat. Damit beschreibt er das Phänomen, dass man von jemandem, den man für einen Idioten hält, selbst für einen Idioten gehalten werden kann. Wissenschaftlich wird dieses Wortspiel über die so genannte „Motive Attribution Asymmetry“ fundiert. Damit wird die Beobachtung beschrieben, dass Menschen stets denken, die Motive derjenigen mit der anderen, falschen Meinung seien niedriger einzuordnen als die eigenen Motive. In Debatten neigen Menschen also dazu ihren eigenen Antrieb für hochwertiger zu halten – und unterstellen Anderen eine weniger wertige Motivation. Dabei kann es durchaus möglich sein, dass beide Seiten von der gleichen Motivation getrieben sind, aber zu anderen potenziellen Lösungswegen kommen. Um diese Möglichkeit zuzulassen, braucht es nicht nur Toleranz, sondern ein gewisses Maß an Empathie für die Falsch-Meinenden. Das heißt nicht, dass man deren Ansichten teilen muss, sich aber zu bemühen, sie zu verstehen, ist sicher kein Fehler.

Die Änderung der eigenen Meinung braucht ein viel besseres Image.

Journalist und Autor Dirk von Gehlen
Der wichtigste Ansatz für eine Antwort findet sich in der Analyse der memetischen Debattenkultur und lautet: Die Änderung der eigenen Meinung braucht ein viel besseres Image. Die eigenen Ansichten überdenken und ändern zu können, ist das größte Privileg, das Menschen in einem freien System haben, es bildet die Grundlage der freien Meinungsäußerung. Denn diese zeigt sich nur zum Teil im Recht, die eigene Meinung veröffentlichen oder äußern zu dürfen. Mindestens ebenso wichtig ist das Recht, diese Meinung anpassen und verändern zu dürfen. Dies zu üben, sollte nicht nur Bestandteil des Schulunterrichts werden, sondern auch in der Erwachsenenbildung. Es könnte in den Medien vorbildlich ausgeübt und öffentlich gezeigt werden.

Meinung sollte ein Verhandlungsgegenstand sein und nicht Kennzeichen einer Identität

Wer Politik als Wettstreit der Ideen verstehen will, braucht öffentliche Vorbilder, die die Änderung der eigenen Meinung zum Beispiel in einem Kompromiss nicht als kleinstes Übel, sondern als Errungenschaft vorstellen. Politikerinnen und Politiker, die sich rühmen eine Ansicht zu einem aktuellen Thema schon seit Jahren zu haben, erwecken den Eindruck, Meinungen seien so etwas wie guter Wein und würden besser, wenn man sie lange liegen lässt. Dabei könnten sie im Gegenteil besser werden, wenn sie beweglich bleiben, sich aktuellen Gegebenheiten anpassen und auch geändert werden dürfen. Dafür brauchen wir Beispiele und Vorbilder, die wieder und wieder den Prozess der sich ändernden Meinungsbildung zeigen. Denn nur so wird Meinung zu einem Verhandlungsgegenstand und nicht zum unveränderlichen Kennzeichen der eigenen Identität.
Rebecca Solnit empfahl, zum Erzähler der eigenen Geschichte zu werden. William James, einer der Erfinder des philosophischen Pragmatismus, gab im 19. Jahrhundert den Rat: „Die größte Revolution unserer Zeit dürfte die Entdeckung gewesen sein, dass die Menschen durch die Änderung ihrer Geisteshaltung auch die äußeren Umstände ihres Lebens ändern können. Und dafür sollte jeder jeden Tag zwei Dinge tun, die er hasst, nur zur Übung.“