Mittwoch, 17. August 2022

Astronaut Matthias Maurer
"Das Konzept ISS wird so auf Mond und Mars nicht funktionieren"

Seit November ist Matthias Maurer auf der ISS, als vierter Deutscher. Und plötzlich war schon Halbzeit: "Das einzige, was schneller fliegt als die ISS, ist wirklich die Zeit". Im Dlf-Exklusivinterview berichtet der Astronaut von seinem Leben im All und wieso Zeitverzüge bei neuen Missionen zu Mond oder sogar Mars eine wichtige Rolle spielen.

Matthias Maurer im Gespräch mit Guido Meyer | 14.02.2022

Matthias Maurer inmitten von Technik mit einem Mikron an der Hand an Bord der ISS
Halbzeit für Matthias Maurer auf der ISS: "Das einzige, was schneller fliegt als die ISS, ist wirklich die Zeit." (NASA)
Halbzeit im All – zumindest für den deutschen Astronauten Matthias Maurer. Die ersten drei Monate seiner Langzeitmission zur Internationalen Raumstation (ISS) gehen in diesen Tagen zu Ende. Aktuell ist der Rückflug für Ende April geplant. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

In einem Exklusiv-Interview hat Matthias Maurer berichtet, wie die Station sich in den vergangenen Monaten verändert hat, warum er sich deswegen auch bisweilen "verfliegt", was ihn an Bord überrascht hat - aber auch, warum das Modell ISS mit seiner engen Vernetzung von Erde und Crew sich nicht als Blaupause für künftige Missionen zu Mond und Mars eignet.

Mehr zum Thema:

So ergebe die Unterstützung vom Boden großen Sinn, allerdings käme es dadurch auch zu Zeitverzügen, so dass beispielsweise eine Erkundung von Höhlen auf dem Mond schwierig werde, sagte Matthias Maurer. Das erfolgreiche Konzept werde daher in der Zukunft auf dem Mond und auf dem Mars nicht mehr identisch funktionieren, so der Astronaut.

Guido Meyer: Wie geht’s Ihnen, und wo sind Sie gerade?

Matthias Maurer: Hallo Herr Meyer! Also, ich freue mich riesig, von Ihnen zu hören. Ich bin gerade in der Cupola – das ist ja unser Fenster hier auf der Raumstation. Ich hatte gerade einen wunderschönen Sonnen- oder ich muss besser sagen Erdaufgang. Wir befinden uns gerade in der Nähe von Neuseeland, also im Pazifikbereich. Das nächste Mal, wenn wir Land sehen werden, dann wird das vermutlich ... muss ich mal schauen ... irgendwo in Südamerika sein.

Meyer: Ich hab Ihnen neulich, im Vorfeld dieses Gesprächs eine Mail geschickt und bekam die automatische Antwort „Ich bin bis Ende April nicht im Büro“. Das fand ich eine sehr schön untertriebene Abwesenheitsmitteilung. Ich vermute, die Cupola ist ja nicht Ihr Hauptarbeitsplatz. Wo verbringen Sie denn normalerweise die meiste Zeit, in welchem Labor?

Maurer: Normalerweise arbeite ich die meiste Zeit im Columbus-Modul bzw. im amerikanischen Segment. Da gehört ja auch noch das amerikanische Labor dazu und das japanische Modul JEM. Das ist der typische Arbeitsplatz für mich dann.

Neue Perspektive auf die Erde dank ISS-Ausbau

Meyer: Sie haben ja mehr Platz, sich da oben auszutoben als Ihre Vorgänger Thomas Reiter, Hans Schlegel und Alexander Gerst. Die ISS war ja lange nicht erweitert worden, aber kaum waren Sie oben, wurde angebaut. Die Russen haben ein neues Dockingmodul gestartet, und kurz vor Ihnen hatte ein russisches Wissenschaftsmodul angedockt. Waren Sie da schon mal drin? Dürfen Sie da überhaupt rein? Oder nutzen die russischen Kosmonauten das nur für sich? 
 
Maurer: Ja, in der Tat ist die Station deutlich größer geworden. Jetzt haben wir den offiziellen Endausbaustand erreicht. Das neue russische Modul, das angekommen ist, heißt MLM – oder auch mit dem schönen Namen Nauka versehen. Es trägt auf der Außenseite den europäischen robotischen Arm. Und wenn ich mich jetzt hier in der Cupola so ein bisschen drehe und nicht nach vorne schaue, wo ganz am Anfang der Station ja unsere Dragon-Kapsel steckt, mit der wir ja hoch geflogen sind, sondern ich wende den Blick jetzt nach hinten, und dann sehe ich dieses MLM-Modul wunderbar vor mir in den Himmel ragen - na, ich müsste sagen, zur Erde ragen, weil es ist nach unten an der Station befestigt.
Blick auf die ISS - zu sehen sind: Japanese Experiment Module (JEM), auch "Kibo" genannt sowie das Leonardo Permanent Multipurpose Module (PMM) und die Cupola (unten).
Blick auf die ISS - zu sehen sind: Japanese Experiment Module (JEM), auch "Kibo" genannt sowie das Leonardo Permanent Multipurpose Module (PMM) und die Cupola (unten). Aufnahme vom 9. Januar 2022. (imago images/ZUMA Wire)
Und vor kurzem waren meine zwei Kollegen Anton und Pyotr draußen, haben einen Weltraumspaziergang durchgeführt. Das konnten wir hier in der Cupola wunderbar verfolgen. Das war wirklich ein Traum zu sehen, wie die Kollegen dort draußen gearbeitet haben, wie kleine Ameisen an der Station entlang zu krabbeln, und dann außen neue Antennen anzuschrauben und alles zu befestigen, wirklich am Rande der Station hängend, zum Teil dann auch wirklich die ganze Zeit frei außen mit zwei Seilen nur noch fest an der Station. Das war schon ein atemberaubender Blick. Selbstverständlich können wir in alle Module dieser Station hineinschweben, uns dort umschauen. Ich mag auch ganz gerne in dieses neuen Modul hineinschweben, MLM. Es hat tolle Fenster, Fenster, die eine neue Perspektive auf die Erde ermöglichen, aber auch eine neue Perspektive auf die vorderen Module.

Meyer: Kann man sich da oben eigentlich verlaufen oder „verfliegen“? Sind Sie schon mal falsch abgebogen?
 
Maurer: Verfliege ich mich manchmal? Das ist eine gute Frage. In der Tat ist mir das anfangs schon einige Male vorgekommen, insbesondere wenn ich zu den Kosmonautenkollegen übergeschwebt bin, dann wusste ich manchmal gar nicht, ok, jetzt muss ich die erste Abbiegung nach unten nehmen oder die zweite Abbiegung nach unten nehmen, um zu diesem neuen Modul Nauka zu kommen.
Wenn ich mich im Dunkeln durch die Station bewege und dann vielleicht kopfüber fliege, d.h. ich fliege jetzt nicht mit dem Blick zum Boden sondern mit dem Blick zur Decke, und wenn ich dann um die Ecke rumschwebe, möchte zur Toilette, dann kommt es mir auch gelegentlich vor, dass ich instinktiv nach links abbiege, aber das ist in dem Moment ja dann die Luftschleuse und nicht die Toilette.

„Das Konzept ISS wird so auf Mond und Mars nicht funktionieren“

Meyer: Herr Maurer, es ist jetzt so ungefähr Halbzeit Ihrer Mission. Wenn Sie so eine Art Zwischenbilanz ziehen – was hat Sie da oben am meisten überrascht; oder was war anders, als Sie es sich vorgestellt hatten?

Maurer: Stimmt, jetzt ist schon Halbzeit meiner Mission. Die Zeit verfliegt; das ist wirklich unglaublich. Das einzige, was schneller fliegt als die ISS, ist wirklich die Zeit. Was ist anders, als ich das erwartet habe? Das ist auch eine gute Frage. Ich hatte anfangs erwartet, dass wir Astronauten hier oben autonomer arbeiten können, dass wir mit den Prozeduren, mit den ganzen Hilfsmitteln sozusagen fast unabhängig vom Boden unseren Tagesablauf bestimmen können und nur in seltenen Fällen dann vielleicht runter funken und sagen, "ich habe hier ein Problem, und da müsst Ihr mir helfen". Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wir sind eigentlich ständig in Kontakt mit dem Boden. Jemand schaut uns über die Schulter, führt uns durch die verschiedenen Experimente durch.
Das ergibt alles einen großen Sinn, weil natürlich durch die Unterstützung des Bodens Abläufe viel sicherer, viel reproduzierbarer werden, weil wir einfach jemanden haben, der uns über die Schulter schaut und auch das Fachwissen für das jeweilige Experiment hat. Aber das Ganze stimmt mich natürlich auch sehr nachdenklich, weil wenn wir Richtung Exploration gehen, Richtung Mond, möchten auf dem Mond in Höhlen einsteigen oder möchten Richtung Mars gehen, dann ist der Zeitversatz so groß, dann können wir keine Unterstützung mehr in Echtzeit haben. Das heißt, das Konzept, das wir jetzt seit 20 Jahren auf der ISS sehr erfolgreich umsetzen, das wird so in der Zukunft auf dem Mond, auf dem Mars nicht mehr identisch funktionieren. Auf der Oberfläche des Mondes natürlich schon.

Meyer: Herr Maurer, wann geht’s zurück zur Erde?

Maurer: Ja, Herr Meyer, im Moment ist die Rückreise zur Erde für den 26. April geplant. Das hängt so ein bisschen davon ab, wann unsere Ablösung kommt. Insgesamt werden vier Astronauten auch wieder mit einer Dragon-Kapsel hier hoch kommen. Wir machen eine direkte Übergabe und werden die Rückreise zur Erde antreten.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.