Freitag, 27. Mai 2022

Hybride Immunität
Geimpft und genesen - warum das Zusammenspiel bei Corona wichtig ist

Menschen, die sowohl geimpft als auch genesen sind, entwickeln offenbar einen besonders guten Schutz vor einer erneuten Infektion mit dem Coronavirus. Eine Empfehlung an Geimpfte, sich mutwillig anzustecken, geben Wissenschaftler dennoch nicht.

Emanuel Wyler im Gespräch mit Kathrin Kühn | 15.03.2022

Eine Coronatestkassette mit zwei roten Streifen liegt auf einem Tisch
Eine Infektion nach einer Impfung bringt bei den meisten eine Super-Immunität (picture alliance / Zoonar)
In jüngerer Zeit ist immer wieder von „Hybrider Immunität“ oder „Super-Immunität“ die Rede. Gemeint ist damit, dass Menschen, die sowohl geimpft sind und eine überstandene Infektion hinter sich haben, grundsätzlich mit der Impfung nicht nur einen besonders wirksamen Schutz vor einem schweren Verlauf, sondern auch einen besseren Schutz vor einer erneuten Corona-Ansteckung haben.
Wie funktioniert Hybride Immunität, welche Risiken birgt sie – und welchen Effekt hat eine steigende Anzahl von geimpften und genesenen Menschen auf den Verlauf der Pandemie?
Wie funktioniert Hypride Immunität?
Gibt es einen "guten Zeitpunkt" für eine Infektion nach einer Impfung?
Ist es sinnvoll, eine Hybride Immunität bewusst herbeizuführen?
Welche Auswirkungen könnte Hybride Immunität auf das Pandemiegeschehen haben?
Interview mit dem Molekularbiologen und Coronaforscher Emanuel Wyler
Wie funktioniert Hybride Immunität?
Der Begriff „hybrid“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „gekreuzt“ oder „vermischt“ – entsprechend steht hybride Immunität für einen Immunschutz, der einerseits durch eine Impfung und andererseits durch eine überstandenen Infektion entstanden ist. Anders als nur durch eine alleinige Impfung ist der Schutz vor einer Ansteckung mit Corona-Viren durch eine hybride Immunität höher. Das hat rührt zum einen daher, dass eine Infektion das Immungedächtnis reaktiviert, welches zuvor durch die Impfungen bereits aufgebaut wurde.
Zum anderen wird eine „lokale Immunität“ in Mund und Nase durch eine tatsächliche Infektion viel stärker aktiviert. Die Impfung in den Muskel trainiert zwar das Immunsystem als ganzes, weniger jedoch die Abwehrzellen in den Schleimhäuten von Nase und Mund – aber gerade diese „lokale Immunität“ in Mund und Nase hilft, das Virus direkt abzuwehren und gegebenenfalls eine Ansteckung zu verhindern.

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Kommt also zu einer Impfung noch eine Infektion hinzu, werde die Lokalimmunität sehr gut angeregt, erläuterte der Molekularbiologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. Hybride Immunität kann natürlich auch andersherum entstehen, also durch die Kombination von Infektion und späterer Impfung. Laut mehrerer Studien ist gerade das Zusammenspiel von Impfung und Infektion wichtig. Personen, die sowohl geimpft als auch genesen sind, haben demnach in der Regel einen besseren Schutz vor einer erneuten Ansteckung.
Gibt es einen „guten Zeitpunkt“ für eine Infektion nach einer Impfung?
In den meisten Fällen hat jeder mit einem SARS-CoV-2-Vakzin Geimpfte einen guten Immunschutz – der aber mit der Zeit abnimmt. Je mehr Zeit also nach einer Impfung vergangen ist, desto höher ist das Risiko, doch an Covid zu erkranken und damit auch möglicherweise einen schweren Verlauf zu entwickeln.
Theoretisch betrachtet wäre es daher "am besten, wenn man sich ungefähr sechs Monate nach der letzten Impfung anstecken würde“, sagte Wyler im Dlf. „Da ist das Immungedächtnis noch sehr stark, aber es geht langsam runter.“ Eine Infektion hätte dann den Effekt einer Booster-Impfung. Im Einzelfall könne das aber natürlich auch ganz anders ausgehen, da eine Infektion immer mit einem Risiko verbunden sei.
Ist es sinnvoll, eine Hybride Immunität bewusst herbeizuführen?
Mediziner und Corona-Forscher betonen, dass man eine Corona-Infektion grundsätzlich vermeiden sollte. Denn trotz des Schutzes, den eine Impfung bietet, gibt es nie eine absolute oder hundertprozentige Sicherheit vor schweren Verläufen – insbesondere ältere oder bereits erkrankte Personen haben auch trotz mehrfacher Impfung ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf oder Tod. Und Personen, die jünger und nicht vorerkrankt sind, können trotz leichtem Verlauf andere anstecken - möglicherweise auch Menschen aus Risikogruppen. Wissenschaftler verweisen außerdem darauf, dass die Folgen von Long-Covid immer noch nicht ausreichend erforscht sind.
Welche Auswirkungen könnte Hybride Immunität auf das Pandemiegeschehen haben?
Wenn sich viele Menschen infizieren, die bereits geimpft sind, trägt dies zum Aufbau einer „Bevölkerungsimmunität“ bei. Diese Aussage gelte selbstverständlich ausschließlich für jüngere und gesunde Menschen, welche bei einer Ansteckung nichts zu befürchten hätten, betont Coronaforscher Wyler. Auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charite erklärte in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ , dass (junge und gesunde) Personen, die geimpft sind und sich jetzt infizieren, Immunität aufbauen würden – „auch für die Gemeinschaft“. Hinzu komme, dass man mit stärkerer Immunität auch weniger lang ansteckend sei. Diese Faktoren könnten also einen positiven Verlauf auf die Pandemie haben.
Darüber verweist Molekularbiologe Wyler auf einen weiteren Faktor, der zuversichtlich stimme: Bislang gebe es nur sehr wenige Coronavirus-Hauptvarianten – und das, obwohl sich bereits rund eine Milliarde Menschen mit Corona infiziert hätten. Mit jeder neuen Variante steigt das Risiko, dass die Wirkung des Impfschutzes sinkt. Dass die Corona-Viren weniger stark mutieren als bekannten Grippeviren, gebe laut Wyler Anlass zur Hoffnung.

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Zwar sei viel Schreckliches passiert im Verlauf der Pandemie. "Es sind über 100.000 Menschen in Deutschland gestorben, es gab wirtschaftliche und soziale Schäden aller Art“, so Wyler. Wenn man aber vergleiche, welche verheerenden Schäden Pandemien dieser Art früher angerichtet hätten, sei man bislang „einigermaßen glimpflich“ davongekommen.

Interview mit Emanuel Wyler vom Max-Delbrück Centrum für Molekulare Medizin in Berlin

Kathrin Kühn: So viele Menschen, die sich jetzt anstecken. Viele auch, die eigentlich sehr achtgegeben haben, um das zu vermeiden. Nehmen wir einmal an, die Betroffenen sind gut geimpft, also geboostert, was sagen Sie dann in solchen Fällen?
Emanuel Wyler: Die Impfstoffe, die wir gegen Sars-CoV-2 haben, sind sehr wirksam und effizient. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, insbesondere bei alten Menschen oder bei immungeschwächten, da ist es aber auch so, dass wir mittlerweile auch Behandlungsmöglichkeiten haben. Für alle anderen Menschen, die jetzt geimpft sind, besteht eigentlich keine besondere Sorge mehr, nach einer Sars-CoV-2-Infektion eine schwere Erkrankung oder auch langfristige Folgen wie dieses Long Covid zu haben.
Kathrin Kühn: Und dann ist es ja auch so, dass eine Erkrankung auf Impfung auch, ja, ich sage mal, ein Weg ist, um sich langfristig eine gute Immunität aufzubauen, hybride Immunität, so wird das teilweise genannt. Was passiert da?
Wyler: Was wichtig ist, zu wissen, ist, dass unser Immunsystem nicht überall genau gleich ist im Körper. Wir haben auch quasi eine sogenannte lokale Immunität, das bedeutet, ein Immunsystem, das eigentlich nur in Nase und Hals wirkt, und natürlich, wenn ein Virus wie Sars-CoV-2 durch die Nase in unseren Körper reinkommt, ist es besonders wichtig, dass diese lokale Immunität auch wirksam ist. Das ist nicht gegeben bei einem Impfstoff, der in den Muskel gespritzt wird, und es war eigentlich sogar überraschend letztes Jahr, als man gesehen hat, dass diese RNA-Impfstoffe auch die lokale Immunität in der Nase und im Hals anregen können.
Kühn: Das war dieser Moment, wo wir dachten, dass die Impfstoffe womöglich auch in größerem Ausmaß vor Übertragung schützen.
Wyler: Genau. Das war eine wirklich positive Überraschung. Es ist aber so, dass dieser Schutz, dieser lokale Schutz in Nase und Hals leider nicht sehr lange anhält. Da gab es letztes Jahr auch schon Studien dazu, dass der nach zwei bis drei Monaten deutlich zurückgeht. Und das ist ja auch dieser Effekt, dass nach einigen Monaten die Impfung nicht mehr so wirksam ist gegen jegliche Ansteckung.
Wenn jetzt auf die Impfung hinauf noch eine Infektion kommt, dann wird eben diese Lokalimmunität tatsächlich sehr gut angeregt, weil es ja dann eine Infektion in der Nase drin gibt, das heißt, dieses lokale Immunsystem wird dann auch vorbereitet und ist dann besser in der Lage, wenn das Virus das nächste Mal reinkommt, es wieder abzufangen.

Risikoabwägung spricht auch bei Omikron weiter für die Impfung

Kühn: Das heißt, ich kann so diese Immunität auf den Schleimhäuten erzeugen, die mich dann vor Ansteckung schützen könnte, habe aber gleichzeitig durch den Impfstoff gesichert, dass ich ja zu einem bestimmten Prozentsatz vor einer schweren Erkrankung geschützt werde, also eine komfortable Ausgangssituation für das Erarbeiten dieser Immunität.
Wyler: Genau, weil wenn man die Impfung hat, dann ist ja das Immungedächtnis da, und natürlich, das Virus kommt rein in die Nase, breitet sich ein bisschen aus, aber nach ungefähr drei bis vier Tagen kommt das Immungedächtnis, das wird reaktiviert, stellt dann wieder Antikörper gegen das Virus her und kann es relativ schnell wieder einfangen. Das führt dann eben dazu, dass es keine schweren Krankheitsverläufe gibt, aber auch, dass solche langfristigen Folgen, eben Long Covid, weniger wahrscheinlich werden.
Kühn: Und wenn ich jetzt zu denjenigen gehöre, die vielleicht nach wie vor aus welchen Gründen auch immer Angst vor Impfstoffen haben oder generell die Erkrankung für nicht so gefährlich halte und denke, na ja, das kriege ich auch hin ohne Impfstoff, welches Risiko gehen solche Menschen dann ein, quasi diese Immunität auf solch einem Weg erzeugen zu wollen?
Wyler: Bei einem gefährlichen Virus wie Sars-CoV-2 – und das gilt ja für die Masern oder Kinderlähmung, das sind ja auch Viren – ist es eigentlich nie erstrebenswert, das zu riskieren, eine Infektion. Natürlich kann man Glück haben und auch ohne Impfung nicht mehr als eine milde Erkältung durchmachen, das kann durchaus sein. Aber es ist einfach so, dass das Risiko viel höher ist ohne Impfung, dass man schwer erkrankt.
Und es ist auch so, diese Impfung hat ja Nebenwirkungen, die bekannten Nebenwirkungen wie Schlappheit, Fieber, aber auch schwere Nebenwirkungen können vorkommen. Nach wie vor ist es so, auch mit dieser Omikron-Variante, dass die Risikoabwägung für die Impfung spricht, das bedeutet, das Risiko, das durch die Impfung zustande kommt, ist deutlich kleiner als durch eine ungeschützte Infektion.

"Bester" Zeitpunkt für Infektion nach Impfung: sechs Monate

Kühn: Wenn wir uns denn jetzt langfristig die Immunität gegen Sars-CoV-2 aufbauen müssen, macht es dann jetzt einen Unterschied, wenn ich in der Gefahr bin, mich anzustecken, ob das kurz oder lange nach dem Booster passiert? Gibt es da einen guten oder zumindest besseren Moment?
Wyler: Es ist so, dass das Immungedächtnis lange anhält, aber über die Monate und Jahre hinweg natürlich schon ein bisschen schlechter wird. Das bedeutet, wenn man jetzt das ganz theoretisch betrachten würde, wäre es eigentlich am besten, wenn man sich ungefähr sechs Monate nach der letzten Impfung anstecken würde. Das ist so eine Zeit, da ist das Immungedächtnis noch sehr stark, aber es geht langsam runter, und dann hätte man so eine Infektion wie einen Booster oben drauf.
Aber es ist natürlich so, das ist alles eine Theorie, und im konkreten Fall kann das auch ganz anders rauskommen. Schlussendlich geht es ja darum, welche Maßnahmen nehmen wir auf uns, jetzt auch individuell gesehen, um eine Infektion zu vermeiden? Bleiben wir jetzt nur noch zu Hause? Haben wir überhaupt keine sozialen Kontakte mehr? Und ich glaube, da ist es so: Das ist eigentlich nicht mehr gerechtfertigt angesichts dessen, dass, wie gesagt, eine Impfung vor einem schweren Krankheitsverlauf nach einer Sars-CoV-2-Infektion schützt.

Empfehlung für Vorerkrankte: noch eine Auffrischungsimpfung

Kühn: Das ist dann einfach noch mal das ganz starke Plädoyer, dass wir es versuchen müssen, alle möglichst noch zu erreichen mit den Impfungen. Die Frage ist: Impfungen wirken ja aber auch nicht bei allen gleich gut, Sie haben das am Anfang gesagt. Es gibt eben auch Menschen, ältere vor allem, Risikogruppen, die auch nach einem Booster nicht ganz so gut geschützt sind wie andere. Wie sieht das denn aus dann bei Infektion auf Impfung? Kann man dann überhaupt auch noch diese Schleimhautimmunität entwickeln, wenn ich jetzt zu einer Risikogruppe gehöre?
Wyler: Ja, es ist so, bei älteren Menschen hat man gesehen, dass es quasi wie mehr Impfungen braucht, um denselben Schutz zu erreichen, als bei jüngeren. Und eine Schlussfolgerung daraus ist, dass es auf jeden Fall für, sagen wir mal, über-50- oder über-60-Jährige und auch solche mit relevanten Vorerkrankungen wie hohem Blutdruck oder Diabetes sehr empfehlenswert ist, insbesondere jetzt im Hinblick auch auf den nächsten Winter, vielleicht im September nochmals eine Auffrischimpfung zu machen.
Und etwas Ähnliches gilt auch für Immungeschwächte, das sind beispielsweise Menschen, die eine Multiple Sklerose haben und dann so eine immunsuppressive Therapie machen, bei denen ist es so, dass da auch in jedem Einzelfall geschaut werden muss, hat die Impfung quasi gewirkt? Man kann ja dann die Antikörper messen. Und wenn das nicht der Fall ist, also wenn kein Schutz durch die Impfung möglich ist wegen welcher Immunerkrankung auch immer, dann ist es wichtig, dass man diese Prozesse jetzt wirklich etablieren kann, dass diese Menschen dann sofort nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 antivirale Medikamente kriegen.

Erhöhte Aufmerksamkeit für Infektionskrankheiten aller Art wäre günstig

Kühn: Da steht also auch noch viel Aufklärungsarbeit vor uns und eben auch alle Menschen mit diesen Informationen zu erreichen. Jetzt abschließend: Wenn wir auf die öffentliche Diskussion gucken teilweise auch, dass Menschen dann erkennen, gut, Omikron, das ist für mich auch geboostert womöglich jetzt gar nicht mehr so gefährlich, super, dann können wird das jetzt alles laufen lassen.
Da kommt jetzt, wenn wir das wissen, dass das für einige Menschen dann eben nicht so funktioniert, ja schon das Moment rein, dass wir sagen könnten: Das ist unter dem Strich vielleicht auch ein bisschen selbstsüchtig, zu sagen, ich bin gesund und fit, das klappt, wenn man weiß, dass andere Menschen eben diese Immunität gar nicht so aufbauen können, oder?
Wyler: Ja, wir hatten ja in den letzten Jahrzehnten in Westeuropa kaum mehr Probleme mit Infektionskrankheiten, und Sars-CoV-2 hat das ein bisschen in Erinnerung gerufen, was da eigentlich alles noch auf uns lauern kann. Es geht ja nicht nur um Viren, sondern auch Bakterien oder Parasiten aller Art. Und ich hoffe schon, dass es uns jetzt auch ein bisschen besser gelingt, diese Infektionskrankheiten, die für viele Menschen kein Problem sind, aber für einige Menschen doch, dass wir die wieder besser so ins Gesundheitssystem integrieren, indem wir sagen können, ja, wir müssen ein bisschen mehr testen, wirklich etwas besser in den Griff kriegen, wenn diese Viren wieder zirkulieren. So eine erhöhte Aufmerksamkeit im Gesundheitssystem für Infektionskrankheiten aller Art wäre sicher günstig.
Kühn: Und eine Hoffnung aktuell ist noch, eine Immunität auf den Schleimhäuten per Nasenspray-Impfung, dazu laufen schon die verschiedensten klinischen Studien. Die Hoffnung, dass es noch zum kommenden Winter klappt, sind aktuell aber eher gering. [*]
Nachtrag der Redaktion: Uns haben nach dem hier abgedruckten Interview mit Emanuel Wyler Fragen von Hörerinnen und Hörern erreicht. Der Molekularbiologe ist deshalb in einem weiteren Interview ausführlich auf einige dieser Fragen eingegangen. Eine Zusammenfassung zentraler Aussagen haben wir dem ersten Interview oben vorangestellt.
[*] An dieser Stelle haben wir eine noch nicht verifizierte Annahme gelöscht.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.