Medizin-Journalist zur Corona-LageChristoph Specht: Das eigentliche Problem sind fehlende Intensivbetten

Auf den Intensivstationen liege „etwa die Hälfte derer, die im Januar dort waren“ – und trotzdem seien die Alarmmeldungen heute dieselben, sagte Christoph Specht im Dlf. Nicht die Anzahl der Patienten sei das eigentliche Problem, sondern „nicht vorhandene Intensivbetten“, beklagt der Medizin-Journalist.

Christoph Specht im Gespräch mit Dirk Müller | 18.11.2021

Der Eingang zur Covid-19-Intensivstation der Leipziger Uniklinik.
Christoph Specht sieht nicht die derzeitige Anzahl der Patienten auf den Intensivstationen als das Hauptproblem, sondern die personelle Unterversorgung dort. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)
Die STIKO empfiehlt eine Auffrischungsimpfung für alle Menschen ab 18 Jahren. Medizinjournalist Christoph Specht befürwortet das – sowie ein bevorzugtes Boostern der Ü-70-Jährigen und dann abwärts. In organisatorischer Hinsicht sieht der Arzt und Publizist aber Versäumnisse. „Das war eigentlich klar, dass die Boosterung kommen würde. Israel hat das ja schon gezeigt“, sagte Specht. Mit Blick auf im Winter ohnehin überfüllten Arztpraxen und eine „relativ langsame und hakelige“ Impfstoffbestellung, sei eine früher einsetzende Planung durchaus möglich gewesen.
Specht betonte, dass derzeit etwa nur die Hälfte derer auf den Covid-Intensivstationen lägen, die dort im Januar waren. Zugleich seien die Alarmmeldungen aktuell aber genauso groß wie damals. Das eigentliche Problem sieht Specht hingegen im „ Missverhältnis von relativ wenig Corona-Patienten auf Intensiv und den dort verfügbaren Möglichkeiten, also Personal.“ Specht sprach von den „nicht vorhandenen Intensivbetten“.

Panikmache nicht angebracht

Das Agieren von RKI-Chef Lothar Wieler, der vor einer „ernsten Notlage“ und einem „sehr schlimmen Weihnachtsfest“ gewarnt hatte, betrachtet Christoph Specht als unglücklich. Gerade wenn eine Situation kritisch werde, müsse man ruhig damit umgehen. Specht: „Wir erwarten ja auch von einem Piloten, dass er weiß, was er tut, wenn es Turbulenzen gibt, und nicht in Panik verfällt.“
Specht zeigte sich dennoch überzeugt, dass die Pandemie erst dann beendet sein werde, „wenn sich jeder infiziert hat – entweder nachdem er auch geimpft worden ist oder davor.“

Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Ist wirklich alles viel schlimmer als vor einem Jahr?

Christoph Specht: Das kann man so generell nicht sagen. Vor allen Dingen machen wir einen großen Fehler, wenn wir Zahlen von heute einfach so mit den Zahlen von gestern, vom letzten Jahr vergleichen, zumal wir uns ja vor etwa einem halben Jahr doch alle einig waren, dass das keinen Sinn machen würde, jetzt zum Herbst, zum Winter hin die reine sogenannte Inzidenz, was ja eine Melderate ist, diese reine Melderate einzeln zu nennen und nicht aufzugliedern, wie man das zum Beispiel nach Alter tun könnte. Das RKI hat solche Zahlen durchaus vorliegen -, oder auch nach geimpft und nicht geimpft. Das machen wir jetzt aber und deswegen kann man die Situation zwar mit vor einem Jahr vergleichen, aber auf gar keinen Fall gleichsetzen.

Müller: Die Lage ist günstiger, wenn ich Sie richtig verstanden habe?

Specht: Die Lage ist vielleicht nicht günstiger, aber sie ist nicht die gleiche Lage wie vor einem Jahr. Schauen wir mal nur auf die Intensivstationen. Wir hatten ja vor etwa einem halben Jahr gesagt, wir brauchen andere Parameter, zum Beispiel die Hospitalisierungsquote. Das war eigentlich eine sehr gute Idee. Leider gut gedacht, schlecht gemacht, und das liegt hauptsächlich an den Meldeproblemen, dass einerseits die Daten in den Intensivstationen nicht richtig erfasst werden, aber (noch viel schlimmer) sie werden nicht richtig weitergeleitet. Das ist ein generelles Problem, das hat mit Corona speziell gar nichts zu tun. Das heißt, die Hospitalisierungsquote können wir gar nicht richtig zurate ziehen, aber was wir wissen ist, wie viele Patienten auf Intensiv liegen. Es sind jetzt etwa die Hälfte derer, die im Januar dort waren. Im Januar hatten wir große Alarmmeldungen, dass die Intensivstationen überlastet sind. Genau die gleichen Meldungen haben wir jetzt bei „halber Belegung“ der Corona-Patienten.

Müller: Die Tendenz steigend?

Specht: Die Tendenz ist steigend und das wird auch weiter steigen. Das war völlig klar zum Winter hin. Aber wir müssen ja sehen, wo ist das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist gar nicht an den dramatisch hohen Corona-Zahlen von Corona-Patienten auf Intensiv, sondern am Missverhältnis von relativ wenig Corona-Patienten auf Intensiv und den dort verfügbaren Möglichkeiten, also Personal. Das ist das eigentliche Problem, was wir haben, und nicht die große Anzahl der Corona-Patienten. Sie haben recht, das wird steigen und damit wird das Problem noch schlimmer, aber wir müssen immer wieder darauf hinweisen, wo ist denn eigentlich das Problem versteckt, und das liegt gar nicht mal so sehr im Pandemie-Verlauf, sondern in den nicht vorhandenen Intensivbetten.

Müller: Dann macht Lothar Wieler ein bisschen Panik?

Specht: Vielleicht sogar nicht nur ein bisschen. Ich kann nicht nachvollziehen, was der Sinn des Ganzen ist. Ich gehe mal davon aus, er möchte etwas Gutes. Er möchte erreichen, dass die Leute sich jetzt Last Minute noch impfen lassen, damit eine Überlastung vielleicht noch abgewendet werden kann. Das ist ja ein hehres Ziel und auch ein gutes Ziel, aber wenn es über Panik vermittelt wird, dann halte ich nicht viel davon.
Es gibt ja auch andere Stimmen. Wenn Sie sich zum Beispiel Herrn Gassen anhören von der Kassenärztlichen Vereinigung. Der sagt, wie ich finde, völlig zurecht, Panik ist hier nun überhaupt nicht angeraten. Gerade wenn eine Situation kritisch wird, dann müssen wir ruhig damit umgehen. Wir erwarten ja auch von einem Piloten, dass er weiß, was er tut, wenn es Turbulenzen gibt, und nicht in Panik verfällt.


Die Maske wird uns mindestens bis Ostern erhalten bleiben

Müller: Jetzt hatte Herr Gassen aber schon den Freedom Day ausgerufen. Das wäre vermutlich auch etwas übertrieben gewesen, wenn wir jetzt sehen, was wir an Entwicklungen hatten in den vergangenen Wochen.

Specht: Aus meiner Sicht ja. Freedom Day – das sind alles solche Schlagworte. Alleine, dass er in englischen Begriffen genannt wird, das deutet ja schon auf die Popularität des Ganzen hin. Davon halte ich eh’ wenig. Jetzt zum Winter hin war ja auch völlig klar, ich glaube, jedem Normaldenkenden, dass wir da keine großen Erleichterungen haben werden. Ganz im Gegenteil: Die Maske – das weiß doch jeder – wird uns mindestens bis Ostern erhalten bleiben.

Müller: Herr Specht, um da noch mal einzuhaken. Ich habe gefragt, ob er Panik gemacht hat. Lothar Wieler würde bestimmt nicht sagen, dass er in der Form Panik geschürt hat. Dennoch sind das ja deutliche Worte vom RKI-Chef, der das im Detail über Monate und Jahre verfolgt, schon andere Epidemien auch verfolgt hat. Kann es sein, dass das RKI da noch mehr Daten hat und noch mehr Erkenntnisse hat und noch mehr Kombinationsmöglichkeiten hat als viele andere, die da draufschauen, und er deshalb sagt, wenn das so weitergeht – immerhin 65.000 Neuinfektionen an einem Tag, auch hier Tendenz steigend, wenn diese Prognosen stimmen; und er sagte ja auch – wir haben das gemeinsam in dem Interview-Auszug von ihm gehört -, dass bei einer derart hohen Zahl gar keine Kontrolle mehr möglich ist, gar kein Schutz mehr möglich ist. Hat er da recht?

Specht: Er macht zumindest den Fehler, dass er nur diese eine zahl nennt. Sie fragten danach, ob das RKI vielleicht andere Daten noch hat. Ja, das RKI hat eine ganze Menge Daten und viele davon sind zugänglich. Nur wir schauen nicht gut genug und genau genug dahin. Wenn Sie zum Beispiel auf die Seite des RKI gehen und dort in die Übersichtsseiten Corona auf die Trends schauen, dann sehen Sie dort zum Beispiel diese Inzidenz-Zahl der Melde-Inzidenz aufgelistet nach Altersgruppen. Was man da sieht ist, dass die jungen, die ganz jungen die Hauptbetroffenen sind in Bezug auf die Infektion. Gott sei Dank sind sie aber nicht die Hauptbetroffenen der Corona-Infektion im Sinne einer Krankheitslast. Das sind die älteren. Und ja, es ist richtig, auch dort steigen die Inzidenzen oder die Inzidenz. Das wird auch weitergehen. Das sind die, wo wir auch hingucken müssen.

„Die Pandemie wird erst beendet sein, wenn sich jeder infiziert hat“

Was er jetzt neu gesagt hat, dass Herr Wieler der Ansicht ist, wir könnten die vulnerablen Gruppen gar nicht schützen, wenn die Inzidenz so hoch ist. Das mag sein, aber dann muss man das konstatieren, dass wir es auf normalem Wege jedenfalls nicht hinbekommen, die allgemeine Inzidenz so weit herunterzubekommen, dass die vulnerablen Gruppen kaum noch geschützt werden müssen, weil die Inzidenz so niedrig ist. Das würde nur mit drakonischen Maßnahmen gehen. Schauen Sie nach China, da hat man das gemacht, da macht man das jetzt, übrigens mit viel Protest auch der Bevölkerung. Das wäre dann die logische Konsequenz. Wenn man das nicht kann oder nicht will, dann wird man mit einer großen Zahl von Infektionen leben müssen.
Letzter Satz dazu: Die Pandemie wird erst beendet sein, wenn sich jeder infiziert hat – entweder nachdem er auch geimpft worden ist oder davor.

Müller: Jetzt weiß ich gar nicht, wo ich weitermachen soll. Wir haben noch viele Stichpunkte. Die Stiko – das haben wir beide eben in einer Eilmeldung gelesen – hat jetzt das Boostern ab 18 empfohlen. Die Kommission hat länger dafür gebraucht, viele haben das schon vorher gefordert, der Gesundheitsminister war da auch vorgeprescht. Sind das kleine Details, oder spielt das gar keine Rolle?

Specht: Boostern ist wichtig, ganz klar! So wie Herr Professor Mertens das schon früher gesagt hat, Herr Sander, der Immunologe aus der Charité, hat es auch gesagt: risikoadaptiert von oben nach unten. Wer braucht den Rettungsring jetzt am ehesten? Diejenigen, die am meisten gefährdet sind, und das sind die ältesten. Die muss ich jetzt zuerst boostern. Wenn ich das gemacht habe, dann würde ich sukzessive nach unten gehen, dann vielleicht die 60 bis 70jährigen, 50 bis 60 und so weiter.

Müller: Aber da sind wir noch lange nicht, weil es auch Kapazitätsprobleme gibt.

Specht: Richtig! Das ist das Problem und das ist das Versäumnis im Sommer. Das war eigentlich klar, dass die Boosterung kommen würde. Israel hat das ja auch schon gezeigt. Ich würde es nicht der Stiko anlasten, sondern ich würde es der Organisation anlasten. Wenn Sie mal in die Hausarztpraxen reingucken: Die sind voll bis obenhin, weil jetzt auch die normalen Patienten alle da sind. Im Winter sind immer mehr Menschen da. Die Bestellung läuft aber immer noch, und zwar vorgegeben, relativ langsam und hakelig mit dem Impfstoff und Sie müssen 14 Tage vorausplanen. Das ist nicht ganz einfach zu stemmen und hier hätte man meines Erachtens besser ansetzen können. Selbst wenn man das Doppelte an Honorar den Hausärzten und auch Fachärzten, die übrigens jetzt aus dem Impfen rausgegangen sind, gegeben hätte, dann wäre das immer noch sehr viel billiger gewesen, als die Impfzentren wieder aufmachen zu müssen. Hier muss man Anreize setzen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.