Kölner Gesundheitsamt zu Booster-ImpfungenNießen: "Es wird logistische Probleme geben"

Er begrüße das Vorhaben der STIKO, Booster-Impfungen künftig für Personen ab 18 Jahren zu empfehlen, sagte der Leiter der Kölner Gesundheitsamtes, Johannes Nießen, im Dlf. Andererseits werde es dadurch auch logistische Probleme geben, „weil die Impfzentren nicht mehr geöffnet haben.“

Johannes Nießen im Gespräch mit Thielko Grieß | 17.11.2021

Laut Johannes Nießen sind viele Gesundheitsämter personell am Limit
Laut Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, sind viele Gesundheitsämter personell am Limit (picture alliance/dpa)
Wenn sich bald alle Personen ab 18 eine Auffrischungsimpfung geben lassen wollten, sei das für die Stadt Köln eine erhebliche logistische Herausforderung, sagte der Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Johannes Nießen. Das liege vor allem daran, dass im September die Impfzentren geschlossen worden seien.
Aktuell sei die Stadt auf der Suche nach größeren Impfmöglichkeiten, wo etwa 3.000 Menschen am Tag geimpft werden könnten. Denn, so betonte Nießen, die Hausärzte könnten die Impfungen nicht alleine durchführen. „Von daher ist nur das Gemeinsame, Stadt, Kommunen, Kreise und die niedergelassene Ärzteschaft, möglich, dieses Problem zu lösen.“
Die personelle Situation im Gesundheitsamt sei kritisch, sagte der Mediziner. Viele Mitarbeitende arbeiteten bereits am Limit. „Die Gesundheitsämter in Deutschland können das nicht mehr schaffen mit dem Personal, was sie im Sommer hatten, und von daher muss da überall nachgelegt werden.“
Karnevals-Eröffnung am 11.11.2021 in Köln: Junge Menschen feiern in dem 2G-Bereich um den Zülpicher Platz
Karnevals-Eröffnung am 11.11.2021 in Köln: Junge Menschen feiern in dem 2G-Bereich um den Zülpicher Platz und der Zülpicher Strase. ( picture alliance/dpa | Thomas Banneyer)
Aus den vielen vollen Karnevalsfeiern am 11.11. in Köln zog er die Konsequenz, „dass wir in der Zukunft etwas strenger sein müssen.“ Auf den Weihnachtsmärkten in ganz Nordrhein-Westfalen würde die 2G-Regel gelten und die Kontrolleure würden vom Gesundheitsamt begleitet werden, erklärte Nießen.
Er schloss auch nicht aus, dass es aufgrund hoher Inzidenzen zu einem Short-Lockdown komme, was bedeute, „dass man ein, zwei, drei Tage das öffentliche Leben ruhen lässt. Aus epidemiologischer Sicht ist das sicherlich das Hilfreichste.“ Man müsse als Kommune flexibel bleiben.

Das Interview im Wortlaut

Thielko Grieß: Hat die Politik das Boostern verschlafen?
Johannes Nießen: Die Politik zieht jetzt etwas spät, aber hoffentlich nicht zu spät nach und wir sind dankbar, dass die Ständige Impfkommission jetzt diese weitere Empfehlung ausgesprochen hat. Wir freuen uns, dass da jetzt einerseits endlich was passiert. Andererseits haben wir natürlich das logistische Problem, das jetzt so umzusetzen, weil wir die Impfzentren ja nicht mehr geöffnet haben.
Grieß: Worin bestehen die logistischen Probleme zum Beispiel in der Stadt Köln?
Nießen: Köln hat 1,1 Millionen Einwohner und 800.000 Kölnerinnen und Kölner sind schon geimpft, vollständig geimpft mit den ersten beiden Impfungen. Wenn Sie sich vorstellen, dass innerhalb von zwei, drei Monaten die alle ihre Auffrischimpfung bekommen sollen, dann ist das ein erhebliches Problem. Dann müssen Sie mindestens ein Prozent, sprich 8000, am besten 10.000 Menschen am Tag impfen, und das a la longue hinzubekommen, ist eine erhebliche logistische Herausforderung, ohne die im September geschlossenen Impfzentren.

„Wir schaffen das nur gemeinsam“

Grieß: Wir senden aus Köln, das ist ja kein Geheimnis. Die Telefonleitung geht aus dem Süden von Köln ins Zentrum zu Ihnen ins Gesundheitsamt der Stadt Köln am Neumarkt. Da bildet sich jeden Tag eine ziemlich lange Schlange, weil man sich unter anderem dort im Gesundheitsamt auch impfen lassen kann. Diese Schlange wird jetzt wahrscheinlich noch länger, Sie haben die logistischen Probleme angesprochen. Glauben Sie, dass die Hausärzte, die ja auch impfen können und dürfen, dass die das schaffen?
Nießen: Die Hausärzte haben ja erst mal ihre eigenen Patientinnen und Patienten mit ihren Krankheiten. Gerade in der Erkältungssaison ist da auch schon so viel los. Ich habe heute Morgen zufällig gesehen, wie ein Hausarzt aus dem Sauerland mit 150 Impflingen am Tag zurechtzukommen versucht. Das ist in einer kleinen Hausarztpraxis nicht so einfach möglich. Die Hausärzte möchten das, sie wollen das, sie tun auch alles dafür. Deswegen sind wir auch dankbar. Wir schaffen das nur gemeinsam, sowohl Hausärztinnen und Hausärzte als auch die Kommunen.

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Nießen: Wir sind auf der Suche nach größeren Impfmöglichkeiten, wo wir zwei, 3000 Menschen am Tag impfen können. Das heißt, wir werden versuchen, ein kleines Impfzentrum (der Begriff ist ja abgeschafft worden) zumindest wieder zu installieren, und sind dabei auf einem guten Weg. Ich glaube, das hat jede Kommune jetzt vor. Man kommt so nicht mehr hin mit diesen einzelnen Hausarztpraxen alleine. Die schaffen es nicht und von daher ist nur das Gemeinsame, Stadt, Kommunen, Kreise und die niedergelassene Ärzteschaft, möglich, dieses Problem zu lösen. Wir werden ein bisschen über Weihnachten hinaus brauchen. Ich glaube, das ist kein Geheimnis. Aber wir können das Problem nur gemeinsam lösen mit kleineren Impfzentren oder Impfstellen, wie immer man sie auch nennen möchte. Aber entscheidend ist, dass viele Menschen an einer Stelle möglichst bald und sofort geimpft werden.
Vor dem Kölner Gesundheitsamt bildet sich täglich eine lange Schlange
Menschen stehen vor dem Gesundheitsamt in einer Schlange, um sich impfen zu lassen. Die Corona-Inzidenz steigt auch in Nordrhein-Westfalen weiter. Binnen sieben Tagen meldeten die Gesundheitsämter 167 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. (Zu dpa/lnw: "Inzidenz in NRW steigt auf 167: Bundesschnitt deutlich höher") (picture alliance/dpa)
Lassen Sie mich ganz kurz noch sagen. Was wir schon seit September angefangen haben, ist das aufsuchende Impfen zusammen mit den niedergelassenen Ärzten. Das heißt, wir gehen in die Orte hin, wo ein besonderer Bedarf ist, sprich in Altenheimen und Pflegeheimen. Dort wird schon geimpft und ist auch schon eine hohe Durchimpfung gerade bei den älteren Menschen erreicht worden.

„Das Virus verhält sich anders als unser Personalzuwachs“

Grieß: Gelten Sie in Köln als Beispiel für andere Städte und Kommunen in Deutschland?
Nießen: Man muss vorsichtig sein, weil eine Millionenstadt agiert anders als ein kleiner Kreis, hat andere Möglichkeiten. Von daher ist es schwierig, das jetzt modellhaft zu propagieren. Ich glaube, jeder Kreis versucht, jede Kommune versucht, eine Möglichkeit zu finden, wo man eine zentrale Einrichtung hinstellen kann, sei es ein DRK-Zelt, die Hilfsorganisationen, die auch in der Vergangenheit viel gearbeitet haben. Da besteht an jedem Ort eine unterschiedliche Möglichkeit und von daher ist, glaube ich, dass wir schon seit Anfang September im großen Rahmen wieder hier geimpft haben, eine Notwendigkeit gewesen in einer Millionenstadt. München, Hamburg und Berlin haben das genauso gemacht.
Grieß: Sie haben ja wahnsinnig viel zu tun. Sie müssen jetzt nicht nur die Booster-Impfungen organisieren; Sie müssen auch die Kontakte nachverfolgen. Ich bin froh, dass wir heute am frühen Morgen ein paar Minuten für unser Gespräch finden. Haben Sie das nötige Personal für all diese Aufgaben?
Nießen: Das Virus verhält sich ja anders als unser Personalzuwachs oder Abwachs. Wir reagieren. Nur die Infektionsraten sind jetzt so nach oben geschossen, dass wir ganz schnell ganz viel Personal wieder nachbesetzen müssen. Da sind wir dran, aber das geht leider nicht immer ganz in dem Rahmen, wie die Kurve nach oben geht. Aber wir können zumindest sagen, dass viele am Limit sind oder übers Limit hinaus jetzt auch schon arbeiten. Die Gesundheitsämter in Deutschland können das nicht mehr schaffen mit dem Personal, was sie im Sommer hatten, und von daher muss da überall nachgelegt werden. Der Bundesgesundheitsminister hat ja auch den Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst mit vier Milliarden Euro ins Land getragen und dafür sind wir sehr dankbar. Nur die Umsetzung braucht auch da noch etwas und von daher kann man an der Stelle nur an die Verantwortlichen appellieren, jetzt das Personal auch nachzuliefern.
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Grieß: In der vergangenen Woche – es ist fast eine Woche her, Herr Nießen -, da war in Köln (nicht nur in Köln, weltweit) der 11. 11., der Beginn des Karnevals, und das wiederum ist dann doch ein besonderes Datum. Da sind Bilder durch die Republik gegangen von tausenden, zehntausenden Feiernden an verschiedenen Orten in der Innenstadt. Es gibt viele Berichte darüber, dass die Zugangskontrollen nicht so funktioniert haben. Es war ja vorher angekündigt worden: Nur 2G, geimpft, genesen müsse man sein, um dort hinzukommen, aber das habe so nicht funktioniert. War es ein Fehler, den 11. 11. So zu begehen?
Nießen: Wir haben ja Vorerfahrungen mit Großveranstaltungen. Die Bundesliga-Spiele – zum Beispiel der 1. FC Köln spielt mit 50.000 Zuschauern. Da haben wir nach den Spielen immer geguckt, wie viele Neuinfektionen dort aufgetreten sind. Das waren beim letzten Spiel acht und das ist nicht mehr als die normale Inzidenzrate, sogar darunter gewesen. Das heißt, wenn man in einem geschlossenen überschaubaren Rahmen diese 2G-Regel anwendet, dann hat man die Chance, dass man auch nur überschaubare Infektionen bekommt.

„Fliegende Kontrolle auf Weihnachtsmärkten“

Grieß: Eine Zuschauertribüne beim 1. FC Köln ist im Vergleich zum 11. 11., zum Straßenkarneval ein Musterbeispiel an Ordnung und Systematik.
Nießen: Ja, da haben Sie völlig recht. Da ist einerseits einiges vielleicht nicht ganz so gelaufen, wie es hätte laufen müssen. Andererseits haben wir die Erfahrung gemacht, wie es ist mit Karneval, und es gab ein sortiertes Miteinander am Heumarkt, wenn ich das mal hier für die Lokalität sagen darf, wo die Älteren ab 60 gefeiert haben. Dann gab es in der Südstadt für die Mittelalten Feierlichkeiten. Da, wo es etwas unüberschaubar wurde, muss ich sagen, war es an der Zülpicher Straße, wo junge Menschen beisammen waren, die es genossen haben, mal nicht mehr an den Regeln sein zu dürfen. Aber ich glaube, da haben wir auch alle gelernt, dass wir in der Zukunft dort etwas strenger sein müssen.
Auf den Kölner Weihnachtsmärkten gilt 2022 die 2G-Regel
Weihnachtsstimmung auf dem Alter Markt in Köln (Andreas Diel)
Grieß: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für die Weihnachtsmärkte – die werden ja auch schon aufgebaut in allen Städten in Deutschland -, für Weihnachten, für Silvester und, die Republik möge es verzeihen, in Kölner Besonderheit für den Karneval im späten Winter?
Nießen: Es wird jetzt ein 2G für die Weihnachtsmärkte geben. Es wird dort fliegende Kontrollen geben. Wir gucken, dass die Menschen, die dort den Weihnachtsmarkt besuchen, sich an die 2G-Regeln halten. Das gleiche wird dann auch ins nächste Jahr getragen werden, wenn wir Silvester und auch den spezifischen Karneval in Köln feiern. Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich glaube, da muss man dann nicht ein viertel Jahr vorher schon feste Aussagen machen. Wir haben die Vorerfahrung vom 11. 11. Und wissen, dass wir auch die Kontrollen der Kontrolleure durchführen müssen. Das heißt: Wer kontrolliert, muss auch dann noch mal von uns begleitet werden. Das ist ganz wichtig. Ich glaube, von daher haben wir eine gute Perspektive fürs nächste Jahr mit dieser Vorerfahrung, und mit 2G sind wir sicher auf der sicheren Seite.

„Entscheiden, ob Short Lockdown droht“

Grieß: Wir haben gestern aus München gehört, dass dort der Christkindel-Markt abgesagt wird. Ist das auch denkbar für andere Städte, unter anderem diejenige Stadt, die Sie besonders im Auge haben?
Nießen: Wir haben eine Abstimmung mit dem Land schon vorletztes Wochenende durchgeführt, dass wir hier möglichst kontrolliert sowohl den 11. 11. Als auch jetzt die Weihnachtsmärkte durchführen. Das Land hat jetzt 2G für die Weihnachtsmärkte erlassen. Man muss im Verlauf entscheiden, wie die Inzidenzen sich verhalten, ob dann möglicherweise ein Short Lockdown uns droht. Das ist das, was Bayern ja schon bei einer 550er-Inzidenz hat.
Grieß: Was ist ein Short Lockdown?
Nießen: Short Lockdown heißt, dass man ein, zwei, drei Tage das öffentliche Leben ruhen lässt. Aus epidemiologischer Sicht ist das sicherlich das Hilfreichste, aber dann müssen die nötigen Inzidenzen auch dabei sein, hohe Inzidenzen so wie in Bayern. Nordrhein-Westfalen hat ja 180, ist noch deutlich unter dem als größtes Bundesland. Trotzdem variabel, flexibel in der Krise reagieren zu können, heißt auch eventuell, diesen Short Lockdown mit in Erwägung zu ziehen.
//Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.//